MOZART, Wolfgang Amadé: Symphonie Nr. 38 D-Dur KV 504 "Prager Symphonie"

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    • MOZART, Wolfgang Amadé: Symphonie Nr. 38 D-Dur KV 504 "Prager Symphonie"

      Jahreswende 1786/87: In Prag war man neugierig geworden auf Wolfgang Amadeus (er selbst nannte sich Amadé) Mozarts „Le nozze die Figaro“. Das mit Mozart befreundete Ehepaar Duschek und der Theatermäzen Graf Johann Josef Thun-Hohenstein ebneten die Wege. Eine Opernaufführung und ein Konzert – gute Aussichten für den Komponisten! Mit Ehefrau Constanze, ein paar Freunden, dem Bedienten Joseph und auch dem Hund Gauckerl reist Mozart mit zwei Kutschen an. Von der Prager „Figaro“ Begeisterung schreibt Mozart bald in einem Brief an einen Freund, und überhaupt erfährt der Komponist hier breite gesellschaftliche Anerkennung. Am 19.1.1787 folgt das Konzert im Nationaltheater. Dabei wird erstmals die am 6.12.1786 fertiggestellte Symphonie Nr. 38 D-Dur KV 504 aufgeführt, die letztendlich den Beinamen „Prager“ erhält. Verehrer Franz Xaver Niemetschek berichtet ganz begeistert von dem Konzert. Was Mozart außer diesem Erfolg aus Prag mitnimmt, ist der Auftrag für die Oper „Don Giovanni“, die schließlich am 29.10.1787 in Prag uraufgeführt werden sollte.

      Für mich brachte das Hören verschiedener Aufnahmen des Werks im Zuge der Vorbereitung des Threads im Lauf der letzten Woche lauter im besten Sinn vollendete Kunstgenussabende. Da offenbarte sich mir ein symphonischer Geniestreich sondergleichen, auf den ich nahezu süchtig wurde. Egal welche Aufnahme – ich war jedes Mal mittendrin in dieser Musik, so stark hielt sie mich in ihrem Bann.

      Splitter zum Werk (alle Details bei wikipedia, siehe unten):

      Diesmal nur drei Sätze, ohne Menuett, aber eben drei ganz besondere, eigenständige, große Sätze. Mozart verlangt neben Oboen, Hörnern und Fagotten hier auch Flöten, und nicht nur das „Gelehrte und Galante“ wird nicht nur dadurch um viele überwältigend geniale Nuancen bereichert, zwischen Operndramatik und Klavierkonzertfarbigkeit.

      Das große Schicksalsdrama der ausführlichen Adagio-Einleitung des ersten Satzes, wo der „Don Giovanni“ seine Schatten vorauszuwerfen scheint (ich vermeine auch schon Beethoven und Schubert „mitzuspüren“), die kontrapunktischen Verflechtungen in der thematischen Verarbeitungskunst des Allegro Hauptsatzes, zumal in dieser Wahnsinns-Durchführung, das zweite Thema, das zuerst in Dur, dann in Moll daherkommt, der pastorale Andante Satz, G-Dur im 6/8 Takt, ohne Pauken und Trompeten, wieder mit besonders erstaunlicher Durchführung, wenn Mozart das Thema in verschiedenen Tonarten jeweils neu ansetzt, Passagen voller Geheimnis, ehe sich das Geschehen fast schubertisch schicksalhaft verdichtet, um dann doch harmonisierend zur Reprise zu gelangen, und dann erst recht das „Opera buffa“ Presto Finale in seiner Themenfülle und farbigen Frische – vollkommene Musik!

      Alles in allem Musik, die mich in ihrem Reichtum an Idee und Gestaltungsvielfalt, aber auch bei aller positiver Spielfreude mit jenem unbegreiflichen Hauch tiefernsten Schauers überwältigt, die die Vollkommenheit noch unbegreiflicher erscheinen lässt. Und Musik, die beim reinen Hören genauso wie beim genauen Mitlesen in den Noten aber sowas von Staunen macht.

      Ich war jetzt viermal mit den Wiener Philharmonikern im Paradies (Böhm, Bernstein, Levine und Muti) und einmal mit dem Concertgebouw Orkest Amsterdam (Harnoncourt). Böhm und Bernstein wiederholen Durchführung/Reprise im ersten Satz sowie die Exposition im zweiten nicht, Böhm erspart sich auch die Wiederholung von Durchführung und Reprise im Finale, wodurch sich deren Spielzeiten (Böhm knapp 29 bzw. Bernstein ca. 31 ½ Minuten) gegenüber den anderen (Harnoncourt ca. 38 Minuten, davon der erste Satz 19:26 Minuten, Levine ca. 36 ½ Minuten und Muti ca. 36 Minuten) deutlich verringern.

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      Karl Böhms Aufnahme entstand im März 1979 im Wiener Musikverein und wurde zunächst auf DGG LP 2531 206 veröffentlicht (CD DGG 413 735-2). Das weiche Wiener Philharmonische Klangbild vermittelt tröstende Geborgenheit in der großen symphonischen Musik, bei allen Brüchen, die sich in den kontrapunktischen Verdichtungen auftun könnten. Das ist die Wiener Böhm Mozart Tradition in Reinkultur. Zubin Mehta schreibt in seiner Biografie, wie er in den 50ern erstmals als junger Student, aus Indien kommend, Böhm und die Philharmoniker im Musikverein gehört hat und völlig überwältigt war. Mozarts Werk trägt entscheidend dazu bei, in meinem jetzigen Fall dieses Gefühl sehr gut nachvollziehen zu können. Ich bin hin und weg nach dieser ersten Aufnahme. Erfüllt mit Mozart in dieser Wiener Musiziertradition.



      Wie stark, wie einmalig dieses Werk ist, offenbart mir umso mehr die zweite gehörte Aufnahme, Nikolaus Harnoncourts im September 1981 in Amsterdam eingespielte Interpretation (CD Teldec 4509-97489-2). Harnoncourt baut gleich im Adagio eine ungeheure dramatische Spannung auf, das ist großes Welttheater. Er führt pointiert und akzentuiert durch das Werk, agogisch recht frei und kontrastiv. Der erste Satz kommt gefühlt langsamer als ich ihn im Ohr habe, damit schärft Harnoncourt aber die Bewusstheit für das Geschehen. Beim zweiten Satz wiederum meine ich, diesen vorher langsamer empfunden zu haben. Hier legt Harnoncourt genaues Augenmerk aufs Fließende des Geschehens. Ausgespielte „Opera buffa“ im Finale, da geht´s zu, aber hallo!



      Zurück in den Wiener Musikverein, Oktober 1985, Leonard Bernstein und die Wiener Philharmoniker (CD DGG 4^5 962-1): das Orchester bereitet Bernstein sein schönstes Klangbild und die ganze mögliche Mozart-Hingabe, wobei alles noch farbiger und bunter durchpulst als bei Böhm erblüht. Wieder komme ich aus dem Staunen nicht heraus – vollkommene Musik, vollendete Wiener Klassik, mit „Beethoven Schicksal“ und „Schubert Schmerz“ „gewürzt“, den dritten Abend überwältigt und verzaubert.

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      Etwas mehr als ein Jahr später, Musikverein, Dezember 1986, jetzt dirigiert James Levine im Rahmen seiner Gesamtaufnahme aller Mozart Symphonien dieses Werk (gehört aus der „Wiener Philharmoniker Symphony Edition“ CD Box der DGG) – dickflüssig-großsymphonisch, im ersten (Hauptsatz) und dritten Satz mitreißend zügig, wie frisch durchgeputzt, ein Fest vor allem der Wiener Streicher. Levines Tempowahl sagt mir bei Mozart immer besonders zu. Im harmonischen Fluss des zweiten Satzes klingt so wie ich es höre das durch, was man mit dieser Interpretationsart tröstend bis heilend nennen könnte. Musik, die der Seele gut tut.



      Riccardo Mutis Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern entstand im September 1997 im Wiener Musikverein (CD Philips 462 587-2). Mutis Mozart-Ansatz mit diesem Orchester wirkt auf mich glutvoller und kräftiger als der Levines, ein sehr lebendig durchpulster Mozart ist das, bei aller weiteren liebevollen Hochachtung vor dem Wiener Klangbild.

      Quellen: Maria Publig: Mozart – Ein Leben für die Musik, Tosa, Wien 2005; Reclams Konzertführer Ausgabe 2001; Werkeinführungen in den CD Beilagen; sowie "http://de.wikipedia.org/wiki/38._Sinfonie_%28Mozart%29" (dort Genaues zur Entstehungsgeschichte, zum Detailaufbau und zur Interpretation).

      Ich möchte hier Werbung machen für eines der genialsten symphonischen Werke der Musikgeschichte, das bis jetzt noch keinen Thread bei Capriccio hatte.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • AlexanderK schrieb:

      Ich möchte hier Werbung machen für eines der genialsten symphonischen Werke der Musikgeschichte, das bis jetzt noch keinen Thread bei Capriccio hatte.
      Danke!

      Die Prager ist eigentlich meine Lieblingssymphonie von Mozart. heute fehlen mir die Worte dafür, vielleicht später...

      PS Mit der Prager fängt jedenfalls eindeutig der reife Mozart an, der (nach den Wiener Fugen-Übungen) polyphone Elemente in seinen Stil integriert und so etwas wie den "symphonischen Kontrapunkt" schafft - in manchen Klavierkonzerten schon etwas früher, aber dies ist die erste Symphonie, die die ganze Meisterschaft seines "Spätstils" offenbart. (Der Mann war 30 Jahre alt... Und irgendwie atmet das Werk auch die lebensfrohe Kraft eines 30jährigen - gepaart mit der Meisterschaft, die schon 25jährige Kunstausübung - vom ersten Menuett an gerechnet - wiederspiegelt.)
      ich höre da auch eine gute Portion Selbstbewußtsein...

      Eine meiner Lieblingsstellen ist im ersten Satz die Überleitung zum 2.Thema, wo eine Art Engführung mit einer Quintschrittsequenz und diesen hämmernden Hörnern gekoppelt ist - das empfinde ich als im höchsten Maße aufregend.

      Nach der Bemerkung von Rosen, daß die im Barock so beliebten Quintschrittsequenzen wegen ihrer "abfallenden" Tendenz in der Klassik eher in "zurückführenden" Formteilen Platz finden (wie z.B. Ende der Durchführung..), kommt mir diese Stelle nochmal besonders verrückt vor - hier geht es um eine Modulation aufwärts (letztendlich), und man empfindet in dieser Sequenz kein "Abfallen", kein Nachlassen der Spannung, sondern höchstens eine Stabilisierung, bevor die Geigenraketen mit chromatischem Bass die Zügel wieder anziehen. Wenn es irgendeines Beispiels für die "Dramatisierung" im klassischen Stil bedarf - hier ist es.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:



      Die Prager ist eigentlich meine Lieblingssymphonie von Mozart. heute fehlen mir die Worte dafür



      Seit ich mich für diese Threaderarbeitung (danke philmus für die anregende Antwort!) in diese Symphonie vertieft habe, fehlen mir eigentlich auch die Worte. DAS ist nun wirklich vollkommene Musik schlechthin für mich. (Aber eh schon der ganze Mozart, ich weiß, viele differenzieren da viel strenger, für mich fängt´s was die Symphonien betrifft mit KV 16 an, allein der langsame Satz, bin da nicht so wählerisch mit dem Wort "vollkommen"...)

      Habe jetzt festgestellt, dass ich doch auch eine DVD mit der "Prager" Symphonie habe und diese gestern noch genossen.



      Aufgenommen wurde sie am 30.7.2006 in der Salzburger Felsenreitschule, der Abschluss einer Mozart Gala mit Daniel Harding und den Wiener Philharmonikern (DVD DGG 00440 073 4430). Mein Eindruck: Der Tonfall ist versöhnlich weich, und Harding, wie Samy Molcho gestikulierend, dirigiert ohne Taktstock einen federnd leichten und flotten Mozart. Nur die Exposition des Finalsatzes lässt er wiederholen, ansonsten fliegt dieser Mozart am Wiener Klangteppich vorbei, ein Mozart ICE, der unter 30 Minuten im Ziel sein möchte. Es wirkt aber niemals gehetzt, immer leicht. Dahinfliegen im Mozart Himmel.

      Mit dieser Symphonie immer.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Gegen den Strich

      3 (4) Aufnahmen der Prager Sinfonie mit Klemperer gibt es in meiner Sammlung:
      Ein spannungsreiche Monoaufnahme von 1950 mit dem RIAS Orchester, sehr schnell und dramatisch!
      Quasi Weißglut und daher so ganz anders als ein lockerer luftiger Mozart. Der Punk geht im letzten Satz voll ab!
      Es gab die Aufnahme früher in der Reihe "Great Conductors", heute muss man wohl zu diesem Schuber greifen.

      Die beiden anderen Aufnahmen sind aus London. Die erste Aufnahme datiert nach 1956 mit dem Philharmonia Orchestra, die zweite ist von 1962, langsamer und ohne Wiederholungen im 1. Satz.
      Beide gibt es hier:

      Auch diese beiden Aufnahmen sind sperriger als der übliche Mozartansatz der damaligen Zeit, aber der Furor der RIAS Aufnahme wird nirgends mehr erreicht.
      Dennoch sind es eben die berühmten Klemp Aufnahmen, wobei die 1962iger die mehr verbreitete wohl war.
      1956 stand er noch am Beginn seiner Alterskarriere, der Stereo eingespielte Brahms und Beethoven sollten erst noch kommen. 1962 war er dann auf dem Höhepunkt seiner Berühmtheit, wenn wohl auch nicht mehr immer auf dem Gipfel seiner Interpretationskunst.
      In der Mischung aus Tonqualität und Interpretation würde die 1956 Aufnahme empfehlen, die von 1962 ist doch arg betulich, die 1954 ist erheblich frischer (2. Satz 8:08 gegen 9:00, Berlin 7:53).
      Lohnen tun sich diese Aufnahmen allemal!
      Allein schon, um die Ohren von allzu gefälligen Gewohnheiten zu reinigen.
      Gruß aus Kiel

      PS: ich habe noch nen Mitschnitt vom Juni 1971 aus Jerusalem. Aber das ist dann der ganz alte schildkrötenhaft langsame Klemperer. Imposant, aber sehr speziell.
      Nachtrag: 21:30 Habe sie gerade nochmals gehört. Zum Niederknien. Das Orchester, wahrlich kein Großes, spielt wie beseelt. Und soooo langsam ist es doch nicht.
      1. Satz o.W in ca. 11:20
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Es gibt noch eine weitere Klemperer-Aufnahme: nämlich mit dem New Philharmonia Orchestra, rec. live in London 10/1968

      Die Hörschnipsel deuten auf Alterslangsamkeit hin, aber mich reizt dieses Album wegen der Kombination mit der von Klemperer orchestrierten Gavotte mit 6 Variationen aus einer Suite von Rameau. Diese Komposition kenne ich bisher nur als Klavierstück, auf das Schönste gespielt von Denis Proshayev auf diesem Album

      Der Bestellfinger zuckt gewaltig - und zwar auch hinsichtlich der vom Doc verlinkten RIAS-Box, die es derzeit gerade mit erheblichem Preisnachlass im Sonderangebot beim Werbepartner gibt.

      Ein herzlicher Dank an AlexanderK für die wie immer profunde Threaderöffnung :thumbup:
      I remember when I was 13 or 14 I wanted to become a conductor. But I thought: How can this be? I don't look like a conductor. Conductors look very old, come from Germany and have white hair. But I come from Mexico, am a kid and I'm a woman.
      (Alondra de la Parra)
    • Rene Jacobs - oh je - oder oh Yeah !

      Auch auf die Gefahr hin mich bei einigen Mozart-Fans in die Nesseln zu setzten (wie anderenorts und auch hier schon geschehen*) möchte ich die Rene Jacobs - Aufnahme als wahnsinnig intertessante Alternative zu den klassichen Aufnahmen der Sinfonie Nr.38 erwähnt wissen.
      Das ist mal was ganz anderes und hat bei mir schon einen überraschenden Hörspass ausgelöst.
      Die Pauken sind die absolute Wucht und das Ganze ist verdammt kurzweilig ! Ja, da geht es zur Sache. Ungleich spannender als die klassische Böhm-Aufnahme (DG).

      Ich habe auch die Mozart - Sinfonien ~ ab Nr.18 in der schönen Aufnahme mit Jaap ter Linden/Mozert Academie Amsterdam (Brillant) die letzten mit Szell (SONY); aber als "zackige" Alternative höre ich den Jacobs auch gerne. *Im tamino-Forum wurde vom Chef sogar geschrieben, das man Mozart-Hasser sein müsste, wenn man diese Aufnahme mag ... was natürlich nicht stimmt !
      Die harmoniaMundi-CD habe ich im Januar dieses Jahres von unserem werten Mitglied Elias Paulus als Tauschobjekt gegen eine Tschaikowsky-CD bekommen. ;( Elias war auch mehr als entsetzt "über so einen Mozart".
      Kann ich ja alles nachvollziehen - aber ich höre Mozart 38 so auch mal gerne. (Die Nr.41 ist zwar im ersten Momant auch interessant, aber von Jacobs eindeutig zu eigenwillig und mit 10:38 im 1.Satz und unüblichen Wdh irgendwie daneben.)


      HarmoniaMundi, 2007, DDD
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Ich habe mal vor längerer Zeit eine Aufnahme der Sinfonie mit George Szell gehört. Allerdings kann ich die nirgens finden. Kennt von Euch jemand diese Aufnahme und weiß wo sie zu erhalten ist?
      Ich habe ansonsten eine Reihe Klavierkonzerte (mit Robert Casadesus) und die Violinkonzerte (mit Isaac Stern) mit Szell, und halte ihn für einen herausragenden Mozart-Dirigenten (aber das ist auch nicht verwunderlich, ist er doch für mich überhaupt einer der ganz Grossen des 20. Jh.). Meine Erinnerung der Aufnahme der Prager Sinfonie ist auch entsprechend positiv. Auch für mich gehört diese Sinfonie zum Gipfel von Mozarts Schaffen für Orchester. Besonders der 3. Satz mit seiner wunderbaren Behandlung der Holzbläser hat es mir angetan.

      LG Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Noch nie von Szells gehört; das muss eine vergleichsweise obskure live-Aufnahme sein... Die angeblich komplette Sony-Box hat 28,33,35, sowie die letzten 3 je einmal mono und stereo. Dann gibt es noch eine 34 auf Philips oder Decca.

      Das Stück war eine der ersten Mozart-Sinfonien, die ich gehört habe, auf einer LP unter Sawallisch (die ich aber nicht mehr finde) und ist bis heute vermutlich meine Lieblingssinfonie dieses Komponisten; in jedem Fall ist der Kopfsatz der beste, den er je komponiert hat, ein unglaublich dichtes, dramatisches, dabei aber weiträumiges (schon die Einleitung) und abwechslungsreiches Stück.

      Das müsste die Aufnahme sein; ich hatte aber eine Einzel-LP mit anderem Cover und es war eher 1987, jedenfalls deutlich vor 1991. Deren Cover kann man auf discogs mit Suche nach (Mozart, Sawallisch, Tschechische) finden

      <>

      Zu recht ein Klassiker ist m.E. Maags Decca/London-Aufnahme von ca. 1960 mit dem London Symphony Orchestra. Das Stück wird ernst genommen, aber dennoch flüssig und brillant. Es gibt auch noch eine spätere Aufnahme Maags mit einem italienischen Orchester, die ist etwas entspannter und stellenweise HIP-nah. Harnoncourt/Concertgebouw gefällt mir auch, wobei der erste Satz mit allen Wdh. und relativ breitem Tempo auf 19 min. kommt, was vielleicht etwas überzogen ist.

      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)


    • Ich wollte eigentlich mein „Mozart Symphonien Projekt“ (alle Symphonien in zur Verfügung stehenden Aufnahmen durchhören) dieser Tage mit dem Start in die „großen Drei“ von 1788 fortsetzen, aber irgendetwas hat mich daran gehindert – gestern kam ich drauf, ich habe ja noch eine Aufnahme der Symphonie Nr. 38 D-Dur KV 504 („Prager“), die ich noch nicht gehört habe, die zweite CD Aufnahme mit Nikolaus Harnoncourt. Sie wurde als Bonus aber doch auch etwas unscheinbar auf einer Wiederveröffentlichung einer Aufnahme Harnoncourts der letzten drei Mozart Symphonien (von 1991) dazu gepackt. Entstanden ist sie live bei der Styriarte in Graz 1993. Es spielt das Chamber Orchestra of Europe (2 CDs Teldec 0630-18957-2). Die Spielzeiten sind fast gleich denen der älteren Aufnahme mit dem Concertgebouw Orkest, Harnoncourt wiederholt also genauso wie seinerzeit in Amsterdam (beide Teile in den Sätzen 1 und 3, erster Teil im zweiten Satz). Mein Höreindruck: Weniger Hall sorgt für trockeneren Klang. Gleichwohl spielt das Orchester mit vollem Einsatz und erzeugt die Farben aus der Intensität des Spiels. Die Einleitung wirkt bedrohlicher, finsterer, wie letztendlich alles etwas schroffer daherkommt. Spätestens wenn das zweite Thema flehentlich erscheint, finde ich mich in einem echten Musikdrama wieder, und auch als solches „funktioniert“ diese Symphonie, erhält sie eine eigene Spannung. Auch hier: Was für geniale Musik, das Polyphone, und wie Mozart in die Reprise führt, einmal mehr ein staunenswertes Wunder. Der zweite Satz – spielt er in der Natur oder höre ich eine hochgeistige Diskussion? Es ist das Dazwischen, was den Reiz ausmacht, die Dimensionen fügen sich ineinander. Das farbenreiche Schauspiel des Finalsatzes höre ich hier als pralle und gleichzeitig weise Komödie.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Re: Rene Jacobs - oh je - oder oh Yeah !

      Yeah Wolfgang!
      Der Jacobs rockt. Das ist wie Klemp 1951 nur mit bester Tonqualität und historischen Instrumenten, doch genauso flott, unerbittlich und voll ätzendem Humor, so scheint es mir.
      Manchem Böhm-Fan mag dabei vor Schreck das Gebiss rausfallen! Dem Lennie Fan brennt die ungerauchte Zigarette die Finger an, der Bourbon fällt runter: Gut so.
      Sicherlich ist Jacobs ohne die Vorarbeiten eines Harnoncourt nicht denkbar, aber ich finde ihn viel schöner, weil er frei von dessen Mätzchen ist.
      Vor allem ist er nicht so seltsam "dogmatisch" (geschmacklos wie Haferschleim) wie andere historisch informierte Kollegen.
      Ach, wie erfrischend!

      Ich höre mich gerade durch die Opern mit Jacobs durch.
      Ein frischer Wind, der duch Mozart weht!
      Wieso habe ich den so lange nicht genossen?

      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Jeder hat andere Vorlieben, wie schön, einige davon kennenzulernen!

      Die hier hab´ ich auch noch:

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      Am 6.11.1955 spielten die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Bruno Walter ein Konzert im Großen Wiener Musikvereinssaal, in dem Wolfgang Amadeus Mozarts Symphonie Nr. 38 D-Dur KV 504 („Prager“) und Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4 G-Dur (mit Hilde Güden, Sopran) auf dem Programm standen. Der Mitschnitt des Österreichischen Rundfunks wurde von der DGG in einer Wiener Philharmoniker Jubiläumsedition (150 Jahre 1992) veröffentlicht (CD DGG 435 334-2). Die 24 Minuten Mozart daraus (Walter lässt keine Wiederholungen spielen) offenbaren (so mein persönlicher Höreindruck) großorchestral im Monoklang Mozart, einfach nur Mozart, mit Herz, Respekt vor, Leidenschaft für und Liebe zum Genie Mozart. Eine Aufnahme, die mir sehr nahe geht (genauso wie die Mahler Vierte danach).
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Frans Brüggen

      1986 hat Frans Brüggen mit seinem Orchestra of the 19th Century die 38 für Philips eingespielt. Unter was für einem Label sie zur Zeit angeboten wird, bzw. ob sie zur Zeit überhaupt angeboten wird, kann ich nicht sagen. Ich hab sie jedenfalls nicht gefunden.
      Frans Brüggen liefert eine sehr grimmige, wuchtige 38 ab, der er erst im letzten Satz eine gehörige Prise schwarzen Humors gewährt und sie damit in unmittelbare Nähe zu Don Giovanni rückt (etwas, was ich bei Jacobs ein bissche vermisse.).
      Vom Klang her deutlich rauher als die Aufnahme von Rene Jacobs und auch langsamer, bewegt sie sich doch in der selben Liga wie diese.

      Spartacus
      :wink:
      Für Monika


    • Die dritte Aufnahme von Wolfgang Amadeus Mozarts Symphonie Nr. 38 D-Dur KV 504 „Prager“ unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt, diesmal fürs Fernsehen, entstand live am 13. und 14.7.2001 im Grazer Stefaniensaal, im Rahmen der Styriarte Haydn- und Mozart-Konzerte des Concentus Musicus Wien mit Cecilia Bartoli (DVD BBC/Opus Arte OA 0869 D). Wieder lässt Harnoncourt (wie immer ohne Taktstock) alle Wiederholungen spielen (Spielzeit 37:44 Minuten). Mein Eindruck: Was ist das für eine herzliche, musikantische Aufnahme, was für ein schönes Dokument lebendigen Mozartspiels – menschlich, herzlich, handgemacht, liebevolle Klangrede, alle mit Herz und Seele und vollem Einsatz dabei. Die Musik „spricht“, sie schreit, sie tröstet, es ist kraftvolle, universelle symphonische Musik. Die Unbedingtheit und Leidenschaft aller Mitwirkenden ist sicht- und hörbar. Der zweite Satz kommt belebt schwebend und dabei doch ganz „geerdet“ daher, das Finale als wirklich feuriges Presto. Diese DVD Aufnahme mag ich sofort sehr gerne.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hier ein weiterer persönlicher Höreindruck:



      Haben die damals eine Energie gehabt, auf Teufel komm raus – in den Hauptsatz des ersten Satzes von Mozarts „Prager“ Symphonie D-Dur KV 504 stürzten sich Bruno Walter und die Wiener Philharmoniker im Dezember 1936 im Großen Wiener Musikvereinssaal nach der ernsten Einleitung betont energievoll rasch und nervös, nur beim zweiten Thema nahmen sie sich etwas zurück. Der zweite Satz erklingt klangsatt großsymphonisch. Und im spritzigen Finale kommen die Forte-Ausbrüche wie der Komtur zum Festmahl des Don Giovanni. Viel Hall prägt diese Mono Aufnahme zusätzlich. Bruno Walter ließ damals keine Wiederholungen spielen. Eine „Prager“ Symphonie fast wie um Leben und Tod. Gehört aus der oben abgebildeten 10 CD Box Membran 232540.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Mit Mozarts "Prager" hatte ich gestern ein Hörfunkerlebnis der dritten Art: Schon lange sprechen mich die Mozart-Sinfonien nicht mehr unmittelbar an, weshalb ich sie von der (durchaus vorhandenen) Konserve kaum noch genieße. Aber bei dem, was mir am Sonntagnachmittag kurz vor 15 Uhr aus dem gerade spontan während der Arbeit angeschalteten Radioapparat entgegen klang, hatte ich sehr schnell den Eindruck, es handele sich eigentlich doch um eine wirklich grandiose, melodisch und harmonisch ungemein reiche, zuletzt von mir arg verkannte Komposition. Weiterhin fand ich die Interpretation ganz ausgezeichnet. Sie wirkte vital und spannungsreich, zudem aber auch klanglich sehr vielschichtig und intensiv, beinahe glühend. Das Orchester entwickelte mit seinen Farben eine regelrechte "Aura", in der Mozarts Musik auf eine großartige Art zu leuchten begann.

      Als Daniel Hopes Abspann kam, wollte ich meinen Ohren nicht trauen! Gespielt hatten die Berliner Philharmoniker unter keinem anderen als Herbert von Karajan.

      Nicht zuletzt befeuert durch die Abneigung meiner damals maßgeblichen Instrumentallehrer ist Karajan für mich immer ein rotes Tuch gewesen. Viele seiner Aufnahmen empfand ich als rechteckig-steril-kommerziell auf reinen Schönklang getrimmt. Diese Mozart-Interpretation, die mir plötzlich wieder die Ohren für eine zu Schulzeiten geliebte, aber mir mittlerweile verschüttete Musik geöffnet hat, belehrte mich abrupt eines Besseren! :schaem1: :schaem1: :schaem1:

      Und gleichzeitig wurde mir noch einmal klarer, dass mir die meisten der sich besonders "historisch informiert" wähnenden Mozart-Dirigenten mit ihrem betont trockenen Stil, ihrer rhythmischen Peitsche, ihren knalligen Sforzati etc. usf.... - den Weg zu Mozart weit mehr verstellen als ebnen.

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • Mit Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern habe ich zwei Aufnahmen von Mozarts Sinfonie Nr. 38 D-Dur KV 504 "Prager" gefunden:

      EMI/Warner:
      bzw. bzw.
      (AD: September 1970, Jesus-Christus-Kirche, Berlin-Dahlem)
      Spielzeiten: I: 10:22 / II: 08:55 / III: 05:48

      DGG:
      bzw.
      (AD: Oktober 1977, Philharmonie, Berlin)
      Spielzeiten: I: 10:16 / II: 08:57 / III: 05:33
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Welche der beiden Aufnahmen am Sonntag im WDR gebracht wurde (der die Sendung moderierende Geiger Daniel Hope sprach übrigens völlig zu Recht von einer "Sternstunde"), weiß ich leider nicht.

      Es kann sich um die Einspielung, auf die man bei Youtube zunächst stößt, wenn man Mozart, Prager Symphonie und Karajan eingibt, gehandelt haben...hier begeistert mich allerdings nur das Allegro, aber das Adagio habe ich ja im Radio verpasst.... :/

      Man könnte gewiss beim Sender nachfragen, aber dazu fehlt es mir gerade an Energie und Ehrgeiz.

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:

      Man könnte gewiss beim Sender nachfragen, aber dazu fehlt es mir gerade an Energie und Ehrgeiz.
      Auf der WDR-Seite findet man die Sendung noch: www1.wdr.de/mediathek/audio/wd…an-zum--todestag-100.html. Der 1. Satz dauert geht dort von 1:43:00 bis 1:53:12. Ob es sich um die Aufnahme von 1970 oder die von 1977 handelt, wird allerdings nicht klar. Ich tippe auf 1977, wegen der von Lionel oben angegebenen Spielzeiten.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Danke für den Hinweis, Gurnemanz!

      Nach kurzem vergleichenden Hören bin ich mir sehr sicher, dass das, was auf WDR 3 zu erleben war, mit der Youtube-Version identisch ist: youtube.com/watch?v=BqKahdwGegI:

      Wie gesagt: Meine Perspektive auf Karajan hat sich seit Sonntag deutlich verändert. Nicht in allen Punkten natürlich, aber in Hinblick auf die nicht ganz unwesentliche Frage der Gestaltungskompetenz....

      Heute kam auf dem gleichen Sender eine Aufnahme der "Vier letzen Lieder" (Strauss) mit wieder den Berlinern unter H.v.K. und Gundula Janowitz. Ich kannte diese Version bereits, weil ich sie auf LP besitze - und ich kann mich erinnern, dass sie mir schon zu Studienzeiten erschreckend gut gefallen hat. Aber die erneute Begegnung nach langer Zeit (mein Plattenspieler ist seit x Jahren defekt) hat mich regelrecht vom Stuhl gerissen! Sorry, ich gerate mal wieder ins Offtopische.... :schaem1: :versteck1:

      Herzliche Grüße

      Bernd