Jüdische Sakralmusik

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    • Jüdische Sakralmusik

      Nachdem ich ja auch schon bei der russischen und osteuropäischen Sakralmusik "hängengeblieben" bin, und auch die "Missa Criolla" sehr liebe,
      bin ich nun über alte "Patina"-Klezmer-Musik-Aufnahmen bei jüdischer Gottesdienstmusik gelandet, und bin ganz baff.
      Wusste gar nicht, dass es so etwas gibt / gab.
      Ein Mann = Kantor / Chazan, der im jüdischen Gottesdienst mit leichter Orgel- und Chorbegleitung wunderschöne "Gebets-Arien" singt!
      Und die Sänger waren teilweise so bekannt wie Opernsänger, und, so heißt es, wurden auch von Opernsängern bewundert,
      wie etwa Gershon Sirota, der "jüdischer Caruso" genannt wurde, und der italienische Caruso, so heißt es, hörte ihm gerne zu.
      Dieses Stimmwunder hat das Warschauer Ghetto nicht überlebt...
      Ein anderer, Moshe Koussevitzky, hat zwischendurch auch als Opernsänger gearbeitet.

      Auf YouTube gibt es viele Hörbeispiele, von vielen bereits verstorbenen "Meister-Kantoren",
      etwa dieses "Kol Nidre" von Gershon Sirota:
      "https://www.youtube.com/watch?v=k34gVoR3LYg"

      Bei den ersten Klängen stutzte ich, es klingt so ähnlich wie der Anfang eines Teils der "Missa Criolla", ja sogar ein Hauch vom chinesischen 50er-Jahre-Musical "Ashima" steckt darin, bzw. umgekehrt, natürlich.
      Auch wenn die Aufnahmequalität natürlich alles andere als gut ist, und ich den Text und die religiöse Bedeutung gar nicht weiter kenne und jetzt auch gar keine Muße habe, mich näher damit zu befassen, aber mir gefällt diese Musik ganz außerordentlich.
      Was es nicht alles zu entdecken gibt, im Reich der Musik.

      Die englischen Wiki-Infos zum Thema sind ausführlicher als die deutschen:
      "http://en.wikipedia.org/wiki/Hazzan"
      "http://de.wikipedia.org/wiki/Chasan_%28Kantor%29"

      Die Blütezeit der jüdischen Chasan-Gebetsgesänge war wohl zwischen den 2 Weltkriegen.
      Wer gerne Opern-Arien hört, dem könnte dies durchaus gefallen.
      Mit Klezmer-Stil hat dies rein gar nichts zu tun.


      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • Ich war einmal in der Wiener Synagoge in einem geistlichen Konzert, in dem der Hauptkantor der Großen Synagoge von Jerusalem, Chaim Adler, einen Gastauftritt hatte. Der Mann hat eine Stimme - unfassbar! Ein mächtiger Bass, unglaublich laut. Adler hat den Kantor der Wiener Synagoge in einem Duett praktisch an die Wand gesungen. Ein unvergesslicher Abend.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Bevor ich mich über den musikalischen Teil der Liturgie in der Synagoge äußerer, da muss ich auch als - nicht gläubiger - Jude erst einmal nachdenken:
      Klezmer und der Gesang in der Synagoge haben so viel gemeinsam wie Volksmusik und Kirchenmusik. Da muss ich amusica vollinhaltlich zustimmen.
      Eine Ausbildung als Kantor hatten in der (nicht zu alten) Vergangenheit Jan Peerce und Richard Tucker; einschlägige Aufnahmen gibt es von beiden auf CD. Wenn man genau hört, kann man vor allem in der höheren Lage diesen Stil dieses Singens auch in ihren Opernrollen hören. Und wenn ich nicht ganz falsch liege, hat auch Neil Shicoff diese Ausbildung genossen. In meiner Sammlung findet sich auch eine CD des legendären Tenor Joseph Schmidt, in der sakrale Gesänge zu hören sind (aufgenommen in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts und irgendwie vor den Nazis gerettet).
    • brunello schrieb:

      Und wenn ich nicht ganz falsch liege, hat auch Neil Shicoff diese Ausbildung genossen.

      Das ist richtig, möglicherweise aber nicht abgeschlossen, siehe vierter Abschnitt hier:
      "http://www.allmusic.com/artist/neil-shicoff-mn0001773475/biography

      Dort und an anderen Stellen ist auch nachzulesen, dass Shicoffs Vater, Sidney Shicoff (1920-1965), Hazzan in New York war, seine Stimme ist auf (mindestens?) einer LP festgehalten, ein Stück davon gibt es unter diesem Link:
      "http://youtu.be/Q0jsrP_zW1Y
    • "https://www.youtube.com/watch?v=uSbIMRG3m8Y"

      hier kann man 1 1/2 Std. lang verschiedene Kantoren in bester moderner Qualität hören und sehen.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • amamusica schrieb:

      Wusste gar nicht, dass es so etwas gibt / gab


      das ist insofern bemerkenswwert, als mir diese Musik aus dem Rundfunk der 60ger Jahre recht vertraut ist.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      Zitat von »amamusica«
      Wusste gar nicht, dass es so etwas gibt / gab

      Antwort von Zabki:
      das ist insofern bemerkenswert, als mir diese Musik aus dem Rundfunk der 60ger Jahre recht vertraut ist.

      Vielen Dank für Eure Infos, Gedanken und Links!
      Das ist schön, dass diese Musik doch nicht so unbekannt ist, und auch im Radio gespielt wurde, und noch weiter gepflegt wird.
      Bei Musik-Themen bin ich ja nun wirklich nicht das Maß der Dinge.
      Es ist jedenfalls so bereichernd und schön, wenn man wieder etwas (für einen selber) neues entdeckt - in Gefilden, die man gar nicht erwartet hätte.
      YouTube ist schon eine phantastische Sache, für musikalische Entdeckungsstreifzüge.


      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • amamusica schrieb:

      Ein Mann = Kantor / Chazan, der im jüdischen Gottesdienst mit leichter Orgel- und Chorbegleitung wunderschöne "Gebets-Arien" singt!

      Offenbar machen das gar nicht nur Männer, wie ich gerade beim YT-Surfen festgestellt habe: "http://youtu.be/kI46IR8pI_U
      Wie auch immer, diese Kantorin klingt in meinen Ohren ganz ausgezeichnet!

      LG, Amaryllis
    • Das ist wirklich interessant, Amaryllis!
      Es sind wohl nicht alle Männer von Kantorinnen = Chasanit begeistert,
      "http://www.berliner-zeitung.de/archiv/sie-will-deutschlands-erste-juedische-kantorin-werden-avitall-gerstetter-singt-in-der-neuen-synagoge,10810590,9820802.html"
      aber zum Glück gibt es auch hierfür aufgeschlossene Gemeinden, damit auch Sopranstimmen erklingen können :)


      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
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    • Amaryllis schrieb:

      amamusica schrieb:

      Ein Mann = Kantor / Chazan, der im jüdischen Gottesdienst mit leichter Orgel- und Chorbegleitung wunderschöne "Gebets-Arien" singt!

      Offenbar machen das gar nicht nur Männer, wie ich gerade beim YT-Surfen festgestellt habe: "http://youtu.be/kI46IR8pI_U
      Wie auch immer, diese Kantorin klingt in meinen Ohren ganz ausgezeichnet!

      LG, Amaryllis

      Dem möchte ich mich anschliessen, sie klingt wirklich ganz wunderbar! Schade, dass die Aufnahmequalität nicht so dolle ist, bei mir verzerrt es teilweise doch ziemlich. Ich würd das gerne in noch besserer Qualität hören. Ob es das auch auf CD gibt?
    • Kantor Benzion Miller singt sinfonieorchesterbegleitete Lieder/Arien/was auch immer verschiedener jüdischer Komponisten. Synagogentauglich sind die ganz sicher nicht alle, inwiefern die liturgietauglichen Gesänge dieser CD repräsentativ sind, weiß ich nicht. Anfangs gefiel mir die CD gut, beim erneuten Hören ist mir das vielleicht doch etwas zu viel vertontes Klischee.



      Von ganz anderem Format scheint mir diese CD mit historischen Aufnahmen aus Berlin zu sein:

      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • Nachdem ich mir nun gestern diese Kantorin angehört habe, habe ich die halbe Nacht davon geträumt auf irgendwelchen jüdischen Feiern zu sein. Was da gefeiert wurde weiss ich zwar nicht, aber schöööön wars.
      Ich glaub, ich hab eine neue Lieblingsmusikgattung... :)
    • Amaryllis schrieb:

      Offenbar machen das gar nicht nur Männer, wie ich gerade beim YT-Surfen festgestellt habe


      Kantorinnen und Rabbinerinnen gibt es im Reformjudentum, im Konservativen Judentum (das gar nicht besonders konservativ ist,) und in den beiden jüngsten Richtungen des Judentums, im Rekonstruktionismus und im Jewish Renewal Movement. Diese Richtungen sind, im Gegensatz zur Orthodoxie und Ultraorthodoxie, heute geschlechtsegalitaristisch ausgerichtet. Sie können sich dafür auch auf Talmudstellen berufen, in denen der Bund ausdrücklich als Vertrag zwischen Gleichen, ausdrücklich auch zwischen Frauen und Männern, bestimmt wird. Gegensätzliche traditionelle Überlieferungen werden in dieser Sicht dann gewissermaßen zur historischen Schlacke. Im Reformjudentum gab es die ersten Kantorinnen sogar in den USA schon Ende des 19.Jahrh. Alle diese Richtungen haben auch eigene Ausbildungsstätten. Zumeist haben KantorInnen dieser Richtungen aber vorher auch ein klassisches Gesangsstudium oder zumindest irgendeine sonstige Gesangsausbildung, oft auch zusätzlich ein Kompositions- oder Instrumentalstudium.

      Nur in diesen Richtungen ist auch die Orgel oder sonstige Instrumentalbegleitung im Rahmen der Liturgie in der Synagoge zulässig. In der Orthodoxie kann der Kantor nur durch weitere Sänger unterstützt werden.

      Die klassisch-(spät)romantischen Überformungen traditionellen Synagogengesangs mit Orgel oder sogar Orchester - und darauf seit ihr wohl vor allem gestoßen - geht zurück auf die Kantoren zu Beginn des Reformjudentums in Deutschland in der Mitte des 19.Jahrhundert. Kantoren wie Louis Lewandowski im Umfeld Mendelssohns hatten klassische Kompositionsausbildungen. Teile der Gemeinden wollten deren Werke auch im Gottesdienst hören und so spielte die Musik eine erheblich Rolle bei der Entstehung des Reformjudentums, das sich dann von Deutschland schnell auch vor allem in die USA und nach England ausbreitete. Lewandowski und einige seiner Mitstreiter und Nachfolger haben auch nicht nur Sakralmusik komponiert.

      :wink: Matthias
    • Amaryllis schrieb:

      "http://youtu.be/kI46IR8pI_U
      Wie auch immer, diese Kantorin klingt in meinen Ohren ganz ausgezeichnet!


      Ja finde ich auch. Aber Angela W. Buchdahl ist auch ein Star: Erste asianamerikanische Kantorin, erste asianamerikanische Rabbinerin, erste Frau, die Rabbinerin und Kantorin zugleich ist und inzwischen, obwohl dafür noch außergewöhnlich jung, erst Oberkantorin, inzwischen schon Oberrabbinerin der Central Synagogue in NYC, einer der gößten reformjüdischen Gemeinden der Welt.

      Ob es das auch auf CD gibt?


      Insofern würde ich stark annehmen, dass es von ihr auch CDs gibt. Gibt's von solchen Stars unter den KantorInnen häufig, erst recht in einer der größten und wohlhabendsten Gemeinde der Welt.

      :wink: Matthias
    • Ich habe auch einen nicht-religiösen Hintergrund, aber es gab bei uns zu Hause Platten und CDs von Estrongo Nachama, von 1947 bis 2000 Kantor bzw. Oberkantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und mein Großvater , der genauso nicht-religiös war, wie ich, ist mit mir aber dennoch mal in die Synagoge gegangen, um mir das alles zu zeigen und zu erklären und vor allem um Estrongo Nachama zu hören und das war wirklich auch ein bleibendes Erlebnis, denn Berlin hatte mit Estrongo Nachama auch wieder einen herausragend guten Sänger mit einzigartiger Stimme. Irgendwo müßte ich auch noch ein Teil dieser CDs haben.

      Nach dem Krieg entstanden in Deutschland aus vielen Gründen die Einheitsgemeinden, natürlich vor allem, weil nur so wenige überlebt hatten und noch weniger in Deutschland bleiben wollten. Eigene Gemeinden jeder einzelnen Richtung wären deswegen kaum möglich gewesen und es war eine gemeinsame, auch politische, bzw. Interessenvertretung nötig. Waren vor 33 in Deutschland das Reformjudentum dominierend und an 2. Stelle das Konservative Judentum, dominierten die Einheitsgemeinde danach orthodoxe Juden, die meist als displaced persons aus Osteuropa irgendwie in Deutschland hängengebleiben waren. Insofern dominierte dann auch meistensorts der orthodoxe Ritus, daneben gab es dann vielleicht auch noch zusätzlich Gottesdienste nach konservativem Ritus. Diese große musikalische Tradition des deutschen Reformjudentums lebte vor allem in den USA, England und Israel sehr lebendig weiter. Inzwischen, seit sich nach 1989 vor allem infolge der in die deutschen Einigungsverträge gemogelten Regelungen für die Einwanderung von Juden aus osteuropäischen Ländern der Modrow-Regierung am Ende der DDR die jüdischen Gemeinden enorm gewachsen sind, gibt es aber unter dem Dach der Einheitsgemeinde wieder vermehrt auch konservative und reformjüdische Gemeinden, bzw werden auch wieder mehr solche Gottesdienst abgehalten.

      Auch in der Berliner Einheitsgemeinde dominierte und dominiert die Orthodoxie. Estrongo Nachama kam aber aus einer wieder anderen Richtung. Er war nämlich griechisch-sephardischer Jude aus Thessaloniki. Seine ganz Familie war ermordet worden. Ursprünglich nur nach Berlin gekommen, um sich nach der KZ-Zeit für die Weiterfahrt zu erholen, lernte er hier seine spätere Frau kennen, die in Berlin im Versteck überlebt hatte, kam dadurch in Kontakt mit der Berliner Gemeinde, wo es Leute gab, die sein riesiges Talent erkannten und blieb dann doch. Das alte Saloniki, das mal eine mehrheitlich jüdische Großstadt gewesen war, war ja auch von den deutschen Faschisten vernichtet worden. Er mußte sich dann auch in die völlig anderen Liturgien und Traditionen des ashenasischem Judentums erst einarbeiten, hat sich dann aber auch bemüht, eine breitere Tradition zu pflegen. So hörte ich ihn damals auch mit Orgel und auch die Platten/CDs, die ich von ihm kenne, sind mit Orgel (und z. T. mit dem RIAS Kammerchor). Irgendwie war man auch allgemein stolz, ob orthodox oder nicht-religiös, hier in Berlin wieder einen absoluten Spitzenkantor zu haben.
      Die Platten/Cds mit ihm, die ich kenne, sind eigentlich alle empfehlenswert. In sehr eindrucksvolles Kol Nidre zu Jom Kippur findet man z.B. auf dieser: Jom Kippur- Gebetsgesänge zum Versöhnungstag. (mit dem RIAS Kammerchor, Leitung: Uwe Gronostay, Orgel: Harry Foss).

      Sein Enkel ist heute Kantor und Rabbiner der (konservativen) Synagoge am Hüttenweg in Berlin. Denn inzwischen ist auch hier auch das religiöse jüdische Leben wieder sehr vielfältig.

      :wink: Matthias
    • Auf Avitall Gerstetter ist die YT-findige Amamusica ja auch schon gekommen. Avitall Gerstetter ist auch kulturell, interkulturell und politisch, inklusive in der jüdischen Friedensbewegung, sehr engagiert. Daher und über eine gemeinsame Freundin kenne ich sie. Ich habe sie mir auch mehrmals in der Synagoge angehört und auch mal eins ihrer nicht-sakralen Konzerte als Song-Interpretin und Songwriterin besucht. Sie halte ich auch für eine sehr gute Sängerin und Kantorin mit einer sehr schönen Stimme.

      Sie war die erste Kantorin in Deutschland. Inzwischen gibt es auch weitere, aber sie ist, glaube ich, immer noch die einzige festangestellte, seit 2001. Sie ist regelmäßig in der Großen Synagoge in der Oranienburger Str. in Mitte zu hören, wo der konservative Ritus befolgt wird. Sie selbst hat nach einem klassischem Gesangs- und Klarinettenstudium an der UdK bei einer Akademie des Jewish Renewal Movement in den USA die Ausbildung zur Kantorin gemacht. Ihre konservative Gemeinde war so offen, eine Jewish Renewal -Anhängerin fest einzustellen. In dieser Richtung, die sich aus allen Richtungen des Judentums speist und die die Mystik und das Charismatische der osteuropäischen Orthodoxen und Ultraorthodoxen mit besonders progressiven Einstellungen, wie bei den Rekonstruktionisten, zu verbinden versucht, spielt Musik eine ganz besonders große Rolle. (Nebenbemerkung für die Jazz- und Neue-Musik-Freunde, die sich vielleicht schon mal fragten, woher bei John Zorn die vielen Bezüge zur jüdischen Mystik kommen, auch er ist Jewish Renewal -Anhänger.)

      Avitall Gerstetter hat auch eine ganze Reihe CDs eingespielt, aber was ich kenne, gehört in Peter Brixius Thread zum jüdischen Lied, - sowohl Aufnahmen mit bekannten und weniger bekannten jüdischen Liedern anderer auf Englisch, Hebräisch und Jiddisch, als auch eigene Songs auf Englisch. Ihre Mitmusiker sind in diesem Bereich regelmäßig der Gitarrist Dominic Miller und der Percussionist Rani Krija, beide bekannt aus der Band von Sting. Aber ich werde sie bei Gelegenheit mal fragen, ob und wenn ja, wo es auch Sakralmusik auf CD von ihr gibt.

      In der Großen Synagoge in der Oranienburger Str. kann man sie aber regelmäßig mit Synagogalmusik im Ritus des Konservativen Judentums hören. Man sollte sich jedoch anmelden und Termine für Gäste erfragen, denn der heutige eigentliche Synagogenraum ist nicht sehr groß, außerdem vereinfacht das die leider notwendigen Sicherheitskontrollen. Dass so etwas nötig ist, gehört leider auch nach wie vor zur Realität jüdischen Lebens. Die Hompage dieser Synagoge: "http://www.or-synagoge.de/index.htm"

      :wink: Matthias
    • Vielen Dank für Deine hochinteressanten, sehr informativen Posts, Matthias!
      Da kann man die Musik und die Stücke viel besser einordnen und - zumindest etwas - besser verstehen.
      Kann ich gut nachvollziehen, dass man auch als nicht-Gläubiger gerne in die Synagoge geht, um sich gute Synagogalmusik anzuhören,
      so wie manche christliche "Karteileiche" ebenfalls schöne Gottesdienstmusik nicht missen möchte.
      Und "kreuz und quer" hören ist ja auch nicht verboten...

      Sehr gut gefällt mir auch "Sefiras Haomer", gesungen (und komponiert?) von Pierre Pinchik, wohl auch einer der ganz Großen:
      "https://www.youtube.com/watch?v=9NHChlgHRaA"


      :wink:

      amamusica :pfeif:
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • amamusica schrieb:

      Da kann man die Musik und die Stücke viel besser einordnen und - zumindest etwas - besser verstehen.
      Kann ich gut nachvollziehen, dass man auch als nicht-Gläubiger gerne in die Synagoge geht, um sich gute Synagogalmusik anzuhören,
      so wie manche christliche "Karteileiche" ebenfalls schöne Gottesdienstmusik nicht missen möchte.


      Liebe Amamusica,

      das Verhältnis ist schon kein rein kulinarisches :D . Bestimmten Strängen der Tradition sehe ich mich ich schon auch verbunden und die will ich auch unterstützen, auch wenn ich mir das meiste erst selbst aneignen mußte, da eine Selbstverständlichkeit der Überlieferung auch für mich verschüttet war aus vielen Gründen, die ich wohl nicht ausführen muß. Das Verhältnis von Nicht-Gläubigen oder in Isaac Deutscher Term sogar "nicht-jüdischen Juden" zur jüdischen Religion ist objektiv und zumeist auch subjektiv ein kompliziertes. Auch ein areligiöses 'Kulturjudentum' und sogar ein 'nicht-jüdisches Jude-Sein', ob nun mit Assimilationsillusionen oder nicht, steht in einem Verhältnis zum Bestehen von jüdischen Gemeinden. Das bringt einerseits eine Menge Schwierigkeiten mit sich - bis z.B. zum israelischen Staats- und Staatsbügerschaftsrecht. Das trägt andererseits aber auch sehr dazu bei, dass Jüdin oder Jude zu sein, nicht nur rein negativ, durch den ja nach wie vor nicht zu knapp vorhandenen Antisemitismus und die damit verbundenen durchaus realen Bedrohungen bestimmt wird. Aber das ist ein umfangreiches, nicht ganz einfaches Thema, zu dem es natürlich auch jede Menge unterschiedlicher Positionen gibt.

      Aber noch zu etwas völlig anderem, während ich die obigen Beiträge schrieb, fiehl mir auf, dass ich auch gar nicht weiß, wie das mit der Instrumentalbegleitung zum Sakralgesang, ob zulässig oder untersagt, in den verschiedenen sephardischen und den nicht-europäischen jüdischen Traditionen ist. Das muß ich auch mal erfragen, wenn sich die Gelegenheit dafür bietet.

      :wink: Matthias
    • Du schreibst sehr gut, Matthias, vielen Dank für Deine Erklärungen!

      Matthias Oberg schrieb:

      Aber noch zu etwas völlig anderem, während ich die obigen Beiträge schrieb, fiehl mir auf, dass ich auch gar nicht weiß, wie das mit der Instrumentalbegleitung zum Sakralgesang, ob zulässig oder untersagt, in den verschiedenen sephardischen und den nicht-europäischen jüdischen Traditionen ist. Das muß ich auch mal erfragen, wenn sich die Gelegenheit dafür bietet.
      Nur kein Stress! Aber interessant wäre es natürlich schon.
      Fand bei Wiki, dass es in manchen Traditionen nicht erlaubt ist, mit der Instrumentalbegleitung, nur Stimmen seien erlaubt.
      Da gibt es sicher noch viele Infos im Internet.
      Wiki ist jedenfalls ganz gut:
      "http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Musik"
      "http://en.wikipedia.org/wiki/Jewish_music"

      Fand auch hier ganz gute "Basic"-Infos zum - wie nennt man ihn am besten? - europäisch-amerikanischen klassisch-spätromantischen Stil (?):
      "http://geoffreyshisler.com/music-of-the-synagogue/"

      Hier detailliert, sehr gut zur Synagogalmusik früher in Wien:
      "http://geoffreyshisler.com/cantorial-world-of-vienna-1860-1938/"

      Die Musik, der Gesang, das geht aus all den Infos hervor, wurde richtig als (natürlich religiöse) Kunst begriffen, gepflegt und weiterentwickelt.
      "The standard of music, especially opera, in the city meant that the opportunities to study music and singing at the highest level, with the finest singing teachers, was very attractive to young Chazanim"
      Das hört man ja deutlich. Auch wenn sich das jetzt speziell auf Wien bezieht, aber es zeigt das Niveau.

      Und so fanden auch richtiggehende Konzerte statt, "events including concerts with huge audiences and the greatest cantors".

      Wie gesagt, das war an mir völlig vorübergegangen, bislang, während ich Klezmer-Musik schon (etwas) kannte.
      Aber "alles" kann man im Reich der Musik ohnehin nie kennen. Es ist viel zu viel.
      Es ist immer Zufall, worauf man stößt, und wo man "hängenbleibt".
      Aber immer so schön, wenn man etwas neues findet, das einen berührt und "mitschwingen" lässt.

      (Bin nur immer fassungslos, was alles vernichtet wurde.
      Da wird einerseits so wunderschönes geschaffen, dann wiederum derart viel zerstört.
      Was sind wir Menschen nur für Wesen. ;( )


      :wink:

      amamusica :pfeif:
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      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • Pierre Pinchiks "Sefiras Haomer", das ich oben gepostet habe, gefällt mir derart gut, da habe ich etwas geschnuppert, wer er wohl (gewesen) ist.
      Infos z.B. hier:
      "http://www.milkenarchive.org/people/view/all/508/Pinchik,+Pierre"

      Dieses "Milken Archive of Jewish Music" ist auch eine Fundgrube!

      z.B. auch dieser "Appetit-Happen" eines weiteren Stücks von Pierre Pinchik, "Mar'eh kohen":
      "http://www.milkenarchive.org/people/view/all/508/Pinchik,+Pierre#/works/view/620"
      Da hört man auch deutlich den ukrainisch-russischen Einfluss heraus. Die Kombination ist einfach :rolleyes:

      Im Artikel über Pierre Pinchik, ein Ukrainer, steht eine sehr berührende Legende über die Kraft der religiösen jüdischen Gesänge:
      Während des Gemetzels im Rahmen eines schrecklichen Progroms im 17. Jht. stimmte der örtliche jüdische Geistliche den Trauergesang an, der die Angreifer so berührte, dass sie wieder zur Besinnung kamen und die restlichen Juden verschonten.
      Leider lassen / ließen nicht alle Menschen von Musik ihr Herz erweichen.


      :wink:

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      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...