Bach, J. S.: Kantate Nr. 115 „Mache dich, mein Geist, bereit“

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    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 115 „Mache dich, mein Geist, bereit“

      Dies ist Bachs Choralkantate zum zweiundzwanzigsten Sonntag nach Trinitatis. Sie wurde am 5. November 1724 uraufgeführt, entstand also in Bachs zweitem Leipziger Amtsjahr, im sogenannten Choralkantatenjahrgang 1724/25.

      Hier das ihr zugrunde liegende Lied von Johann Burchard Freystein (1671-1718) mit seinen zehn Strophen:

      1. Mache dich, mein Geist! bereit, / Wache, fleh' und bete, / Dass dich nicht die böse Zeit / Unverhofft betrete; / Denn es ist / Satanslist / Ueber viele Frommen / Zur Versuchung kommen.
      2. Aber, wache erst recht auf / Von dem Sündenschlafe; / Denn es folget sonsten drauf / Eine lange Strafe, / Und die Noth / Sammt dem Tod / Möchte dich in Sünden / Unvermuthet finden.
      3. Wache auf! sonst kann dich nicht / Unser Herr erleuchten; / Wache! sonsten wird dein Licht / Dir noch ferne deuchten: / Denn Gott will / Für die Füll' / Seiner Gnadengaben / Off'ne Augen haben.
      4. Wache! dass dich Satanslist / Nicht im Schlaf antreffe, / Weil er sonst behende ist, / Dass er dich beäffe: / Denn Gott gibt, / Die er liebt, / Oft in seinen Strafen, / Wenn sie sicher schlafen.
      5. Wach! dass dich nicht die Welt / Durch Gewalt bezwinge, / Oder, wenn sie sich verstellt, / Wieder an sich bringe. / Wach' und sieh', / Damit nie / Viel von falschen Brüdern / Unter deinen Gliedern.
      6. Wache dazu auch für dich, / Für dein Fleisch und Herze, / Damit es nicht liederlich / Gottes Gnad' verscherze: / Denn es ist / Voller List, / Und kann sich bald heucheln / Und in Hoffart schmeicheln.
      7. Bete aber auch dabei / Mitten in dem Wachen: / Denn der Herre muss dich frei / Von dem allen machen, / Was dich drückt / Und bestrickt, / Dass du schläfrig bleibest / Und sein Werk nicht treibest.
      8. Ja! er will gebeten sein, / Wenn er was soll geben, / Er verlanget unser Schrei'n, / Wenn wir wollen leben, / Und durch ihn / Unsern Sinn, / Feind, Welt, Fleisch und Sünden, / Kräftig überwinden.
      9. Doch wohl gut! es muss uns schon / Alles glücklich gehen, / Wenn wir ihn durch seinen Sohn
      Im Gebet anflehen: / Denn er will / Uns mit Füll' / Seiner Gunst beschütten, / Wenn wir gläubend bitten.
      10. Drum so lasst uns immerdar, / Wachen, flehen, beten, / Weil die Angst, Noth und Gefahr, / Immer näher treten; / Denn die Zeit / Ist nicht weit, / Da uns Gott wird richten, / Und die Welt vernichten.


      Das Evangelium des Sonntags war in Leipzig seinerzeit Mt 18, 23-35. Dies ist eines der Gleichnisse, die mit „Das Himmelreich gleicht …“ beginnen. Hier ist es ein König, der von seinen Knechten zurückforderte, was sie ihm schuldig waren. Einer von ihnen schuldete ihm zehntausend Zentner Silber (eine unvorstellbare Summe, etwa 200.000 Jahreseinkünfte eines Arbeiters) und konnte sie nicht bezahlen. Der König ordnete an, dass der Knecht, seine Frau, seine Kinder und alles, was er hatte, verkauft werden sollte. Da fiel er ihm zu Füßen und bat um Geduld, denn er wolle ihm alles bezahlen. Der König hatte Erbarmen und erließ ihm die Schuld. – So ging der Knecht hinaus. Doch als er einen seiner Mitknechte traf, der ihm hundert Silbergroschen schuldete (ein Silbergroschen war der Lohn eines Tagelöhners für einen Tag Arbeit), da packte er ihn und zwang ihn mit Gewalt, dass er seine Schuld bezahle. Da dieser nicht zahlen konnte, bat er um Geduld, doch der andere ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er seine Schuld bezahlt hätte. – Dies wurde dem König berichtet, der seinen Knecht zu sich rufen ließ und ihn wegen seiner mangelnden Barmherzigkeit tadelte, zumal ihm selbst großes Erbarmen zuteil geworden war. Und der König überantwortete seinen Knecht den Peinigern, bis er seine Schuld bezahlt hätte.

      Das Lied ist eine Mahnung zur Wachsamkeit vor der Versuchung und hält zum Gebet um Gnade an. Der Bezug vom Evangelium des Sonntags mit seinen Themen der menschlichen Schuld, der Gnade Gottes und der Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten ist immerhin punktuell gegeben, wenngleich gerade das Verhältnis zum Nächsten, also das Thema der Pointe des Gleichnisses, überhaupt nicht erscheint.

      Der unbekannte Textdichter übernahm wie üblich die Rahmenstrophen 1 und 10 wörtlich für den ersten und den letzten Satz. Strophe 2 wurde zum zweiten Satz, Strophen 3 bis 6 zum dritten, Strophe 7 zum vierten und Strophen 8 und 9 zum fünften Satz umgedichtet. Die ersten beiden Zeilen von Strophe 7 wurden wörtlich in Satz vier übernommen.

      1. Choral
      Mache dich, mein Geist, bereit,
      Wache, fleh und bete,
      Dass dich nicht die böse Zeit
      Unverhofft betrete;
      Denn es ist
      Satans List
      Über viele Frommen
      Zur Versuchung kommen.


      Die erste Arie folgt dem Inhalt der zweiten Strophe sehr eng – beide mahnen zur Wachsamkeit, da sonst ein bitteres Erwachen folgen könne.

      2. Arie
      Ach schläfrige Seele, wie? ruhest du noch?
      Ermuntre dich doch!
      Es möchte die Strafe dich plötzlich erwecken
      Und, wo du nicht wachest,
      Im Schlafe des ewigen Todes bedecken.


      Der unbekannte Dichter vollbrachte das Kunstwerk, vier Strophen ohne allzu große inhaltliche Verluste in ein Rezitativ zu zwingen. Die Themen der dritten Strophen wurde fast vollständig übernommen. Von der vierten blieb nur die „Satanslist“ übrig, von der fünften fanden immerhin die „Welt“ und die „falschen Brüder“ „unter den Gliedern“ ihren Weg in die Kantate. Die sechste Strophe steuerte das Motiv der falschen Schmeichelei bei.

      3. Rezitativ
      Gott, so vor deine Seele wacht,
      Hat Abscheu an der Sünden Nacht;
      Er sendet dir sein Gnadenlicht
      Und will vor diese Gaben,
      Die er so reichlich dir verspricht,
      Nur offne Geistesaugen haben.
      Des Satans List ist ohne Grund,
      Die Sünder zu bestricken;
      Brichts du nun selbst den Gnadenbund,
      Wirst du die Hülfe nie erblicken.
      Die ganze Welt und ihre Glieder
      Sind nichts als falsche Brüder;
      Doch macht dein Fleisch und Blut hiebei
      Sich lauter Schmeichelei.


      Die zweite Arie übernimmt die ersten beiden Zeilen der siebten Strophe wörtlich. Die Strophe begründet die darin enthaltene Aufforderung zu Gebet damit, dass vor allem um Befreiung von allem, was die gläubige Seele am Wachsein hindert, gelten solle; die Umdichtung mahnt eher, den Herr um Geduld zu bitten – ein zarter Anklang an die Evangeliumslesung, wo die Schuldner ebenso um Geduld bitten.

      4. Arie
      Bete aber auch dabei
      Mitten in dem Wachen!

      Bitte bei der großen Schuld
      deinen Richter um Geduld,
      Soll er dich von Sünden frei
      Und gereinigt machen!


      Das letzte Rezitativ entfernt sich von allen Binnensätzen am weitesten von seiner Vorlage, behält gleichwohl die wesentlichen Motive bei: das Gebet als den Wille Gottes, das Überwinden der Feinde, die Zusage der Hilfe und Gnade.

      5. Rezitativ
      Er sehnet sich nach unserm Schreien,
      Er neigt sein gnädig Ohr hierauf;
      Wenn Feinde sich auf unsern Schaden freuen,
      So siegen wir in seiner Kraft:
      Indem sein Sohn, in dem wir beten,
      Uns Mut und Kräfte schafft
      Und will als Helfer zu uns treten.


      Die letzte Strophe des Liedes blieb unverändert als Schlusschoral stehen.

      6. Choral
      Drum so lasst uns immerdar
      Wachen, flehen, beten,
      Weil die Angst, Not und Gefahr
      Immer näher treten;
      Denn die Zeit
      Ist nicht weit,
      Da uns Gott wird richten
      Und die Welt vernichten


      Hier die sechs Sätze von BWV 115 samt ihrer Besetzung im Überblick.

      Nr. 1 Choral „Mache dich, mein Geist, bereit“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Horn, Flauto traverso, Oboe d‘amore, Violine I/II, Viola, B. c.
      Nr. 2 Arie „Ach schläfrige Seele” – Alt, Oboe d’amore, Violine I/II, Viola, B. c.
      Nr. 3 Rezitativ „Gott, so vor deine Seele wacht“ – Bass, B. c.
      Nr. 4 Arie „Bete aber auch dabei“ – Sopran, Flauto traverso, Violoncello piccolo, B. c.
      Nr. 5 Rezitativ „Er sehnet sich nach unserm Schreien“ – Tenor, B. c.
      Nr. 6 Choral „Drum so lasst uns immerdar“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Horn, Flauto traverso, Oboe d‘amore, Violine I/II, Viola, B. c.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Satz 1 – Choral „Mache dich, mein Geist, bereit“ (G-Dur, 6/4)

      Auf den ersten Blick in die Partitur ist dies ein Choralchor wie viele andere: Der Chor singt den Choral zeilenweise, die einzelnen Zeilen sind durch instrumentale Abschnitte voneinander getrennt, die Melodie (diejenige des Chorals „Straf mich nicht in deinem Zorn“) ist dem Sopran anvertraut.

      Doch schon das Eingangsritornell des Orchesters lässt aufhorchen: Alle Violinen und Bratschen spielen im Unisono. (Das Oktavmotiv des Anfangs, g‘-g-g‘, wird uns durch den Satz begleiten.) Tatsächlich ist der Anfang nur zweistimmig: hohe Streicher und B. c. Erst nach sechs Takten kommen die beiden Bläser hinzu, d. h. der Satz wird zum Quartett, bei dem Traversflöte und Oboe d‘amore einerseits sowie hohe Streicher und B. c. andererseits miteinander dialogisieren. Apart!

      Die Unterstimmen des Chores übernehmen das Oktavmotiv der Instrumente und verwenden es in der ersten und dritten Zeile imitatorisch. In der zweiten und vierten Zeile steht im Chor ein harmonisch komplexer Satz, der dem „Flehen und Beten“ angemessen ist. – Die Kurzzeilen „Denn es ist / Satans List“ stehen homophon, „über viele Frommen“ ist wie die erste und dritte Zeile unter imitatorischer Verwendung des Oktavmotivs gesetzt, „zur Versuchung kommen“ hat dann erstmals eine Vorimitation der Unterstimmen über ein eigenes Motiv, bevor der Satz ähnlich schmerzlich wie in Zeilen zwei und vier wird.

      Satz 2 – Arie „Ach schläfrige Seele” (e-moll, 3/4)

      Da-capo-Arie mit dramatischer Anlage: Der A-Teil, „Adagio“ überschrieben, entspricht musikalisch der Schläfrigkeit, der Mittelteil, „Allegro“, malt zunächst das plötzliche Erwecken, wendet sich dann zum „Schlafe des ewigen Todes“ ins Adagio.

      Im A-Teil und am Ende des B-Teils sind ein Siciliano-Rhythmus und Orgelpunkte das Mittel der Wahl. Im B-Teil reißen rasende Sechzehntelskalen und Akkordschläge auf „1“ und „2“ des 3/8-Taktes den Hörer aus seinem eventuellen Dämmerschlafe (der selbstverständlich nur der berückenden Wiedergabe des A-Teils geschuldet ist). – Eine herrliche Arie!

      Satz 3 – Rezitativ „Gott, so vor deine Seele wacht“ (G-Dur -> h-moll, c)

      Secco-Rezitativ mit den üblichen Dissonanzen auf „Abscheu“, „Satans List“ usw.

      Satz 4 – Arie „Bete aber auch dabei“ (h-moll, c)

      Noch so ein Wunderwerk. Diese da-capo-Arie ist „molto adagio“ überschrieben. Der vierstimmige Satz ist darauf angelegt, den vier Stimmen ebenso viele Lagen zuzuweisen: Die Traversflöte im hohen Diskant, der Sopran in seiner natürlichen Lage, das Violoncello piccolo in Tenorlage und der B. c., vermutlich mit 16‘ verstärkt, in der Basslage.

      Das Anfangsmotiv durchzieht den ganzen Satz, zunächst in den beiden Melodieinstrumenten, dann übernimmt es auch der Sopran. Nie erscheint es im B. c., aber auch so ist das Ergebnis ein kontrapunktisch äußerst dicht gewobener Satz, der dem Hörer eine intim-konzentrierte Gebetsszene vor Ohren führt. – Dieselbe Faktur im B-Teil. Kammermusik vom Feinsten.

      Satz 5 – Rezitativ „Er sehnet sich nach unserm Schreien“ (h-moll -> G-Dur, c)

      Secco-Rezitativ, welches zur letzten Zeile („ … als Helfer zu uns treten“) zum Arioso wird.

      Satz 6 – Choral „Drum so lasst uns immerdar“ (G-Dur, c)

      Schlichter vierstimmig-homophoner Choralsatz mit colla parte mitgehenden Instrumenten. Auffällig ist die fast durchgehende Achtelbewegung im Chorbass und im B. c.
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.