Puccini: "Turandot" - Staatstheater Nürnberg, 04.10.2014

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    • Puccini: "Turandot" - Staatstheater Nürnberg, 04.10.2014

      Puccinis letzte Oper „Turandot“ blieb unvollendet. Nachdem sich Liu vor den Augen aller Anwesenden selbst getötet hat, damit sie nicht in Versuchung kommt unter der Folter den Namen des unbekannten Prinzen zu verraten, bricht die Komposition ab. Üblicherweise wird das Stück mit dem Schluss des Komponisten Franco Alfano gespielt. Da kommt es zum Happy End, nachdem der Prinz Turandot geküsst und dieser ihr selbst seinen Namen verraten hat. Nicht so in der Neuinszenierung von Calixto Bieito in Nürnberg. Hier bleibt das Stück Fragment und endet nach der eingangs beschriebenen Selbstmordszene ziemlich düster.

      „Turandot“, oberflächlich betrachtet ein Märchen aus Chinas Kaiserzeit, offenbart unter dieser Oberfläche ein blutrünstiges Drama mit psychologischem Tiefgang. Turandot, deren Ahnin Lou-Ling von Tartaren brutal vergewaltigt wurde, verweigert sich den Männern. Nur wer drei Rätsel lösen kann, die sie stellt, soll sie heiraten dürfen. Wer scheitert, wird öffentlich enthauptet - ein Schauspiel, nachdem das Volk geradezu giert. Calaf, der nächste Bewerber, stellt sich den Fragen und kann sie alle beantworten. Aber er stellt nun seinerseits selbst ein Rätsel. Bis zum nächsten Morgen soll Turandot herausfinden, wie er heisst, dann soll sein Kopf ihr gehören. Turandot schafft es nicht, den Namen herauszufinden, obwohl sie mit Folter und Gewalt zur Sache geht oder gehen lässt. Calaf selbst offenbart ihr den Namen und sie willigt in die Heirat ein.

      Allesamt sind die handelnden Personen gestörte, auch neurotische Individuen, Gewalt gehört zum systembestimmenden Alltag der Pekinger Gesellschaft und ob die Liebe oder (wie in Nürnberg formuliert) die Poesie die Gewalttätigkeit der „Turandot“-Gesellschaft überwinden kann, darf bezweifelt werden. Vor einigen Jahren hat Tilman Knabe in Essen starke Bilder für diese „Turandot“ gefunden und auch einen düsteren, in den Gesamtkontext passenden Schluss ohne Liebe inszeniert.

      Calixto Bieito (wieder unterstützt von der Bühnenbildnerin Rebecca Ringst und dem Kostümbildner Ingo Krügler) geht einen weniger konkreten Weg als Knabe und liefert eine eher sperrige Interpretation des Stückes ab.

      Ein unbestimmtes Heute wird szenisch imaginiert. Die leergeräumte Bühne zeigt eine Art Lagerhalle, die nach hinten von Pappkartons begrenzt wird. Hier werden anscheinend Babypuppen produziert. Blaue Ameisen bilden das in oft kollektiv gleichförmigen Bewegungen agierende Volk, unter ihnen Timur, sein Sohn Calaf und Liu. Die Unternehmensführung wird von Militärs unterstützt. Calaf, der zuerst lange und alleine an der Rampe steht – und der schon als einziger Radfahrer als Aussenseiter auffällt – bricht aus der Masse aus und wechselt quasi die Seiten: weg vom Volk hin zur rätselhaften und rätselstellenden Turandot. Er lenkt damit gleichzeitig den Blick auf die warnenden Stimmen von Liu und Timur und alle drei werden geprügelt und mit einem Schild um den Hals als „Verräter“ stigmatisiert. Zu sehen ist übrigens sonst nichts: kein Henker, kein persischer Prinz, keine der Hinrichtung dieses Prinzen beiwohnende Prinzessin.

      Zu Beginn des zweiten Aktes der pausenlosen Aufführung tritt eine geschändete Frau mit blutendem Mund und ebenfalls blutender Scham mit drei Kleidern auf die Bühne. Sie ist geradezu grotesk mit Blumen geschmückt und während rote Lampions vom Schnürboden heruntergelassen werden, ziehen sich die Militärs Ping, Pang und Pong die weissen Hochzeitskleider über. Ersterer darf dazu noch kothurnartige Stiefel überstreifen, während Pang und Pong zärtlich miteinander tanzen, bevor alle drei lüstern die geschändete Frau bedrängen und sich auch an ihrem Blut erregen.

      Seniorunternehmenschef Altoum ist ein debiler Greis, der nur eine Windel trägt und Asche aus einer Urne über sich und andere streut, Chefin Turandot ein Mannweib im Hosenanzug, die mit einer blonden Perücke ihre Kahlheit verbirgt. Als sie ihre Niederlage gegen Calaf spürt, verprügelt sie drastisch ihren Vater Altoum mit einem Gürtel.

      Der den ganzen Abend über oft zusammengeschlagene Calaf schreibt auf die Rückseite seines „Verräter“-Schildes „Poesie“ – er will der Grausamkeit etwas entgegensetzen und diese überwinden. Allein, es nutzt nichts. Liu rammt sich einen Dolch in die Halsschlagader und Turandot reisst Babypuppen die Glieder aus. Einzig die Militärs verändern die Szene: sie entkleiden die blauen Ameisen und plötzlich werden diese Menschen, ihrer Uniformität beraubt, durch die verschiedenfarbige Unterwäsche zu unterscheidbaren Individuen. Über dieser Szene verdämmert langsam das Licht (auch im Orchestergraben) bis zur völligen Dunkelheit.

      Bieito erzählt keine stringente Geschichte. Es bleiben einzelne Bilder, die für sich genommen, auch Bestand haben. Aber während Bieito früher in grandiosen Szenen viele Geschichten nebeneinander ablaufen liess, entsteht bei der „Turandot“ im schlechtesten Fall – allerdings nicht oft – Leerlauf. Der Versuch, bei dieser „Turandot“ konzentriert zu arbeiten (wie es mustergültig im Münchener „Boris“ und in Teilen auch im „War-Requiem“ in Basel oder bei der „Lady Macbeth“ in Antwerpen zu erleben war), gelingt nicht wirklich. Zu unbestimmt bleiben die Figuren und der Raum, in den der Szeniker Bieito diese stellt. Die gezeigte Gewalt bleibt dekorativ und erzählt zu wenig über die Deformationen der handelnden Personen. Bemerkenswert, dass Bieito im Programmheft über das Ende seiner Inszenierung mit dem Tod der Liu sagt, er wollte nicht den „Sieg der Neurose, der Krankheit erzählen.“ In seiner Inszenierung habe nicht „der Hass, die Staatsräson das letzte Wort“, sondern die Poesie. Das Schlussbild wirkt dagegen tatsächlich wenig positiv: im halbdunkel irrt Calaf durch die Reihen der Menschen, im Vordergrund liegen die Leichen von Timur (den die Militärs erwürgt haben) und Liu, Turandot zerstört apathisch Babypuppen. Da ist eine grosse Leere – und das Bild gehört zu den stärkeren des Abends.

      Die musikalische Seite ist durchwachsen. Ärgerlich die vielen Ungenauigkeiten, besonders auch beim Chor (Einstudierung: Tarmo Vaask). Weder entsteht beim Chor ein homogener Klang (die kraftvollen Fortepassagen entschädigen da nicht), noch war der Abend ein Musterbeispiel für korrekte und vor allem synchrone Einsätze. Das betrifft aber auch die Solist/innen.

      Vincent Wolfsteiner, der Calaf, pflegt einen etwas konventionellen Puccini-Stil mit einigen Verschleifungen. Dass die Partie für ihn kräftezehrend ist, konnte Wolfsteiner kaum verbergen. Vieles kommt arg angestrengt über die Rampe, Intionationstrübungen inklusive, und gegen Ende verliert die Stimme an Glanz, nicht nur in der problematischen Höhe.

      Da hat die grossstimmige Turandot der Rachael Tovey keine Probleme. Die Sängerin kann es sich leisten, die ersten Takte ihrer Auftrittsarie mit dem Rücken zum Publikum zu singen – und man hat dennoch das Gefühl, die Sopranistin frontal vor sich stehen zu sehen. Souverän werden später die Spitzentöne in den Saal abgestrahlt.

      Wärmer in der Tongebung und attraktiv bei den zurückgenommenen Tönen die Liu, der Hrachuhí Bassénz ein sängerisch gutes Profil zu geben vermag.

      Das Orchester unter der Leitung von Peter Tilling bemüht sich redlich, der schillernden Klangwelt des Giacomo Puccini Kontur zu verleihen. Dynamisch nicht allzu stark abgestuft pflegt Tilling einen auf Transparenz achtenden, nicht immer flüssigen und packenden Orchesterklang, der in der Dramatik gebremst und im Detail zu wenig konturiert ist.

      Freundlicher, teilweise starker Beifall des Nürnberger Premierenpublikums, durchsetzt mit erwartbaren Buhs für das Team um Calixto Bieito. Der wird Ende November in Basel seine Sicht auf Verdis „Otello“ vorstellen, vielleicht gelingt diese Arbeit dann besser, als die Nürnberger „Turandot“.
      Der Kunst ihre Freiheit