Bach, J. S.: Kantate Nr. 148 „Bringet dem Herrn die Ehre seines Namens“

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    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 148 „Bringet dem Herrn die Ehre seines Namens“

      Diese Kantate komponierte Bach für den 17. Sonntag nach Trinitatis. Doch in welchem Jahr? Zunächst die Fakten: Christian Friedrich Henrici alias Picander veröffentlichte im Jahr 1725 in seinem Werk „Erbauliche Gedanken“ einen Text zum selben Sonntag, der mit dem Libretto dieser Kantate so offensichtlich verwandt ist, dass man eigentlich nur fragen kann, welcher von beiden zuerst da war und welcher eine redaktionelle Überarbeitung darstellt. Die einzige erhaltene Abschrift der Partitur von BWV 148 stammt von Bachs Schwiegersohn Johann Christoph Altnickol, der erst 1744 nach Leipzig kam, und gibt keinen Hinweis auf das Entstehungsjahr. Einzelstimmen sind nicht überliefert.

      Kein Wunder, dass sich die Experten mangels klarer Befunde nicht einig sind. Alfred Dürr nennt die Gründe: „Nun bietet jedoch die Quellenüberlieferung einige Hinweise, die auf eine Komposition des Werkes durch Bach bereits zum 19. September 1723 deuten könnten [ … ] Da aber die Quellenkritik über Vermutungen hinaus keine einwandfreien Belege liefert, muss auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass Bachs Komposition erst einige Jahre später entstanden ist.“ – Hans-Joachim Schulze schreibt „[BWV 148] entstand wahrscheinlich in den ersten Jahren von Johann Sebastian Bachs Tätigkeit als Thomaskantor in Leipzig“ und bezeichnet die Kantate als „Komposition, die man sich [ … ] am besten im September desselben Jahres [1725] entstanden denken kann“. Christoph Wolff nennt den 19. September 1723, versieht das Datum aber mit einem Fragezeichen, Klaus Hofmann (im Beiheft der Suzuki-Aufnahme) sagt sinngemäß dasselbe.

      Das Evangelium des Sonntags war Lk 14, 1-11: Und es begab sich, dass er an einem Sabbat in das Haus eines Oberen der Pharisäer kam, das Brot zu essen, und sie belauerten ihn. Und siehe, da war ein Mensch vor ihm, der war wassersüchtig. Und Jesus fing an und sagte zu den Schriftgelehrten und Pharisäern: Ist's erlaubt, am Sabbat zu heilen oder nicht? Sie aber schwiegen still. Und er fasste ihn an und heilte ihn und ließ ihn gehen. Und er sprach zu ihnen: Wer ist unter euch, dem sein Sohn oder sein Ochse in den Brunnen fällt, und der nicht alsbald ihn herauszieht, auch am Sabbat? Und sie konnten ihm darauf keine Antwort geben. Er sagte aber ein Gleichnis zu den Gästen, als er merkte, wie sie suchten, obenan zu sitzen, und sprach zu ihnen: Wenn du von jemandem zur Hochzeit geladen bist, so setze dich nicht obenan; denn es könnte einer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, und dann kommt der, der dich und ihn eingeladen hat, und sagt zu dir: Weiche diesem! und du musst dann beschämt untenan sitzen. Sondern, wenn du eingeladen bist, so gehe hin und setz dich untenan, damit, wenn da kommt, der dich eingeladen hat, er zu dir sagt: Freund, rücke hinauf! Dann wirst du Ehre haben vor allen, die mit dir zu Tisch sitzen. Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.

      Entgegen diesem Evangeliumstext, in dessen erstem Teil Jesus das Sabbatgebot gegenüber den Pharisäern und Schriftgelehrten in herausfordernder Weise in Frage stellt, ist der Kantatentext das hohe Lob des Sabbats.

      Der erste Satz hat Ps 29, 2 zur Grundlage. Die beiden Verse stehen allerdings auch in Ps 96, 8a+9a.

      Nr. 1 Chor
      Bringet dem Herrn Ehre seines Namens, betet an den Herrn im heiligen Schmuck.


      Arie Nr. 2 bekundet den Eifer, das Wort Gottes im heiligen Haus zu hören.

      Nr. 2 Arie
      Ich eile, die Lehren
      Des Lebens zu hören
      Und suche mit Freuden das heilige Haus.
      Wie rufen so schöne
      Das frohe Getöne
      Zum Lobe des Höchsten die Seligen aus!


      Nr. 3 preist die Sabbatsfeier als heilig und teuer. Der nach frischem Wasser schreiende Hirsch findet sich in Ps 42, 2. „Gemeine“ ist eine alte Form von „Gemeinde“.

      Nr. 3 Rezitativ
      So wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit,
      So schrei ich, Gott, zu dir.
      Denn alle meine Ruh
      Ist niemand außer du.
      Wie heilig und wie teuer
      Ist, Höchster, deine Sabbatsfeier!
      Da preis ich deine Macht
      In der Gemeine der Gerechten.
      O! wenn die Kinder dieser Nacht
      Die Lieblichkeit bedächten,
      Denn Gott wohnt selbst in mir.


      Die zweite Arie beteuert die Offenheit gegenüber den Lehren. „Ich in dich und du in mich“ ist ein Nachklapp von Formulierungen der mystischen Jesusminne, wie sie sich bspw. auch in der fünften Strophe des Liedes „Gott ist gegenwärtig“ des evangelischen Mystikers Johann Tersteegen (1697-1769) findet: „Ich in dir, du in mir, / lass mich ganz verschwinden, / dich nur sehn und finden.“

      Nr. 4 Arie
      Mund und Herze steht dir offen,
      Höchster, senke dich hinein!
      Ich in dich, und du in mich;
      Glaube, Liebe, Dulden, Hoffen
      Soll mein Ruhebette sein.


      Rezitativ Nr. 5 bittet um den Fortbestand der mystischen Vereinigung und wendet den Blick auf den „großen Sabbat“, das große Abendmahl, die Ewigkeit bei Gott.

      Nr. 5 Rezitativ
      Bleib auch, mein Gott, in mir
      Und gib mir deinen Geist,
      Der mich nach deinem Wort regiere,
      Dass ich so einen Wandel führe,
      Der dir gefällig heißt,
      Damit ich nach der Zeit
      In deiner Herrlichkeit,
      Mein lieber Gott, mit dir
      Den großen Sabbat möge halten.


      Welcher Choral am Schluss gesungen wurde, ist unklar – die Partiturabschrift überliefert den Choralsatz ohne Text. Die Melodie ist diejenige von „Auf meinen lieben Gott“. Suzuki und Koopman ließen in ihren Aufnahmen „Amen zu aller Stund“ singen, die sechste Strophe dieses Liedes. Dürr druckt ebenfalls diese Strophe, erwähnt aber auch, dass Spitta und die (erste) Bach-Ausgabe die Strophe „Führ auch mein Herz und Sinn“ aus dem Lied „Wo soll ich fliehen hin“ bevorzugen; dieses wurde in Leipzig auf dieselbe Melodie gesungen. („Führ auch mein Herz und Sinn / durch deinen Geist dahin, / dass ich mög alles meiden, / was mich und dich kann scheiden, / und ich an deinem Leibe / ein Gliedmaß ewig bleibe.“)

      Nr. 6 Choral
      Amen zu aller Stund
      Sprech ich aus Herzensgrund;
      Du wollest uns tun leiten,
      Herr Christ, zu allen Zeiten,
      Auf dass wir deinen Namen
      Ewiglich preisen. Amen.


      Hier die sechs Sätze von BWV 148 samt ihrer Besetzung im Überblick:

      1. Chor „Bringet dem Herrn die Ehre seines Namens“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Trompete, Oboe I/II (?), Taille (?), Violine I/II, Viola, B. c.
      2. Arie „Ich eile, die Lehren des Lebens zu hören“ – Tenor, Violine solo, B. c.
      3. Rezitativ „So, wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit“ – Alt, Violine I/II, Viola, B. c.
      4. Arie „Mund und Herze steht dir offen“ – Alt, Oboe d’amore I/II, Oboe da caccia, B. c.
      5. Rezitativ „Bleib auch, mein Gott, in mir“ – Tenor, B. c.
      6. Choral „Amen zu aller Stund“ (?) – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Oboe I/II (?), Taille (?), Violine I/II, Viola, B. c.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Satz 1 – Chor „Bringet dem Herrn die Ehre seines Namens“ (D-Dur, alla breve)

      Ob die Leipziger am sechzehnten Sonntag nach Trinitatis mit solchem Festglanz gerechnet haben? Die Solotrompete spielt fast durchgehend und setzt dieser Musik die Glanzlichter auf. Harmonisch dominieren die Haupttonarten, gelegentlich kommt eine Mollparallele hinzu, die Kadenzen sind geradlinig und unkompliziert.

      Nach dem Vorspiel des Orchesters ist der erste Choreinsatz homophon und stellt den gesamten Text des Satzes wie ein Motto voran. Ein kurzes Orchesterzwischenspiel leitet über zum zweiten Einsatz des Chores, der abermals homophon beginnt, doch rasch in einen doppelfugenartigen Abschnitt über die erste Texthälfte übergeht. Die Trompete steuert darin einen letzten Einsatz bei, dann folgt schon die zweite Fuge, die die zweite Texthälfte vertont. Hier kommt die Trompete schon vor dem Einsatz der Chorbässe hinzu. Ein weiteres Zwischenspiel des Orchesters führt zu einer Wiederholung des Vorspiels, nun aber unter Mitwirkung des Chores. Diese Reprise beginnt in h-moll und wendet sich dann geschickt in die Haupttonart zurück, was das Vorliegen einer Wiederholung ein wenig verschleiert.

      Alfred Dürr hat nachgewiesen, dass beide Fugenthemen auf das Material des Orchestervorspiels zurückgeführt werden können. (These: Bach hat zuerst die Form des Satzes geplant, dann die Fugen komponiert, zumindest konzipiert, nun mit dem Material der Fugenthemen die abschließende „Wiederholung“ des Vorspiels mit Chor geschaffen und zum Schluss aus alledem den Satz komponiert.) – Dass Oboen hier mitspielen, geht aus der überlieferten Partiturabschrift nicht hervor; da im Laufe der Kantate drei Oboen eingesetzt werden, ist es naheliegend, dass diese die Streicherpartien verstärken sollen, wie dies auch in anderen Kantaten der Fall ist.

      Satz 2 – Arie „Ich eile, die Lehren des Lebens zu hören“ (h-moll, 6/8)

      Virtuos-konzertante Arie in Triobesetzung für Tenor, Violine solo und B. c. Das Soloinstrument führt die besungene „Freude“ und das „frohe Getöne“ trefflich mit lebhaften Figurationen vor Ohren, die „Eile“ fand ihren Niederschlag in der emsigen Geschäftigkeit aller Stimmen. Auch in dieser Arie tragen die Schlüsselwörter die längsten Koloraturen: „eile“, „hören“, „Freuden“. – Deutlich variiertes da capo.

      Satz 3 – Rezitativ „So, wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit“ (G-Dur, c)

      Accompagnato-Rezitativ, die Streicher begleiten den Alt mit ausgehaltenen Akkorden. Auffällig ist die tiefe Lage des Instrumentalsatzes zu Beginn, die ab „heilig“ deutlich höher wird, weiter ansteigt und bei der „Gemein(d)e der Gerechten“ ihren Höhepunkt erreicht, bis bei den „Kindern der Nacht“ wieder niedrigere Regionen angesteuert werden und zum Schluss bei „Gott wohnt selbst in mir“ wieder der ruhige, tiefe Klang des Anfangs erreicht wird.

      Satz 4 – Arie „Mund und Herze steht dir offen“ (G-Dur, c)

      Da-capo-Arie mit drei Doppelrohrblattinstrumenten. – Fröhliche Achtelbewegung in allen Stimmen prägt diesen Satz. Im A-Teil pausiert der B. c. einige Male beim Einsatz der Singstimme. Offenbar steht dies für die gläubige Seele, die in mystischer Ekstase („Ich in dich und du in mich“) jede Erdenschwere und Erdgebundenheit verloren hat. – Im B-Teil wird das „Ruhebette“ einmal durch einen lang ausgehaltenen Ton im B. c., einmal in der Singstimme nachgezeichnet.

      Satz 5 – Rezitativ „Bleib auch, mein Gott, in mir“ (e-moll -> fis-moll, c)

      Schlichtes secco-Rezitativ. – Die ersten vier Töne im B. c. (dis–e–cis–d) sind eine transponierte Version des Krebses von B-A-C-H. Hat das etwas zu sagen? Wahrscheinlich nicht. Falls doch, so hätte Bach diesen Satz heimlich unterschrieben (es sind aber 15 Töne im B. c. …).

      Satz 6 – Choral „Amen zu aller Stund“ (?, fis-moll, c)

      Schlichter vierstimmig-homophoner Choralsatz mit colla parte mitspielenden Instrumenten.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)