Bach, J. S.: Kantate Nr. 9 „Es ist das Heil uns kommen her“

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    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 9 „Es ist das Heil uns kommen her“

      Dies ist Bachs Choralkantate zum sechsten Sonntag nach Trinitatis. Entstanden ist sie allerdings nicht innerhalb des sogenannten Choralkantatenjahrgangs 1724/25, denn für den fraglichen Sonntag, den 16. Juli 1724, hat Bach gar keine Kantate komponiert – er war mit seiner Frau in Köthen, um dort zu musizieren. Die Lücke im Jahrgang schloss Bach erst später mit dem hier zu besprechenden Werk.

      Wann genau dies war, darüber streiten die Experten. Alfred Dürr, Klaus Hofmann (im Beiheft der Suzuki-Einspielung) und Sigiswald Kuijken (im Beiheft seiner eigenen Aufnahme) geben den Zeitraum vorsichtig mit 1732-35 an. Hans-Joachim Schulze legt sich auf „im Juli 1732“ fest - jedenfalls beinahe, nicht ohne das Hintertürchen „offenkundig“ zu vergessen. Woher die Anhaltspunkte für 1732 stammen, lassen alle genannten Autoren offen. Nur Schulze erwähnt, dass eine Aufführung im Jahr 1735 nachweisbar ist und erwähnt dazu eine köstliche Geschichte. Demnach wurden Anfang der 1970er Jahre im New Yorker Stadtteil Greenwich Village einige Häuser abgerissen. Ein zufällig vorbeikommender Passant erblickte im Schutt einen Bilderrahmen und durfte diesen auf Nachfrage mitnehmen. Es stellte sich heraus, dass in diesem Rahmen die Abschrift einer Flötenstimme von BWV 9 enthalten war, die sich anhand der Schriftzüge auf 1735 datieren lässt. (Streng genommen beweist dies natürlich nur, dass ein im Jahre 1735 für Bach tätiger Kopist irgendwann die Partie abgeschrieben hat.)

      Das zugrunde liegende Lied „Es ist das Heil uns kommen her“ stand im „Achtliederbuch“ von 1524, einer der frühesten protestantischen Liedersammlungen. Damit gehört es zum Urbestand der Reformationszeit. Paul Speratus (1484-1551), der Dichter des Liedes, war Doktor der Theologie, der Philosophie sowie des Rechts. Er wirkte als katholischer Priester, bis er sich der Lehre Luthers anschloss. Sehr sympathisch finde ich, dass er in Wien exkommuniziert wurde, nachdem er gegen den Zölibat gepredigt hatte.

      In diesem Lied wird das für die Reformation zentrale theologische Thema „Rechtfertigung“ verhandelt. Das zeigt schon die erste Strophe:

      „Es ist das Heil uns kommen her / von Gnad und lauter Güte“ = Das Heil widerfährt dem Menschen durch die Gnade und Güte Gottes – ergänze im damaligen Kontext: und nicht durch eine Kirche, die sich selbst die Gnadenvermittlung anmaßte, etwa durch Ablasshandel. (Siehe auch Strophe 8)

      „Die Werk, sie helfen nimmermehr, / sie mögen nicht behüten“ = Der Mensch wird vor Gott nicht durch gute Werke gerecht, …

      „Der Glaub sieht Jesum Christum an, / der hat gnug für uns all getan, / er ist der Mittler worden“ = … sondern durch den Glauben an Jesus Christus (Röm 3, 28: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“), der mit seinem Tod am Kreuz zum Mittler zwischen Gott und Mensch wurde (Röm 3, 24: „ [Sie ] werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist“).

      Somit passte dieses Lied gut zum Evangelium des sechsten Sonntags nach Trinitatis. Im Leipzig der Bachzeit hörte man an diesem Tag einen Abschnitt aus der Bergpredigt (Mt 5, 20-26). Er beginnt mit dem Satz „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“. Kurz gesagt geht es darin um den Gegensatz von sichtbarem Tun (der Schriftgelehrten und Pharisäer) und innerer Haltung („bessere Gerechtigkeit“). Das lässt sich mit der im Lied besungenen Rechtfertigungstheologie, die eine Werkgerechtigkeit verneint und die Gerechtigkeit durch den Glauben predigt, bestens vertiefen.

      Hier die originalen vierzehn Strophen des Liedes:

      1. Es ist das Heil uns kommen her / Von Gnad' und lauter Güten; / Die Werk' die helfen nimmermehr, / Sie mögen nicht behüten. / Der Glaub' sieht Jesum Christum an, / Der hat g'nug für uns all' gethan, / Er ist der Mittler worden.
      2. Was Gott im G'setz geboten hat, / Da man es nicht kunnt' halten, / Erhub sich Zorn und große Noth, / Für Gott so mannigfalte. / Vom Fleisch wollt' nicht heraus der Geist, / Vom G'setz erfordert allermeist, / Es war mit uns verloren.
      3. Es war ein falscher Wahn dabey, / Gott hätt' sein G'setz drum geben, / Als ob wir mögten selber frey / Nach seinem Willen leben; / So ist es nur ein Spiegel zart, / Der uns zeigt an die sündig' Art, / In unserm Fleisch verborgen.
      4. Nicht müglich war, dieselbig' Art / Aus eignen Kräften lassen; / Wiewol es oft versuchet ward, / Doch mehr sich Sünd' ohn' Maaßen: / Denn Gleißnerswerk Gott hoch verdammt, / Und je dem Fleisch der Sünde Schand' / Allzeit war angeboren.
      5. Noch mußt' das G'setz erfüllet seyn; / Sonst wär'n wir all' verdorben. / Darum schickt Gott sein'n Sohn herein, / Der selber Mensch ist worden; / Das ganz' Gesetz hat er erfüllt, / Damit sein's Vaters Zorn gestillt, / Der über uns gieng alle.
      6. Und wenn es nu erfüllet ist / Durch den, der es kunnt' halten: / So lerne itzt ein frommer Christ / Des Glaubens recht Gestalte; / Nicht mehr, denn: „Lieber Herre mein! / Dein Tod wird mir das Leben seyn; / Du hast für mich bezahlet.“
      7. Daran ich keinen Zweifel trag; / Dein Wort kann nicht betrügen. / Nu sagst du, daß kein Mensch verzag'; / Das wirst du nimmer lügen: / „Wer gläubt an mich und wird getauft, / Demselben ist der Himm'l erkauft, / Daß er nicht wird verloren.“
      8. Er ist gerecht für Gott allein, / Der diesen Glauben fasset; / Der Glaub' giebt uns von ihm den Schein, / So er die Werk' nicht lasset. / Mit Gott der Glaub' ist wohl daran; / Dem Nächsten wird die Lieb' Guts thun, / Bist du aus Gott geboren.
      9. Es wird die Sünd' durchs G'setz erkannt, / Und schlägt das G'wissen nieder: / Das Evangeli kommt zu Hand, / Und stärkt den Sünder wieder; / Es spricht: „Nur kreuch zum Kreuz herzu! / Im G'setz ist weder Rast noch Ruh' / Mit allen seinen Werken.“
      10. Die Werk' die kommen g'wißlich her / Aus einem rechten Glauben; / Wenn das nicht rechter Glaube wär', / Wollt'st ihn der Werk' berauben. / Doch macht allein der Glaub' gerecht; / Die Werk' die sind des Nächsten Knecht, / Dabey wir'n Glauben merken.
      11. Die Hoffnung wart't der rechten Zeit, / Was Gottes Wort' zusagen; / Wenn das geschehen soll zu Freud', / Stetzt Gott kein g'wisse Tagen. / Er weiß wohl, wenn's am besten ist, / Und braucht an uns kein' arge List; / Das soll'n wir ihm vertrauen.
      12. Ob sich's anließ', als wollt' er nicht, / Laß dich es nicht erschrecken; / Denn wo er ist am besten mit, / Da will er's nicht entdecken. / Sein Wort laß dir gewisse seyn, / Und ob dein Herz spräch' lauter Nein, / So laß doch dir nicht grauen.
      13. Sey Lob und Ehr' mit hohem Preis / Um dieser Gutthat willen, / Gott Vater, Sohn, heyligem Geist!
      Der woll' mit Gnad' erfüllen, / Was er in uns ang'fangen hat, / Zu Ehren seiner Maiestat, / Daß heilig werd' sein Name.
      14. Sein Reich zukomm, sein Will auf Erd' / G'scheh wie im Himmelsthrone; / Das täglich Brodt noch heut' uns werd'; / Woll' unser Schuld verschonen, / Als wir auch unsern Schuldnern thun; / Laß uns nicht in Versuchung stehn; / Lös' uns vom Uebel. Amen!


      Der unbekannte Dichter hatte einiges zu tun, um daraus einen Kantatentext zu machen. Im Ergebnis sieht das wie folgt aus:

      Strophe 1 -> Satz 1 (Choralchor, unveränderte Übernahme)
      Strophen 2-4 -> Satz 2 (Rezitativ)
      (Satz 3 ist eine freie Beschreibung der Lage einer unerlösten Seele)
      Strophen 5-7 -> Satz 4 (Rezitativ)
      Strophe 8 -> Satz 5 (Duett)
      Strophen 9-11 -> Satz 6 (Rezitativ)
      Strophe 12 -> Satz 7 (Choral)
      Strophen 13-14 fielen als Kombination von Doxologie und Vaterunser-Nachdichtung ersatzlos weg,

      Strophe 1 steht wie gesagt unverändert als erster Satz mit den zentralen Thesen der reformatorischen Rechtfertigungslehre:

      1. Chor
      Es ist das Heil uns kommen her
      Von Gnad und lauter Güte.
      Die Werk, die helfen nimmermehr,
      Sie mögen nicht behüten.
      Der Glaub sieht Jesum Christum an,
      Der hat g'nug für uns all getan,
      Er ist der Mittler worden.


      Das folgende Rezitativ fasst die in den Strophen 2 bis 4 beschriebene Unmöglichkeit, dass der Mensch Gottes Gebote halten könne, zusammen. Der Dichter übernahm etliche Formulierungen des Liedes.

      2. Rezitativ
      Gott gab uns ein Gesetz,
      doch waren wir zu schwach,
      Dass wir es hätten halten können.
      Wir gingen nur den Sünden nach,
      Kein Mensch war fromm zu nennen;
      Der Geist blieb an dem Fleische kleben
      Und wagte nicht zu widerstreben.
      Wir sollten in Gesetze gehn
      Und dort als wie in einem Spiegel sehn,
      Wie unsere Natur unartig sei;
      Und dennoch blieben wir dabei.
      Aus eigner Kraft war niemand fähig,
      Der Sünden Unart zu verlassen,
      Er möcht auch alle Kraft zusammenfassen.


      Arie Nr. 3 formuliert die Situation einer gläubigen Seele, die die Unmöglichkeit ihrer Rechtfertigung vor Gott erkannt hat.

      3. Arie
      Wir waren schon zu tief gesunken,
      Der Abgrund schluckt uns völlig ein.
      Die Tiefe drohte schon den Tod,
      Und dennoch konnt in solcher Not
      Uns keine Hand behilflich sein.


      Rezitativ Nr. 4 übernimmt die wesentlichen Motive der Strophen 5 bis 7: Das Gesetz musste erfüllt werden; so sandte Gott seinen Sohn auf Erden, damit dieser unschuldig am Kreuz stürbe und so den Zorn Gottes stille (das ist eine durchaus steile These, die der sog. „Satisfaktionslehre“ nahe steht; „steil“, weil sie von einem Gott ausgeht, der auf der Wiedergutmachung besteht). Wer daran glaubt, der geht nicht verloren.

      4. Rezitativ
      Doch musste das Gesetz erfüllet werden;
      Deswegen kam das Heil der Erden,
      Des Höchsten Sohn, der hat es selbst erfüllt
      Und seines Vaters Zorn gestillt.
      Durch sein unschuldig Sterben
      Ließ er uns Hilf erwerben.
      Wer nun demselben traut,
      Wer auf sein Leiden baut,
      Der gehet nicht verloren.
      Der Himmel ist für den erkoren,
      Der wahren Glauben mit sich bringt
      Und fest um Jesu Arme schlingt.


      Strophe 8 ist in das folgende Duett eingegangen – aber nur zur Hälfte. Übernommen wurde, dass nur der Glaube vor Gott gerecht macht – weggelassen wurde, dass die Werke der „Schein“, also das Erkennungszeichen des Glaubens sind.

      5. Duett
      Herr, du siehst statt guter Werke
      Auf des Herzens Glaubensstärke,
      Nur den Glauben nimmst du an.
      Nur der Glaube macht gerecht,
      Alles andre scheint zu schlecht,
      Als dass es uns helfen kann.


      Rezitativ Nr. 6 verdichtet die Strophen 9 bis 11. Auch hier wird nur die Rechtfertigung durch den Glauben erwähnt; die Werke, die aus einem rechten Glauben hervorgehen, bleiben jedoch ungenannt.

      6. Rezitativ
      Wenn wir die Sünd aus dem Gesetz erkennen,
      So schlägt es das Gewissen nieder;
      Doch ist das unser Trost zu nennen,
      Dass wir im Evangelio
      Gleich wieder froh
      Und freudig werden:
      Dies stärket unsern Glauben wieder.
      Drauf hoffen wir der Zeit,
      Die Gottes Gütigkeit
      Uns zugesaget hat,
      Doch aber auch aus weisem Rat
      Die Stunde uns verschwiegen.
      Jedoch, wir lassen uns begnügen,
      Er weiß es, wenn es nötig ist,
      Und brauchet keine List
      An uns; wir dürfen auf ihn bauen
      Und ihm allein vertrauen.


      Der Schlusschoral ist die unveränderte zwölfte Strophe.

      7. Choral
      Ob sichs anließ, als wollt er nicht,
      Lass dich es nicht erschrecken;
      Denn wo er ist am besten mit,
      Da will ers nicht entdecken.
      Sein Wort lass dir gewisser sein,
      Und ob dein Herz spräch lauter Nein,
      So lass doch dir nicht grauen.


      Hier die sieben Sätze von BWV 9 samt ihrer Besetzung im Überblick:

      Nr. 1 Chor „Es ist das Heil uns kommen her“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Flauto traverso, Oboe d‘amore, Violine I/II, Viola, B. c.
      Nr. 2 Rezitativ „Gott gab uns ein Gesetz“ – Bass, B. c.
      Nr. 3 Arie „Wir waren schon zu tief gesunken“ – Tenor, Violine I, B. c.
      Nr. 4 Rezitativ „Doch musste das Gesetz erfüllet werden“ – Bass, B. c.
      Nr. 5 Duett „Herr, du siehst statt guter Werke“ – Sopran, Alt, Flauto traverso, Oboe d’amore, B. c.
      Nr. 6 Rezitativ „Wenn wir die Sünd aus dem Gesetz erkennen“ – Bass, B. c.
      Nr. 7 Choral „Ob sichs anließ, als wollt er nicht“ - Sopran, Alt, Tenor, Bass, Flauto traverso, Oboe d‘amore, Violine I/II, Viola, B. c.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Äußere Einheitlichkeit stiften die drei predigtartigen Rezitative: alle drei singt der Bass, alle drei sind als schlichtes secco-Rezitativ gesetzt.

      Satz 1 – Chor „Es ist das Heil uns kommen her“ (E-Dur, 3/4)

      Ein typischer Choralchor Bachs: Der Chor singt den Choral zeilenweise, die einzelnen Zeilen sind durch Orchesterritornelle verschiedener Länge voneinander getrennt. Die Choralmelodie wird vom Sopran in punktierten Halben gesungen, mithin also ein Takt pro Ton. Die Unterstimmen des Chores setzen stets nach dem Sopran in einander imitierender Weise ein, dabei verwenden sie Motive aus der Orchesterbegleitung.

      In den Ritornellen wirkt der Satz wie ein Doppelkonzert für Traversflöte und Oboe d’amore. Bisweilen gesellt sich die erste Violine konzertierend zu den beiden Bläsern. Sehr reizvoll. Der Dreiertakt bewirkt zusammen mit dem „luftigen“ Satz, der den Begleitstimmen häufig nur kurze Stütztöne zuweist, eine besondere Leichtigkeit der Musik, die dem theologischen Gewicht des Textes zu widersprechen scheint. Oder meint Bach es so wie in Mt 11, 30: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“? Oder wie in Röm 8, 2: „Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“? Ein Tanz der vom Gesetz Befreiten?

      Satz 2 – Rezitativ „Gott gab uns ein Gesetz“ (cis-moll -> h-moll, c)

      Schlichtes secco-Rezitativ mit erwartbaren Dissonanzen. Auffällig sind gegen Ende zwei Spitzentöne, jeweils auf dem Wort „Kraft“.

      Satz 3 – Arie „Wir waren schon zu tief gesunken“ (e-moll, 12/16)

      Da-capo-Arie. – Tonmalerei gleich zu Beginn: Die erste Phrase der Solovioline stürzt sich vom g‘‘ über gut anderthalb Oktaven zum h hinab, Bild des „tief Sinkens“. Synkopieren malen das Verlieren jeglichen Haltes. Der Tenor übernimmt diese Phrase bei seinem ersten Einsatz. Auffällig ist die hohe Dichte des an sich nur dreistimmigen Satzes mit engen Verflechtungen.

      Der seltene 12/16-Takt fordert ein rasches Tempo, das die Musik flüchtig wirken lässt. Dies verstärkt bei angemessener Wiedergabe (Kuijken nimmt den Satz eher ruhig) den Eindruck von Verzweiflung und Haltlosigkeit.

      Satz 4 – Rezitativ „Doch musste das Gesetz erfüllet werden“ (h-moll -> A-Dur, c)

      Schlichtes secco-Rezitativ. – Der Schluss („und fest um Jesu Arme schlingt“) ist als Arioso gesetzt, der B. c. malt dabei das „Schlingen“ mit einer Kette fallender Terzen.

      Satz 5 – Duett „Herr, du siehst statt guter Werke“ (A-Dur, 2/4)

      Da-capo-Form; abermals lässt Bach die Traversflöte und die Oboe d’amore miteinander konzertieren. – Dieser Satz ist ein schier unglaubliches Kabinettstück: Nicht nur die beiden Singstimmen, sondern auch die beiden Instrumental(-ober-)stimmen sind über weite Strecken im strengen Kanon gesetzt, es liegt also ein Doppelkanon vor. – Nur im B-Teil gehen die Instrumente mit den Singstimmen bzw. zieren diese figurativ aus.

      Was soll nun der doppelte Einsatz des Kanons ausgerechnet in diesem Satz, der die Gerechtigkeit aus dem Gesetz (= Kanon) verneint und die Gerechtigkeit aus dem Glauben bejaht? Die einschlägigen Autoren halten sich gerade hier mit einer Deutung zurück, nur Schulz spricht vorsichtig von „Unterstreichen des Ernst des Gemeinten“ und von Verdeutlichung der „Unwandelbarkeit des Gesagten“. Das passt nicht so recht zu anderen kanonischen Sätzen Bachs. Wollte Bach den besungenen Glauben als das eigentliche Gesetz darstellen? Das wäre theologisch plausibel.

      Satz 6 – Rezitativ „Wenn wir die Sünd aus dem Gesetz erkennen“ (fis-moll -> E-Dur, c)

      Schlichtes secco-Rezitativ. – „So schlägt es das Gewissen nieder“ erhält pflichtschuldigst eine fallende Skala, „froh und freudig“ eine auf- und wieder absteigende Akkordbrechung.

      Satz 7 – Choral „Ob sichs anließ, als wollt er nicht“ (E-Dur, c)

      Schlichter vierstimmig-homphoner Choralsatz mit colla parte mitgehenden Instrumenten. Das letzte Wort („grauen“) beginnt mit einem verminderten Akkord, der durch einen Vorhalt im B. c. zusätzlich in seinem Dissonanzgrad gesteigert wird.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)