Strauss: Die Frau ohne Schatten - Saarbrücken, Saarländisches Staatstheater, 7.6.14 (Premiere)

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    • Strauss: Die Frau ohne Schatten - Saarbrücken, Saarländisches Staatstheater, 7.6.14 (Premiere)

      Musikalische Leitung: Toshiyuki Kamioka
      Inszenierung und Bühnenbild: Dominik Neuner
      Kostüme: Susanne Hubrich

      Der Kaiser: Torsten Kerl
      Die Kaiserin: Marion Ammann
      Barak, der Färber: Olafur Sigurdarson
      Sein Weib, die Färberin: Sabine Hogrefe
      Die Amme: Dalia Schaechter
      Der Geisterbote: James Bobby
      Die Stimme des Falken: Onur Abaci
      u.a.

      Saarländisches Staatsorchester
      Chor und Statisterie des Staatstheaters


      Die Frau ohne Schatten hat Konjunktur auf den Opernbühnen. Nach den großformatigen Premieren in München und London vor einigen Monaten bringen jetzt gleich drei Häuser die Oper neu heraus: Kassel vor zwei Wochen, Saarbrücken gestern und Leipzig in sechs Tagen. "Ein sehr selten gespieltes Werk", schwadronierte Intendantin Dagmar Schlingmann in einer kurzen Eröffnungsansprache an das wohl durch das Sommerwetter dezimierte Saarbrücker Publikum im bei weitem nicht ausverkauften Haus.

      GMD Kamioka hatte sich das Werk als Abschiedspremiere gewünscht - ab nächster Spielzeit wird er in Personalunion als Intendant und GMD das Wuppertaler Opernhaus verwesen. Zweifellos stellt Die Frau ohne Schatten ein mittelkleines Haus wie Saarbrücken vor einige Herausforderungen. Der Orchestergraben fasst nur eine reduzierte Streicherbesetzung, das Schlagwerk wird von den Seitenbühnen her eingespielt. Das funktionierte ziemlich gut. Die Balance stimmte fast immer, über weite Strecken hörte man beeindruckend klangschönes und transparentes Orchesterspiel. Die Sänger wurden getragen, sie mussten nur selten forcieren, sondern konnten erstaunlich oft in zurückgenommenen Tonlagen agieren. Auch manche dynamischen Steigerungen gelangen ausgezeichnet, allerdings fehlte in einigen Phasen dann doch die letzte Klanggewalt und Präzision: bei der Vision der Kaiserin im zweiten Akt, am Ende desselben Aufzugs und im dritten Akt nach der Verbannung der Amme beim apokalyptischen Orchestersturm, den Petrenko in München vor einem halben Jahr so unvergleichlich entfesselt hatte. Die Tempi fand ich - was bei Kamioka nicht selbstverständlich ist - sehr gut abgestimmt, warum er allerdings das Cellosolo vor dem Auftritt des Kaisers im zweiten Akt so hektisch durchtaktierte, anstatt dem hervorragenden Cellisten für die paar Takte das Feld zu überlassen, weiß ich nicht.

      Die Sängerbesetzung hätte auch einem größeren Haus (sagen wir mal: Köln) zur Ehre gereicht, sowas hört man hier nicht alle Tage. Für den erkrankten Marco Jentzsch war relativ kurzfristig Torsten Kerl eingesprungen ("auf dem Weg von der Met nach Bayreuth", so die Intendantin sinngemäß in typisch saarländischer Großmannssucht). Kerl überzeugte trotz teilweise akustisch ungünstiger Plazierung weitgehend mit baritonal gestützter Stimme bei allerdings ziemlich enger Höhe. Hervorragend Marion Ammann als Kaiserin mit leuchtender, tragender Stimme bei nur minimalen Problemen in der extremen Höhe. Dalia Schaechter schätze ich sehr: gesanglich passte nicht alles, aber verschiedene Tonfälle artikulieren, mit der Stimme schauspielern - das kann sie! Lokalmatador Olafur Sigurdarson gelang es besser als sonst, sein prachtvolles stimmliches Material als Färber relativ kultiviert zu präsentieren. Sabine Hogrefe hat mich als Färberin überrascht: vor einigen Jahren hatte ich ihre Stimme bei Poulencs Dialogues in Düsseldorf als sehr unschön empfunden. Besonders variabel war ihr Timbre auch gestern nicht, aber sie hielt ihr sonst ausladendes Vibrato unter Kontrolle, differenzierte dynamisch und sang wortverständlich. Vor allem waren die drei großen Frauenrollen stimmlich mustergültig voneinander abgesetzt, wie überhaupt die Ensembleszenen sehr gut klangen. Passabel auch die kleineren Rollen, zu weit entfernt und/oder zu klein besetzt die kleinen chorischen Anteile.

      Soweit also eine vorzügliche Produktion. Wenn nicht die Inszenierung wäre. Regisseur Dominik Neuner bekennt im Programmheft schon einmal freimütig, die Oper nicht zu verstehen und bezweifelt, ob das überhaupt möglich sei. Nun muss man ein Werk vielleicht nicht ganz "verstehen", um es gut auf die Bühne zu bringen. Neuner ist folgendes eingefallen: er will das Werk im Ersten Weltkrieg verorten. Das könnte in Bezug auf Entstehung und Thematik des Werks durchaus Sinn geben und ist offenbar so naheliegend, dass vor zwei Wochen in Kassel dem Regisseur Michael Schulz die gleiche Idee gekommen ist (vgl. etwa diese Rezension: "http://www.nmz.de/online/der-schatten-der-uebermaechte-im-lichte-der-musik-frau-ohne-schatten-am-staatstheater-kassel-").

      Was macht aber Neuner? Er baut ein extrem uninspiriertes Bühnenbild: eine abstrahierte Allerweltsarchitektur mit ein paar Treppen, Balkonen, Eingängen und Fenstern, die teilweise gar nicht, teilweise nach dem Willkürprinzip bespielt werden. Anfangs dachte ich noch, es gäbe eine wenn auch simple Systematik der sozialen Differenzierung (Kaiserpaar oben, Färberpaar unten), aber bald verlagert sich alles zur Rampe hin und die Architektur ist nur noch für Auf- und Abtritte sowie als Resonanzboden für die Stimmen notwendig. Mit einem Einheitsbühnenbild ist vieles möglich, Neuner schafft aber noch nicht einmal ansatzweise Äquivalente für die verschiedenen Sphären und Orte des Stücks. Laut Programmheft soll es sich bei der Architektur übrigens um eine "zerschossene Häuserzeile" handeln - darauf wäre ich ohne Nachhilfe nicht gekommen.

      Im Vordergrund befindet sich ein im Boden eingelassenes Wasserbecken, in dem die Leiche eines Soldaten liegt. Wenn im ersten und zweiten Akt der "Jüngling" als Verführer der Färberin gebraucht wird, dreht die Amme die Leiche auf den Rücken und bewegt sie wie eine Marionette. Was gibt es sonst noch an Erstem Weltkrieg? Zu Beginn tapern ein paar Gasmaskenträger über die Bühne, wenn sie es nach viereinhalb Stunden am Ende der Oper sinnloserweise wieder tun, hatte man sie schon ganz vergessen. Der Kaiser trägt eine Galauniform, der verletzte Falke ist ein verwundeter Bannerträger (eine zerissene Flagge mit dem Doppeladler), der sich bei seinen Auftritten auf die Bühne schleppt und dann brav wieder davontrottet. Dann noch ein paar Uniformen und ein bisschen Kriegsgerät. Das war's dann schon. Der weitaus größte Teil der Inszenierung ist ein völlig ideenloses, konventionelles Rampentheater, in dem weder der Krieg noch sonst irgendwas eine Rolle spielt und das allenfalls von Dalia Schaechter ein wenig belebt wird - während Torsten Kerl in seiner großen Szene im zweiten Akt einfach eine Viertelstunde lang immer an der selben (akustisch ungünstigen) Stelle steht und seinen Falken (bzw. Fahnenträger) ansingt. Dagegen war ja selbst Johan Botha in München der reinste Wirbelwind! Beim Einbruch der "Übermächte" am Ende des zweiten Akts schiebt sich Neuners klägliche Bühnenarchitektur ein bisschen auseinander, am Schluss des dritten Akts schiebt sie sich wieder zusammen. Angesichts der musikalischen Qualitäten der Aufführung ist das alles jammerschade. Das Publikum war am Ende recht enthusiastisch und spendete allen Beteiligten gleichermaßen Beifall.

      Bleibt noch nachzutragen, dass die Oper ohne jede Kürzung aufgeführt wurde. Es ist überaus erfreulich, dass auch an kleineren Bühnen die barbarischen Strichfassungen, wie sie noch bei Karl Böhm und Wolfgang Sawallisch (abgesehen von dessen Studioaufnahme) gang und gäbe waren, der Vergangenheit angehören.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Beeindruckend fande ich, dass Prof. Kamioka nie mit Applaus empfangen wurde - und aufeinmal fing die Musik an 8|

      Schade eigentlich, dass er so unbeliebt ist beim Publikum.

      Das Publikum war am Ende recht enthusiastisch und spendete allen Beteiligten gleichermaßen Beifall.

      Das gilt aber nur für die Musiker.
      Die Regie kam nicht so gut an.
    • Eugen Onegin schrieb:

      Beeindruckend fande ich, dass Prof. Kamioka nie mit Applaus empfangen wurde - und aufeinmal fing die Musik an 8|


      Er stand ja immer schon am Pult, bevor alle Orchestermusiker und Zuschauer überhaupt auf ihren Plätzen saßen. Insofern gab's keine Gelegenheit für Auftrittsapplaus. Der Schlussbeifall für ihn war dann doch relativ heftig.


      Eugen Onegin schrieb:

      Das gilt aber nur für die Musiker.
      Die Regie kam nicht so gut an.


      Ich hab ehrlich gesagt gar nicht aufgepasst, als das Regieteam auf die Bühne kam, weil da gleichzeitig die Blumenüberreichung für Kamioka stattfand. Buhrufe hab ich aber nicht gehört, auch keine auffälligen Abstufungen beim Applaus.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Eugen Onegin schrieb:

      Beeindruckend fande ich, dass Prof. Kamioka nie mit Applaus empfangen wurde - und aufeinmal fing die Musik an 8|


      Er stand ja immer schon am Pult, bevor alle Orchestermusiker und Zuschauer überhaupt auf ihren Plätzen saßen. Insofern gab's keine Gelegenheit für Auftrittsapplaus. Der Schlussbeifall für ihn war dann doch relativ heftig.


      Dann nehme ich alles zurück. Das habe ich nicht gesehen.