"Die großen Sänger" von Jürgen Kesting

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    • Eine Anmerkung : Für mich ist Kesting - auch oder gerade mit seiner Meinung - eine erhebliche Verbesserung gegenüber den schlichten und teilweise schlicht falschen Beurteilungen im Kutsch/Riemens , dessen 4 Bände eigentlich nur dazu dienten, festzustellen, ob jemand mal gesungen hat.
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Jung sterben , aber so spät wie möglich ( F. Jourdain )
    • Die von mir benannte " Revolution " hängt natürlich auch und besonders damit zusammen, dass sich nach dem Krieg mehr und mehr Pianisten fast ausschließlich dem Kunstlied widmeten. Hier sind selbstverständlich zu allererst Fischer-Dieskau und Gerald Moore zu nennen.
      Die Klusts und Raucheisens zuvor waren da eher die Ausnahme und waren doch ihrerseits Pioniere, weil sie erreichten, dass ihr Name wenigstens genannt wurde. Für mich heißt das Traumpaar der nahezu perfekten Liedvermittlung Gerhaher / Huber. Ich wüsste nicht, wer dieses Duo in der Vergangenheit übertroffen haben könnte !

      Ciao. Gioachino
      miniminiDIFIDI
    • An Kesting gefällt mir vor allem, dass er die Maßstäbe für seine Bewertungen doch oft ziemlich klar benennt.

      Er sagt nicht nur, Sänger A gefällt mir, Sänger B gefällt mir nicht so gut, sondern sagt auch, warum.
      Das kann man dann mittragen oder nicht.

      Und er unterscheidet ziemlich klar zwischen Stimmbesitzern und Sängern (= Stimmschauspieler, das "ganze Paket"). Wobei er den Sänger deutlich höher schätzt als den Stimmbesitzer. - Der bereits genannte Jens Malte Fischer ist eher mal bereit, auch eine "nur gute Stimme" zu loben.

      Man muss sich auf ihn, seinen Stil und seine Bewertungen einlesen. Einfach nur den Artikel über einen Sänger zu lesen, reicht nicht. Und man muss sich die Mühe machen, seine Urteile am Tonträger nachzuvollziehen, um dem Gemeinten auf die Spur zu kommen, und andere Artikel dann sozusagen "eingenordet" lesen zu können.

      Dieser Aufwand ist angesichts des Aufwands auf der Seite Kestings aber sicherlich nicht zu hoch.

      Natürlich wäre eine Liste, die hinter jedem Namen einfach eine Zahl zwischen 0 und 10 aufweist, einfacher zu lesen. So ist es aber nicht zu haben.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • gioachino schrieb:

      Die von mir benannte " Revolution " hängt natürlich auch und besonders damit zusammen, dass sich nach dem Krieg mehr und mehr Pianisten fast ausschließlich dem Kunstlied widmeten. Hier sind selbstverständlich zu allererst Fischer-Dieskau und Gerald Moore zu nennen.
      Das wäre ein Thema für Kaiser eher als für Kesting :-). Aber, wie Du eben sagst, war Michael Raucheisen - ein Nachbar sozusagen, von Rain am Lech - bereits eine große Figur.

      gioachino schrieb:

      Für mich heißt das Traumpaar der nahezu perfekten Liedvermittlung Gerhaher / Huber. Ich wüsste nicht, wer dieses Duo in der Vergangenheit übertroffen haben könnte !
      Da wäre ich schon mit solchen absoluten Wertungen vorsichtiger. Wie gesagt erlebe ich zur Zeit eine ganze Menge hervorragender Interpretationen.
      Gerhaher/Huber sind gut, keine Frage. Daß sie jetzt oder überhaupt die allerbesten wären, wäre sich zu stark aus dem Fenster hinauslehnen, zumal ein Vergleich nicht immer sinnvoll ist. Wie kann man sie z.B. mit Haefliger/Daehler vergleichen? Bariton/Klavier mit Tenor/Hammerflügel? Oder mit Janowitz/Gage? Es sind zwar Extremfälle, aber es gab auch Schreier/Richter, Fischer-Dieskau/Richter, Souzay/Bonneau oder gar Souzay/Cortot. Legendäre Duos gab es in der Form Pears/Britten oder Bernac/Poulenc. Bernac/Casadesus war auch nicht schlecht. Es gab Hotter/Moore, Robert Holl/Konrad Richter ... Gerhaher/Huber sind Gottseidank nicht unfehlbar und bei denen kann man, wie bei allen anderen, weniger geglückte Sachen finden.
      Florian Boesch schätze ich sehr. Ich habe jetzt Malcolm Martineau live in Konzert und Meisterklassen erlebt. Das Duo Boesch/Martineau hat einiges aufgenommen, das ich noch nicht kenne und worauf ich gespannt bin.

      Wenn ich ein einzelnes Lied auf die Insel nehmen sollte, dann wäre es Brahms' In stiller Nacht mit Karl Schmitt-Walter/Michael Raucheisen (Schuberts Lieder habe ich alle im Kopf, ich brauchte auf der Insel keine Aufnahme :P )
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Florian schrieb:

      Den Eindruck, dass heutige Sänger es bei Kesting sehr schwer haben, teile ich.

      Ich auch, aber ich habe den Eindruck, man kann da klar differenzieren zwischen Kestings erstem Sänger-Kompendium, das irgendwann um 1990 erschienen ist (von dem ich allerdings nur die einbändige Ausgabe kenne, die mich vor Jahren in die Geschichte des Kunstgesangs begleitet hat vielleicht ohne dass ich sie damals richtig verstanden hätte) und der völlig überarbeiteten Neuauflage von 2008, die ja eigentlich einen größtenteils ganz neuen Text bringt.
      Bei der alten Version habe ich den Eindruck, man beurteilt Kesting nicht ungerecht, wenn man schreibt, er lobe einen Sänger desto mehr, je länger der tot ist. Die Sänger der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sind sein Ideal, in der Zwischenkriegszeit kämpft dieses Belcanto-Ideal des 19. Jahrhunderts mit einem Gesangsstil, den Kesting mit dem Verismo in Verbindung bringt und spätestens ab den 1940er Jahren gibt es nur noch ganz vereinzelt Aufnahmen, die Kesting gelten lässt.
      Aber das was Florian hier schreibt:

      Florian schrieb:

      Aber Auffführungstraditionen verändern sich. Und da liegt ja auch die Chance für neue Sänger. Gerade in der Barockmusik erschließt sich ein ganz neues Repertoire.

      hat Kesting ja auch mitbekommen. In den knapp zwei Jahrzehnten, die zwischen der ersten und der zweiten Version seines Buches liegen, hat die Opernwelt sich verändert. Auf der einen Seite gab es eine immer stärkere Renaissance der italienischen Belcanto-Oper, von Rossini oder Donizetti werden nicht nur zwei oder drei Werke international rauf und runter gespielt, sondern die gesamte Breite ihres Schaffens erkundet und Sänger können nur mit Partien dieser Komponisten Karriere machen und auf der anderen Seite - noch präsenter - stellt die stilsichere Aufführung von Barockmusik einen ungeheuren Markt dar. Es gibt scharenweise Sänger, die sich auf die Kehlenakrobatik von Vivaldi und Händel spezialisiert haben, absolute Fachleute für dieses Repertoire, vor einigen Jahren meinte jeder prominente Sänger ein eigenes Händel-Recital herausbringen zu müssen und auch Ensemblesänger an deutschen Stadttheatern sind heute regelmäßig mit Partien von (häufig) Händel und von (seltener) Rossini konfrontiert.
      Mauerblümchen schreibt ja völlig richtig:

      Mauerblümchen schrieb:

      An Kesting gefällt mir vor allem, dass er die Maßstäbe für seine Bewertungen doch oft ziemlich klar benennt.

      Er sagt nicht nur, Sänger A gefällt mir, Sänger B gefällt mir nicht so gut, sondern sagt auch, warum.
      Das kann man dann mittragen oder nicht.

      Kesting hat ein "Anforderungsprofil", das er ganz klar benennt. Er will Sänger, die vor allem Musiker sind, nicht Darsteller, die absolut sichere Beherrschung des Instrumentes geht ihm über alles. Ein Sänger soll sein Instrument, also seine Stimme, perfekt beherrschen, über das technische Rüstzeug der ital. Belcanto-Schulung verfügen und immer nur mit den Zinsen singen, nie mit dem Kapital.

      Da ist es nur naheligend, dass Kesting in seinem neuen Buch viele aktuelle Sänger ausgesprochen lobt. All die Vivaldi- und Händel-Spezialistinnen unserer Tage kommen bei ihm sehr gut weg, weil sie eben dieses "Anforderungsprofil" erfüllen, weil sie besonders darauf trainiert sind, in jedem Tempo absolut gleichmäßge Koloraturen zu singen, weil sie einen Ton in jeder Tonlage an- und wieder abschwellen lassen können etc., weil sie die musikalisch-gestalterischen Anweisungen zeitgenössischer Lehrbücher im Sinne einer historische korrekten Aufführung verinnerlicht haben. Wenn man den neuen Kesting aufschlägt, findet man sehr viele sehr freundliche Urteile über aktuelle Sänger, auch solche aus der zweiten Reihe.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Kesting hat ein "Anforderungsprofil", das er ganz klar benennt. Er will Sänger, die vor allem Musiker sind, nicht Darsteller, die absolut sichere Beherrschung des Instrumentes geht ihm über alles. Ein Sänger soll sein Instrument, also seine Stimme, perfekt beherrschen, über das technische Rüstzeug der ital. Belcanto-Schulung verfügen und immer nur mit den Zinsen singen, nie mit dem Kapital.
      Ich habe Kesting so wahrgenommen, dass die technische Beherrschung des Instrumentes eigentlich als selbstverständlich vorausgesetzt ist.

      Den Lorbeer höchster Weihen teilt er aber nur denen zu, die mit ihrem Instrument eine Botschaft transportieren, die mehr ist als eine Folge technisch korrekt gesungener Töne und dabei nicht zu außerbelcantischen Mitteln wie Schluchzer usw. greifen müssen.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Ich kenne "Die großen Sänger" von Kesting nicht und hab bei Amazon einmal nachgeschaut. Einige Kommentare sind nicht gerade schmeichelhaft. Alles Unsinn oder Halbwahrheiten?

      "Natürlich muss es Bücher geben wie die von Kesting. Ich verfalle auch nicht dem psychologischen Mechanismus, nun alles falsch zu finden, was er schreibt. Vieles ist auch korrekt, und zwar immer dann, wenn er keine offensichtlichen Aktien im Spiel hat. Sollte ihm aber irgendetwas nicht gefallen an dem beschriebenen Sänger, wird, ohne Rücksicht auf Verluste geholzt. Hier wird er emotional, einseitig, bisweilen unfair. Corelli, Lorenz, del Monaco sind dafür Beispiele. Lanza wird gar nicht erwähnt (und ganz sicher nicht aus Platzgründen). Ein Kritiker, der sich derart von seiner eigenen Emotionalität hinwegtragen lässt, ist bedauernswert. Zumindest wird er nicht der Rolle gerecht, die er sich anmaßt."
      oder:
      "Die Kompetenz des '"Kritikerpapstes" Kesting ist in vielem unter aller Kritik: In seinem vielerorts bejubelten Opus Magnum ist kaum ein Zitat eines Arienbeginns korrekt angeführt, Namen werden falsch geschrieben, Fakten verdreht, Daten falsch angegeben, von abstrusen, pontifizierend in einer Art inexistenten Kunstsprache vorgetragenen Meinungen ganz zu schweigen. Das wird auch im Ausland bemerkt"


      :wink:
    • Aus der Luft gegriffen sind die zitierten Vorwürfe sicher nicht - unfair finde ich sie aber schon.

      Federico schrieb:

      Hier wird er emotional, einseitig, bisweilen unfair. Corelli, Lorenz, del Monaco sind dafür Beispiele. Lanza wird gar nicht erwähnt (und ganz sicher nicht aus Platzgründen). Ein Kritiker, der sich derart von seiner eigenen Emotionalität hinwegtragen lässt, ist bedauernswert.

      Corelli und del Monaco sind für Kesting ein rotes Tuch, völlig klar. Er lässt auch keine Gelegenheit aus, das zu betonen.
      Aber er hat, das war ja schon wiederholt Thema hier, klare Maßstäbe, nach denen er richtet. Lorenz, Corelli oder del Monaco stehen für eine Interpretationshaltung, die er ablehnt, er nennt diese Sänger, wenn ich mich richtig erinnere, ziemlich uncharmant "Brüllaffen". Mit einem fein gesponnenen Messa di voce kann man Kesting imponieren, aber nicht mit einer Prachtstimme und herausgeschleuderten Spitzentönen. Sänger, die eine schöne Stimme haben und dann mit vollem Einsatz drauflosschmettern, kommen beim Publikum meist gut an und es gibt kaum eine Aufnahme, in der ich die leidenschaftliche Urgewalt von Oper so gespürt habe wie in einem kurzen Ausschnitt aus einer Aufführung von "Il Pagliacci", wo Mario del Monaco am Schluss richtig aufdreht, sich in Rage und um Kopf und Kragen singt, bevor er seine Nedda umbringt. Aber das ist nicht das, was Kesting hören will. Er vergisst demenstprechend auch nie, auf die technische Perfektion von Alfredo Kraus hinzuweisen und auf dessen kluges Haushalten mit der Stimme (um einen Sänger etwa aus der Generation der oben genannten anzuführen) und er gerät regelrecht ins Schwärmen ob der Leisten von Juan Diego Florez.

      Federico schrieb:

      In seinem vielerorts bejubelten Opus Magnum ist kaum ein Zitat eines Arienbeginns korrekt angeführt, Namen werden falsch geschrieben, Fakten verdreht, Daten falsch angegeben

      Das ist mir noch nie aufgefallen, wurde hier aber ja auch schon beklagt. Trotzdem möchte niemand mit einer Fehlerliste anfangen.

      Federico schrieb:

      von abstrusen, pontifizierend in einer Art inexistenten Kunstsprache vorgetragenen Meinungen

      Kestings Sprache ist allerdings ein Fall für sich - "Kunstsprache" trifft es schon ganz gut. :D

      Federico schrieb:

      Das wird auch im Ausland bemerkt"

      Ja? Wie viele Leute gibt es denn im Inland, die Kesting wirklich lesen? Und wie viele mögen es dann erst im Ausland sein?
      Nee, egal wie gut oder schlecht Kestings Bücher sind, da findet der deutsche Kulturbetrieb sicher wirkungsvollere Methoden, sich im Ausland zu blamieren. :D
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Die einbändige Fassung habe ich damals mit größtem Interesse gelesen. Kesting hat mir diverse alte Opernaufnahmen interessant gemacht. Sein Werk ist. m. E. konkurrenzlos. Dass da Fehler drin stecken, ist mir piepschnurz.

      Viel mehr als mit dem Buch assoziiere ich Kesting allerdings mit der Radiosendung, die 10 Jahre wöchentlich lief. Ihm da zu folgen und seine Erklärungen zu gerade gehörten Aufnahmen mitzudenken, hat mir sehr, sehr großen Gewinn gebracht. Wenn es diese Radiosendung gesammelt irgendwo gäbe, als mp3 oder so, das wäre was.
    • Knulp schrieb:

      Die einbändige Fassung habe ich damals mit größtem Interesse gelesen. Kesting hat mir diverse alte Opernaufnahmen interessant gemacht. Sein Werk ist. m. E. konkurrenzlos. Dass da Fehler drin stecken, ist mir piepschnurz..
      :thumbsup:

      Ich besitze auch die einbändige Fassung , aber als die überarbeitete Fassung neu erschien (Oktober 2008), war ich auf der Buchmesse, immer am letzten Tag bis zum Schluss , da kann billig neue
      Ausstellungsstücke ergattern , so auch damals .

      Nicht unerwähnt bleiben sollte sein Buch über die Callas Aufnahmen, das ist neben Ardoin das BESTE ! Mit den beiden habe ich meine Callas Diskografie aufgebaut !



      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Die einbändige Ausg. von 1993 gibt es sehr preisgünstig bei amazon, weitere Angebote bei eurobuch.

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      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Kesting versus Fischer

      Hallo, Ihr Lieben,

      meine Frage richtet sich an alle, die Erfahrungen sowohl mit Kestings Werk als auch mit dem dem gleichen Thema gewidmeten Buch von J. M. Fischer haben. Wie beurteilt ihr die beiden im Vergleich? Zwei kurze Statements gab es ja bereits in den Beiträgen 18 und 23:

      gioachino schrieb:

      Natürlich ist und bleibt Kestings umfangreiche Recherche trotz alledem bemerkens- und lesenswert. Wer sich ergänzend über dieses Thema informieren möchte, greife zu Jens Malte Fischers Buch " Große Stimmen " ( von Enrico Caruso bis Jessye Norman ), erschienen als suhrkamp-taschenbuch.

      Mauerblümchen schrieb:

      Und er unterscheidet ziemlich klar zwischen Stimmbesitzern und Sängern (= Stimmschauspieler, das "ganze Paket"). Wobei er den Sänger deutlich höher schätzt als den Stimmbesitzer. - Der bereits genannte Jens Malte Fischer ist eher mal bereit, auch eine "nur gute Stimme" zu loben.


      Der Vergleich ist insofern a priori etwas unausgeglichen, da der 4-bändige Kesting allein vom Umfang her einen Vorsprung hat und außerdem in jüngerer Zeit revidiert wurde. Trotzdem würden mich eure Einschätzungen interessieren.

      LG, Amaryllis
    • Liebe Amaryllis, ich bin der Meinung dass man die beiden nur bedingt miteinander vergleichen kann, um es für mich zusagen , man sollte beide haben, denn bei dem einen ist dieser bei dem anderen jener DER Sänger .
      Die alte Kesting 3 Bändige Ausgabe war immer meine Bibel und heute die Neue Augabe . Wenn du die Einbändige Ausg. willst dann ist es fast Egal, wobei mir Kesting vom Schreibstiel halt doch besser gefällt !! Habe eben nochmal geschaut die 1B Ausgaben Fischer u.Kesting , bei Kesting sind es ca.200 Seiten mehr +einer guten Diskografie !
      Nun ist GUTER RAT TEUER ! ;+)

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • Amaryllis schrieb:

      meine Frage richtet sich an alle, die Erfahrungen sowohl mit Kestings Werk als auch mit dem dem gleichen Thema gewidmeten Buch von J. M. Fischer haben. Wie beurteilt ihr die beiden im Vergleich?

      Zunächst kommt es natürlich darauf an, welches Buch von Kesting man zum Vergleich heranzieht: die alte mehrbändige, die neue mehrbändige oder die einbändige Version. ich denke, es ist am sinnvollsten, sich auf die neue, vierbändige Ausgabe von 2012 zu beziehen. Die hat gegenüber Fischers Buch natürlich zwei entscheidende Vorteile: Ihren Umfang und ihre Aktualität.
      Redaktionsschluss für Fischers Buch war das Jahresende 1992, zwischen diesem Buch und Kestings neuem Kompendium liegen also zwei Jahrzehnte, eine lange Zeit, in der in der Opernwelt viel passiert ist. Vom Boom der Belcanto-Opern und der Barock-Oper kannst du bei Fischer nichts lesen, von den großen Stars der Gegenwart, von Terfel, Kaufmann, Villazon oder Netrebko natürlich ebenso wenig. Mehrere der Künstler, die Fischer in seinem letzten Kapitel "Sängerinnen und Sänger der Gegenwart" behandelt, sind inzwischen längst verstorben.
      Ebenso selbstverständlich ist es, dass Kesting auf um die 3000 Seiten in vier Bänden natürlich ein vielfaches der Sängerinnen und Sänger behandeln kann, die Fischer auf seinen gut 600 Seiten abhandelt. Fischer musste examplarisch auswählen (dazu äußert er sich auch im Vorwort), Kesting kann eigentlich fast alle Sänger, auf die man auf alten Opernaufnahmen stößt, irgendwie unterbringen. Kesting behandelt allerdings nicht nur mehr Sängerinnen und Sänger, er geht nicht immer, aber meistens auch mehr in die Tiefe, argumentiert mit speziellen Aufnahmen, häufig mit bestimmten Details einer bestimmten Aufnahme.

      Je nachdem, was man erwartet, ist das eine Stärke oder eine Schwäche von Fischers Buch: Er wählt examplarisch Sängerinnen und Sänger aus, die er behandelt und er versucht eher, ein knappes, aber umfassendes Porträt des Künstlers zu geben. Kesting schreibt über alle und das weniger umfassend, sondern mit mehr Interesse am Detail, aber auch an einer in die Tiefe gehenden Argumentation. Dabei ist Kesting eindeutig der kritischere und meinungsstärkere der beiden Autoren.
      Vielleicht auch deshalb lässt sich Fischers Buch eindeutig angenehmer lesen: Er hat einen sehr gut lesbaren flüssigen Schreibstil, erzählt lebendig und mit warmen Anteilnahme. Man spürt seine Liebe zur Oper und zum Gesang in jedem Satz, genauso seinen hohen Respekt vor allen den Künstlerinnen und Künstlern, über die er da schreibt. Dabei ist das Buch klar und übersichtlich aufgebaut. Kestings Stil ist... nun ja, ein Fall für sich. Was Schreibstil und Aufbau angeht, hat allerdings, das sei der Gerechtigkeit halber gesagt, Kestings sich gebessert und mit seinem neuen Buch ein Stück (aber auch nur ein Stück) aufgeholt.

      Kurzes Resümmee: Kesting ist umfangreicher und geht mehr in die Tiefe, Fischer ist angenehmer zu lesen. Ich gucke öfter in Fischers Buch.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Amaryllis schrieb:

      Lieber palestrina, lieber Cherubino,

      vielen Dank, dass ihr eure interessanten Einschätzungen hier dargelegt habt! Das Schlaueste ist wohl, so wie ihr, einfach beide zu haben ;+) .

      Viele Grüße, Amaryllis


      So ist es !! :thumbsup:

      Du kannst ja mal den Kesting günstig kaufen und siehst dann mal weiter !
      Habe eben gesehen, den J.M.Fischer gibt es als Taschenbuch (11.90€) !

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • palestrina schrieb:

      Du kannst ja mal den Kesting günstig kaufen und siehst dann mal weiter !

      Lieber palestrina, genau das ist bereits geschehen. Ich habe den 4-bändigen Kesting von 2008 und hatte mich eben gefragt, ob ich den Fischer noch bestellen sollte. Aber nach dem was ihr so meint, also, dass Fischer eher wohlwollend formuliert, ist das vielleicht einfach ein ganz angenehmer Gegenpol zum Kesting, der ja öfters nicht ganz zimperlich schreibt :P .
      LG, Amaryllis
    • Cherubino schrieb:



      Je nachdem, was man erwartet, ist das eine Stärke oder eine Schwäche von Fischers Buch: Er wählt examplarisch Sängerinnen und Sänger aus, die er behandelt und er versucht eher, ein knappes, aber umfassendes Porträt des Künstlers zu geben. Kesting schreibt über alle und das weniger umfassend, sondern mit mehr Interesse am Detail, aber auch an einer in die Tiefe gehenden Argumentation. Dabei ist Kesting eindeutig der kritischere und meinungsstärkere der beiden Autoren.


      Wobei dies nun allerdings eine Sache der öffentlichen Äußerung ist, im Gespräch hält Fischer mit der Meinung über den und jenen Künstler nicht gerade himter dem Berg... Es ist auch festzustellen, daß beide von unterschiedlichen gesanglichen Idealen herkommen, was dazu führt, daß gewisse Sänger wie Max Lorenz oder Aureliano Pertile sehr entgegengesetzt eingeschätzt werden. Von daher sollte man beide lesen und konsultieren, ich stimme in den Einschätzungen auch mal dem und mal jemen mehr zu (und mitunter streite ich mit Meister Fischer auch ein wenig...)
      Ein Mann, der kleine Kinder und Hunde haßt, kann kein so schlechter Mensch sein. (W. C. Fields)
    • Amaryllis schrieb:

      Lieber palestrina, lieber Cherubino,

      vielen Dank, dass ihr eure interessanten Einschätzungen hier dargelegt habt! Das Schlaueste ist wohl, so wie ihr, einfach beide zu haben ;+) .

      Viele Grüße, Amaryllis

      Ich habe keineswegs beide Bücher, dazu fehlt das Geld und der Platz im Bücherregal. Nein, ich habe nur das Buch von Fischer, den Kesting hat die Unibibliothek. Die neue Version des Kesting ist ein ziemlich voluminöses Kompendium (vier dicke Bände), verlangt entsprechend Platz und ist in der Anschaffung sehr teuer. Zumindest zur Zeit habe ich aber in der Bibliothek immerhin jederzeit Zugriff darauf.

      Armin Diedrich schrieb:

      Wobei dies nun allerdings eine Sache der öffentlichen Äußerung ist, im Gespräch hält Fischer mit der Meinung über den und jenen Künstler nicht gerade himter dem Berg...

      Davon weiß ich leider nichts. Ich bewundere Jens Malte Fischer sehr, habe einiges von ihm gelesen und vor Jahren auch mal kurz mit dem Gedanken gespielt, nach München zu gehen, um (unter anderem) bei ihm Vorlesungen zur Theaterwissenschaft zu hören. Ich habe ihn aber bisher noch nie gesehen oder gehört, kenne ihn also nur als Autor. Vieles, was ich von ihm kenne, finde ich sehr gut, sein Sängerbuch, sein Band über das fin de siecle, manches provoziert mich eher zum Widerspruch. Aber zumindest kann man Fischer als Wissenschaftler und als Publizist eigentlich nicht absprechen, meinungsfreudig zu sein. In seinem Sängerbuch schreibt er aber meistens sehr nett.
      Kennst du ihn persönlich?

      Armin Diedrich schrieb:

      Es ist auch festzustellen, daß beide von unterschiedlichen gesanglichen Idealen herkommen, was dazu führt, daß gewisse Sänger wie Max Lorenz oder Aureliano Pertile sehr entgegengesetzt eingeschätzt werden.

      Das stimmt natürlich, da habe ich vorhin gar nicht dran gedacht. Über Kestings Ideal habe ich oben ja schon geschrieben, auch darüber, warum er Lorenz, del Monaco und Corelli regelrecht verabscheut. Fischer ist da emotionaler, ist eher bereit, sich von der schieren Kraft und Emotionalität der Ausnahmemomente, die Oper bieten kann, einfach mal überwältigen zu lassen.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Das stimmt natürlich, da habe ich vorhin gar nicht dran gedacht. Über Kestings Ideal habe ich oben ja schon geschrieben, auch darüber, warum er Lorenz, del Monaco und Corelli regelrecht verabscheut. Fischer ist da emotionaler, ist eher bereit, sich von der schieren Kraft und Emotionalität der Ausnahmemomente, die Oper bieten kann, einfach mal überwältigen zu lassen.

      Hierbei muß man aber feststellen, daß sich Kestings Urteile in den knapp 30 Jahren seit Erscheinen der ersten Ausgabe merklich gewandelt haben, über del Monaco und Corelli schreibt er deutlich anders als in der früheren. Vielleicht Altersmilde... Übrigens hat amazon gerade Mängelexemplare der gebundenen vierbändigen Ausgabe im Angebot um 49,90, also Interessenten dringend zulangen!
      Ein Mann, der kleine Kinder und Hunde haßt, kann kein so schlechter Mensch sein. (W. C. Fields)