Rameau: Castor und Pollux an der Komischen Oper Berlin - Premiere 11.05., besuchte Vorstellung: 15.05.2014

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Rameau: Castor und Pollux an der Komischen Oper Berlin - Premiere 11.05., besuchte Vorstellung: 15.05.2014

      Also, jetzt ist es schon wieder ein paar Tage her, aber ich will es trotzdem nicht versäumen, ein paar Zeilen zur Mai-Premiere in der KOB zu schreiben: Zu sehen gibt es "Castor und Pollux" von Jean-Philippe Rameau in einer Inszenierung von Intendant Barrie Kosky, die zuvor schon 2012 an der English National Opera zu sehen war. Hier wie dort hat die Produktion großen Publikumszuspruch und nahezu durchweg euphorische Kritiken geerntet. In Berlin scheint es dafür - neben den unbestreitbaren Qualitäten der Produktion - vor allem zwei Gründe zu geben, nämlich einerseits die hier grassierende "Kosky-Manie" aufgrund der großen Erfolge des Hauses in den letzten zwei Spielzeiten. Zum anderen ist es wohl die Genugtuung darüber, dass endlich einmal ein Haus in Berlin Rameau zeigt. Das ist jedenfalls, seitdem ich in Berlin in die Oper gehe (also seit Anfang der 70er), meines Wissens nicht der Fall gewesen.

      Also hab ich auch keine Ahnung von Rameau: Zu hören ist eine teilweise raffiniert instrumentierte, ziemlich variantenreiche, ständig ohne eigentliche Übergänge zwischen Rezitativ, Arie und instrumentalen Einlagen wechselnde Musik, die fast durchgängig fesselt und beschäftigt, obwohl so etwas wie "Ohrwürmer" fast völlig fehlt. Man meint Ähnlichkeiten zu Monteverdi einerseits, zu Gluck andererseits herauszuhören, aber da bin ich nicht Experte genug, um das konkreter festmachen zu können. Das das Ganze, vor allem orchestral, so abwechslungsreich und spannend klingt, dürfte wesentlicher Verdienst des Dirigenten Christian Curnyn sein (er war auch schon in London dabei). Mit sichtbar großem gestischem Aufwand animiert er das KOB-Orchester zu einer weiteren Spitzenleistung - Mozart, Bernstein, Prokofieff, Rameau - das enorm vielseitige Orchester (die Streicher spielen hier erstmals mit Barockbögen) ist mittlerweile ein echter Aktivposten des Hauses.

      Szenisch war mein Eindruck zwiespältiger: Das Stück, das von der Bruderliebe der titelgebenden "Zwillinge" handelt, lebt ja nach meinem Eindruck von zwei großen Themen: Das eine, die beteiligten Personen als Gefangene ihrer jeweiligen Leidenschaften vorzustellen, die ihrem Schicksal nicht ausweichen können, setzt Kosky mit seinen Darstellern gekonnt, lebendig und präzise um. Das zweite Thema aber, der Umgang mit dem Tod - das in der Sage mögliche Hin- und Herwechseln zwischen Ober- und Unterweit, findet hier gar nicht statt: Der Anfang des zweiten Teils, der die Brüder bei einer Begegnung im Hades zeigt, wirkt seltsam phantasielos und unbeteiligt. Der zunächst ermordete Castor kehrt schließlich zurück und ist irgendwie derselbe wie vorher. Die Unterwelt, also die jenseits des Todes ist hier nichts weiter als ein anderer Ort, den man durch ein im Hintergrund der Bühne befindliches Erdloch erreicht und verlässt - das ist ein bisschen enttäuschend.

      Im übrigen spielt sich das ganze in einem geschlossenen Holzkasten (Bühnenbild: Kathrin Lea Tag) ab, der - außer der besagten Öffnung - keine Türen oder Ausgänge hat. Das suggeriert ein Gefangensein der Figuren, die den Ort des Geschehens eigentlich gar nicht verlassen können. Abgänge werden häufig so umgesetzt, dass der abgehende Darsteller einfach durch eine sich senkende Zwischenwand "abgetrennt" wird und nicht mehr zu sehen ist. Das ist virtuos und stimmig konstruiert, und logisch ist dabei auch, dass die Figuren immer wieder gegen Wände rennen müssen; die sportliche Leistung aller vier, extrem beweglichen Hauptakteure auf der gefährlich angeschrägten Bühne ist ohnehin aller Bewunderung würdig.

      Und singen können sie auch: Mir hat Günter Papendell als Pollux am besten gefallen, weil er - gesanglich und in der Darstellung - einen ganzen Kerl auf die Bühne stellt, glaubwürdig in seinem Schmerz über zugunsten seines Bruders aufgegebene Liebe, demjenigen über den Verlust des Bruders und der Wut über dessen Mörder einerseits und die Unerbittlichkeit des "göttlichen" Schicksals andererseits. Neben ihm setzt Allan Clayton (Castor) ebenfalls kräftige Akzente, was einige Kritiker moniert hatten: Einzuräumen ist, dass Clayton immer ein bisschen so klingt als sei er geradewegs der romantischen Oper entsprungen. Nicht ganz stilecht vielleicht, aber mir hat das gefallen. Weniger anfreunden kann ich mich mit dem doch sehr extrovertierten, künstlich anmutenden Gesangs- und Spielstil von Nicole Chevalier, die die von beiden Brüdern begehrte Telaire spielt. Obwohl das sicher ihre bisher überzeugenste Leistung an diesem Haus ist, wirkt sie immer ein wenig schulmädchenhaft-kokett. Mit der Anforderung, in der Schlusszene den von Kosky gewollten Kontrast zwischen Szene und Musik glaubwürdig darzustellen - die Musik intoniert einen Hymnus an die in den Himmel entrückten Brüder, die Regie inszeniert eine Klage über den Verlust - ist sie überfordert. Letzteres trifft ach für die junge Annelie Sophie Müller zu, die ein paar vokale Glanzlichter setzt, aber die Leiden der zu kurz gekommenen, intriganten Phébé, der Schwester Telaires, nur unvollkommen verdeutlicht. Aco A. Biscevic sorgt mit hellem Tenor als Merkur mit einem skurilen Auftritt für ein bisschen Heiterkeit; Alexey Antonov (Jupiter) steuert ein paar väterliche Basstöne bei.

      Das Publikum in der zweiten Aufführung (auffällig das - anders als zuletzt an diesem Haus - hohe Durchschnittsalter) folgte der Aufführung konzentriert, aber der Schlussapplaus war bemerkenswert kurz und - abgesehen vom Jubel für Christian Curnyn und das Orchester - kaum mehr als freundlich.

      Noch dreimal am 30.05., 06.06. und 12.07.14; in der nächsten Spielzeit nicht vorgesehen.