Bach, J. S.: Kantate Nr. 79 „Gott der Herr ist Sonn und Schild“

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    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 79 „Gott der Herr ist Sonn und Schild“

      Diese Kantate komponierte Bach für das Reformationsfest, den 31. Oktober 1725, also in seinem dritten Leipziger Amtsjahr. Sie steht vielleicht ein wenig im Schatten der recht bekannten Choralkantate „Ein feste Burg ist unser Gott“ BWV 80 zum selben Festtag, deren grandioser Eingangschor überwältigend ist. BWV 79 ist aber gleichwohl in den Chorsätzen von großer Festlichkeit. Das Instrumentarium mit Hörnern und Pauken unterstreicht den besonderen liturgischen Rang des Tages.

      Als Evangelium wurde am Reformationstag in Leipzig seinerzeit eine Stelle aus der Offenbarung gelesen: „Und ich sah einen andern Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, allen Nationen und Stämmen und Sprachen und Völkern. Und er sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen! Und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und die Wasserquellen! Und ein zweiter Engel folgte, der sprach: Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt; denn sie hat mit dem Zorneswein ihrer Hurerei getränkt alle Völker.“ (Offb 14, 6-8) – Welche Lesart von „Babylon“ bei der Leipziger Gemeinde ausgerechnet am Reformationstag im Hinterkopf mitgeschwungen haben mag, lässt sich nur vermuten. Leipzig war eine evangelische Hochburg im katholischen Sachsen.

      Auf diese Lesung nahm der unbekannte Dichter des Kantatentextes kaum Bezug. Sein Anliegen ist zunächst Dank für die Bewahrung vor Feinden und für das Wissen um den rechten Weg zur Seligkeit; dann aber auch Fürbitte für die, die diesen Weg noch nicht kennen.

      Dem Eingangschor liegt der zwölfte Vers aus Psalm 84 zugrunde:

      Nr. 1 Chor
      Gott der Herr ist Sonn und Schild. Der Herr gibt Gnade und Ehre, er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.


      Die erste Arie knüpft an den Psalmvers an, dankt für Bewahrung vor Feinden und leitet so zum nächsten Choral über.

      Nr. 2 Arie
      Gott ist unsre Sonn und Schild!
      Darum rühmet dessen Güte
      Unser dankbares Gemüte,
      Die er für sein Häuflein hegt.
      Denn er will uns ferner schützen,
      Ob die Feinde Pfeile schnitzen
      Und ein Lästerhund gleich billt.


      „Nun danket alle Gott“ – es folgt die erste Strophe des Liedes von Martin Rinckart (1586-1649) nach Jesus Sirach 50, 22-24.

      Nr. 3 Arie
      Nun danket alle Gott
      Mit Herzen, Mund und Händen,
      Der große Dinge tut
      An uns und allen Enden,
      Der uns von Mutterleib
      Und Kindesbeinen an
      Unzählig viel zugut
      Und noch itzund getan.


      Nach diesem Dank für Hege und Schutz wendet sich der Blick auf das Wissen um den rechten Weg, der durch das Wort gewiesen wird – ein reformatorischer Kerngedanke: sola scriptura. Das Besondere daran ist, dass die Katholische Kirche sich selbst in der Vermittlungsrolle zwischen Bibelwort und Gläubigen sah und die Deutungshoheit über die Heilige Schrift beanspruchte. Nach lutherischer Lehre hingegen ist die Bibel eine Schrift, die sich selbst auslegt, ist „norma normans“, die alle Grundsätze in sich selbst trägt, einschließlich der Grundsätze ihrer Auslegung. Deswegen und weil die evangelischen Kirchen die Heilsvermittlung durch Kirche und besondere Menschen (vulgo „Heilige“) ablehnen, enthält die letzte Zeile „und dich bloß (= alleine) ihren Mittler nennen“ theologischen Sprengstoff.

      Nr. 4 Rezitativ
      Gottlob, wir wissen
      Den rechten Weg zur Seligkeit;
      Denn, Jesu, du hast ihn uns durch dein Wort gewiesen,
      Drum bleibt dein Name jederzeit gepriesen.
      Weil aber viele noch
      Zu dieser Zeit
      An fremdem Joch
      Aus Blindheit ziehen müssen,
      Ach! so erbarme dich
      Auch ihrer gnädiglich,
      Dass sie den rechten Weg erkennen
      Und dich bloß ihren Mittler nennen.


      Das Duett fasst beide Themen nochmals zusammen: die Bitte um Bewahrung und die Bitte um das rechte Wort.

      Nr. 5 Duett
      Gott, ach Gott, verlass die Deinen
      Nimmermehr!
      Lass dein Wort uns helle scheinen;
      Obgleich sehr
      Wider uns die Feinde toben,
      So soll unser Mund dich loben.


      Der Schlusschoral ist die letzte Strophe des Liedes „Nun lasst uns Gott, dem Herren, Dank sagen und ihn ehren“ von Ludwig Hembold (1532-1598).

      Nr. 6 Choral
      Erhalt uns in der Wahrheit,
      Gib ewigliche Freiheit,
      Zu preisen deinen Namen
      Durch Jesum Christum. Amen.


      Hier die sechs Sätze von BWV 79 samt ihrer Besetzung im Überblick:

      1. Chor „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Horn I/II, Pauken, (spätere Fassung: zusätzlich Flauto traverso I/II), Oboe /II, Violine I/II, Viola, B. c.
      2. Arie „Gott ist unser Sonn und Schild“ – Alt, Oboe I (spätere Fassung: stattdessen Flauto traverso I), B. c.
      3. Choral „Nun danket alle Gott“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Horn I/II, (spätere Fassung: zusätzlich Flauto traverso I/II), Oboe /II, Violine I/II, Viola, B. c.
      4. Rezitativ „Gottlob, wir wissen den rechten Weg zur Seligkeit“ – Bass, B. c.
      5. Duett „Gott, ach Gott, verlass die Deinen nimmermehr!“ – Sopran, Bass, Violine I/II, B. c.
      6. Choral „Erhalt uns in der Wahrheit“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Horn I/II, (spätere Fassung: zusätzlich Flauto traverso I/II), Oboe /II, Violine I/II, Viola, B. c.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Satz 1 – Chor „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ (G-Dur, alla breve)

      Barocke Festlichkeit, die eigentlich keiner Worte bedarf. Zwei Themen dominieren diesen Satz. Das erste ist gleich anfangs in den Hörnern zu hören. Wenn diese schweigen, beginnt eine Orchesterfuge über ein Thema mit auffälligen Tonwiederholungen. Dann dürfen die Hörner nochmals mit „ihrem“ Thema ran.

      Erst dann kommt der Chor mit einem Satz, der zwar polyphon bereichert ist, aber im Kern zunächst homophon ist. Es geht zunächst eher um klangliche Flächigkeit als um polyphone Kunststücke. Doch clamheimlich hebt bei „Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen“ eine Chorfuge über eine vereinfachte Version des Tonwiederholungsthema an, Einsatzreihenfolge Bass – Alt – Sopran, dann Tenor und Bass in Engführung, dann weitere Einsätze. (Heimlich, weil beim ersten Einsatz der Bässe alle anderen Stimmen homophon begleiten und so die Struktur verdecken.)

      Nach dieser Chorfuge, die vom Orchester lebhaft bereichert wurde, folgt wieder ein quasi-homophoner Chorsatz wie anfangs, der den Satz auch zu Ende bringt.

      Satz 2 – Arie „Gott ist unser Sonn und Schild“ (D-Dur, 6/8)

      Da-capo-Arie. Zum A-Teil gehört nur die erste Textzeile, wobei beim da capo die Einleitung und der Vokalabschnitt in umgekehrter Reihenfolge auftreten. Es liegt Triosatz für Alt, Oboe (bzw. Traversflöte in einer späteren Fassung) und B. c. vor.

      Das Thema des suitenartig regelmäßig gebauten Ritornells (2x6 Takte, Erreichen der Dominante nach der ersten Hälfte) entpuppt sich als figurierte Version der Altpartie.

      Die ausladenden Figurationen der Oboe (bzw. Flöte in einer späteren Fassung) mögen als Sinnbild des Schutzschirms Gottes gehört werden, bleiben für meinen Geschmack allerdings ein wenig in der Sphäre des Unverbindlichen. Es gibt auch kaum Madrigalismen, nur im B-Teil eine auffällige Pause beim „Lästerhund“.

      Satz 3 – Choral „Nun danket alle Gott“ (G-Dur, c)

      Erste Überraschung: Die Hörner spielen nochmals das Thema aus dem Eingangschor. Zweite Überraschung: Die Hörner spielen mit Pauken und B. c. die Ritornelle vor, zwischen und nach den Choralzeilen, der Chor singt den Choral zeilenweise und homophon, die Streicher und Holzbläser spielen nur colla parte mit den Chorstimmen. Nach einem ähnlichen Choralchor wird man im Bachschen Oeuvre suchen müssen.

      Satz 4 – Rezitativ „Gottlob, wir wissen den rechten Weg zur Seligkeit“ (e-moll -> h-moll, c)

      Schlichtes secco-Rezitativ.

      Satz 5 – Duett „Gott, ach Gott, verlass die Deinen nimmermehr!“ (h-moll, c)

      Ein Quartett: Sopran und Bass werden von allen Violinen im Unisono sowie vom B. c. begleitet. Ungewöhnlich ist, dass die beiden Sänger gleich zu Beginn einsetzen und erst dann der Einsatz der Violinen folgt. Ungewöhnlich ist auch, dass die beiden Singstimmen meist in Parallelführung gesetzt sind. Die offenbar textinduzierte imitatorische Behandlung bei „Obgleich sehr wider uns die Feinde toben“ fällt allerdings dadurch umso mehr auf.

      Satz 6 – Choral „Erhalt uns in der Wahrheit“ (G-Dur, 3/4)

      Schlichter vierstimmig-homophoner Choral mit colla parte mitspielenden Instrumenten. Nur die Hörner samt Pauken haben ihre eigenen Partien und erweitern den Satz zur Sechs- bzw. Siebenstimmigkeit.

      Eine Kantate mit tollen Chören und Chorälen, aber etwas unverbindlichen und außerdem überraschend kurzen Solosätzen.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Nun ist ja heute der Reformationstag, für den diese Kantate 1725 entstanden ist, und so habe ich mir heute Nachmittag BWV 79 angehört - gleich zwei Mal und mit dem Text in der Hand immerhin, weil ich nach dem ersten Hören noch viele Fragen hatte an diese Musik und wenig Antworten.

      Zu den von mir ganz besonders geschätzten Kantaten gehört "Gott der Herr ist Sonn und Schild" nicht, ich kann Mauerblümchens verhaltenen Kommentar da gut nachvollziehen. Nicht dass das Stück irgendwie schlecht wäre, selbstverständlich arbeitet Bach immer auf einem sehr hohen Niveau. Aber die Kantate klingt irgendwie routiniert und unverbindlich, auch die Chorsätze.

      Der Eingangschor gefällt mir ganz gut, die barocke Festlichkeit, das Trompetenschmettern spricht mich an, die ersten Töne des Choreinsatzes gehören zu den wenigen Motiven, die im Kopf hängen bleiben. Mit zunehender Länge aber wirken diese ineinander verwobenen Ton-Girlanden der Chorstimmen, der Streicher und der Trompeten immer uninteressanter auf mich. Der Satz beginnt überschwänglich - aber dann passiert nicht mehr viel.
      Mein Favorit in dieser Kantate, der Satz, den ich mir auch einzeln immer mal wieder anhöre, ist die unmittelbar auf den Eingangschor folgende Alt-Arie, wobei das mindestens so viel mit dem Interpreten wie mit dem Komponisten zu tun hat: In meiner Aufnahme singt das der junge Countertenor Stefan Kahle, den ich sehr bewundere: Egal, was er singt, diese Stimme berührt mich tief und unmittelbar. Begleitet wird er von einer Querflöte, der Bass tritt vollkommen in den Hintergrund. Das Konzertieren der beiden hohen klaren Stimmen finde ich sehr ansprechend, aber natürlich würde mich auch die ursprüngliche Variante mit Oboe interessieren. Welche Besetzung wird eigentlich häufiger gewählt.
      An dritter Stelle folgt dann ein Choral, der mit seiner obligaten Trompetenstimme an manche Chorsätze aus dem Weihnachtsoratorium erinnert, ohne nur annähernd so eingängig und phantasievoll zu sein.
      Mit dem schlichten bassrezitativ habe ich textlich so meine Probleme: Mauerblümchen hat ja schon auf die theologische Sprengkraft des Textes hingewiesen. Was hier gemacht wird ist theologische "Parteipolitik". Es geht, durchaus passend zum Reformationsfest, um die Wahrheit der eigenen Lehre und gegen die "Papisten", die "zu dieser Zeit an fremdem Joch aus Blindheit ziehen müssen". Gott wird gebeten: "Ach! so erbarme dich auch ihrer gnädiglich, dass sie den rechten Weg erkennen und dich bloß ihren Mittler nennen". Das ist nicht besser als die Rede von der "allein seligmachenden Mutter Kirche" und die vor einigen Jahren umstrittene Bitte um die Bekehrung der Juden auf katholischer Seite. Ich will nicht missioniert werden, um den rechten Weg zu erkenne und sehe mich als Nicht-Lutheraner hier ausdrücklich ausgeschlossen. Aber gut, für Nicht-Lutheraner ist der Reformationstag auch nicht gedacht - und das kriegt man hier ganz deutlich erklärt.
      Zum folgenden Duett und dem sehr kurzen Schlusschoral, letzterer auf einen sehr lutherischen aber trotzdem sehr schönen, persönlichen Text des Mühlhäuser Geistlichen Ludwig Helmbold, habe ich nichts mehr zu schreiben. hier regiert wirklich die blanke Routine, nicht einmal aus der eigentlich doch sehr reizvollen Kombination einer Sopran- mit einer Bassstimme im Duett will Bach etwas machen. An das phantastische Duett "Wir eilen mit schwachen, doch emsigen Schritten" in der im Bach-Werke-Verzeichnis vorangehenden Kantate BWV 78 ("Jesu, der du meine Seele") darf man da nicht denken.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Ich bin kein großer Kenner von Bach-Kantaten (obwohl ich vielleicht schon mehr als die Hälfte irgendwie/irgendwann mal gehört habe, kenne ich hauptsächlich die gängigen Favoriten), aber mir gefällt die vorliegende ziemlich gut. Zwar sehe ich das Duett auch nicht gerade als Höhepunkt, aber die erste Arie und besonders den Eingangschor (der mich mit dem oben schön beschrieben "flächigen" Charakter etwas an Händel erinnert) finde ich schon sehr gut. Dass der Schlusschoral eher schlicht ist, ist ja die Regel bei den meisten Kantaten.
      Für das vom kirchlichen Zweck abgelöste Hören aus der Konserve sind fast alle Kantaten antiklimaktisch. Meine typische Reaktion (u.a. deswegen habe ich noch nie auch nur annähernd regelmäßiges sonntägliches Hören der Stücke durchgehalten) auf viele Kantaten ist in etwa: Eingangschor: Grandios, dann noch bei einer oder zwei weiteren Nummern: sehr schön, aber beim Rest meistens: naja, eher routiniert bzw. es bleibt eben nicht viel hängen (dafür müsste man sich dann wieder intensiver beschäftigen).
      Das Werk hat es vielleicht ein bißchen schwer, weil es zum Reformationstag mit einem unzweifelhaften Höhepunkt, "Ein feste Burg", konkurrieren muss.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Für das vom kirchlichen Zweck abgelöste Hören aus der Konserve sind fast alle Kantaten antiklimaktisch.

      Wie meinst du das, lieber Kater Murr? Hörst du die Kantaten gerne in der Kirche aber ungerne zu Hause von CD? Oder versuchts du beim Hören, den religiösen Text auszublenden?

      Kater Murr schrieb:

      Zwar sehe ich das Duett auch nicht gerade als Höhepunkt, aber die erste Arie und besonders den Eingangschor (der mich mit dem oben schön beschrieben "flächigen" Charakter etwas an Händel erinnert) finde ich schon sehr gut.

      Wie geschrieben geht mir das bei dieser Kantate genauso. Die Assoziation an Händel kann ich gut nachvollziehen und die erste Arie ist auch mein Highlight in diesem Stück.
      Den Schlusschoral finde ich eigentlich gelungen. Liest man in Alfred Dürrs viel empfohlenen Buch über die Bach-Kantaten, so fällt schnell auf, dass so gut wie jeder Eintrag mit dem stereotypen Satz endet: "Ein schlichter vierstimmiger Choral beendet das Werk".

      Kater Murr schrieb:

      Meine typische Reaktion (u.a. deswegen habe ich noch nie auch nur annähernd regelmäßiges sonntägliches Hören der Stücke durchgehalten) auf viele Kantaten ist in etwa: Eingangschor: Grandios, dann noch bei einer oder zwei weiteren Nummern: sehr schön, aber beim Rest meistens: naja, eher routiniert bzw. es bleibt eben nicht viel hängen (dafür müsste man sich dann wieder intensiver beschäftigen).

      Das geht mir anders: Mich sprechen meist die Arien mit ihren eingängigen Melodien, interessanten Instrumentenkombinationen oder ihrerm (leich nachvollziehbaren) Umgang mit dem Wort-Ton-Verhältnis besonders schnell an, die Eingangschöre dagegen sitze ich gerade bei Kantaten, die ich nicht gut kenne, auch schon mal eher ab, bevor das Interessante kommt. :hide:
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Nein mit antiklimaktisch meinte ich die "Kopflastigkeit" im Ablauf der typischen Kantate. Der Eingangschor ist meistens das längste, aufwendigste und anspruchsvollste Stück, der Schlusschoral meistens eines der kürzesten und schlichtesten. Die Arien und was sonst noch so dazwischen kommt, können natürlich ganz unterschiedlich sein, aber sehr selten ist etwas dabei, was für mich dem Anfang "die Show stehlen könnte". Ich habe noch nie eine Kantate im gottesdienstlichen Zusammenhang gehört, aber wenn da noch Predigt u.ä. zwischen den Stücken liegen, nimmt man das ganz sicher anders wahr als wenn man zu Hause in ca. 20 min alles am Stück hört. (Eine weitere Kantate, bei der ich den Anfang außerordentlich finde, mir aber vom Rest kaum etwas im Bewusstsein ist, ist zB "Wie schön leuchtet der Morgenstern".)
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Nein mit antiklimaktisch meinte ich die "Kopflastigkeit" im Ablauf der typischen Kantate. Der Eingangschor ist meistens das längste, aufwendigste und anspruchsvollste Stück, der Schlusschoral meistens eines der kürzesten und schlichtesten.
      Ja, der Eingangschor ist häufig das "längste, aufwendigste und anspruchsvollste Stück", zumindest äußerlich. Aber ist die Bewertung dessen eventuell auch eine Frage unserer Erwartungshaltung - überzeichnet: ein pompöser Schluss mit Knalleffekt?

      Kater Murr schrieb:

      Die Arien und was sonst noch so dazwischen kommt, können natürlich ganz unterschiedlich sein, aber sehr selten ist etwas dabei, was für mich dem Anfang "die Show stehlen könnte".
      Na, so ein paar Beispiele gäbe es vielleicht.

      Kater Murr schrieb:

      habe noch nie eine Kantate im gottesdienstlichen Zusammenhang gehört, aber wenn da noch Predigt u.ä. zwischen den Stücken liegen, nimmt man das ganz sicher anders wahr als wenn man zu Hause in ca. 20 min alles am Stück hört.
      Mit Ausnahme der zweiteiligen Kantaten wurden die Werke am Stück aufgeführt.

      Bei den zweiteiligen Kantaten habe ich sowohl die Platzierung "vor und nach der Predigt" als auch "der erste Teil vor der Predigt und der zweite Teil während des Hl. Abendmahls" gelesen. Das schließt natürlich einander nicht aus, wenn man "nach der Predigt" nicht als "sofort nach der Predigt" liest.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Kater Murr schrieb:

      Nein mit antiklimaktisch meinte ich die "Kopflastigkeit" im Ablauf der typischen Kantate. Der Eingangschor ist meistens das längste, aufwendigste und anspruchsvollste Stück, der Schlusschoral meistens eines der kürzesten und schlichtesten.

      Ausnahme sind zumindest manche frühen Kantaten, wie BWV 106 und BWV 182 - beide haben eine Schlussfuge und noch keinen Schlusschoral. Bei 182 gibt es davor noch eine recht komplexe Choralmotette.
      zwischen nichtton und weißem rauschen
    • Falls jemand noch eine Oboen-Version der Alt-Arie "Gott ist unsre Sonn und Schild!" sucht; ich habe heute diese hier gefunden:

      "https://www.youtube.com/watch?v=HOMJPnAAiwM"

      Die Arie beginnt bei ca. 5.50 Min.

      Ich habe diese Kantate heute das erste Mal gehört (nachdem ich die Oboen-Noten zu dieser Arie heute in meinem Bach-Heft fand und mir diese beim Durchspielen sehr gut gefiel ;+) ) und kann mich meinen Vorschreibern nur anschließen: der Eingangschor und diese Arie sind die "schönsten" Teile dieser Kantate :P
      Viele Grüße - Allegro

      Musik ist, die in den Noten versteckten Töne frei werden zu lassen (nach Philmus)
    • Seit über drei Jahren ist diese Kantate hier nicht besprochen worden. Ich tue es, weil ich 1. möglichst schnell zu meinen ersten 15 Beiträgen kommen möchte, um Vollmitglied mit allen Rechten zu werden (sozusagen meine "Konfirmation" bei Capriccio zu erlangen), und 2. weil ich diese Kantate am kommenden Mittwoch, dem Reformationstag 2018, in der Georgenkirche zu Eisenach als Chor-Bassist mit aufführen werde. Ich habe Einstudierhilfen für den Eingangschor hergestellt und auf Youtube veröffentlicht (die beiden Choräle haben das nicht nötig). Hier könnte ich jetzt die vier Links angeben, aber ausnahmsweise lohnt sich der Umweg über meine Homepage wort-werkstatt-wolfgang.de, weil ich auf der Startseite zum schnellen Finden für meine Mitsänger/innen auch eine Partitur des Eingangschores ab Takt 43 gestellt habe.
      Die Mp3-Dateien und die Youtube-Links finden sich dann als erster Punkt unter dem Menü werkstatt-kantaten-und-motetten (gleichwohl die Motetten inzwischen ein eigenes Menü bilden, aber Google kommt nicht immer mit Änderungen klar).
      Das Verrückteste am Eingangschor "Gott, der Herr, ist Sonn und Schild" ist die Tempo-Frage. Nimmt man ein Tempo, mit dem man den komplizierten Mittelteil B "Er wird kein Gutes mangeln lassen" mit seinen Sechzehnteln und Achteln singen kann, werden die Teile A und C unerträglich langsam. Ein angenehmes Tempo für A und C macht es dem Übenden unmöglich, den Teil B nachzuvollziehen. Deshalb habe ich in meiner Einstudierhilfe A und C mit Tempo 100 bpm, den Teil B mit Tempo 80 (nach einem total unbachischen Ritardando beim Orchesterzwischenspiel) produziert. Ich bin gespannt, wie KMD Christian Stötzner das Tempo bei der Aufführung wählen wird!