"Die großen Sänger" von Jürgen Kesting

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    • "Die großen Sänger" von Jürgen Kesting

      Wenn ich richtig geschaut habe, dann taucht dieses Buch im Forum immer wieder auf, ist aber noch kein eigenes Thema. Und auch wenn es gerade keinen aktuellen Anlass gibt, darüber zu schreiben, (außer, dass ich in den letzten Monaten wieder drüber gestolpert bin), möchte ich das Thema mal anschneiden:

      Zum ersten Mal bin ich in den Neunzigern auf die einbändige Ausgabe gestoßen. Vorher gab es eine mehrbändige Ausgabe, die 2008 in überarbeiteter und aktualisierter Form herauskam. Auch der Vergleich beider Ausgaben ist aufschlussreich, da Kesting sich in der Neuausgabe auch mancher Kritik stellt und Sänger aus heutiger Sicht anders beurteilt. Für mich war die Lektüre ein sehr spannende Erfahrung und ich lese immer wieder gerne in den vier Bänden. In den letzten Monaten habe ich wieder einiges gelesen und gehört.
      Die Sängerporträts sind alle ähnlich aufgebaut, einem kurzen biographischem Abriss und Darstellung der wichtigsten Rollen folgt eine Einschätzung von Aufnahmen. Das Buch bietet einen Überblick über gut hundert Jahre Tonaufnahmen und zeigt Entwicklungslinien auf.
      Für mich war es eine gute Orientierung, teilweise wusste ich schon beim Lesen, ohne den Sänger je gehört zu haben, dass mir seine Stimme gefallen wird. So zum Beispiel Aksel Schiotz, den ich durch das Buch für mich entdeckt habe. Da Kesting nur anhand von Aufnahmen urteilt, kann man seine Urteile jederzeit nachprüfen. Viele Beschreibungen von Kesting kann ich gut nachvollziehen. Seine Kritik an Dietrich Fischer Dieskau ist sicher sehr überspitzt, bringt in meinen Augen aber einige Vorbehalte, die ich gegenüber diesem Monolith habe, gut zum Ausdruck. Andere Einschätzungen teile ich nicht. Was ich nicht verstehe, dass Kesting von vielen vehement abgelehnt wird. Zum Beispiel August Everding sagt oft "der böse Kesting" hat geschrieben oder nennt seinen Namen gar nicht. Sicher Kesting urteilt über viele heutige Sänger aus der Perspektive von hundert Jahren Schallplattengeschichte und er besitzt die Fähigkeit auch rauschenden Aufnahmen noch besondere Qualitäten abzuhören. Da fällt dann manches Urteil über heutige Sänger ziemlich harsch aus. Außerdem besitzt er auch die Fähigkeit sehr scharf zu pointieren, was die Lektüre unterhaltsam macht, aber eben auch dem ein oder anderen gar nicht gefällt.
      Mir persönlich gefällt sein Buch besser als das Sängerlexikon von Kutsch Riemens, das seinen Schwerpunkt auf biographische Aspekte legt.
      LG Florian
    • Hallo Merkatz,
      ich habe gerade nochmal nachgelesen, hatte nur noch im Kopf, dass sie sehr gut beschrieben wurde. Ok ein winzig kleine Einschränkung macht er, aber ohne die wäre er nicht Kesting: " Alle Beschreibungen ihrer Stimme als rein und klar, als zart und fein greifen zu kurz: Sie war die klanggewordene romatische Innigkeit und Empfindsamkeit, selbst wenn es zuweilen in der hohen Lage einen Erdenrest kleiner klanglicher Sprödigkeiten gab." Er hebt ihre Interpretationen als Gräfin im FIGARO und als Donna Anna im Don Giovanni unter Mitroupoulos hervor. Stellt die Frage, ob Paminas aus Liebesschmerz geborener Todeswunsch "Ach ich fühls!" jemals eindringlicher zum Ausdruck gebracht worden ist. Als Agathe im Freischütz hält er sie für unübertrefflich. In Hänsel und Gretel spricht er vom schönsten Sopran- und Klangluxus der Plattengeschichte. Also für Kesting eine wahre Lobeshymne.
      Ein paar Aufnahmen habe ich auch von Grümmer: Agathe unter Keilberth, Donna Anna unter Mitropoulos, Gretel unter Karajan, Deutsches Requiem unter Kempe. Alle Aufnahmen gefallen mir gut, weil sieneben Elisabeth Grümmer ein sehr gutes Ensemble versammeln.
      LG Florian
    • Florian schrieb:

      ich habe gerade nochmal nachgelesen
      Vielen Dank einmal dafür! :)

      Florian schrieb:

      " Alle Beschreibungen ihrer Stimme als rein und klar, als zart und fein greifen zu kurz: Sie war die klanggewordene romatische Innigkeit und Empfindsamkeit, selbst wenn es zuweilen in der hohen Lage einen Erdenrest kleiner klanglicher Sprödigkeiten gab."
      Hmm, das wundert mich fast ein bisschen, weil ich finde, dass gerade ihre hohe Lage, die sie (zumindest im Freischütz) öfter piano singt, besonders schön klingt, überhaupt nicht angestrengt, kein anstemmen oder ähnliches.

      Ich finde bei ihr ebenfalls eigentlich nichts zum bekriteln, vielleicht eine Kleinigkeit, die ich aber schlecht beschreiben kann, schon gar nicht in Worten. Als Hänsel, wo sie ja einen Jungen singen soll, stört mich heute (da ich nun viele verschiedene Versionen kenne) ein klein wenig, dass ihre Stimme in der Mittellage manchmal zu "voll", zu satt wird und sehr viel älter klingt. Auf jeden Fall ist dann das samtige, junge in der Stimme verschwunden.

      Wie gesagt, ich kann es schlecht in Worten beschreiben, weil ich mich mit Gesang nicht auskenne, aber ich habe auch schon einen Hänsel gehört, wo auch die Mittellage immer sehr jung und "frisch" klingt; bei der Grümmer ist es dann manchmal aber dieser erwachsene Klang.

      Florian schrieb:

      Als Agathe im Freischütz hält er sie für unübertrefflich. In Hänsel und Gretel spricht er vom schönsten Sopran- und Klangluxus der Plattengeschichte.
      Bei der Agathe absolute Zustimmung! Ich habe auch noch keine bessere gehört. (Ein klein wenig bedauere ich, dass sie die Verzierungen bei "Himmel nimm des" für meinen Geschmack ein bisschen zu schlampig gesungen hat, vielleicht etwas zu hastig, aber dennoch: für mich beste Version)

      Beim Hänsel stimme ich auch zu, obwohl die Stimme heute, da ich, wie gesagt, mehrere Versionen kenne, für mich nicht mehr unübertrefflich ist, wie ich das noch vor wenigen Jahren behauptet hätte.


      Florian schrieb:

      Ein paar Aufnahmen habe ich auch von Grümmer: Agathe unter Keilberth,
      Die finde ich auch wahnsinn, aber ich möchte dir da unbedingt noch die Version von 1955, unter Erich Kleiber, ans Herz legen! Auch hier singt die Grümmer einfach herrlich, und Kleiber lässt im Gegensatz zu Keilberth das Orchester oft langsamer spielen, was m.E. Grümmers schöner Stimme entgegen kommt.

      Schönes Beispiel hierfür: die Stelle am Ende der Cavatine im 3. Akt, wenn Agathe singt "liebend wahr". Auf dem Wort "liebend" geht sie eine große Sexte hinauf. Bei Keilberth geht das viel zu schnell, aber bei Kleiber klingt das wunderschön, zum dahinschmelzen :)

      Florian schrieb:

      Gretel unter Karajan
      Du meinst sicher Hänsel :)

      Auch hier eine alternative Empfehlung, die ich dir unbedingt ans Herz legen möchte: die Aufnahme von 1956, wo Grümmer abermals den Hänsel sang, unter Matzerath. Leider ist die Tonqualität recht mies, und auch das Dirigat überhaupt kein Vergleich zu Karajan, aber Grümmer singt auch hier sehr schön, und hat meiner Meinung nach mit Erika Köth eine wesentlich bessere Gretel an ihrer Seite.


      LG,
      merkatz
    • Florian schrieb:

      Da Kesting nur anhand von Aufnahmen urteilt, kann man seine Urteile jederzeit nachprüfen.

      Ja. Kann man. Genauer: Könnte man. Und wer tut's? Gerade bei Aufnahmen der mechanischen und frühen elektromechanischen Phase, die ja heute deutlich leichter zugänglich sind als vor zwanzig oder dreißig Jahren, frage ich mich schon, wie er zu seinen oft überschwänglichen Einschätzungen kommt, und mit welcher Methode er die Leistung der Sänger von der aus heutiger Sicht lausigen Qualität der Aufzeichnung abstrahiert. Und bei jüngeren Sängern habe ich mitunter das Gefühl, daß sein Urteil ziemlich geschmäcklerisch ist.
      Außerdem ist das opus magnum voll von biographischen Fehlern. Ein Freund von mir (promovierter MuWi) hat es vor vielen Jahren mal unternommen, eine entsprechende Errata-Liste zu erstellen. Der Verlag zeigte damals allerdings kein Interesse, die Fehler zu beseitigen. Seitdem nehme ich den "Kesting" nicht mehr ernst...
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Hallo Merkatz,
      keine Ahnung welche Ausgabe es ist. Es ist jedenfalls der EMI Engel drauf.

      Hallo Bustopher,
      also manchmal fällt mir das auch sehr schwer unter dem Rauschen die Klangempfindung zu erkennen, die Kesting beschreibt. Aber was ich ich sehr spannend finde, manchmal in historische Aufnahmen hineinzuhören. Da hört man dann in eine ganz andere Zeit hinein. Es gibt ja schon unterschiedlich Arten, wie Stücke interpretiert werden. Und wenn es dann auch Aufnahmen von Sängern gibt, die den Komponisten noch kannten oder sogar mit ihm gearbeitet haben, dann hat das einfach noch mal einen besonderen Wert.
      Den Eindruck, dass heutige Sänger es bei Kesting sehr schwer haben, teile ich. Aber oft teile ich den Eindruck, dass historische Aufnahmen, trotz klangtechnischer Einschränkungen, durchaus heutige Hochglanzproduktionen übertreffen.
      Im biographischen Teil habe ich auch schon Fehler gefunden. Schade, dass der Verlag da nicht an Korrekturen interessiert war. Aber für mich ist Kesting eher eine Anregung, welche Aufnahmen ich mal hören sollte. Und da hat er mir schon viele Entdeckungen ermöglicht.
      LG Florian
    • Hallo Florian,

      Florian schrieb:

      Aber oft teile ich den Eindruck, dass historische Aufnahmen, trotz klangtechnischer Einschränkungen, durchaus heutige Hochglanzproduktionen übertreffen.
      Diesen Eindruck habe ich ebenfalls. Modernere Versionen vom Freischütz oder HuG haben sicher einen viel besseren Klang, was die Tontechnik betrifft, aber die Interpretationen gefallen mir großteils überhaupt nicht.

      Was aber nicht heißen soll, dass es damals nicht auch schon bescheidene Aufnahmen gab.
    • Florian schrieb:


      Im biographischen Teil habe ich auch schon Fehler gefunden. Schade, dass der Verlag da nicht an Korrekturen interessiert war. Aber für mich ist Kesting eher eine Anregung, welche Aufnahmen ich mal hören sollte. Und da hat er mir schon viele Entdeckungen ermöglicht.
      LG Florian


      Lieber Florian,

      was hältst Du davon, statt auf den Verlag zu warten, ein capriccio-Projekt zu starten: Sammeln wir doch für uns Fehler und Korrekturen in einem Thread, so dass wir am Ende eine nach Seiten geordnete Fehlerliste haben. Ich nehme an, es sind nicht wenige, die den Kesting im Schrank stehen haben - und wir haben hier doch eine Anzahl von Experten in Sachen Sänger.

      Wer macht mit?

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Florian schrieb:

      Aber was ich ich sehr spannend finde, manchmal in historische Aufnahmen hineinzuhören. Da hört man dann in eine ganz andere Zeit hinein.

      Zweifellos, ja.

      Florian schrieb:

      Es gibt ja schon unterschiedlich Arten, wie Stücke interpretiert werden. Und wenn es dann auch Aufnahmen von Sängern gibt, die den Komponisten noch kannten oder sogar mit ihm gearbeitet haben, dann hat das einfach noch mal einen besonderen Wert.

      Auch das. Aber das hat nichts mit Kestings Urteilen zu tun.

      Florian schrieb:

      also manchmal fällt mir das auch sehr schwer unter dem Rauschen die Klangempfindung zu erkennen, die Kesting beschreibt

      Eben. Der beschreibt Sachen, die KANN er gar nicht hören. Damit meine icht nicht nur das Rauschen, sondern die Verzerrungen durch die Aufnahme selbst, gerade bei alten mechanischen. Da kann ich auch viel hören, wenn ich es hören will. Wenn ich mich um Objektivität bemühe, dann muß ich allerdings sagen, daß das vermutlich von mir hineininterpretiert ist. Wenn ich mir z.B. Aufnahmen von Nellie Melba anhöre, dann kann ich klar feststellen, daß das eine hervorragende Sängerin gewesen sein muß, was Intonation, Artikulation o.ä. Parameter betrifft, die von der Aufnahme nicht oder nur wenig beeinflußt werden. Ich kann daraus natürlich auf den Rest schließen, daß der auch hervorragend gewesen sein muß - zwingend ist das aber nicht. Wenn man jemand die Aufnahmen unvorbereitet vorspielt, der dann auch nur auf den Klang an sich achtet, dann kommt gerne auch schon mal die Frage nach Foster Jenkins. Mir ist schon klar, daß das die Aufnahme ist, und nicht die Sängerin. Manche Details, die Kesting zum besten gibt ("perfekte Registerverblendung" ist z.B. ein Topus, den er gerne verwendet), kann ich aber beim besten Willen nicht hören. Damit besteht für mich der Verdacht, daß der Kesting auch nur zeitgenössische Kritiken kolportiert. Das ist ausdrücklich OK, das würde ihm niemand übelnehmen. Er tut aber, oft so, als ob er's selber überprüft hätte. Wie gesagt: als die erste Auflage herauskam, gab's das Internet noch nicht und eine direkte Überprüfung war beliebig schwierig....
      Wenn man jetzt noch berücksichtigt, wie hart er mit manchen Nachkriegssängern ins Gericht geht...
      Ehrlich gesagt: ich kann's nicht glauben, daß vor dem Krieg alles besser war. Ich bin eher der Überzeugung, daß danach die Leistung objektiv höher war, allein schon, weil durch die verbesserten Medien und der leichteren Zugänglichkeit ein Vergleich leichter möglich war, womit die jungen Sänger sich auch an ganz anderen Maßstäben messen (lassen) mußten. Wenn ich in alten Sängerbiografien lese, daß da z.T. 16-jährige Mädels in Hauptrollen debutiert haben, kann ich mir nicht wirklich vorstellen, daß das heutigen (Anfänger-)Standards genügen würde...
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Hallo bustopher,

      vor einiger Zeit sah ich auf YouTube ein Interview mit der Schwarzkopf, aus den 80er Jahren, wo sie mit den jungen Sängern von "heute" auch recht hart ins Gericht ging, und sagte, dass sie viele Dinge gar nicht mehr lernen, die Sängergenerationen davor noch gekonnt hätten. Was das genau war weiß ich leider nicht mehr, aber ich glaube, dass es da u.a. irgendwie um piano-Höhen ging.
    • Zum Glück hat sich die von Frau Schwarzkopf propagierte Art und Weise des Singens nie durchgesetzt. Wer heute im Liedgesang die Vokale derart verfärben würde, wie es Frau Schwarzkopf tat, würde mit ziemlicher Sicherheit von der Bühne gebuht. Dabei hatte ihre Art des Gesangs zu ihrer Zeit sicher seine Anhänger und zumindest insofern seine Berechtigung. Aber der Geschmack ändert sich eben im Laufe der Zeiten. Damit will ich nicht sagen, dass heute besser gesungen wird als früher (wie es Christa Ludwig jüngst behauptet hat), aber jede Zeit muss ihren eigenen (Gesangs-)Stil finden. Dass Frau Schwarzkopf den Stil ihres Ehemannes als den für alle Zeiten maßgeblichen ansah, und andere Sänger danach bewertete, sagt mehr über die Selbstüberschätzung dieser Frau aus als über die heutige Sängergeneration. Um zum Thema des Threads zurückzukommen, auch Kesting hat sein persönliches Leitbild wie Stimmen klingen sollen, und das ist eben einer anderen Zeit verhaftet als der heutigen.
    • Konrad Nachtigall schrieb:

      Wer heute im Liedgesang die Vokale derart verfärben würde, wie es Frau Schwarzkopf tat, würde mit ziemlicher Sicherheit von der Bühne gebuht.
      Hmm, bei der Bühne bin ich mir nicht so sicher, weil meine bisherige Erfahrung die war, dass eigentlich jede(r) Sänger(in) Applaus bekommt, auch wenn die Leistung ziemlich bescheiden war, oder man den Sänger gar nicht hörte, oder es einen größeren Texthänger gab.

      Und bei berühmten Sängern wird, glaube ich, sowieso heftig applaudiert. Ich habe mir die beiden Live-Salomes mit Malfitano angesehen, und am Ende bekam sie vor dem Vorhang tosenden Beifall. Ich persönlich fand sie in der Rolle aber entsetzlich, viel zu waberndes, aufdringliches Vibrato, schrille, unangenehme, schneidende Höhe.

      Ich selber habe vom Gesang, also diversen Techniken etc., keine Ahnung, und weiß nicht mal, was mit verfärbten Vokalen gemeint ist, wie das klingen soll, und ich bin mir sicher, dass viele Opernbesucher davon ebenfalls wenig bis gar keine Ahnung haben, und in erster Linie sagen "Das sind Profis, was die machen ist schon alles perfekt und gehört so".

      Schlussendlich denke ich, dass jeder unterschiedliche Vorstellungen hat, wie eine bestimmte Partie gesungen werden sollte, und auch unterschiedliche Toleranzgrenzen, wie weit eine Stimme noch geht, und wo es unschön wird. Ich habe schon oft professionelle Kritiken gelesen, die SängerInnen mit allen möglichen Fachausdrücken gelobt haben, obwohl ich die Interpretation fürchterlich fand.


      Aber die Schwarzkopf wirkte auch ziemlich überheblich auf mich, da gebe ich dir völlig recht.
    • Hallo zusammen,
      ich denke es ist ja auch eine Frage der Perspektive. Wenn man als Sänger gegen hundert Jahre Aufführungstradition ansingt, dann hat man keinen leichten Stand. Elisabeth Schwarzkopf ist schon ein extremes Beispiel, da sie jede Veränderung ablehnt. Wegen einer Harnoncourt Interpretation des Figaro (?) wollte sie ihren österreichischen Pass abgeben. Aber Auffführungstraditionen verändern sich. Und da liegt ja auch die Chance für neue Sänger. Gerade in der Barockmusik erschließt sich ein ganz neues Repertoire.
      Aber nochmal zurück zu Kesting. Sicher kann man viel an einzelnen Darstellungen mäkeln, aber in dieser Breite gibt es im deutschsprachigen Bereich nur wenig Alternativen.
      Die Idee von Peter mal die Fehler zusammenzustellen finde gut. Da sollten wir mal einen eigenen Thread eröffnen.
      LG Florian
    • Sicher kann man viel an einzelnen Darstellungen mäkeln,...
      Mir geht es eher umgekehrt: Während ich im Einzelnen durchaus Darstellungen finde, denen ich zustimmen kann, liegen meine Probleme eher in Kestings grundsätzlichem Zugang. Ich lehne es ganz grundsätzlich ab, Sänger, die man nicht live gehört hat, aufgrund von Aufnahmen zu bewerten. Das ist natürlich ein rein subjektiver Vorbehalt.
    • Ich besitze inzwischen den neuesten " Kesting " . Den alten, immerhin vier Bände, habe ich damals komplett gelesen und war wie Ihr erstaunt darüber, woher er seine Detailkenntnisse hat. Dietrich Fischer-Dieskau z. B. wurde von ihm lustvoll bekrittelt und klein gemacht, was er in späteren Auflagen deutlich relativiert hat, nachdem ein Sturm der Entrüstung über ihn herein gebrochen war. Kestings Loblieder auf die Großen der Schellack - Ära kann ich meist nur bedingt nachvollziehen, was vielleicht daran liegt, dass die Stimmen nur unvollkommen aufgenommen wurden. Aber die Hörgewohnheiten ändern sich fortwährend, wie Konrad Nachtigall anmerkt, und gesangstechnische Kriterien und Tugenden bekommen heutzutage einen anderen, wichtigeren Stellenwert als vormals. Vokalverfärbungen, Registerbrüche, das Anschleifen von Tönen oder gar Schluchzer ( Gigli ) lasse ich keinem meiner Schüler durchgehen. Und auch der interpretatorische Ansatz z. B. eines Heinrich Schlusnus beim Kunstlied kommt uns heute fast steinzeitlich vor. Das ist kein Wunder, denn besonders der Liedgesang ist erst nach 1945 quasi revolutioniert worden durch Sänger wie FiDi, Prey ( trotz dessen Anschleifens ), Hotter, Hampson, Keenlyside oder Gerhaher, um nur ein paar zu nennen. Natürlich ist und bleibt Kestings umfangreiche Recherche trotz alledem bemerkens- und lesenswert. Wer sich ergänzend über dieses Thema informieren möchte, greife zu Jens Malte Fischers Buch " Große Stimmen " ( von Enrico Caruso bis Jessye Norman ), erschienen als suhrkamp-taschenbuch.

      Ciao. Gioachino
      miniminiDIFIDI
    • gioachino schrieb:

      Das ist kein Wunder, denn besonders der Liedgesang ist erst nach 1945 quasi revolutioniert worden durch Sänger wie FiDi, Prey ( trotz dessen Anschleifens ), Hotter, Hampson, Keenlyside oder Gerhaher, um nur ein paar zu nennen.

      Das muß ich stark relativieren. Es hat schon vor FiDi hervorragende Liedersänger gegeben; die Raucheisen-Box ist voll davon.
      Die Müllerin von Patzak, die Winterreise von Anders, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind Meilensteine der Geschichte der Liedinterpretation und sind heute noch maßstabgebend.
      Karl Schmitt-Walter übertrifft an Eleganz jeden gefeierten Bariton von heute.

      Ich will nicht sagen, daß früher alles schöner war. Gerade jetzt lerne ich junge und weniger junge Sänger kennen, denen Wundervolles gelingt.
      Aber Fischer-Dieskau mit allen seinen unbestrittenen Verdiensten hat den Liedgesang nicht revolutioniert. Er ist ein - höchst wertvolles - Glied in einer Kette.

      Auf der anderen Seite bin ich heute früh in einem Meisterkurs von Christopher Maltman gewesen, der bei einem jungen Schweizer Baß in der Interpretation von Prometheus alles Fidimäßige herausgebügelt hat (ohne ihn je zu nennen) und das aus einer Lektüre des Textes von Goethe und der Musik gemacht hat, die äußerst überzeugend war.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • merkatz schrieb:

      Und bei berühmten Sängern wird, glaube ich, sowieso heftig applaudiert

      Ja! Ich hab mal erlebt, daß eine berühmte Operndiva (Gruberova) kurzfristig ausgefallen ist, und offenbar hat ein nicht unerheblicher Teil des Publikums die Umbesetzung nicht mitbekommen. Der eher unbekannte Ersatz wurde jedenfalls permanent mit frenetischem Beifall überhäuft (nein, soo gut war sie nicht...). Gilt auch für Hauptrollen: gibt (meist) auch dann mehr Applaus, wenn Sänger in Nebenrollen besser waren...

      Florian schrieb:

      aber in dieser Breite gibt es im deutschsprachigen Bereich nur wenig Alternativen.

      Man muß dem Kesting zugute halten, daß er ein ziemlich umfangreiches Wissen zusammengetragen hat, das erst einmal erworben sein will - bei allen inhaltlichen Schwächen. Ich sehe ihn da in einer Reihe mit dem Kaiser: Solche Figuren gibt es meiner Meinung nach z.Z. nicht (mehr) in der Kritikerszene. Auch der Umstand, daß man sich an ihnen bzw. ihren Beschreibungen reiben konnte, war der Sache eigentlich durchaus dienlich.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)