Strauss: "Der Rosenkavalier" - Staatstheater Kassel, 12.10.2014

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    • Strauss: "Der Rosenkavalier" - Staatstheater Kassel, 12.10.2014

      Im „Rosenkavalier“, der 1911 in Dresden uraufgeführt wurde, beschwören der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal und der Komponist Richard Strauss noch einmal eine Zeit herauf, die schon zur Uraufführungszeit längst vergangen war, das Wien um 1740. Allerdings ist dieser Blick zurück nicht ganz ernst zu nehmen, manches erscheint doch eher wie eine Maskerade oder ein Theaterspiel zu sein und die handelnden Personen scheinen gar nicht so sehr der angenommen Stückzeit zu entstammen, sondern sind durchaus moderne Charaktere.

      Auch das Spiel mit Geschlechtsidentitäten, mit jungen Männern, die von einer Frau gesungen werden, der oder die in den Kleidern einer Frau einem anderen Mann ziemlich den Kopf verdrehen, nicht zu vergessen, die verheiratete Frau, die sich mit eben jenem jungen Mann vergnügt, also dieses ganze erotisch aufgeladene und von der Musik unterstützte Spiel um Sein und Schein ist gewiss nicht zeitgebunden und eröffnet reizvolle Möglichkeiten einer szenischen Annäherung an den „Rosenkavalier“.

      Die gelang dem Regisseur Lorenzo Fioroni und seinen Ausstattern Paul Zoller (Bühne) und Sabine Blickenstorfer (Kostüme) mit einer Neuproduktion des „Rosenkavalier“ am Staatstheater Kassel vorzüglich.

      Schauplatz ist hier ein Theater, das sich zu Beginn des Abends mit völlig leerer Bühne präsentiert. Erst mit Einsetzen der Musik senkt sich ein Vorhang herab, der dann, wieder geöffnet, den Blick auf ein fast konventionelles „Rosenkavalier“ Interieur freigibt: hohe Räume, grosse Türen, Rosenornamentik an den Wänden und ein grosses Bett in der Mitte, die Kostüme zitieren ein zwar überzeichnetes, aber erkennbares Rokoko. Eine Videoeinspielung zeigt die Feldmarschallin mit ihrer jungen Geliebten beim Ausritt, während sich die beiden im Bett vergnügen.

      Marschallin und Octavian ähneln sich verblüffend, vielleicht war die Marschallin in jüngeren Jahren nicht so sehr eine Sophie, sondern eher ein Octavian. Das Oberlippenbärtchen von Ocatvian wird schnell abgerissen, alles nur eine Maskierung, der junge Mann des Stückes ist hier von Anfang an klar eine Frau, die mit einer männlichen Rolle spielt, phallisches Rumalbern mit einem Säbel inklusive.

      Die - überhaupt nicht kühle – Künstlichkeit der Szenerie treibt Fioroni mit der Anreicherung von Automaten auf die Spitze: über der Szene hängt ein Vogelbauer mit einem mechanischen Vogel darinnen, es gibt ein Automatendouble der Marschallin und der Mohr, der das Frühstück bringt, ist eine Puppe auf einem Fahrgestell, der sein mitgebrachtes Heissgetränk aus einem Hahn unterhalb des Bauchnabels fliessen lässt.

      Der Ochs zeigt sich als recht agiler Heiratskandidat, der in seiner Aufmachung auch in einer Molière-Kommödie mitwirken könnte. Dass er mehr als ein Auge auf den als Kammerzofe „Mariandl“ verkleideten Octavian wirft, ist kein Wunder: goldglänzende Stilettos, superenger pinkfarbener Lederrock und ein knappes, plüschartiges Oberteil mit aufgehübschten (sprich vergrösserten) Brüsten, da würde wohl jeder Lüstling mal gerne ein wenig wuscheln wollen.

      Das Dienerquartett der Marschallin sind – wie auch der Haushofmeister – Männer in Frauenkostümen mit gefährlich hohen Perücken, Valzacchi und Annina, ganz in schmutzigem schwarz, entstammen dem Proletariat und der Sänger darf seine Arie mit den Operngesten von Vorvorgestern ausstatten, während Annina schon mal die Revolution ausruft.

      Berührend der Schluss des Aktes, wenn die Marschallin über die Vergänglichkeit der Zeit nachdenkt und das eigene Älterwerden zum Thema werden lässt. Zuerst tritt da der grosse Puppenspieler selbst als riesiger Automat zur Marschallin, dann, Octavian ist mittlerweile reifberockt und sehr weiblich dazu gekommen, schneidet sich die Marschallin ganz wörtlich das Herz aus der Brust und reisst dann den zahlreichen Uhren, die herumstehen, die Zeiger ab, als könnte so das Vergehen der Zeit aufgehalten werden.

      Im zweiten Akt schmücken ausgestopfte Tiere den dunkelgetäfelten Raum – Faninal fröhnt wohl der Grosswildjagd. Seine Tochter Sophie, hochverschleiert, erliegt dem Charme des unbeholfenen, mit zersauster Perücke auftretenden Ocatvian, der seine silberne Rose auch als Art Waffe einsetzen kann. Und als wäre die Musik nicht schon parfümiert genug, sprühen ganze Heerscharen von Dienern aus riesigen Flakons Parfüm in den Raum.

      In der später folgenden Auseinandersetzung zwischen Ochs und Octavian rammt letzterer die silberne Rose dem Ochs in den Schritt, das ist die Verletzung, die Faninal so in Wut versetzen wird.

      Zum grossen Solo des Ochs gesellen sich erst seine Dienerschar, die alle wie Ochs selbst aussehen, dann die von Octavian geschickte Annina mit dem Brief des „Mariandl“ dazu. Annina, weder Ochs noch sein Gefolge sind Kostverächter, entgeht nur knapp einer Vergewaltigung durch die Männer.

      Der dritte Akt zeigt wieder deutlich die Theaterbühne, auf der Kulissenteile der beiden vorangegangenen Akte hin- und hergetragen werden: die Tiere vom Faninal, das grosse Bett der Marschallin, Kisten mit Kostümen und Perücken.

      Zuschauer verfolgen das Spiel, das mit Ochs getrieben wird, es gibt Zurufe und Beifall. Die Marschallin schliesslich tritt an der Hand des übergrossen Automaten aus dem ersten Akt auf und wie ein Kind wirkt sie neben dieser Figur.

      Langsam leert sich die Bühne. Der Ochs verlässt die Handlung ganz direkt: über die Rampe um den Orchestergraben durch den Zuschauerraum. Auf der Bühne selbst bleibt nur ein grosser Sarg in der Mitte stehen.

      Während im Hintergrund Bilder aus dem ersten Weltkrieg flimmern und die letzten Choristen mit gepackten Koffern noch in ihren Rokokokostümen zu genau diesem Krieg unterwegs sind, ziehen sich die drei Frauen Marschallin, Octavian und Sophie um: raus aus den Kostümen, rein in Jeans und weisse Shirts. Die Marschallin greift zum Stock und plötzlich wirkt sie wirklich alt und gebrochen. Während die beiden jungen Menschen ihr Glück besingen, setzt sich die alte Marschallin neben die zwei auf den Sarg.

      Ganz allein gelassen tupft sie sich noch einmal die Augen mit einem Taschentuch und wirft dieses dann in den Sarg. Langsam geht sie nach hinten ab.

      Lorenzo Fioronis Inszenierung des „Rosenkavalier“ ist eine intelligente und spannende Auseinandersetzung mit diesem Stück, voller Humor und Hintergründigkeit, perfekt in der Personenführung und in mancher Wendung verblüffend. Vielleicht geht nicht alles auf (ist es vorstellbar, dass sich Sophie in eine andere Frau verliebt?), aber die Einwände sind vernachlässigbar. Fioroni hat schon öfter das Theater selbst zum Gegenstand seiner Inszenierungen gemacht („Ariadne auf Naxos“ in Heidelberg, „Fledermaus“ in Karlsruhe, „Mefistofele“ in Mainz) – und auch der „Rosenkavalier“ in Kassel zeigt, dass Fioroni das Theater liebt.

      Gleichfalls auf hohem Niveau die musikalische Realisation der Kasseler Aufführung. GMD Patrick Ringborg bietet eine bis ins kleinste Detail ausgezeichnet durchgeformte Wiedergabe der Partitur, bei der schon das einleitende Vorspiel ein Niveau erreicht, das die Aufführung nachhaltig auszeichnen wird. Dass Ringborg die melancholischen Passagen der Musik extrem auskostet, teilweise bis zu einem tendenziellen Zerdehnen der Musik, tut dem positiven Gesamteindruck keinen Abbruch. Hier stehen die zügigen, motorischen Elemente der Musik, die dynamischen Zuspitzungen stärker abgegrenzt neben den ruhigeren Passagen, als man das manch anderes Mal erleben kann. Für sich genommen durchaus beeindruckend. Klanglich zeigt sich das Orchester des Staatstheaters Kassel von seiner besten Seite – ein „Rosenkavalier“, der Spass macht.

      Gesungen wird in Kassel gleichfalls sehr gut. Exzellent die Sopranistin Celine Byrne als Marschallin, die ihren dunkelgrundierten Sopran ausgezeichnet zur Geltung bringen kann. Vor allem die auch in der Gestaltung überzeugenden Passagen aus dem ersten Akt (z. B. „Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“) nehmen stark für die Sängerin ein.

      Auch die Mezzosopranistin Maren Engelhardt bietet sängerisch eine runde, hörenswerte Leistung und nutzt darstellerisch die Möglichkeiten, die ihr diese Inszenierung eröffnet. Mit viel Witz gestaltet Engelhardt die „Sexbombe“ Mariandl.

      Friedemann Röhlig, der Ochs, ist kein nicht wirklich ernstzunehmender, alter Baron vom Land, sondern ein manchmal wenig gemütlicher Kerl, der vor allem dieses langsam aus der Handlungssituation herausgleiten im dritten Akt gut umzusetzen versteht. Sängerisch führt Röhlig einen manchmal etwas rauen, aber substanzreichen Bass ins Spiel, der im Lauf des Abends deutlich an Kontur gewinnt.

      Silberhell und strahlend fügt sich die Sopranistin Lin Lin Fan (Sophie) bestens ins Terzett der Frauen ein und sorgt beim Überreichen der silbernen Rose und am Schluss des dritten Aktes für angemessenen Wohlklang.

      Viel Beifall für diese Neuproduktion in Kassel, die auch einen weiteren Anfahrtsweg lohnt, nur ganz vereinzelt gab es einige wenige Buhs gegen Lorenzo Fioroni und sein Team.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Das Oberlippenbärtchen von Ocatvian wird schnell abgerissen, alles nur eine Maskierung, der junge Mann des Stückes ist hier von Anfang an klar eine Frau, die mit einer männlichen Rolle spielt,
      Naja, ging das klar hervor aus der weiteren Inszenierung?

      Wenn ich sowas sehen würde, würde ich denken, dass die FIGUR weiterhin männlich ist, sich aber, weil sie erwachsen wirken will, einen falschen Bart anklebt.


      Alviano schrieb:

      phallisches Rumalbern mit einem Säbel inklusive.
      Der Herr Oberhoff hätte eine Freude damit :D


      War das Orchester reduziert, oder in voller Besetzung?
    • Lieber Alviano,

      vieln Dank für Deinen interessanten Bericht.


      Eine Sache möchte ich herausgreifen:

      Alviano schrieb:

      schneidet sich die Marschallin ganz wörtlich das Herz aus der Brust und reisst dann den zahlreichen Uhren, die herumstehen, die Zeiger ab, als könnte so das Vergehen der Zeit aufgehalten werden.


      Ist das nicht ein bissel too much? Spricht der Text nicht für sich und benötigt solch eine plastische Darstellung nicht?. Ausserdem habe ich die Marschallin gar nicht so verzweifelt in Erinnerung. Eher weise und sich keine falsche Illusionen über den Lauf der Dinge machend. Man muss die Zeit ja auch nicht fürchten, heisst es doch dort.

      Gruss
      Hudebux
    • "Rosenkavalier"

      Lieber Hudebux,

      die Frage, ob das Herausschneiden des Herzens nicht "ein wenig zu viel" ist, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Es ist vielleicht das Bild, das in dieser "Rosenkavalier"-Inszenierung am weitesten geht. Dennoch passt es sich in dieses Regiekonzept sehr gut ein und wirkt auch trotz aller Drastik stimmig. Die Marschallin reicht ihr Herz an Octavian weiter, eine Geste, die etwas Zärtliches hat, und man sieht in der Handhaltung und vor allem in der Gestik von Octavian eine gewisse Ambivalenz, das ist ganz toll gemacht, weil beide Sängerinnen das sehr gut mit Leben füllen können. Im dritten Akt, wenn für alle drei Frauen eine Sache - aus unterschiedlicher Sichtweise heraus - ihr Ende gefunden hat, wird dieses Herz noch einmal hervorgeholt - ein anrührender Moment.

      Fügt sich die Marschallin wirklich in ihr Schicksal oder ist da nicht auch eine grosse Angst? Vorm Alleinsein, vorm Altwerden, vor dem Verlust von körperlicher Attraktivität? "Mein lieber Hyppolit, heut haben sie ein altes Weib aus mir gemacht" sagt sie zu ihrem Friseur und sie sorgt sich, dass die Menschen, wenn sie auf der Strasse unterwegs ist, tuscheln könnten, dass da die "alte Fürstin Resi" unterwegs ist. Im dritten Akt habe ich das Frauen-Terzett am Ende gerade aus Sicht der Marschallin immer für einen Moment der Verzweiflung gehalten. Vorher wirkt es noch so, als habe sie die Fäden in der Hand (z. B. wenn sie den Ochs abserviert), aber dann, wenns an "Eingemachte" geht? "Hab ichs denn nicht gewusst? Hab ich nicht ein Gelübde getan? Dass ichs mit einem ganz gefassten Herzen ertragen werd..." Erträgt sie es denn wirklich mit "gefasstem Herzen"? Zweifel sind erlaubt. Und der Seufzer "In Gottes Namen" ist doch auch eher ein Ausdruck von Resignation.

      In der Inszenierung von Fioroni gibt es im dritten Akt in diesem Zusammenhang zwei erwähnenswerte Bilder: wenn die Marschallin in das "Beisl" kommt, wird sie an der Hand des grossen Automaten hereingeführt. Sie wirkt deshalb nicht szenebeherrschend, sondern klein, verletzlich und kindlich. Und während in manch anderer Inszenierung am Ende die Marschallin mit Faninal Arm in Arm abgeht - es also auch für sie vielleicht ein tröstliches Ende gibt, ist bei Fioroni nur eine grosse Einsamkeit.

      :wink:
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber Alviano,

      vielen Dank für Deine ausführliche Antwort.
      Das mit dem Herzen verstehe ich nun besser. Sieht das herausgerissene Herz aus wie das menschliche Organ, oder eher wie das Liebessymbol?


      Alviano schrieb:

      Fügt sich die Marschallin wirklich in ihr Schicksal oder ist da nicht auch eine grosse Angst? Vorm Alleinsein, vorm Altwerden, vor dem Verlust von körperlicher Attraktivität?

      Ja, aber macht sie die Angst so blind oder wütend, dass sie sinnlos Uhren den Zeiger abreisst? Anders gefragt, was bringt dem Zuschauer diese, in meinen Augen sehr plastische, Bühnenhandlung, was über den Text der Zeitarie hinausgeht?

      Aber ich will gar nicht gross nörgeln. Insgesamt klingt das nach einer gelungenen Inszenierung.

      Gruss
      Hudebux
    • "Rosenkavalier"

      Lieber Hudebux,

      das Herz ist kein "symbolisches" - es ist ganz realistisch blutig und tiefrot.

      "Sinnlos"...? Für Aussenstehende mag das vielleicht so aussehen, aber wenn man in der Situation selbst ist, wenn man am liebsten die Zeit anhalten möchte - und sei es, mit einer hilflosen (oder eben "sinnlosen") Geste? Es gibt Menschen, die aus einer Hilflosigkeit heraus Dinge gegen Wände schmettern und diese Sachen sind dann kaputt - eine vielleicht "sinnlose" Geste, aber im Moment der Ausführung mag sie dem oder der so Handelnden - und sei es für Sekunden - eine Erleichterung bedeuten.

      Deine Anmerkungen empfinde ich nicht als "nörgeln". Mir hat die Produktion sehr gefallen und ich wollte hier über diese Aufführung berichten. Etwa fünf Mal habe ich angefangen, einen Bericht zu verfassen und alle fünf Versuche sind über den ersten Absatz nicht hinaus gekommen, weil es tatsächlich schwer beschreibbar ist, was zu sehen und zu erleben ist. Wenn es dann ein Feedback gibt, Nachfragen, dann hat sich der Aufwand, einen Beitrag zu verfassen, doch gelohnt.

      Diese Arbeit von Fioroni gehört für mich zu den besten "Rosenkavalier"-Aufführungen, die ich bisher gesehen habe. Er steht damit in einer Reihe mit Peter Konwitschny, Ruth Berghaus und Stefan Herheim - das ist doch schon was.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Lieber merkatz,

      eine der goldenen Regeln in Foren ist die, dass niemand zu Antworten verpflichtet ist - man eine Antwort entsprechend auch nicht einfordern kann. Warum jemand nicht antwortet, ist denn auch seine Privatsache. Das nur mal OT von einem Uraltforianer nicht nur für Dich. Dieses Pochen auf eine allfällige Antwort gibt es ja auch von anderen ...

      Liebe Grüße Peter
      .
      Auch fand er aufgeregte Menschen zwar immer sehr lehrreich, aber er hatte dann die Neigung, ein bloßer Zuschauer zu sein, und es kam ihm seltsam vor, selbst mitzuspielen.
      (Hermann Bahr)
    • Lieber Alviano!

      Alviano schrieb:

      "Sinnlos"...? Für Aussenstehende mag das vielleicht so aussehen, aber wenn man in der Situation selbst ist, wenn man am liebsten die Zeit anhalten möchte - und sei es, mit einer hilflosen (oder eben "sinnlosen") Geste? Es gibt Menschen, die aus einer Hilflosigkeit heraus Dinge gegen Wände schmettern und diese Sachen sind dann kaputt - eine vielleicht "sinnlose" Geste, aber im Moment der Ausführung mag sie dem oder der so Handelnden - und sei es für Sekunden - eine Erleichterung bedeuten.


      Das kann ich im allgemeinen alles gut nachvollziehen. Nur war mein Rollenverständnis der Marschallin bis anhin ein anderes: Sie weiss wie der Hase läuft, macht sich keine falschen Illusionen, ahnt von Anfang an, dass Octavian sie über kurz oder lang verlassen wird, aber sie verliert darüber nicht die Contenance, sondern philosophiert mehr über die Zeit als dass sie sie verachtet. Daher ergibt sich für mich eine gewisse Diskrepanz zwischen meiner Deutung der Rolle und der stark emotionalen Aktion, dem Abreissen der Zeiger, in der Kassler Produktion. Aber aufgrund Deines positiven Berichts, vermute ich, dass sich dies doch besser in die Gesamtkonzeption der Inszenierung fügt als ich es mir gerade vorstellen kann.

      Herzliche Grüsse

      Hudebux
    • "Rosenkavalier"

      Das ist ja das Spannende: das eine Situation verschiedene Sichtweisen zulässt, die alle auch begründbar sind. Das resignativ-abgeklärte bei der Marschallin ist eine Möglichkeit, das tief-verzweifelte eine andere. "Wie alles zerläuft zwischen den Fingern, wie alles sich auflöst, wonach wir greifen, alles zergeht wie Dunst und Traum". Steht da wirklich jemand über den Dingen? "Die Zeit ändert doch nichts an den Sachen". Aber plötzlich spürt man nichts anderes, als die Zeit. Und dann mag es Leute geben, die mitten in der Nacht aufstehen, und alle Uhren anhalten, damit das Unabänderliche nicht geschieht. So, wie ein Kind, dass sich die Augen zuhält und das dann glaubt, schon durch diese Geste unsichtbar zu sein. Was nutzen die guten Vorsätze, eine geliebte Person gehen zu lassen, wenn diese sich "umorientiert" und diese "Umorientierung" dann verdammt schnell kommt? "Da steht der Bub und da steh ich" - wer bleibt denn auf der Strecke? Und ob dann Fahrten mit dem Onkel Greifenklau in den Prater oder über den Ring ein Ersatz für Ausritte mit der Geliebten sein können - Zweifel sind erlaubt.

      Es ist schade, dass Kassel für Dich, lieber Hudebux, wirklich weit weg ist - vielleicht würde Dir die Aufführung gefallen. Bei Konwitschny in Hamburg schluckt die Marschallin schon am Ende des ersten Aktes Tabletten - an eine distanziert-abgeklärte Haltung mochte auch dieser Regisseur nicht glauben.
      Der Kunst ihre Freiheit
    • Alviano schrieb:

      Es ist schade, dass Kassel für Dich, lieber Hudebux, wirklich weit weg ist

      Ja das liegt zeitlich leider nicht drin. Die Inszenierung würde mir sicherlich besser gefallen als die beiden Inszenierungen von Otto Schenk aus den 70er oder 80er Jahren, die ich auf DVD habe. Beide mit Carlos Kleiber. Sicherlich legendär, aber für mich nicht anzusehen...

      Herzliche Grüsse
      Hudebux