Polyphone Jodel-Klänge der Pygmäen aus dem zentralafrikanischen Urwald

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    • Polyphone Jodel-Klänge der Pygmäen aus dem zentralafrikanischen Urwald

      Anlässlich des Kinostarts eines Films über die Bayaka-/Aka-Pygmäen und einen Amerikaner, der im zentralafrikanischen Urwald bei den Bayaka-Pygmäen lebt,
      (habe ihn noch nicht gesehen, klingt aber sehr spannend)

      Film = "Song from the Forest"
      "http://songfromtheforest.com/de/"

      und Hörschnipsel
      "http://www.gruenrekorder.de/?page_id=12032"

      hier Hörproben dieser Art von Musik aus der Tube:
      "http://www.youtube.com/watch?v=HRVPieyKv8M"
      "http://www.youtube.com/watch?v=98Xj_oLkRT4"


      Mir gefällt dieses "schräge Gejodel", es ist zwar anders als das georgische "schräge Gejodel", aber ähnlich faszinierend.
      Wobei Tube und Kopfhörer den Effekt des Gesangs im Urwald nun wirklich nicht nachbilden kann.

      Auch Flöten gab es, s. Film-Hörschnipsel.
      Ob eines Tages jemand aus den Flöten-Bruchstücken wieder so eine Flöte schnitzen und diese Töne wieder entlocken wird?

      Dies nur als kurzer Hinweis, wieder eine ganz eigene musikalische Welt


      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • Es gab inden 1970er Jahren in der von der UNESCO finanzierten LP Reihe bei Bärenreiter "Anthology of African Music" eine Folge mit Musik der Ba-Benzelé, die ist die beste Einführung in diese Musik. Polyphon ist das aber nicht. Die Einton-Pfeifen sind aus Papayabaumzweigen gemacht und heissen Hindewhu, da wird zu dem einen Pfeifenton in bestimmten Intervallen rhythmisch gesungen; der Gesang dieser Ethnie ist im wesentlichen ebenso. Mein Percussionistenvorbild Bill Summers hat auf der 1973er Aufnahme von Chameleon bei Herbie Hancock's Head Hunters eine Hindewhu gespielt - diese UNESCO-LP war vielen Afro-Amerikanischen Musikern bekannt, Elvin Jones und Doug Hammond haben ebenfalls davon inspirierte Stücke gemacht. Aber diese erste Welle von Interesse an der Musik der Ba-Benzelé hat leider nicht lange gehalten.
      Man lese z.B.:
      Colin M. Turnbull, Molimo - Drei Jahre bei den Pygmäen, Köln 1963 (Original: The Forest People)
      Louis Sarno, Der Gesang des Waldes - Mein Leben bei den Pygmäen, München 1993 (Original: Songs From The Forest)
      Turnbulls Buch ist eines der schönsten über eine afrikanische Ethnie, die je geschrieben wurden. Der "Forest" ist der Ituri im Nordost-Kongo.
    • Miguel54 schrieb:

      Polyphon ist das aber nicht


      Ich bin da wirklich kein Kenner, aber das irritiert mich jetzt. Die Musik der MaAka scheint doch im allgemeinen als polyphon beschrieben zu werden (aber nicht die Musiken der meisten anderen sogenannten "Pygmäen"-Völker.) Was ich kenne, etwa von der verlinkten Ligeti/Reich/Aka-CD, scheint mir dazu zu passen.

      Das Standardwerk scheint immer noch Michelle Kisliuk: Seize the Dance! BaAka Musical Life and the Ethnography of Performance, 2000 Oxford University Press, zu sein oder gibt es seitdem besonders wichtiges Neues?.

      Es ist lange her, dass ich in Kisliuk mal, zugegeben, auch nur reingelesen habe und mein Focus war ein anderer. Mich interessierte vor allem das Verhältnis von oral-tradiert Festgelegtem und Improvisierten und das Verhältnis von musikalischer Form und ziemlich egalitärer Gesellschaftsstruktur. Faszinierend fand ich dabei insbesondere Kisliuks ethnographische Beschreibung des Verhältnis von Kollektivität und individueller Besonderheit, wie es sich ihr in der Musik und dem Tanz, wie überhaupt der Gesellschaft der Aka, darstellte. Fand ich stark, gegen solche Thesen wie Individualität als neuzeitliche oder moderne Erfindung oder Individualität als vermeintlicher Gegensatz zu Kollektivität oder Egalitarismus.

      Aber wie ich Kisliuk in Erinnerung habe, starten die Aka-Gesänge zwar unisono, werden dann aber polyphon (und polyhythmisch) fortgesetzt. Das geht nach ziemlich komplexen oral tradierten Regeln, für deren Erlernen von Kindheit an viel Zeit aufgewendet wird, die aber auch individuelle Ausgestaltungen erlauben, was ebenfalls ausführlich geübt wird.

      Doch ich bin kein Musikethnologe und vielleicht habe ich ja ihre musikalischen Beschreibungen mißgedeutet oder falsch in Erinnerung und habe das Buch nicht greiffbar.

      Colin M. Turnbull, Molimo - Drei Jahre bei den Pygmäen, Köln 1963 (Original: The Forest People)
      Louis Sarno, Der Gesang des Waldes - Mein Leben bei den Pygmäen, München 1993 (Original: Songs From The Forest)
      Turnbulls Buch ist eines der schönsten über eine afrikanische Ethnie, die je geschrieben wurden.


      Ja, ein sehr schönes Buch. Für eine ethnographische Studie der 60er sicherlich ungewöhnlich offen subjektiv, dabei aber nicht unreflektiert und sehr sensibel.

      :wink: Matthias
    • Ich als "Pygmäe" (schwachsinniger Name übrigens) möchte euch hiermit mitteilen:
      Ihr Westler nervt. Ihr analysiert alles nach euren Maßstäben. Das ist ja ok. Aber bleibt doch bitte bei euren Bachs, Mozarts, etc. Da habt ihr genug zu tun. Deren Musik ist total fehlerbehaftet. Nein, das war ein Scherz. Was interessieren uns eure Komponisten. Dazu noch welche, die gar nicht mehr leben.

      Aber lasst euch eines gesagt sein: Wir singen nicht polyphon. Und auch nicht homophon. Nicht mal xylophon oder saxophon. Sowas tun wir nicht. Wir könnten euch das detailliert erklären. Aber ehrlich gesagt fehlt uns dazu die Lust und vor allem die Zeit. Wir haben nicht so viel Zeit wie ihr.
    • Ecclitico schrieb:

      Ich als "Pygmäe" (schwachsinniger Name übrigens) möchte euch hiermit mitteilen:
      Ihr Westler nervt. Ihr analysiert alles nach euren Maßstäben. Das ist ja ok. Aber bleibt doch bitte bei euren Bachs, Mozarts, etc. Da habt ihr genug zu tun. Deren Musik ist total fehlerbehaftet. Nein, das war ein Scherz. Was interessieren uns eure Komponisten. Dazu noch welche, die gar nicht mehr leben.

      Aber lasst euch eines gesagt sein: Wir singen nicht polyphon. Und auch nicht homophon. Nicht mal xylophon oder saxophon. Sowas tun wir nicht. Wir könnten euch das detailliert erklären. Aber ehrlich gesagt fehlt uns dazu die Lust und vor allem die Zeit. Wir haben nicht so viel Zeit wie ihr.


      PS: Auch nicht heterophon. Wir singen komplett unphon. Und das ist gut so.
    • "Phonie", egal welche, ist ein westliches Denkkonzept, insofern hast Du recht. Genau das meinte ich, als ich meinte, diese Musik sei nicht polyphon.

      Ich habe die Bzeichnung "Pygmäen" übrigens nur in der Angabe des Buchtitels verwendet, aus gutem Grund. Über die Eurozentrismen der Anthopologie und Ethnologie, auch der Musikethnologie, brauhen wir uns nicht zu streiten - die Musikethnologen der letzten Jahrzehnte haben einiges geändert.
    • Miguel54 schrieb:

      "Phonie", egal welche, ist ein westliches Denkkonzept, insofern hast Du recht. Genau das meinte ich, als ich meinte, diese Musik sei nicht polyphon.


      Hm, das überzeugt mich jetzt nicht. Besonderte ökonomische Strukturen sind auch modernespezifisch, trotzdem finde ich es sinnvoll und möglich, auch in nicht-modernen/nicht-westlichen Gesellschaften analytisch Produktionsweisen oder unterschiedliche Allokationsprozesse und Austauschformen zu unterscheiden, auch wenn die Ökonomie dort nicht ausdifferenziert als relativ autonomes 'Subsytem' existiert, was natürlich extrem wichtig auch zu berücksichtigen und mitzudenken ist.

      Miguel54 schrieb:

      Über die Eurozentrismen der Anthopologie und Ethnologie, auch der Musikethnologie, brauhen wir uns nicht zu streiten - die Musikethnologen der letzten Jahrzehnte haben einiges geändert.


      Ja, und das ist gut so, aber deswegen sind doch analytische Kategorien nicht nur aus dem Alltagsverstand der jeweiligen Gesellschaft entwickelbar. Wissenschaft ist doch eher die approximative Auseinandersetzung und der Bruch mit jeder kulturzentristischen Sichtweise.

      :wink: Matthias