Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg – Badisches Staatstheater Karlsruhe, 27.04.2014

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    • Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg – Badisches Staatstheater Karlsruhe, 27.04.2014

      Aufmerksamkeit verdient die Neuproduktion der „Meistersinger von Nürnberg“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Das liegt in erster Linie an der klugen und detailreichen Regie von Tobias Kratzer, die den Schwerpunkt auf die Rezeption von alter Kunst in der Gegenwart legt. Aber auch musikalisch kann die Ausführung gefallen.

      Ausgangspunkt von Kratzers Inszenierung ist die Situation, der sich ein junger Künstler der Gegenwart gegenübersieht: überall Meister – wo will man da seinen Platz finden? Bereits der geschlossene Vorhang zeigt eine bunte Collage von Theaterplakaten und CD- und DVD-Covern: Meistersinger an der Scala unter Serafin, Meistersinger am Ulmer Stadttheater, Meistersinger in der Aufnahme von Solti, Meistersinger in der Bayreuther Inszenierung von Katharina Wagner… Die Interpreten der Vergangenheit und Gegenwart sind allgegenwärtig.

      Wenn sich der Vorhang sich nach dem Vorspiel zum ersten Aufzug hebt, befinden wir uns am ersten Anlaufpunkt für viele junge Künstler der heutigen Zeit: an einer Musikhochschule. Die von Rainer Sellmaier entworfene Bühne ist dreigeteilt, zwei kleinere Räume links und rechts, in dem großen Raum in der Mitte dirigiert der korrekt gescheitelte Professor Beckmesser einen studentischen Chor, der gerade einen Choral probt. Der Säulenheilige Richard Wagner ist als Riesenbüste präsent. Die Nürnberger Katharinenkirche ist hier der Richard-Wagner-Saal der Musikhochschule – und Beckmesser ist der Oberpriester. Wohl auch in Anlehnung an einen berühmten konservativen Wagner-Interpreten, der eine Vorliebe für Polohemden und locker um die Schultern gelegte Streifenpullover pflegt, wird der Stadtschreiber als ein glühender „Wagnerianer“ gezeigt - die Büste Richard Wagners ist für ihn eine Devotionalie. Stolzing, lässig mit Jeans und Karohemd bekleidet, ist offenbar neu in Stadt. David, ein Streber, der besonders gut aufgepasst hat, klärt ihn auf über Lied und Weisen. Die Meister sind individuell gezeichnet: Pogner distinguiert im Anzug, während Hans Foltz einen ziemlich abgerockten Eindruck macht. Ein nettes Detail ist, dass jeder Meister einen Lehrbuben zu haben scheint, der ihm nacheifert. Der erste Akt läuft dann in diesem Rahmen bei stets guter Personenregie durch.

      Der zweite Aufzug steht im Gesamtgefüge der Inszenierung etwas für sich. Der ganze Akt ist ein parodistischer Parforceritt durch die Inszenierungsgeschichte, ein echtes Gagfeuerwerk; Stolzing taumelt hier, unverändert modern kostümiert, durch die Meistersingerrezeption verschiedener Epochen.

      Los geht es in einem naturalistischen gemalten Bühnenbild, das in Karlsruhe auch prompt brav beklatscht wurde: pittoreske Butzenscheiben allenthalben, vor des Schusters Haus blüht der Flieder und Hans Sachs hat einen eindrucksvollen Rauschebart. Die pagenköpfigen Lehrbuben veranstalten munter und vergnügt ein dümmliches Geschlamb und Geschlumbfer. Ohne Rücksicht auf die szenische Situation richtet sich der Blick der Sänger stur ins Publikum, auch der sich immer wieder bedeutungsschwer hebende und senkende Arm des Schusters darf nicht fehlen.

      Dann Szenenwechsel: Man ist im Nachkriegsbayreuth angekommen. Wieland Wagners Inszenierung aus den 1950er Jahren stand für das karge Bühnenbild Pate. Sachs’ Bart ist erheblich kürzer geworden, ansonsten dominiert demonstrative Bewegungslosigkeit. Die szenische Reduktion ist hier auf die Spitze getrieben. Die Darsteller vermeiden jede Berührung, jede äußerlich erkennbare Emotion.

      Schließlich wieder ein Szenenwechsel: Es folgt eine Satire auf all das, was das moderne „Regietheater“ an Allergenen für konservative Theatergänger bereithält. Ort der Handlung ist nun eine moderne Großstadt, offenbar ein sozialer Brennpunkt. Müllsäcke liegen offen herum, der nächste Dönerladen ist nicht weit. Hans Sachs ist ein verranzter Prolet und Betreiber eines „Mister Minit“-Schuhreparaturgeschäfts. Er schleppt eine Bierkiste raus und zischt sich erst einmal ein Pils. Eva trägt einen grün-ballonseidenen Trainingsanzug und ist auch sonst billig und willig. Schließlich hat noch eine anscheinend dem Neuenfels-Lohengrin entsprungene Ratte einen völlig sinnfreien Gastauftritt.

      Die Szenenwechsel erfolgen auf einer Drehbühne. In der Prügelszene dreht sich die Bühne pausenlos in hohem Tempo, die drei Bühnenbilder sind abwechselnd zu sehen. Währenddessen dreschen die Repräsentanten der verschiedenen Inszenierungsstile aufeinander ein. Unversöhnlich treffen hier Welten aufeinander. Am Ende liegen alle zerschlagen und zerprügelt am Boden. Stolzing sucht irritiert und ratlos das Weite.

      Der dritte Akt führt zurück in die Musikhochschule. Professor Hans Sachs sitzt in seinem Büro. In der Mitte befindet sich ein Konzertflügel. Das Preislied wird ohne besondere Vorkommnisse mit Stolzing erarbeitet. Dann der Auftritt Beckmessers. Während der Pantomime in der Schusterstube erscheint ihm „der Meister“ höchstselbst, ein Statist im schwarzsamtenen Gewand mit dem markanten Backenbart und Barett. Beckmesser ist außer sich vor Ergebenheit, rutscht vor dem Angebeteten auf den Knien, küsst ihm die Füße und setzt sich auf seinen Schoß. Doch Wagner stößt ihn fort und legt ihn sogleich übers Knie, um ihm ganz handfest den Hintern zu versohlen. „Kinder, schafft Neues“, lässt er an der Wand aufleuchten.

      Beim Auftritt Evas ahnt man, was im zweiten Aufzug nicht in dieser Deutlichkeit gezeigt wurde: es war offensichtlich mehr zwischen Sachs und Eva als ein koketter Flirt, sondern eine innige, für Sachs möglicherweise auch künstlerische Inspiration spendende Beziehung. Sachs fällt es erkennbar schwer, Eva - die Muse? - ziehen zu lassen.

      Die Festwiese wird mit keiner klassischen Verwandlung der Szene eingeleitet, die Zünfte marschieren nicht auf, sondern der Chor singt von der abgedunkelten Seite, während Männer in Arbeitskleidung Sachs’ Büro abwickeln. Sachs selbst hat keine Lust mehr auf Festwiese, er packt in seinem Büro seinen Krempel zusammen und trottet mit einem Pappkarton davon. Die Lehrbuben erscheinen in Abendgarderobe, anschließend drängen sie in einen hinter der Bühne liegenden Raum, vielleicht das Auditorium der Hochschule, in der dann das Singen stattfindet. Der Festsaal, in dem Beckmesser und Stolzing dann ihre Werbelieder singen werden, ist mit Monitoren ausgestattet. Berühmte Sänger der Vergangenheit (Björling, Windgassen, der junge Domingo, Alfredo Kraus, Gösta Winbergh etc.) flimmern über die Bildschirme. Auch die Sängergeschichte hält einiges an Meistern bereit. Beckmesser und Stolzing werden bei ihren Liedern gefilmt; der Ausgang wird von Eva aktiv beeinflusst.

      Bei der Schlussansprache fährt der Vorhang mit den Meistersinger-Plakaten herunter, Sachs schlurft mit seinem Pappkarton nach vorne, liest seinen Text aus der Partitur ab, dann findet er im Karton ein zusammengerolltes Plakat: „Meistersinger in Karlsruhe“. Das wird kurzerhand zu den übrigen an den Vorhang geklebt – der „heil’gen deutschen Kunst“ wird Understatement entgegengesetzt. Auch diese Vorstellung ist letzlich nur eine von vielen in der langen Interpretationsgeschichte.

      Der Vorhang hebt sich wieder. Den jubelnden Schlusschor darf nun der zum Meister aufgestiegene Stolzing dirigieren. Beckmesser hingegen scheint nichts aus der Züchtigung des „Meisters“ gelernt zu haben: Hilflos versucht er die Stücke der Wagner-Büste, die er nach seinem Versagen beim Werbelied im Zorn zerschmettert hatte, wieder zusammenzuflicken. Und von der Seite lugt schon heimlich ein weiterer junger Neuerer herein, der sich anschickt, der Gewohnheit träge Gleise zu stören.

      Die Inszenierung von Tobias Kratzer überzeugt durch die detailreiche Personenführung, die gerade im zweiten Akt wirklich witzige Momente bereithält. Wenn bei Kratzers intelligenter Deutung Wünsche offen bleiben, dann ist es bei der Lösung der Festwiese: Die politische Dimension der Schlussansprache wird (geschickt) überspielt.


      Der Karlsruher GMD Justin Brown war mit viel Körpereinsatz bei der Sache; der Mann weiß nach sechs Stunden sicherlich auch körperlich, was er geleistet hat. Das Ergebnis war nicht immer überzeugend. Brown setzt weniger auf die Detailarbeit mit den einzelnen Instrumentengruppen, oft tönt es recht pauschal aus dem Graben, ihm gelingen aber auch mitreißende Passagen. Gerade im ersten Akt gab es am Premierenabend einige Koordinationsschwierigkeiten.

      Die sängerischen Leistungen waren gut. Am Besten gefallen haben mir der präzise gesungene Pogner von Guido Jentjens und – auch darstellerisch – der David von Eleazar Rodriguez. Eine gute Leistung auch von Armin Kolarczyk als Beckmesser: akzentuiert und mit Sinn für den Text. Das Karlsruher Ensemblemitglied Renatus Meszar debütierte als Hans Sachs. Die Stimme hat kaum metallischen Kern, wirkt manchmal blass, Meszar bewältigt die schwierige Partie aber ohne nennenswerte Ermüdungserscheinungen. Rachel Nicholls als Eva überzeugt vor allem in den dramatischeren Momenten, neigt in der Höhe aber zu Schärfen. Daniel Kirch als Stolzing hat ein angenehmes Timbre, auch er hält den Abend durch, die Stimme kann sich aber nicht immer souverän gegen das Orchester behaupten und wird in der Höhe eng, so dass das Preislied etwas gedämpft über die Rampe kommt.

      Publikumsreaktionen: Einhelliger Jubel für Dirigent, Orchester und die Sänger, viele Buhs und viele Bravos für die Regie. Ich kann eine Reise nach Karlsruhe nur empfehlen.
    • Da hat das moderne Regietheater wohl wieder mal zugeschlagen. Das hört sich alles sehr nach der üblichen Mätzchen-Regie an, die von besonders einfallslosen Regisseuren gepflegt wird. Da hatten wir in Hamburg trotz Konwitschny ja noch ein wesentlich annehmbareres Regiekonzept, das nur zum Schluss für reichlich Ärger sorgte, als er meinte uns Publikum belehren zu müssen.
      Das Problem bei Wagner und vielen anderen auch ist, das viele Regiekonzepte dem Libretto zuwider laufen, und somit gewollt originell oder sogar befremdlich wirken. In Wahrheit offenbaren sie aber nur eines, nämlich das diese Werke so originalgetreu wie möglich aufgeführt werden sollten. Das wird unsereinem dann als blanker Konservatismus vorgeworfen. Es stört mich aber nicht, denn mich interessiert ohnehin in erster Linie die Musik.

      Grüße Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Vielen Dank, lieber Zauberton, für die Besprechung! Hört sich vom Inszenierungsstil fast so an, als wäre Tobias Kratzer der bessere Stefan Herheim - von dessen Salzburger Inszenierung im letzten Sommer ich etwas enttäuscht war.

      Ich bin schon von anderer Seite auf die Produktion aufmerksam gemacht worden und werde sie am 11.5. (Nachmittagsvorstellung!) besuchen. Bericht folgt!


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Und wir auch, wir schauen dann am 1.6.

      Matthias
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Aufführung am 11.5.

      Ich kann mich Zauberton in fast allen Punkten anschließen. Intelligent, häufig witzig und mit bemerkenswert leichter Hand inszeniert - was gerade auch bei der Festwiese überzeugt. Der zweite Akt ist ein echter Clou, der Parforceritt durch die Inszenierungsstile (Uraufführung, Wieland Wagner 1956, aktualisierendes Regietheater mit deutlichen Anspielungen auf Castorf) frappiert - wobei ich den Wieland-Wagner-Abschnitt noch am wenigsten überzeugend fand, weil hier zum Bühnenbild kein spezifischer Regiestil gefunden wurde. Klasse aber der letzte Teil, eine fulminante Parodie: nicht nur in den von Zauberton beschriebenen Accessoires, sondern auch bei der Personenregie, die auf die Gesetze psychologisch-realistischer Personenführung pfiff: Eva und Walter, die sich ja eigentlich vor Sachs und Beckmesser verstecken, richten sich mit den Müllsäcken eine gemütliche Obdachlosenecke ein, geben dem rauchenden Beckmesser Feuer und prosten sich mit Sachs zu. Beckmesser sprüht "Scheiß-Eurotrash" auf den Fensterladen des Nagelstudios, Sachs versucht, die von Magdalena heruntergeworfenen Chips mit dem Mund aufzuschnappen. Ein herrlich sinnfreier Slapstick, der einen Teil des Publikums ernsthaft verstimmte, es blieben dann beim dritten Akt einige Plätze frei.

      Gerade die Schusterstube des dritten Akts erschien dann aber (bis auf den wirklich witzigen und genau auf die Musik abgestimmten Auftritt des Meisters selbst zur Beckmesser-Pantomime) als sehr ernsthafte, psychologisierende Interpretation, wobei besonders die intensive Vergegenwärtigung des Dreiecksverhältnisses Sachs-Stolzing-Eva überzeugte. Bei der Festwiese steht dann wieder ein medialer, rezeptionsgeschichtlicher Aspekt im Vordergrund: Die beiden Kandidaten des Sängerwettstreits werden bei ihren Auftritten von David gefilmt, in den abgetrennten Nebenräumen bekommt das Volk nur die geschönte Verfilmung zu sehen, nicht die Manipulationen durch Eva. Ein bissiger Kommentar (in den Mitteln wiederum an Castorf erinnernd) zur medialen Manipulation und auch zur problematischen gegenwärtigen Ersetzung der realen Opernbühne durch filmische Surrogate im Kino, auf DVD usw.

      Die Betonung des rezeptionsgeschichtlichen Aspekts - nicht nur bei der Regie, sondern auch in Bezug auf die Musik - passt sehr gut zum Sujet der Meistersinger. Und es ist (abzüglich einigen Overactings bei den Sängerdarstellern) einfach blendend gemacht. Andere Themen fehlten dagegen ganz (Religion) oder werden unterspielt - wie der politische Aspekt, nicht nur bei der Schlussansprache, sondern generell bei der Relation Kollektiv-Individuum. Die liebevoll-witzige individuelle Zeichnung der Meister hat da auch ihren Preis, jedenfalls im ersten Akt. Trotzdem: eine der besten Meistersinger-Inszenierungen, die ich je gesehen habe.

      Bezüglich der Sänger stimme ich Zauberton zu; neu war nur Christina Niessen als Eva mit etwas unschön metallischem Timbre. Zum Dirigat: Das blechgepanzert-pauschale Vorspiel ließ Schlimmes befürchten, beim ersten Akt (und auch bei den Zunftchören des dritten Akts) stimmte die Koordination manchmal nicht, auch hörte man wenig Feinheiten im Orchester. Aber mit zunehmender Aufführungsdauer gelangen Justin Brown und dem Orchester wunderbare Passagen - etwa beim Sachs-Eva-Dialog des zweiten Akts und in großen Teilen der Schusterstube. Sehr guter Chor. Insgesamt eine runde Sache, für die sich die Anreise mehr als gelohnt hat.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)