Eötvös: Der goldene Drache - Oper Frankfurt, 29.6.2014

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    • Eötvös: Der goldene Drache - Oper Frankfurt, 29.6.2014

      DER GOLDENE DRACHE

      Musiktheater von Peter Eötvös

      Libretto von Roland Schimmelpfenning nach dem gleichnamigen Theaterstück, eingerichtet von Peter Eötvös

      Kompositionsauftrag von Ensemble Modern und Oper Frankfurt / Koproduktion mit dem Ensemble Modern

      Uraufführung. Premiere am 29. Juni 2014 im Bockenheimer Depot

      Musikalische Leitung: Peter Eötvos

      Inszenierung: Elisabeth Stöppler

      Bühnenbild: Hermann Feuchter

      Kostüme: Nicole Pleuler

      Sängerdarsteller: Kateryna Kasper, Hedwig Fassbender, Simon Bode, Hans-Jürgen Lazar, Holger Falk

      ENSEMBLE MODERN

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      Ich finde Schimmelpfennings "Goldenen Drachen" eins der beeindruckendsten, politisch-poetischsten Theaterstücke der letzten Jahre und erinnere mich noch heute an manches Detail der Hannoveraner Erstaufführung sowie v. a. an Details des Textes. Von daher war mir fraglich, was Musik hier 'dazutun' kann (der Text ist selber bereits sehr musikalisch und durch die Rollenanlage [Verfremdung: Männer spielen Frauen und umgekehrt, Alt spielt Jung und umgekehrt; narratives In-die-Rolle-rein-wieder-raus, etc.] auch strukturierend. Eötvös' Musik illustriert vor allem, akzentuiert auch und macht manches ein wenig drastischer (Perkussionsimpro auf Küchengeräten; U-Musik-Anklänge..), inszeniert also mit, präsentiert aber letztlich das Stück. Das ist angenehm, aber auch enttäuschend. Ab dem Tod des "Kleinen", des ersten Opfers in dieser letztlich sehr grausamen Handlung, wird die Musik elegischer, stockender, zarter.. es gibt einige sehr berückende Momente. Insgesamt aber - der Kalauer sei angesichts des Imbiss-Küchen-Settings verziehen - doch recht 'kulinarisch'; sie war mir nie unangenehm, rückte mir nie auf die Pelle. Mehr kann ich zu meiner Schande - technisch - nicht sagen nach dem ersten Hören. Statistik: 16 Musiker, davon 5 Holzbläser, 2 Trompeten, 1 Posaune, zwei Schlagzeuger, Klavier + Hammondorgel, je 1 Streicher pro 'Gruppe' (also 4).

      Die Sängerdarsteller allesamt sehr gut, einige - Hedwig Fassbender vorneweg - sogar gradezu fantastisch. Brüche zwischen allen möglichen Stilen und Haltungen werden 'spielerisch' und in die Bewegung integriert absolviert. Fast alle dienen durchweg der Sache, der Abend strahlt etwas sehr Konzentriertes und Uneitles aus. Das ist sicher vor allem auch das Verdienst von Elisabeth Stöppler, die sehr genau sowohl an Psychologischem wie auch Symbolischem gearbeitet hat. Der Einsatz von Requisiten ist sinn- und fantasievoll, auch wenn die Bühne - eigentlich ein einziger Fundus aus Gerümpel - zur Tiefe hin m. E. hätte stärker 'angespielt', interpretiert und einbezogen werden können. Im Hintergrund ein großer zweidimensionaler China-Drache aus Müll- und Plunderteilen, der bisweilen farbig leuchtend den Entwicklungen der Handlung vor- oder nachgreift, z. B. blutrot oder golden. Der große Schlussmonolog des "Kleinen", trotz Indisposition berückend klar gesungen von Kateryna Kasper, wird verfremdet in einem Pekingoper-Kostüm und die Figur wird von den 'Zurückbleibenden' (uns) durch einen Abgrund getrennt, auf dessen anderer Seite sie und der Drache verbleiben. Die "Grille" - die missbrauchte und misshandelte Schwester des Kleinen - geht zum Schluss zu uns ins Publikum, wie kauernd Schutz suchend. Dieser Moment hätte für mich noch krasser und deutlicher sein können - der Abend ist in Gefahr, trotz großer Transparenz und 'Übertragung' seines Gehalts, zu wohlgefällig zu geraten, mit all seinem Witz und seiner spielerischen Exaktheit und 'Rundung'. Ich hätte erwartet dass eine Musiktheater-Bearbeitung hier irgendwie noch 'größer', pathetischer oder quälender gerät.

      Ein Stück dass seinen Zweck als Tourneetheater sicher gut erfüllen und sich möglicherweise neben Schimmelpfennigs Original behaupten wird.
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Auch wenn Du das Stück nicht kennst: Du wirst es ohne Probleme bei diesem Abend kennenlernen, die Textverständlichkeit ist nämlich ausgezeichnet. Es gibt Mikroports und eine "Klangregie", die dbzgl. sehr hilfreich sind. (Und es gibt zwar jede Menge Striche gegenüber dem Original, aber die sind letztlich gut vertretbar.)
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      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi