Wie entsteht die faszinierende Klangvielfalt der Orgel ?

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    • Wie entsteht die faszinierende Klangvielfalt der Orgel ?

      Hallo zusammen,

      gestern war ich in einem faszinierenden Konzert "Orgel & Trompete", bei dem die Orgel auch einige Solo-Stücke spielte. Unter anderem auch komplette Orchesterwerke, wie einen Satz aus dem 3. Brandenburgischen Konzert und Mendelssohns "Hebriden".

      Und diese "Hebriden"-Transkription hat mich sehr beeindruckt und ich frage mich nun, wie 1. die vielen verschiedenen Klangfarben der Orgel, mit denen man anscheinend ja fast alle anderen Instrumente imitieren kann, zustande kommen und 2. wie man darauf verschiedene Spieltechniken ausführen bzw. imitieren kann.

      Den wiki-Artikel zur Orgel habe ich gelesen; demnach soll es wohl zwei verschiedene Pfeifenarten geben und viele verschiedene "Register". Aber was es genau mit diesem Registern auf sich hat und wie genau damit diese vielen verschiedenen Klangfarben zustande kommen, verrät der Artikel nicht.
      Auch frage ich mich, wie man z.B. ein Vibrato hinkriegt oder sogar die Imitation von Pizzicato-Tönen.

      Mögen mir die hier anwesenden Organisten vielleicht weiterhelfen ? Das wäre klasse 8+)

      :wink:
    • Liebe Allegro,

      ui - in ein paar Zeilen wird das nicht gehen. Das Schwierigste: Keine zwei Orgeln (ab einer bestimmten Größe) sind gleich.

      Der Knackpunkt sind in der Tat die "Register". Ein Register ist eine vollständige Reihe von Pfeifen gleicher Bauform, nur verschiedener Größe - für jede Taste eine Pfeife (es gibt auch Register, bei denen mehrere Pfeifen pro Taste erklingen). Wenn ein Organist ein Register "zieht", dann aktiviert er diese Pfeifenreihe, und die Pfeifen dieser Reihe erklingen, sofern die zugehörigen Tasten gedrückt sind. - Die Redewendung "alle Register ziehen" ist in der Tat Organistensprache, das ist das "Tutti" der Orgel.

      Hat man auf einer kleinen Orgel, etwa einem "Positiv", 52 Tasten und vier Register, so hat die Orgel 52 x 4 = 208 Pfeifen.

      Welche Pfeifen nun erklingen, wird also durch zwei Gegebenheiten entschieden: 1) Welche Tasten sind gedrückt? 2) Welche Register sind "gezogen"?

      Man könnte sich die Pfeifen durch die Quadrate eines karierten Blatts Papier gegeben vorstellen, jedes Quadrat ist eine Pfeife. Nehmen wir an, ein "Register" wären 52 nebeneinander liegende Quadrate, und es stünden vier Zeilen à 52 Quadrate übereinander. Dann erklingt ein Quadrat (Pfeife), wenn der Organist das Register gezogen hat ("Zeile aktiviert") und die dazugehörige Taste gedrückt hat ("Spalte aktiviert"). (Also ein "Matrixsystem", wie die Mathematiker jetzt sagen würden.)

      Bei 52-60 Tasten und vielen Registern ist das bei einem vollmechanischen Aufbau schon recht kompliziert. Die Orgel war wohl die komplizierteste Maschine, die man im Barock bauen konnte.

      Zu den Klangfarben. Die Bauart einer Pfeife entscheidet über die Klangfarbe. Die beiden Grundtypen hast Du schon gefunden - (1) Lippenpfeifen, die funktionieren so wie eine Blockflöte, nur halt ohne Grifflöcher. (2) Zungenpfeifen (oder Rohrwerke), hier schnarrt eine Metallzunge im Luftstrom (wie bei einer Mundharmonika) und regt die Luft im Becher zum Mitschwingen an. Nur schwingt bei eine Mundharmonika die Metallzunge frei ("durchschlagende Zunge"), bei Orgelregistern schlagen die Metallzungen (meistens) bei jeder Schwingung auf ein Widerlager aus Holz ("aufschlagende Zunge").

      Bei den Lippenpfeifen gibt es viele weitere Parameter, die über den Klang entscheiden. Vor allem das Verhältnis von Umfang zu Länge. Eine "weite" Pfeife klingt runder, "flötiger" als eine enge, die eher ins streichende geht. Etwa in der Mitte liegen die sogenannten "Prinzipale", wie der Name sagt, sind dies die Hauptregister der (barocken) Orgel und für ihren typischen Plenumsklang verantwortlich.

      Wenn man an eine fremde Orgel kommt, dann sieht man anhand der Registernamen schon ungefähr, welchen Klang man erwarten könnte. Weite Register heißen gerne "Hohlflöte", "Nachthorn", enge eher "Salicional", "Gambe".

      Neben der Bauform spielt die sog. Fußlage eine entscheidende Rolle. Ein Register heißt niemals nur "Hohlflöte" oder "Salicional" oder "Nachthorn", sondern "Hohlflöte 8'", "Salicional 4'", "Nachthorn 2'". Damit wird gesagt, wie lang die längste Pfeife dieses Registers ist, ein Fuß (') sind ungefähr 30 cm. Dabei wird angenommen, dass das große C der tiefste Ton ist. Bei einer Hohlflöte 8' ist die längste Pfeife also rund 2,40 m lang, gemessen von der Kernspalte bis zum Ende.

      Wesentlich ist, dass ein 8'-Register so klingt wie notiert. Drücke ich das eingestrichene c, so klingt das eingestrichene c, wenn ein 8'-Register gezogen ist.

      Ein 4'-Register klingt eine Oktave höher. Ziehe ich "Salicional 4'" und drücke das eingestrichene C, so erklingt das zweigestrichene C. Ein 2'-Register klingt zwei Oktaven höher, ein 16'-Register erklingt eine Oktave tiefer.

      Selten und nur in sehr großen Orgeln zu finden sind 32'-Register, die klingen zwei Oktaven tiefer als notiert. Mit solchen Registern hat der tiefste Ton, das Subkontra-C, 16 Hz, das ist auch der tiefste hörbare Ton überhaupt.

      Spannend ist es, Register in verschiedenen Fußtonlagen miteinander zu kombinieren. Das ist es, was erst den typischen Orgelklang erzeugt.

      Noch interessanter als der individuelle Klang eines einzelnen Registers sind die Möglichkeiten, die Register miteinander zu kombinieren. Hat man beispielsweise 8 Register, so gibt es 255 verschiedene Möglichkeiten, ein oder mehrerer Register zu ziehen. Also 255 verschiedene Klangfarben. Nicht alle sind musikalisch sinnvoll, aber eben doch sehr viele davon.

      Meistens sagt "die Orgel", dabei stimmt das meistens nicht. Wenn Du den Spieltisch einer Orgel siehst, so siehst Du (außer bei recht kleinen Orgeln) nicht nur eine Reihe von Tasten (wie einem einem Klavier), sondern mehrere, zwei, drei, vier, ... Zu jeder dieser Tastenreihen gehört eine eigene Orgel, ein eigenes "Werk" wie die Orgelmacher sagen. (Aber "Werk" heißt "organon" - das ist der griechische Stamm des Wortes "Orgel"). Eine eigene Orgel mt eigenen Registern, die bei barocken Orgel häufig auch verschieden in den Raum strahlen. Da mag es ein "Brustwerk" geben, sozusagen das Erdgeschoss der Orgel, dann ein "Hauptwerk" im ersten Obergeschoss, darüber ein "Oberwerk" als zweite Etage. An der Emporenbrüstung befindet sich manchmal noch ein Rückpositiv,

      Dazu kommt dann noch das Pedalwerk, dessen Pfeifen mit einer Klaviatur für die Füße zum Klingen gebracht werden.

      Diese verschiedenen Werke haben (bei barocken Werken) ihre jeweils eigene Klangcharakteristik. So klingt das Hauptwerk meist kräftig, rund, füllig, das Brustwerk eher scharf, spitz und hell. Das Oberwerk steuert gerne farbige Klänge bei, wie auch das Rückpositiv, das aber meistens in eine silbrige Richtung geht.

      Alles das wird unterstützt von den großen Pfeifen des Pedalwerkes, die dem Orgelklang sein mächtiges Fundament geben - wie die Kontrabässe im Orchester. (Aber das Pedalwerk kann viel mehr ... )

      Mit zwei Händen und zwei Füßen kann der Organist nun mehrere Klangfarben gleichzeitig erklingen lassen. Hier spielt Ton Koopman "Wachet auf" von JSBach. "http://www.youtube.com/watch?v=VSkz3j9b23Y . Mit der rechten Hand spielt er auf dem unteren Manual eine silbrige Klangfarbe (könnte 8' + 4' + 1 1/3' sein), mit der linken Hand spielt er ein Trompetenregister mit der Choralmelodie. Mit den Füßen spielt er die Bassstimme im Pedalwerk. Also drei Klangfarben gleichzeitig.

      Wo wir bei youtube sind: Gib doch mal "Orgelregister" ein ... da wird allles nicht mit trockenen Worten, sondern mit klingenden Beispelen erklärt!

      (Was noch alles fehlt: Aliquoten, Mixturen, Koppeln, Tremulanten, Voix céleste, .... )

      Viele Grüße
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • Das hast Du aber wunderbar und sehr verständlich erklärt, Mauerblümchen 8+)

      Herzlichen Dank. :kiss:

      Also ergeben nicht nur die Art der Pfeife und deren Länge, sondern auch der jeweilige Durchmesser und die Kombination der Pfeifen die verschiedenen Klänge.

      Aber wie geht das nun mit dem Vibrato und dem Pizzicato ? ;+)
    • Für das Vibrato haben die Orgelbauer einen "Tremulanten" erfunden. Der sorgt dafür, dass der (vorher mit großen Aufwand gleichmäßig gemachte) Luftdruck des Orgelwindes ungleichmäßig wird, was sich dem Ton unmittelbar mitteilt.

      Fürs "Pizzicato" kommen wohl mehrere Einflüsse zusammen. Nicht unerheblich dabei ist die Spieltechnik des Organisten, dann braucht man eine geeignete Raumakustik mit dem richtigen Nachhall und schließlich ein paar "spuckende" Register mit knalligem Tonbeginn. Dann kann die Illusion entstehen ...

      Viele Grüße
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • Natürlich - der Luftdruck ! 8o Auf die einfachsten Lösungen kommt man immer nicht ...

      Also hatten wir gestern offensichtlich "Glück" mit dem Organisten (Stefan Moser, der wirklich ganz hervorragend gespilet hat) - das Pizzicato am Ende hat mich nämlich wirklich sehr verblüfft ...

      Vielen Dank, Mauberblümchen ! :P

      Und wenn Du irgendwann mal Langeweile haben solltest und Lust hast, noch mehr aus dem Nähkästchen eines Organisten zu plaudern, freue ich mich über jede weitere Ausführung zum Thema ;+)
    • Und ein Schwellwerk, mit dem man stufenlose Crescendi und Decrescendi spielen kann, haben viele Orgeln auch noch. Über ein Schwenkpedal macht man die Jalousie des kastenförmig dahinterliegenden Werks auf und zu. Für die meiste Orgelmusik ab der musikalischen Romantik ein Muss.
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • Hallo Mauerblümchen,
      sehr schön erklärt!

      Ich mach mal ein bisschen weiter...

      Mauerblümchen schrieb:

      (2) Zungenpfeifen (oder Rohrwerke), hier schnarrt eine Metallzunge im Luftstrom (wie bei einer Mundharmonika) und regt die Luft im Becher zum Mitschwingen an. Nur schwingt bei eine Mundharmonika die Metallzunge frei ("durchschlagende Zunge"), bei Orgelregistern schlagen die Metallzungen (meistens) bei jeder Schwingung auf ein Widerlager aus Holz ("aufschlagende Zunge").

      Der Vergleich ist also weniger "Mundharmonika" sondern "Klarinette" (oder auch (und das trifft's vermutlich besser) "Kindertrompete")

      Mauerblümchen schrieb:

      Bei den Lippenpfeifen gibt es viele weitere Parameter, die über den Klang entscheiden. Vor allem das Verhältnis von Umfang zu Länge. Eine "weite" Pfeife klingt runder, "flötiger" als eine enge, die eher ins streichende geht.

      Der Grund ist der, daß bei engen Pfeifen (man sagt auch "engmensuriert"; "Mensur" ist ein allgemeiner Begriff für Abmessungen im Orgelbau) der Obertonanteil höher ist. Die Obertonverteilung ist einer der maßgeblichen Faktoren für den Klang eines speziellen Registers. Man kann diese Obertöne auch noch dadurch beeinflussen, indem man die Pfeifen nicht "gerade" baut, sondern zur Mündung hin weiter oder enger werden läßt oder gar ganz verschließt. Beispiele für zur Mündung hin enger werdende Register sind z.B. "Spitzflöte" (nomen est omen...) oder "Gemshorn".

      Bei oben geschlossenen Pfeifen spricht man von "gedackten" (=gedeck[el]ten) Pfeifen, die liefern nur die ungeradzahligen Obertöne und klingen darüber hinaus eine Oktave tiefer als offene Pfeifen.

      Mauerblümchen schrieb:

      Noch interessanter als der individuelle Klang eines einzelnen Registers sind die Möglichkeiten, die Register miteinander zu kombinieren. Hat man beispielsweise 8 Register, so gibt es 255 verschiedene Möglichkeiten, ein oder mehrerer Register zu ziehen. Also 255 verschiedene Klangfarben. Nicht alle sind musikalisch sinnvoll, aber eben doch sehr viele davon.

      Einspruch...
      Wenn man bei 8 klingenden Registern nur eines zieht (also "einschaltet") gibt es 8 Möglichkeiten, bei zwei sind es 8*7 Möglichkeiten, bei drei 8*7*6 usw. Macht bei 8 klingenden Registern 8! = 40320 mögliche Kombinationen. Bei 12 sind es schon über 479 Mio...
      (Du siehst: Es gibt viel zum Ausprobieren...)

      Wenn man nun eine Orgel mit mehreren Werken hat (also mindestens ein Manual = eine Reihe Tasten) und ein Pedal oder auch zwei oder noch mehr Manuale, dann gibt es noch die Möglichkeit, die Register eines Werkes von einem Manual eines anderen Werkes (oder vom Pedal aus) anzuspielen. Man spricht in diesem Fall von "Koppeln". Hat die Orgel z.B. zwei Manuale (die ja unterschiedlich registriert sind), dann kann der Organist ohne Koppel wahlweise auf dem einen oder anderen spielen, oder mit der einen Hand da und mit der anderen dort (mit Pedal kann er dann z.B. eine Triosonate auf drei verschiedenen "Instrumenten" (Werken) spielen). Koppelt er nun z.B. das I. und II. Manual, dann kann er vom II. Manual die Register des II. Manuals spielen und vom I. aus die Register des I. und des II. zusammen. Ich habe also nochmal eine weitere Klangfarbe zu den Klangfarben der einzelnen Manuale, nämlich "alles zusammen", und diese 3. Klangfarbe läßt sich schnell und zügig durch einen einzigen Griff, Schalter oder Fußtritt zu- oder abschalten.

      Es gibt auch permanente Kombinationen von unterschiedlichen Registern, die sog. "gemischten Stimmen". Die Register sind also nicht einzeln auswählbar, sondern nur als Gesamtheit. Das wird jetzt etwas komliziert zum erklären... Normalerweise sind das Kombinationen kleinerer "Fußlagen" in Oktav- und Quintabständen, oft gibt es auch einen Terzchor dabei. Sind das Prinzipalpfeifen heißt das auch z.B. "Mixtur". Benannt werden sie nach der tiefsten Fußlage, die beteiligt ist (cum grano salis, kommt noch) und der Anzahl der beteiligten Pfeifenchöre, also z.B. Mixtur 1 1/3' 3-4 fach. Die bestünde dann z.B. in der untersten Oktave aus Pfeifen in 1 1/3-Fußlage (2 Oktaven und eine Quint höher als die gedrückte Taste) + 1' (3 Oktaven höher) + 2/3' (3 Oktaven und eine Quint höher). In der zweituntersten Oktave kommt dann noch ein 2'-Chor dazu, in der mittleren ein 2 2/3'-Chor (Duodezime höher als gespielt), dafür fällt der 2/3'-Chor weg, in der zweithöchsten ein 4'-Chor bei gleichzeitigem Wegfall des 1'-Chores und in der obersten Oktave kommt noch ein zweiter 4'-Chor dazu und der 1 1/3'- Fußchor fällt weg. Es klingen also immer 3-4 Pfeifen gleichzeitig. Daß in den oberen Lagen die hohen Chöre wegfallen liegt darin begründet, daß die Pfeifen dann zu klein werden, um sie noch bauen zu können. Die kleinsten sind ohnehin nur ungefähr so lang wie ein Daumennagel breit ist, mit winzigem Durchmesser, kleiner geht nicht. Dafür nimmt man tiefere Chöre dazu, damit es ausgewogen klingt. Solcherart gemischte Register nennt man auch "Klangkronen". Außer Mixturen findet man darunter auch häufig "Scharff" (auch wieder: nomen est omen) oder "Hintersatz". Letzteres ist ein Überbleibsel aus den spätmittelalterlichen Orgeln, die als "Blockwerk" gebaut wurden, d.h. alle Register klangen gleichzeitig ohne die Möglichkeit, sie einzeln zu schalten.
      Andere gemischte Stimmen tragen spezifische Klangfarben bei, wie z.B. Kornett oder Sesqialter.
      Unter dem Strich sind die gemischten Stimmen ganz wesentlich für das, was man als spezifischen Orgelklang wahrnimmt, wie das z.B. auf dem Keybord mit dem MIDI-Kanal "Church Organ" realisiert wird.

      Mauerblümchen schrieb:

      Die Orgel war wohl die komplizierteste Maschine, die man im Barock bauen konnte.

      Nananna! Die Silbermannorgel im Strassburger Münster ist sicher komplex, aber die astronomische Uhr dort ist doch noch in einer ganz anderen Liga... ;+)
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • bustopher schrieb:

      Einspruch...
      Wenn man bei 8 klingenden Registern nur eines zieht (also "einschaltet") gibt es 8 Möglichkeiten, bei zwei sind es 8*7 Möglichkeiten, bei drei 8*7*6 usw. Macht bei 8 klingenden Registern 8! = 40320 mögliche Kombinationen. Bei 12 sind es schon über 479 Mio...
      (Du siehst: Es gibt viel zum Ausprobieren...)

      Lieber Bustopher,

      vielen Dank!

      Aber die Kombinatorik würde ich anders berechnen, nämlich - falls R die Anzahl der Register auf einem Werk ist - mit 2^R - 1.

      Nach Deiner Methode würde man bei zwei Registern genau vier Möglichkeiten erhalten (2 + 2*1 = 4). Das stimmt nicht ganz - es sind ja nur drei: Register 1, Register 2, beide zusammen. Bei drei Registern erhielte man 15 Möglichkeiten (3 + 3*2 + 3*2*1 = 3 + 6 + 6 = 15), dabei sind es nur sieben: 3 Möglichkeiten für ein Register alleine, 3 Möglichkeiten für zwei Register ( = eines weglassen), 1 Möglichkeit für Tutti.

      Bei Deinem Ansatz - nehmen wir vier Register A, B, C, D - zählst Du die Möglichkeiten "AB" und "BA" separat, das kann man mathematisch so machen, das macht aber musikalisch keinen Sinn. Prinzipal 8 + Oktave 4 klingt genauso wie Oktave 4 + Prinzipal 8. Noch schärfer: Dein Ansatz liefert 8*7*6*5*4*3*2*1 Möglichkeiten, alle acht Register zu ziehen - bisschen viel, gibt ja nur eine ...

      Mathematisch gesprochen: Du addierst Permutationen, man müsste aber Kombinationen addieren. "http://www.matheboard.de/archive/410892/thread.html

      Wenn Du die musikalisch identischen Möglichkeiten herauskürzst, sieht Dein Ansatz so aus:

      8/1 + (8*7)/(2*1) + (8*7*6)/(3*2*1) + .... + (8*7*6*5*4*3*2*1)/(1*2*3*4*5*6*7*8) = 8 + 28 + 56 + 70 + 56 + 28 + 8 + 1 = 255.

      Mein Ansatz "von der Idee her" ist: Register 1 ist gezogen oder nicht: 2 Möglichkeiten; Register 2 ist gezogen oder nicht: macht nochmal 2 Möglichkeiten, insgesamt also 2 x 2 = 4. Register 3 ist gezogen oder nicht: nochmal 2 Möglichkeiten, insgesamt also 2 x 2 x 2 = 8 ... also 2 x 2 x 2 x 2 x 2 x 2 x 2 x 2 = 2^8 = 256. Dabei ist die Möglichkeit, kein Register zu ziehen, mitgezählt und muss also wieder raus, damit sind es 255.

      (Fragt man sich, wieso eigentlich 8/1 + 8*7/(2*1) + (8*7*6)/(3*2*1) + .... + (8*7*6*5*4*3*2*1)/(1*2*3*4*5*6*7*8) = 2^8 - 1 ist, ob das ein Zufall ist oder ob das allgemein gilt, so kommt man auf den Binomischen Lehrsatz.)

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • Ich hab mich ja auch gewundert bei Bustophers Berechnungen, wollte mich aber als Nicht-Mathematiker zurückhalten, da ich mein mir empirisch einleuchtendes Fazit nicht hätte präzise begründen können.

      Auf jeden Fall habe ich hier so manches gelernt über die Disposition einer Orgel - ein wissenschaftliches Kapitel für sich, in der Tat! Respekt!

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Herzlichen Dank für die weiteren, hochinteressanten Erläuterungen, Thomas und bustopher. 8+)

      Dann ist ja nicht nur der Bau einer Orgel, sondern auch das Erlernen des virtuosen Orgeslpieles eine höchst anspruchsvolle und komplizierte Angelegenheit ! :juhu:
      Dagegen ist Oboe-lernen ja der reinste Spaziergang ;+)
    • Allegro schrieb:

      Dagegen ist Oboe-lernen ja der reinste Spaziergang

      Also, wenn ich von Euren Rohrschnitz-Erfahrungsaustauschen lese, bin ich sehr froh, dass ich an der Orgel einfach den Schlüsselschalter drehe und dann mit dem Spielen beginnen kann ... und nicht jede Woche neue Pfeifen löten muss ... ***O***

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • jaja, OK. Schäm.
      Du hast ja Recht! n=2^R-1...
      Ich habe nicht berücksichtigt, daß es auf die Reihenfolge nicht ankommt und daß z.B. ABC das Gleiche ist wie ACB, BCA, BAC, CAB, CBA... :pfeif:

      Also, wenn ich von Euren Rohrschnitz-Erfahrungsaustauschen lese, bin ich sehr froh, dass ich an der Orgel einfach den Schlüsselschalter drehe und dann mit dem Spielen beginnen kann ... und nicht jede Woche neue Pfeifen löten muss ...

      Dafür sitzt Du im Winter in der ungeheizten Kirche und wenn Du den Schweller öffnest fällt erst einmal die ganze kalte Luft auf Dich runter und alle Zungen sind total verstimmt... (Ok, es geht auch ohne Zungen...)

      Zur Registrierung an der Orgel gäbe es auch noch sog. "Kombinationen" oder "Setzer". Wenn der Organist früher an großen Orgeln während des Spiels umregistrieren wollte, ging das nur sehr beschränkt (er muß es ja unter dem Spiel machen) oder er hatte einen Hiwi dazu, der das für ihn erledigte. Mit der Einführung elektrischer Registertrakturen (Am Spieltisch ist für die einzelnen Register ein Schalter vorhanden, der im Werk selber ein Magnetventil für das entsprechende Register öffnet) oder elektropneumatischer Trakturen (ein Schalter am Spieltisch öffnet ein Magnetventil, das seinerseits über Rohrleitungen "Steuerluft" zu einem Balg im Werk leitet, mit der dieser aufgeblasen wird und dadurch seinerseits ein Ventil betätigt, das das entsprechende Register mit Luft versorgt) wurde es möglich, verschiedene Registerkombinationen vorweg einzustellen. Für jede Kombination (meist zwei bis vier) gibt es eine Reihe Schalter für die Register, die ihrerseits wieder durch einen Wahlschalter angewählt werden, der eine dieser Reihen mit Strom versorgt und die anderen jeweils abschaltet. Der Organist gibt dann also mit Hilfe dieser Registerschalterreihen verschiedene Registerkombinationen vor, entsprechend der Anzahl der Reihen, und aktiviert eine spezielle davon unter dem Spiel durch einen raschen Griff zum Wahlschalter oder durch Tritt auf einen entsprechenden Fußschalter. Bei mechanischen Trakturen geht das auch, aber dann benötigt man an jedem Registerzug einen Servomotor, der ihn betätigt. Heute macht man das elektronisch und kann das auch noch abspeichern und auf Diskette (jaja doch! Orgeln werden nicht so schnell weggeworfen, wie Computertechnologie) oder USB-Stick nach Hause nehmen und am PC nachbearbeiten oder auch vorbereiten.
      Gibt's natürlich nicht an historischen Orgeln.
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • Ich hatte mal die große Ehre und das große Vergnügen, eine Privatführung durch das Werk von Klais Orgelbau Bonn zu machen — meine alte Firma hatte u.a. für Klais gearbeitet, und so kam das Angebot zustande.
      Der Klais-Vertreter hatte sich sehr viel Zeit genommen und uns alles gezeigt, vom "Walzwerk" für das Metall der Pfeifen bis zur Spieltischmontage. Nur fertige Orgeln gab es nicht, weil die erst "in situ", also am Zielort, zusammengesetzt werden.

      Dieser Besuch hat meinen Respekt vor Orgeln und Orgelbau noch gesteigert, falls das möglich war.

      Zu ergänzen wäre vielleicht noch der neue "Sensations-Organist" Cameron Carpenter, der sich, weil er mit den "Unzulänglichkeiten" der mechanischen Instrumente nicht mehr leben wollte, eine eigene, digitale Orgel hat bauen lassen.
      Meine persönliche Meinung: schrecklich. Ich bin vielleicht ewig gestrig, aber damit gehört das "jede Orgel ist einzigartig und trägt die Handschrift dessen, der die Stimmung final einstellt" der Vergangenheit an. Sicher, man kann auf Knopfdruck von temperiert auf mitteltönig umschalten und jede beliebige Klangfarbe erzeugen, aber ich empfinde das als großen Verlust.
      Lucius Travinius Potellus
      Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)
    • Die Staats- und Landesbibliothek Dresden teilt mit, daß sie ein bisher unbekanntes Reisetagebuch von Johann Andreas Silbermann (Neffe von Gottfried Silbermann) ersteigern konnte. Sie stellt das Werk online zur Verfügung. Hier ein ausführlicher Bericht zu Erwerbung und Inhalt mit Textauszügen:
      "http://www.slub-dresden.de/index.php?id=88092
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Ich war heute wieder in einem tollen Orgelkonzert :P
      Mit großer Orgel, 3 Trompeten und Pauken 8o

      Neben div. Flöten, Oboen und anderem Instrumentarium ;) habe ich heute eindeutig ein Fagott 8) und einen Kontrabass gehört.
      Den Kontrabass gibt es bei der Orgel sogar als eigenes Register (die Registrierung ist im Programmheft angegeben), aber was Fagottiges finde ich nicht ... ob das wohl eine Komnbination von verschiedenen Registern gewesen sein könnte ?
      Viele Grüße - Allegro

      Musik ist, die in den Noten versteckten Töne frei werden zu lassen (nach Philmus)
    • Es gibt Register der Orgel, die in mittleren und höheren Bereichen oboig klingen (sollen) und in der Tiefe fagottige Furzgeräusche von sich geben. Vielleicht wars die Vox Humana, Hautbois oder tatsächlich Basson.
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • Auf einer unserer Orgeln gibt es im Hauptwerk ein (geteiltes) Register Fagott 8' ab cis' aufwärts - c' und tiefer ist dagegen Tombon 8'. Das ist die gleiche Reihe Zungenpfeifen, nur bekommt das "Fagott" weniger Wind. Die Registerschleifen sind zwischen c' und cis' getrennt, deswegen kann man's auch getrennt registrieren.
      Die genanten Register haben einen qadratischen, eng mensurierten konischen Holzaufsatz, der nach außen weiter wird. Der Aufsatzt der Vox Humana ist oft zylindrisch, aus Metall und vergleichsweise weiter mensuriert.
      Ähnlich ist auch Basson-Hautbois 8' im Récit Expressive der Cavaillé-Coll-Orgel in St. Bernhard/Mainz geteilt - Oboe im Diskant (ich glaube ab b) und Fagott im Bass.
      Die Walcker-Orgel im Ulmer Münster hat je ein 16'-Fagott im Oberwerk und im Pedal (als "Basson" und "Dulcianfagott" bezeichnet)
      An sonsten gibt es jede Menge Zungenregister, die "irgendwie doppelrohrblattähnlich" klingen (also nach Kindertrompete... :versteck1: )und nach entsprechenden Instrumenten benannt sind ( z.B. "Krummhorn","Musette", "Schalmei" usw.), die in der Tiefe (auch) an Fagott erinnern können.
      viele Grüße

      Bustopher


      Sapere aude
    • Danke Euch für die Infos.

      Ich habe eben nochmal nachgesehen: da gibt es weder ein Register namens "Basson" oder "Krummhorn".
      "Schalmey 8`" allerdings gibt es - aber kann die wirklich so die tief klingen ?
      Ein "Dulcian 16`" im III. Manual (Schwellwerk) habe ich jedoch gefunden. Und "Pommer" kann ich auch noch zwei Stück anbieten: "Gedecktpommer 16`" im Hauptwerk oder "Holzpommer 8`" im Pedalwerk.
      Es klang aber nicht nach Fußpedal ... also war es vielleicht wirklich "Dulcian" ? :rolleyes:
      Viele Grüße - Allegro

      Musik ist, die in den Noten versteckten Töne frei werden zu lassen (nach Philmus)