Dmitri Schostakowitsch: Die Sinfonien in Einzelaufnahmen (Vorschläge als Liste)

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Habe neulich mal 3 Aufnahmen mit jungen, vielversprechenden Dirigenten geordert:



      Fern der Heimat kann ich sie z. Z. nur per mp3 und Kopfhörer hören. So sind auch die Anmerkungen zum Klang einzuordnen.

      Vasily Petrenko ist mit seinem Zyklus auf allerhöchstem Niveau. So ist denn auch seine Leningrader sehr gut, da gibt es wenig dran auszusetzen. Da dies tatsächlich meine erste elektronische Version der Leningrader ist, habe ich momentan keine Vergleichsmöglichkeiten, denn meine sonstigen Hörerfahrungen mit der Leningrader liegen schon eine Weile zurück. Einzig das yt Video mit Marin Alsop und dem HR habe ich letztens gehört, und ich muss sagen, dass mir Alsops Leningrader sehr gut gefällt, eher noch ein Epsilon besser als V. Petrenkos. Klanglich ist die CD astrein.

      Von Nelsons Zehnter mit den Bostonern (live) bin ich eher positiv überrascht, wohl weil meine Erwartungen nicht zu hoch waren. Denn gerade bei der Zehnten bekommt man häufig Konfektionsware zu hören. Zudem mangelt es mir wirklich nicht an Hörerfahrungen bei der Zehnten, so dass auch eine gewisse Saturierung dabei ist. Aber Nelsons CD bietet eine druckvolle und keineswegs routinemäßig runtergespulte Zehnte, zudem wuchtiger Klang mit guten Tiefen. Etwa auch hervorstechend-scharfe Militärtrommel im zweiten Satz. Ich hatte neulich für mich nochmal bestätigend festgestellt, dass V. Petrenkos Zehnte eine sehr gute Zehnte ist. Ich muss die beiden nochmal im Vergleich hören, wenn ich das nicht immer so lästig fände...

      Am meisten gespannt war ich auf die CD mit Vladimir Jurowski, da ich bisher keine CD von ihm hatte und nur seinen Vater als Dirigent kenne. Zudem sind auf dieser CD gleich zwei Sinfonien vertreten. Dabei ist die Sechste auf dieser CD wohl mein Favorit von allen drei genannten CDs. Das Bessere ist der Feind des Guten. Fand ich zuletzt V. Petrenko mit seiner Sechsten (und vielleicht mehr noch die Zwölfte auf derselben CD) ausgezeichnet, so stelle ich bei V. Jurowski deutliche Verbesserungen fest. Zunächst ist der Klang viel direkten und transparenter, trotz Liveaufnahmen. Das mag schon ausschlaggebend für den besseren Gesamteindruck sein. Aber mir scheint, dass Jurowski mit den Londoner Philharmonikern auch interpretatorisch ein kleines, aber doch deutliches Plus hat. (Ich stelle immer wieder fest, dass mir beim LPO im Gegensatz zum LSO viel Positives direkt auffällt. Ist das LSO denn nicht das bessere, laut allgemeiner Meinung?) Die ausgelassen zweiten und dritten Sätze machen jedenfalls ordentlich Spaß! Das empfand wohl auch ein Zuhörer im Publikum, der gleich mit dem Schlußakkord seine Begeisterung herausschrie. Einen Kritiker im Internet (Amazon?) fand das wohl dermaßen störend, dass er die ganze CD damit abwertete. Mich stört es wenig. Viel schlimmer wäre es natürlich bei der Vierzehnten gewesen, aber hier wird noch vor dem Applaus ausgeblendet. Dafür hört man während der Aufnahme einige Huster, was aber insgesamt noch okay ist. Ich meine, dass auch diese Vierzehnte weitestgehend sehr gut ist. Okay, gerade bei der Vierzehnenten gibt es fast immer Stellen, die man im Vergleich zu anderen Aufnahmen schlechter finden kann. So wäre mir etwa ein Bass lieber gewesen als ein Bariton. Und die Direktheit des Klangs, die ich bei der Sechsten so positiv hervorhob, scheint beim Gesang und der Intimität der Vierzehnten fast des Guten zuviel. Hier wären 90% besser als 100% gewesen. Aber dennoch gefällt mir die Aufnahme insgesamt sehr gut.

      Empfehlen kann ich also alle drei. Besonders die mit V. Jurowski und dem LPO. Jedenfalls ist es schön zu erleben, dass der "Nachwuchs" viel interessantes zu bieten hat. Und es gibt ja noch mehr guten "Nachwuchs"....

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Kennt evtl. jemand beide Aufnahmen von Karajan von der 10. Sinfonie und kann Sie kurz gegenüberstellen? Ich habe seine spätere Digital-Aufnahme, die mir eigentlich gut gefällt (ich bin nicht der große Schostakowitsch-Fan), meine aber mal gelesen zu haben, dass seine ältere Aufnahme noch besser sein soll.
      Mit herzlichen Grüßen

      Mercurio
    • Mercurio schrieb:

      Kennt evtl. jemand beide Aufnahmen von Karajan von der 10. Sinfonie und kann Sie kurz gegenüberstellen? Ich habe seine spätere Digital-Aufnahme, die mir eigentlich gut gefällt (ich bin nicht der große Schostakowitsch-Fan), meine aber mal gelesen zu haben, dass seine ältere Aufnahme noch besser sein soll.


      Vergleiche diesen oder diesen Beitrag.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Mit den "beiden Aufnahmen von Karajan" sind vermutlich die bei DG erschienenen gemeint?
      Beide werden von zwei (anderen) Livemitschnitten übertroffen, die mittlerweile auch offiziell auf CD erschienen sind.

      Da wäre einerseits die Einspielung mit der Staatskapelle Dresden, welche bei mehreren Sinfonien die deutschen Erstaufführungen präsentierte. Beinahe wäre ich geneigt zu behaupten, dieses Orchester sei mit des Komponisten Idiom besser vertraut, gäbe es da nicht jene vielzitierte 69er Gastreise der Philharmoniker in die Sowjetunion.
      Nicht nur wegen der Aufnahmetechnik klingt das Orchester in Moskau verblüffend russisch. Karajan entfaltet eine bis ins kleinste Detail durchdachte Choreographie, während die Philharmoniker sofort auf Siedetemperatur sind.
    • Ja, der Bernstein mit seinen mindestens drei Aufnahmen der 7.

      Alle sind sehr wohl persönlich gefäbrt (will sagen voll vom Empfinden eigener Neurosen!!) und er bringt dieses auch wie immer sehr nahe.

      Aber Schostakowitsch war auch ein Komponist des "kollektiven" (darf man das noch schreiben, wo die AFD vor der Tür steht?) Leidens.
      In dieses mischt sich immer Wut, Empörung und Aufruhr. Dazu der Sarkasmus eines Dimitri S!!
      Das alles fehlt mir bei Bernstein. Es sind geschichtslose Einspielungen, obwohl es in den USA diverse Aufführungen der 7. in den 40iger und 50iger seit Veröffentlichung der Partitur gab, selbst von Toscanini!!

      Daher sind Kondrashin und vor allem Ancerl für mich weit besser, wenns um Persönliche geht.
      Eine 7. wie die unter Ancerl bringt mich zum Nachdenken, Bernstein eher nicht, so schön wie sie sich anhört.
      Tut mir leid. Vielleicht habe ich zuviel Historie im Kopf.

      Gruß aus Kiel

      PS: Und wenn ich "vor Empathie heulen" will, dann höre ich Eliasberg mit den Überlebenden aus Leningrad, wie sie das Werk noch einmal aufführten.

      Nachtrag. Donnerstag 12:00
      Ich habe eben nochmals Bernstein (nach) gehört.
      DMITRI SHOSTAKOVICH
      Symphony No. 7 in C major, Op. 60
      Chicago Symphony Orchestra
      LEONARD BERNSTEIN, conductor
      Recorded Symphony Hall, Chicago
      on 22 June, 1989
      Das ist schon eine verdammt gute Aufnahme, aber er ist nicht das was ich will. Der 2. Satz ist zu langsam (ca. 40%) und der 4. bringt mir viel zu viel "per Aspera ad Astra", sprich er ist zu optimistisch.
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Nocheinmal zu Bernsteins 7. Emotionaler kann man das nicht bringen. Man spürt mit dem Leiden der Bevölkerung Leningrads in den Sätzen 2-3. Man hat das Gefühl, wie ein Volk verhungert. Unsere Vorfahren führten sich in der Tat so auf wie die Aliens in Independence Day alles aber auch alles wurde zerstört. Ein völlig wehrlioses Volk, wurde überfallen das ist bei Bernstein so perfekt heraugearbeitet, in dem er die Musik geradezu in Zeitlupe spielt, auch im viertem Satz. die ersten Minuten, das klingt nicht wie bei Gergiew als auf Messersschneide musiziert, sondern mit letzter Kraft, und dadurch wirkt der Schluss als ein Sieg. Ein Sieg über einen AgressorDas Blech des CSOspielt als ginge es um sein Leben, man muss einfach sagen, es ist das beste Blech aller Orchester. Und nach Bernstein klingen mir viele Aufnahmen mir blutleer. Wer das Leiden der Bevölkerung von Leningrad erleben will, der soll Bernstein nur hören, und sich den Film ansehen. Ein bestes Musikvideo zu dem was sich damals ereignete kann man sich nicht mehr vorstellen Ich bekomm nur Tränen und Scham, was unsere Vorfahren mit den Russen gemacht hatten.
    • Ich muss mich noch einmal einmischen!

      Haben wir hier einen DS 7 Thread, dann bitte ich doch diese Beiträge umzulagern.

      Ergänzend sei angemerkt:
      Als DS die 7te fertig hatte, war die Belagerung Leningrads noch keinesfalls abgeschlossen, sie begann gerade erst im großen Stil (ca. 1.1 Millionen Tote) und dauerte noch fast 2 Jahre.
      Daher ist der Schluss auch meines Erachten niemals als eine "Cecille B. DeMille"-alike Film-Apotheose zu sehen, so wie ich es bei Bernstein heraushöre.
      Es ist eben kein versöhnlicher Schluss, genauso wie die 5. am Ende keinen staatsbejahenden Jubel hervorbringt.
      Der Schluss der 7. verschafft eine Atempause im Sterben,- vielleicht so was wie: Winter, der Ladoga See ist zugefroren, Nachschub kann kommen oder was immer sonst an Optimismus da ist. Mehr nicht.
      Bei Meyer steht in der Biografie, dass ausgerechnet Mrawinski, der die Sinfonie nicht leiden konnte und sie daher nur einmal aufgenommen hat, der beste Interpret sein soll.
      Ich bleibe bei Ancerl, der wußte aus eigenem Erleben, was da wohl gemeint sein konnte. (Adagio= 3. Satz)
      Gewiss, die 7. ist einfacher gestrickt als die 5. und 6. auch als die 8, aber auch sie ist eben ganz und gar Schostakowitsch und daher wiederhole ich, was ich oben geschrieben habe: Wut und Empörung finden auch statt.

      Gruß zum abend aus Kiel

      PS. Ich finde, wie ich schrieb, Bernsteins Aufnahme schon sehr gut inzeniert, nur FÜR MICH am Thema eben vorbei: Zu eindimensional.
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)

    • maticus schrieb:

      Fern der Heimat kann ich sie z. Z. nur per mp3 und Kopfhörer hören. So sind auch die Anmerkungen zum Klang einzuordnen.So sind auch die Anmerkungen zum Klang einzuordnen.

      Von Nelsons Zehnter mit den Bostonern (live) bin ich eher positiv überrascht, wohl weil meine Erwartungen nicht zu hoch waren. Denn gerade bei der Zehnten bekommt man häufig Konfektionsware zu hören. Zudem mangelt es mir wirklich nicht an Hörerfahrungen bei der Zehnten, so dass auch eine gewisse Saturierung dabei ist. Aber Nelsons CD bietet eine druckvolle und keineswegs routinemäßig runtergespulte Zehnte, zudem wuchtiger Klang mit guten Tiefen. Etwa auch hervorstechend-scharfe Militärtrommel im zweiten Satz.
      Ich habe heute und auch vor ein paar Tagen diese CD nun auf der heimischen Anlage gehört. Der ausgezeichnete Klang bestätigt sich hier nochmal auf schönste Weise, die reinste Wonne. Besonders die Tiefen/Kontrabässe.

      Dagegen kann die Aufnahme



      nicht mithalten (habe nur nochmal den 1. und den 4. Satz gehört, aus Zeitgründen). Im Vergleich sind die Kontrabässe hier enttäuschend schwach. Und ich finde sie in diesem Werk auch wirklich wichtig (etwa im Finale).

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Aus "Eben gehört"; hier findet man es besser wieder. (Leicht editiert.)



      Dmitri Schostakowitsch: Sinfonien
      Nr. 11 g-Moll Op. 103
      Nr. 4 c-Moll Op. 43
      Andris Nelsons, Boston Symphony Orchestra
      (rec. live Boston Symphony Hall, 4/2018 (4), 10/2017 (11))

      Beide gehören zu meinen Lieblingssinfonien von Schostakowitsch und schlechthin. Von Op. 43 habe ich vermutlich soviele CDs wie von keinem anderen Werk. Die gefallen mir nahezu alle, es gibt da meist nur kleine Unterschiede. Ausnahmen sind da vermutlich Kondraschins "Original" (leider tontechnisch nicht sehr gut), Roschdestwensky, und auch (weniger extrem) Salonen (sowie ähnlich Chung). Diese Einspielung reiht sich nun ein in eine Riege von klanglich hochwertigen, modernen Aufnahmen, wie auch etwa Rattle, V. Petrenko, Bychkov, Jansons etc. Ein paar Besonderheiten hat dieses Op. 43 jedoch zu bieten: Ein sehr schnelles Fugato-Presto im ersten Satz (wenn auch ein klein wenig (!) zu Lasten der Transparenz der inneren Melodie), auch zuvor eine schnelle "Holzbläserpassage". Außerordentlich wuchtig und präsent ist das Schlagwerk beim Paukencrescendo am Ende des Finales, vor der Coda.

      Ähnliche Besonderheiten hat hier auch das Op. 103. Extrem schnelles Massaker im 2. Satz, auch recht schneller "Sturm" zum Ende. Positiv finde ich auch, dass hier von einem langen Ausklingen der Glocken abgesehen wurde. (Das ist zwar kein Alleinstellungsmerkmal, aber das Ausklingen wird m. E. auch oft übertrieben, etwa bei V. Petrenko.) Sehr gut rüber kommen das Blech und das teilweise sehr wuchtige Schlagwerk (etwa Große Trommel und das Tamtam).

      Sicherlich wurde hier Schostakowitsch nicht neu erfunden. Ich denke aber, es sind sehr gute Aufnahmen mit einigen Besonderheiten. Diese Doppel-CD ist m. E. näher bei der m. E. sehr guten Einspielung der Nr. 10 als bei der für mich etwas enttäuschenden Doppel-CD mit den Nummern 5, 8 und 9.

      Das Boston Symphony Orchestra verbindet man ja nicht unbedingt mit Schostakowitsch, oder? Insofern bin ich froh, dass dies (neben dem CSO) mir wichtigste US-amerikanische Orchester "in der Lage ist", Schostakowitsch überzeugend darzustellen.


      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Hallo zusammen,

      Ich hatte mal eine kurze Bitte, kann mir mal bitte jemand sagen, ob die Zeitangaben bei der CD den korrekten Tracks zugeordnet sind?

      Ich habe mir das Album bei Qobuz heruntergeladen und da ist das komplett anders angeordnet. Da hat der 2. Satz der 11. Sinfonie nur 8:24 Minuten, dass ist falsch, oder?

      Das Problem ist, ich kenne beide Sinfonien überhaupt nicht, kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass Nelsons den so schnell gespielt hat, oder? :boese1:
      Danke schon mal im voraus.
      Viele Grüße, Michael
    • Stimmt, da hätte ich auch drauf kommen können. Na super, bei Qobuz sind beide Sinfonien bunt durcheinander gewürfelt. Und ich habe mich gewundert, was Maticus wohl mit Gemetzel gemeint hat :D . Da muss ich die wohl bei mir mal umschieben und dem Downloadportal auch mal bescheid sagen..... Und vor allem heute Abend mal die 11. Sinfonie mal mit den richtigen Teilen hören :boese1:

      Dank dir Lionel
      Viele Grüße, Michael