Catalani: "La Wally" - Nationaltheater Mannheim, 24.10.2014

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    • Catalani: "La Wally" - Nationaltheater Mannheim, 24.10.2014

      Wer kennt heute noch eine Oper, die „Dejanice“ heisst? Oder „Loreley“ (wobei die Handlung von deren Urfassung „Elda“ an die Ostsee (!) verlegt wurde)? Einzig und allein die letzte Oper des bereits mit 39 Jahren verstorbenen Komponisten Alfredo Catalani, „La Wally“ aus dem Jahr 1892, dürfte den Opernfreunden zumindest dem Namen nach geläufig sein und ein breiteres Publikum kennt vielleicht die Arie der Wally vom Ende des ersten Aktes „Ebben? Ne andrò lontana“, gesungen von Wilhelmina Fernandez, aus dem Film “Diva” von Jean-Jacques Beineix.

      Bekannter als die Oper ist vermutlich die Verfilmung des Romans „Die Geierwally“ von Wilhelmine von Hillern mit Heidemarie Hatheyer in der Hauptrolle, enstanden im Jahr 1940, und der eine oder die andere denkt vielleicht an die Persiflage von Walter Bockmayer vom Ende der 80er Jahre, wo Samy Orfgen die Rolle der Wally sehr eigenwillig interpretiert.

      Dass eine Auseinandersetzung mit der „Wally“ von Catalani (für die Luigi Illica das Libretto verfasste) lohnend sein kann, bewies nun das Nationaltheater Mannheim, dass das Werk in einer Neuinszenierung durch Tilman Knabe und unter der musikalischen Leitung von Alois Seidlmeier dem Publikum vorstellte.

      Dass von Knabe keine folkloristische Inszenierung mit sepplbehosten Bergdorfbewohnern vor mächtigen Gesteinsmassiven zu erwarten war, müsste klar gewesen sein. Trotzdem ist die Lesart von Tilman Knabe, unterstützt vom Bühnenbildner Johann Jörg und der Kostümbildnerin Kathi Maurer verblüffend. Knabe erkennt in der Wally eine moderne Frau, die sich von einer patriachal ausgerichteten Welt emanzipiert und ihren eigenen Weg geht.

      Sie lässt sich vom Vater nicht vorschreiben, wen sie lieben oder heiraten soll und zieht es stattdessen vor, mit einem jungen Freund kurzer Hand das Elternhaus zu verlassen und fortan auf eigenen Füssen zu stehen, selbstbestimmt und unabhängig.

      Darüber hinaus stellt Knabe fest, dass die „Wally“ soetwas wie ein Stationendrama ist. Jeder Akt bildet nach Auffassung des Regisseurs eine geschlossene Einheit, die eben nicht in eine linear fortlaufende Erzählung mündet. Knabe interpretiert die Wally so, dass jeder Akt zu einer anderen Zeit gehört. Man verfolgt quasi das Leben der Wally über einen Zeitraum von rund 40 Jahren.

      Der Beginn liegt 1968. Vater Stromminger, erfolgreicher Unternehmer, feiert seinen 70. Geburtstag im schicken Reihenhaus mit zeittypisch aufgebrezelten Gästen. An der Wand hängen Jagdtrophäen, darunter stehen Gewehre in einem offenen Schrank – Sicherheitsbedenken gab es in 60ern wohl noch nicht. Abgetrennt in einem Nebenzimmer sitzt in einem kargen Raum mit einer Bettstatt und einigen Büchern die Tochter des Hauses, Wally. Die Wände ihres Zimmers zieren Plakate von Che Guevara oder solche, die für den „Internationalen Frauentag“ werben, Zeitungsausschnitte, z. B. aus der „Pardon“. oder die schlichte Aufforderung „Krawall“ ergänzen das Interieur. Ganz klar, die Tochter aus gutem Hause sympathisiert mit der politischen Linken, nicht ungewöhnlich in dieser Zeit.

      Wallys Freund Walter ist ein Beatnik, der sich, eine grosse Tüte rauchend, über das Establishment lustig macht – aber den Festgästen doch was vorsingt, was diese mit einem gewissen Sicherheitsabstand auch gerne geschehen lassen – irgendwie exotisch, der Kleine. Solange er nicht zu Hause auf dem eigenen Sofa sitzt.

      Gellner, vielleicht der Verwaltungsdirektor der Unternehmung und vom Vater als Schwiegersohn vorgesehen, passt sicher in die Stromminger-Welt, in jene der Wally passt so einer ganz gewiss nicht.

      Tilman Knabe erzählt das alles ganz realistisch. Was aber seine Inszenierung auch wirklich sehenswert macht, ist das Geschick, mit dem der Regisseur das Surreale von Anfang an in seine Regiearbeit einfliessen lässt. So taucht plötzlich im Bühnenvordergrund eine alte, etwas abgerissene Frau mit einem Rollator auf, die Wally ein Amulett schenken wird. Später wird klar, dass hier das Mädchen Wally ihrem eigenen Ich, das sie etwa um 2010 sein wird, begegnet. Eine Szene, die emotional berührt und sich damit klar von der männerdominierten Welt im Nebenzimmer abgrenzt.

      Wallys Herz jedenfalls gehört einem gewissen Hagenbach, der eine Art Rockergruppe anführt, dunkle Sonnenbrillen, schwarze Lederjacken und die mischen die Festgesellschaft ganz schön auf. Zwar haben sich die Herren um Stromminger mit den Gewehren des Hausbesitzers bewaffnet, aber abdrücken tun sie dann doch nicht. „Nazi“ schmieren die ungebetenen Besucher auf die Fenster und rein vom Alter her könnte das schon sein, dass Stromminger einer war.

      Wally stellt klar, dass sie den Gellner nicht heiraten wird und macht sich abmarschbereit. Frauen im Look der „RAF“, bewaffnet mit Maschinenpistolen, kommen auf die Bühne. Im Hintergrund flimmern Bilder aus jener Zeit: Dutschke, Benno Ohnesorge, die Schah-Demonstration, „Die Freislers sind noch unter uns“ steht auf einem Transparent, das „Springer“-Haus – und schliesslich Andreas Baader und Ulrike Marie Meinhof.

      Wally wird eine der Frauen, völlig gleich gekleidete Männer kommen hinzu und synchron werden alle Paare eine Blutsbrüderschaft schwören.

      Viele derer, die 68 politisiert wurden, machten später ganz andere Karrieren, als dass sie Revoluzzer geblieben wären.

      So auch Wally. Zwanzig Jahre später feiert die „Wally AG“ („Ideen schaffen Märkte“), Firmenlogo: ein Geier, ihr 15-jähriges bestehen. Man hat sich einen Animateur gegönnt, der die Leute, von denen viele bunte, karnevaleske Hüte tragen, unterhält. Wally ist eine schicke Business-Frau geworden, Walter der persönliche Sekretär im Anzug und der Verlierer der Geschichte heisst Gellner, der ist nun der Hausmeister und hängt an der Flasche. Auch Hagenbach begegnen wir wieder, der hat die Lederjacke längst gegen massgeschneidertes eingetauscht und statt Revolutionär ist er ein ziemlicher Zyniker geworden, der sich – was Wally ärgert – einer Kellnerin zugewandt hat, die von Wally gedemütigt wird. Hagenbach, ganz Macho, spielt Wally nochmal die grosse Liebe vor und küsst sie, um sie dann dem Gelächter der Gesellschaft Preis zu geben. Auch der zweite Akt endet mit verdoppelten, geisterhaft agierenden Paaren: alle Frauen töten synchron die Männer, so wie Wally Hagenbach tötet.

      Dieser Kunstgriff von Knabe ermöglicht es (im Stück stiftet Wally den Gellner an, Hagenbach zu töten, was misslingt und am Ende der Oper stürzt sich Wally in eine Schlucht, nachdem Hagenbach von einer Lawine getötet wurde), den Niedergang der Wally schlüssig zu begründen.

      Im dritten Akt – Wally ist 15 Jahre später auf dem Höhepunkt ihrer unternehmerischen Karriere angekommen – erlebt das Publikum eine Wally, die von Wahnvorstellungen verfolgt wird, viel Alkohol ist notwendig, um ihre psychischen Probleme einigermassen in den Griff zu bekommen. Walter, der androgyne Freund der Jugendtage, kümmert sich als Sekretärin um Wally, die Stimmen hört und von Gespenstern – so auch vom toten Hagenbach – gepeinigt wird. Verzweifelt versucht sie sich, aus dem Fenster zu stürzen. Aber die Polizei hat den Ort bereits abgesperrt und die Feuerwehr hat ein Sprungtuch ausgebreitet, Wally überlebt den Sprung.

      Im letzten Akt, knapp zehn Jahre später, ist Wally die alte Frau mit dem Rollator geworden, die schon im ersten Akt aufgetreten ist. Eine Pennerin, die ihre wenigen Habseligkeiten um sich verbreitet hat. Vom Aufstieg der Wally ist nichts geblieben. Nach einem kurzen Besuch von Walter bleibt Wally auf der leeren Bühne völlig allein. Die Stimme von Hagenbach kommt aus dem Off, Wally verliert endgültig den Verstand. Sie wird von einer Gruppe von Männern zusammengeschlagen und in eine Zwangsjacke gesteckt. Über den Bühnenhintergrund flimmern noch einmal die Bilder aus der Zeit, zu der alles begann.

      Tilman Knabe gelingt eine Inszenierung, die zu Fesseln versteht, die herausarbeitet, was ein solcher Stoff einem heutigen Publikum noch erzählen kann und er tut das mit einer bemerkenswerten Souveränität, die auch durch eine minutiöse Personenführung stark beeindruckt.

      Im Mittelpunkt dieser Neuinszenierung von Catalanis „Wally“ steht ganz klar die darstellerisch ausgezeichnete Sopranistin Ludmila Slepneva, die die verschiedenen Lebensabschnitte der Wally perfekt zu gestalten versteht. Vor allem in den letzten beiden Akten erreicht Slepneva eine Intensität, die berührt und die lange nachwirkt. Stimmlich gelingt Slepneva eine Gratwanderung zwischen innigen, zurückgenommenen Tönen und leidenschaftlichen Ausbrüchen, jenseits eines reinen Schöngesanges. Darstellung und Gesang bilden hier eine Einheit, die bemerkenswert ist.

      Mit etwas gleichförmigem, aber effektsicher eingesetzten Bariton überzeugt Jorge Lagunes, auch er wird darstellerisch vielfältig gefordert, als Gellner, wohingegen der Tenor Roy Cornelius Smith (Hagenbach) mit rüde eingesetztem Tenor von Gesangskultur wenig, aber von brachialer Lautstärke viel zu halten scheint.

      Sehr gut besetzt sind die kleineren und grösseren Nebenrollen, allen voran die Sopranistin Tamara Banjesevic als Walter, aber auch Sung Ha mit grossformatigem Bass als Stromminger und Bartosz Urbanowicz als Pedone stehen da nicht zurück. Besondere Freude bereitete mir das Wiedersehen und Wiederhören mit der Altistin Evelyn Krahé, die mir aus Detmold in guter Erinnerung geblieben ist.

      Catalanis Musik kann die Begeisterung des italienischen Komponisten für Richard Wagner nicht verbergen. Wobei diese besonders bei den blechgepanzerten Stellen zu spüren ist und diese gehören eher nicht zu jenen, die man als die „besseren“ bezeichnen könnte.

      Wo Catalani punkten kann: bei den fragileren, den leiseren aber ausdrucksstarken Stellen, so z. B. bei der Einleitung zum vierten Akt (die dann in einer starken Entladung mündet, bevor die Musik dann in ihrer Dynamik wieder ganz zurückgenommen wird) und dessen erster Szene. Da würde man sich vielleicht doch wünschen, dieser Musik öfter begegnen zu können.

      Dirigent Alois Seidlmeier konnte auch genau bei solchen Passagen sein Gespür für einen klaren, gut strukturierten Aufbau der Musik unter Beweis stellen und manche „Leerstelle“ vergessen machen. Auch dem Dirigenten ist zu verdanken, dass bei diesem Abend keine Langeweile aufkam und die Musik immer wieder zu überzeugen vermochte. Das Orchester bot einen meistens sehr präsenten, direkten Klang, einige Finessen (zum Beispiel bei der erwähnten Einleitung zum letzten Akt) inklusive.

      Der Chor des Nationaltheaters Mannheim (gegenwärtig der „Opernchor des Jahres“) bot eine ansprechende Leistung (Einstudierung: Anton Tremmel).

      Kaum war der letzte Ton verklungen, setzten die Publikumsproteste ein, die dann auch die Statisterie (!) trafen, wo doch eigentlich der Regisseur gemeint war – und der war sowas gewohnt.
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    • Danke, lieber Alviano, für Deine ausführliche und informative Besprechung!

      Es scheint, daß Knabe hier wieder den gleichen Weg beschritten hat wie seinerzeit mit Lohengrin am selben Ort: die originale Handlung derart radikal in die Gegenwart (hier: die der letzten Jahrzehnte) übertragen, daß gesellschaftliche Bezüge deutlich werden - verblüffend, wie stimmig das sein kann (ich beziehe mich auf Lohengrin, den ich gesehen habe). Allerdings scheint das nicht immer so gut zu funktionieren, etwa im Mainzer Tristan.

      Wie auch immer man dazu stehen mag: Das Ergebnis ist ganz offensichtlich aufregendes und spannendes Musiktheater!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:


      Wie auch immer man dazu stehen mag: Das Ergebnis ist ganz offensichtlich aufregendes und spannendes Musiktheater!


      Und wirklich gut gemacht - Beim "Lohengrin" fand ich klasse, wie Knabe sein Konzept stringent verfolgt. Jede Einwendung wurde meiner Einschätzung nach vom Ergebnis entkräftet. Hier, bei der "Wally", passt der Regieansatz perfekt zum Stück und der Musik. Mir persönlich hat auch der Mainzer "Tristan" sehr gut gefallen - die einzig wirklich schwache Inszenierung von Knabe, die ich kenne, war der "Fierrabras" von Schubert in Frankfurt. Diese Produktion wirkte unfertig und über weite Strecken unbeholfen.
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