SCHOSTAKOWITSCH, Dmitri: Streichquartett Nr. 2 A-Dur op. 68

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    • SCHOSTAKOWITSCH, Dmitri: Streichquartett Nr. 2 A-Dur op. 68

      Maticus hat hier im November 2013 schon Interessantes zu diesem Werk geschrieben, aber einen Thread gab es bisher noch nicht bei Capriccio, das wird nun geändert.

      Bei Dmitri Schostakowitschs knapp mehr als eine halbe Stunde dauerndem Streichquartett Nr. 2 A-Dur op. 68, komponiert 1944, fallen zunächst die Satzüberschriften auf: Ouverüre, Rezitativ & Romanze, Valse und Thema & Variationen.

      Einen „romanhaften Tribut an die russische Heimat“ nennt das Programmheft eines Schostakowitsch Streichquartett Zyklus des Jerusalem Quartetts in Dortmund 2006/07 das Werk.

      Ohne Noten gehört, erste Eindrücke:

      Der erste Satz (Ouvertüre, Moderato con moto) entpuppt sich als zupackender Sonatensatz, bei dem die Exposition wiederholt wird, sich die Durchführung beruhigt, um sich dann zu verdichten und die Reprise durch einen ebenfalls ruhigeren Abschnitt erweitert erscheint. Es gibt aber auch ansatzweise bedrohlich insistierende Passagen, am Ende der Exposition und eben die Verdichtung in der Durchführung.

      Die „große russische Klage“ in Rezitativ & Romanze (Adagio), dem zweiten Satz, wird bestimmt von der Violine, sie deklamiert über Klangflächen, kurz diskutiert das Cello mit, nach ca. sechs Minuten kommt es auch hier zu einer dramatischen Verdichtung, ehe das Geschehen wieder abebbt, weiter bestimmt vor allem von der Violine.

      Der dritte Satz (Allegro) ist ein nervöser Walzer, vielleicht handelt er von dem Gehetzten des dritten Satzes aus Schostakowitschs kurz zuvor komponierter 8. Symphonie op. 65.

      Der Finalsatz (Thema & Variationen, Adagio) beginnt und endet mit Fragen und individuellen Antworten (wie im 3. Satz von Schostakowitschs 7. Symphonie, also wie vor einem Gericht oder bei einem Verhör). Das Thema selbst, zunächst vom Cello vorgetragen, atmet russische Wehmut und erfährt farblich, charakterlich und von den Stimmungen her zum Teil heftige Veränderungen. Die Schlussdeklamation nach den erneuten „Gerichtsfragen“ wirkt wie ein trotziges Manifest.

      Dieses Streichquartett bleibt spannend, wenn man es öfter hört, immer mehr reizvolle und interessante Facetten werden deutlich.

      Habe es mit dieser Aufnahme kennengelernt:



      Die Aufnahme mit dem Rasumowsky-Quartett (aus der von Juni bis Dezember 2005 im Musikstudio 1 des Saarländischen Rundfunks in Saarbrücken aufgenommenen Gesamtaufnahme der Schostakowitsch Quartette, 5 CD Box Oehms Classics OC 562) nimmt mich unmittelbar mit, so energisch, wie sie zupackt, speziell im sich in der Mitte spannend verdichtenden Finale.

      Wer etwas zu diesem Werk und/oder zu Aufnahmen dieses Werks schreiben möchte, ist hier herzlich dazu eingeladen.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Lieber Alexander,

      das Zweite Op. 68 gefällt mir auch außerordentlich gut. Ich bin erst spät dazu gekommen und war positiv überrascht, wie weit weg das Zweite vom Ersten (das ich nicht sonderlich spannend finde) ist. Interessant wäre sicherlich, Bezüge zum direkt davor komponierten 2. Trio Op. 67 (beide Werke wurden im selben Konzert uraufgeführt) aufzudecken. Das 2. Trio ist ja stark vom Verlust des Freundes Sollertinski geprägt. Auch scheint es mir Bezüge zur zeitlich nahen Klaviersonate Nr. 2 Op. 61 zu geben (Variations-Finalsätze).

      Ich kann hier wieder die Doppel-CD



      bestens empfehlen. (Enthält die Nummern 2, 3, 7, 8, 12.)

      Der Vollständigkeit halber (weil es hier besser hinpasst) kopiere ich mein Posting vom 11. November 2013 hier hin.

      Ist das Erste Streichquartett (1938) noch relativ "klassisch", könnte der Unterschied zum 1944 in drei Wochen komponierten Zweiten Quartett kaum größer sein. Es wurde direkt nach dem Zweiten Klaviertrio geschrieben, beide Werke wurden im selben Konzert uraufgeführt. Es ist vielleicht auch eines der "seltsamsten" des ganzen Zyklus. Einzigartig ist der zweite Satz "Rezitativ und Romanze". In der Tat könnte ein "Rezitativ" kaum "grafischer" dargestellt werden. Für mich klingt das wie etwas Rituelles, eine Predigt, eine teilweise verzweifelte Klagerede. Irgendwie muss ich an Gospel denken. Die "redende" Violine wird von einem Grundton getragen, wie auf einem Sockel. Genial ist auch am Ende dieses Satzes die Generalpause, und erst ein weiterer Takt Musik beendet den Satz. Danach dieser geisterhafte Walzer, mit dem extrem rasanten Mittelteil (welches eine Anspielung an die Toccata im Finale der Vierten Sinfonie ist). Sehr schön auch das Finale mit seinen gewagten Variationen (der mich etwas an den Finalsatz der Zweiten Klaviersonate erinnert). Das ganze eingerahmt von der Stimmung des Rezitativs.


      maticus
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    • Danke lieber maticus, vor allem auch für die Information zu den Querbezügen. Ich höre derzeit alle Symphonien und Streichquartette chronologisch (und lerne viele dabei erst kennen), habe aber mittlerweile auch auf Empfehlung von Christian Köhn das Klavierwerk mit Caroline Weichert bestellt und möchte mich dann auch in die weitere Kammermusik einhören. Werde dann genau aufpassen bei op. 61 und op. 67.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Apropos

      AlexanderK schrieb:

      Querbezüge
      Vielleicht bilde ich es mir ein, aber beim heutigen Hören des Quartetts hat mich der Höhepunkt der Durchführung der "Ouvertüre" (so ca. bei 6 Min.) sehr an eine Passage im zweiten Satz der ein Jahr zuvor komponierten achten Symphonie (so bei 4 Minuten) erinnert. Studienziffern kann ich morgen mal nachsehen. Vielleicht hört ja einer ähnlich?
    • Braccio schrieb:

      Vielleicht hört ja einer ähnlich?
      Ja, ich kann das nachvollziehen. Obwohl es wahrscheinlich nur eine (rhythmische) Ähnlichkeit hat. Deutlicher finde ich die "Anspielung" im "Trio" des dritten Satzes auf die Toccata im Finale der 4. Sinfonie.

      maticus
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