Meyerbeer: Les Huguenots – Staatstheater Nürnberg, 15.06.2014

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    • Meyerbeer: Les Huguenots – Staatstheater Nürnberg, 15.06.2014

      Giacomo Meyerbeers „Hugenotten“, 1836 an der Pariser Grand Opéra uraufgeführt und angeblich im 19. Jahrhundert die weltweit meistgespielte Oper, ist inzwischen eine Rarität auf den Spielplänen geworden. Das hat sich auch im Meyerbeer-Jahr 2014 – am 02. Mai jährte sich der Todestag des deutsch-französichen Komponisten zum 150. Mal – nicht geändert; viele szenische Neuproduktionen von Meyerbeer-Opern gibt es nicht an den deutschen Bühnen. Das Staatstheater Nürnberg hat sich nun für die „Hugenotten“ entschieden, eine große Oper über die Bartholomäusnacht 1572 und auch eine große Herausforderung für ein mittelgroßes Theater. Trotz leichter Kürzungen kommt man in Nürnberg auf eine Aufführungsdauer von (netto) dreieinhalb Stunden.

      Die musikalische Leitung der Produktion liegt in den Händen des Ersten Kapellmeisters Guido Johannes Rumstadt, der im Graben mit der Staatsphilharmonie Nürnberg besonders dann zu großer Form aufläuft, wenn das orchestrale Brimborium am größten ist. Dann hat die Musik unter Rumstadts Leitung Drive; auch der nicht außergewöhnlich stark besetzte Chor leistet gute Arbeit. Manchmal spielt das Orchester aber auch in den an sich ruhigeren Abschnitten zu laut, in einigen die Sänger begleitenden Passagen entsteht auch der Eindruck einer gewissen routinierten Mechanik.

      Eine wirklich bemerkenswerte Leistung bringt Uwe Stickert in der Rolle des Raoul. Eine lyrische, schlanke Stimme, die aber mit der mit Hoch- und Höchsttönen gespickten Partie keine Schwierigkeiten hat. Sehr geschickt setzt der Tenor gemischte Resonanzen ein, bereits die schwierige Romanze im ersten Akt – begleitet von einer prominent platzierten Viola d’amore – gelingt sehr gut. Auch in den größeren Ensembleszenen kann sich die Stimme behaupten. Dass Stickert über die Beherrschung der Partie hinaus wenig gestaltet (sowohl stimmlich als auch szenisch) und die Stimme manchmal etwas gleichförmig klingt, trübt den positiven Eindruck nur wenig.

      Gut auch der von Randall Jakobsh gesungene Marcel: eine leicht angeschwärzte, aber trotzdem bewegliche Stimme mit gelegentlichen Intonationsunsicherheiten. Außerordentlich gut besetzt auch die kleineren Rollen der katholischen Edelleute – und das teilweise sogar mit Sängern des Nürnberger Opernstudios. Die schwächste Sängerleistung des Abends kommt von Nikolai Karnolsky als St. Bris. Grob und unpräzise orgelt er vor sich hin. Auch Martin Berner hat Probleme mit dem Graf von Nevers, insbesondere in der Höhe.

      Bei den Damen konnte man die schweren Hauptrollen aus dem Nürnberger Ensemble besetzen, wobei Leah Gordon als Königin Marguerite und Judita Nagyová als der Page Urbain einen etwas besseren Eindruck hinterlassen als Hrachuhí Bassénz in der Rolle der Valentine. Letztere besitzt zwar stimmliche Durchschlagskraft, neigt aber dazu, Läufe zu verwischen.

      Insgesamt also ein großes Personalaufgebot. Kaum jemand, der den Stil Meyerbeers beschrieben hat, hat dann auch darauf verzichtet, die „großen Tableaus“ zu bemühen, die Meyerbeer in seinen Opern auf die Bühne gebracht habe. Und gerade diese sind auch eine Herausforderung für die Regie. Große Chorszenen hat die Oper zu Genüge, die Präsenz des Chors auf der Bühne hat aber gerade in den ersten Akten eher einen schmückenden Charakter, als dass die Choristen die Handlung vorantreiben würden. Leider ist es dem Regisseur Tobias Kratzer mit dieser Oper nicht gelungen, an einige hervorragend gute Regiearbeiten – zuletzt die „Meistersinger von Nürnberg“ in Karlsruhe – anzuknüpfen. Mit dem Künstlerthema, das Kratzer in den „Meistersingern“ behandelt hat, ist der Regisseur offenbar noch nicht ganz durch: Die Tableaus schafft in Kratzers Inszenierung der Graf von Nevers – und der ist Maler.

      Das Geschehen ist in einem Einheitsbühnenbild angesiedelt: einem heutigen Maleratelier, in dem Nevers, der sich dem Anschein nach auf Historien- und Genrebilder spezialisiert hat, wirkt. Das Gastmahl der katholischen Adeligen, zu dem auch der Hugenotte Raoul eingeladen worden ist, arrangiert Nevers kurzerhand mit ein paar jungen Menschen von der Straße, die ihm für Geld Modell stehen. Aus einer Kostümkiste dürfen sie sich historische Kostüme heraussuchen, dann nehmen sie an einer langen Tafel Platz. Die Lichtregie spielt mit – warmes Licht und Hell-Dunkel-Kontraste lassen eine Atmosphäre wie auf einem Rembrandt-Gemälde entstehen. Raoul erscheint, er will sich nicht so recht ins Motiv einfügen.

      Der zweite Akt bringt den Auftritt von Marguerite von Valois. Auch sie ist an einer Aussöhnung von Katholiken und Hugenotten interessiert. Sie ist Auftraggeberin eines Gemäldes – und sie bevorzugt harmonisch arrangierte Tableaux vivants aus dem antiken Themenkreis: Göttergleich mit einem Ölzweig thront die Königin in der Mitte, um sie herum auf üppigen Teppichen junge Damen, ein Rehkitz, Friedenstauben – alles sehr gediegen.

      In den drei weiteren Akten gelingt es Nevers nicht, die Friedensvision künstlerisch zu kanalisieren. Das übrige handelnde Personal wird – wohl in der Vorstellungswelt Nevers’ – immer militanter, wie zum Beispiel der martialische Rataplan-Chor, der, ähnlich wie bei Verdis „Forza“, weder dramaturgisch noch musikalisch der stärkste Moment der Oper ist. Die Figuren verselbstständigen sich, lassen sich von dem Maler nicht mehr kontrollieren. Eine Zigeunerin beschwört in einer Glaskugel heutige Auseinandersetzungen mit religiösem Hintergrund; diese werden mittels Videotechnik eingeblendet. Dann brechen geflügelte Drachenfiguren, die den grotesken Wasserspeiern von Notre-Dame nachempfunden zu sein scheinen, herein und machen dem Frieden ein Ende – ein guter Theatereffekt immerhin. Nevers steht wie in einem Alptraum dazwischen. Der Nachtwächter ist in seiner Gestaltung offenbar an die Figur des Quasimodo angelehnt. Die letzten beiden Akte bieten dann fast ausschließlich konventionelles Kostüm- und Stehtheater nach altbewährter Operntradition. An dem brutalen Massaker an den Hugenotten wird fast beiläufig vorbeiinszeniert. Nur am Ende wird Nevers noch einmal aktiv: Er schüttet einen Eimer blutrote Farbe auf eine weiße Leinwand – das ist das Bild der Bartholomäusnacht, das er der Königin Marguerite mit dem Schlussvorhang präsentiert.

      Das Konzept der Inszenierung ist nicht schlecht erdacht, aber leider ist es nicht überzeugend umgesetzt. Es gelingt viel zu selten, den von der Regie geschaffenen Rahmen der Entstehung des Kunstwerks sinnvoll mit dem historischen Geschehen zu verbinden. Es wirkt wie ein inszenatorisches Feigenblatt in einer ansonsten historisierenden Interpretation, in der der Ausstatter Rainer Sellmaier ein Kostümfest feiern darf: rauschende Kleider und Hochfrisuren bei den Damen, Helme, Schwerter und metallene Rüstungen bei den Herren. Meist stolpert der modern kostümierte Nevers nur hilflos händeringend durch diesen bunten Kostümreigen. Das alles ist nett anzusehen, hat aber letztlich vor allem dekorativen Charakter. Die einzelnen Charaktere bleiben blass und schablonenhaft; hieran an Kratzer kein großes Interesse. Auch der Chor hat wenig szenische Aufgaben. Beim Schlussapplaus wurde das Regieteam mit ungestörtem Beifall belohnt, eine überzeugende Interpretation von Meyerbeers Grand Opéra ist ihm aber nicht gelungen.