Bach, J. S.: Kantate Nr. 139 „Wohl dem, der sich auf seinen Gott“

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    • Bach, J. S.: Kantate Nr. 139 „Wohl dem, der sich auf seinen Gott“

      Dies ist Bachs Choralkantate zum dreiundzwanzigsten Sonntag nach Trinitatis. Sie wurde am 12. November 1724 uraufgeführt, entstand also in Bachs zweitem Leipziger Amtsjahr, im sogenannten Choralkantatenjahrgang 1724/25.

      Hier das ihr zugrunde liegende Lied von Johann Christoph Rube (1665-1746) mit seinen fünf Strophen. Es wurde auf die Melodie von „Machs mit mir Gott nach deiner Güt“ gesungen, die auf Johann Herrmann Schein (1586-1630) zurückgeht, Bachs vielleicht berühmtesten Vorgänger im Amt des Thomaskantors.

      1. Wohl dem, der sich auf seinen Gott, / recht kindlich kann verlassen, / dem mag gleich Sünde, Welt und Tod / und alle Teufel hassen, / so bleibt er dennoch wohl vergnügt, / wenn er nur Gott zum Freunde kriegt.
      2. Die böse Welt mag immerhin / mich hier und da befeinden, / kann sich nur mein Gemüt und Sinn / mit meinem Gott befreunden, / so frag ich nichts nach ihrem Hass! / Ist Gott mein Freund, wer tut mir was.
      3. Und ob ich gleich darüber oft / viel Unglück leiden müssen, / so hat Gott gleichwohl unverhofft / mich wieder draus gerissen. / Da lern’ ich erst, dass Gott allein / der Menschen bester Freund muss sein.
      4. Ja wenn gleich meiner Sünden Schuld / sich häuft in mir zusammen / wenn sie mir abspricht Gottes Huld / und will mich nur verdammen, / so fürcht’ ich doch dieselben nie, / denn Gott, mein Freund, vertilget sie.
      5. Dahero trotz der Höllen-Heer!, / Trotz auch des Todes Rachen! / Trotz aller Welt! mich kann nicht mehr / ihr Pochen traurig machen. / Gott ist mein Freund, mein Schutz und Rat, / wohl dem, der Gott zum Freunde hat.


      Das Evangelium des 23. Sonntags nach Trinitatis war seinerzeit die Frage nach der Steuer (Mt 22, 15-22). Die Pharisäer wollten Jesus eine Falle stellen. So fragten sie ihn: Sage uns, ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht? Die Schlinge war klug ausgelegt. Antwortete Jesus, dass es recht sei, so konnte man ihn als Römerfreund brandmarken und seine Glaubwürdigkeit beschädigen – viele sahen in ihm den Messias und erwarteten, dass er das Land von der Herrschaft der Römer befreie. Antwortete er aber, dass es nicht recht sei, so konnte man ihn bei den Römern anschwärzen. – Jesus antwortete: Ihr Heuchler, was versucht ihr mich? Zeigt mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Silbergroschen. Und er sprach zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! Als sie das hörten, wunderten sie sich, ließen von ihm ab und gingen davon.

      Das Lied bietet wenig Anknüpfungspunkte zu dieser Lesung. Es dekliniert Situationen durch, in denen man auf Gott Vertrauen mag: böse Welt, Unglück, eigene Schuld, gar angesichts des drohenden Höllenheeres. Der unbekannte Dichter schuf einen Zusammenhang dadurch, dass er die Fangfrage der Pharisäer in die Reihe solcher Kalamitäten aufnahm.

      Dieser Verbindung widmete er einen ganzen Satz. Die Rahmenstrophen übernahm er wie üblich wörtlich und dichtete Strophe 2 zum zweiten Satz um. Nun folgt als dritter Satz der genannte freie Einschub, der Lied und Lesung enger miteinander verzahnt. Danach geht es schematisch weiter: Strophe 3 lieferte die Vorlage für Satz 4, Strophe 4 für Satz 5.

      1. Choral
      Wohl dem, der sich auf seinen Gott
      Recht kindlich kann verlassen!
      Den mag gleich Sünde, Welt und Tod
      Und alle Teufel hassen,
      So bleibt er dennoch wohlvergnügt,
      Wenn er nur Gott zum Freunde kriegt.


      Die in der zweiten Strophe genannte „böse Welt“ wird hier zu „Feind“ und „Spötter“ umgedichtet. Mindestens Letzteres mag bereits eine Hinführung zum Lesungstext sein, da es die Pharisäer darauf anlegten, Jesus bei einer falschen Antwort – und sowohl „ja“ als auch „nein“ wäre falsch gewesen – zu verspotten.

      2. Arie
      Gott ist mein Freund; was hilft das Toben,
      So wider mich ein Feind erhoben!
      Ich bin getrost bei Neid und Hass.
      Ja, redet nur die Wahrheit spärlich,
      Seid immer falsch, was tut mir das?
      Ihr Spötter seid mir ungefährlich.


      Nun der freie Einschub, der direkt auf die Situation des Evangeliumstextes gemünzt ist:

      3. Rezitativ
      Der Heiland sendet ja die Seinen
      Recht mitten in der Wölfe Wut.
      Um ihn hat sich der Bösen Rotte
      Zum Schaden und zum Spotte
      Mit List gestellt;
      Doch da sein Mund so weisen Ausspruch tut,
      So schützt er mich auch vor der Welt.


      Arie Nr. 4 ist ihrer Vorlage am dichtesten nachempfunden und übernimmt deren letzte beide Zeilen wörtlich.

      4. Arie
      Das Unglück schlägt auf allen Seiten
      Um mich ein zentnerschweres Band.
      Doch plötzlich erscheinet die helfende Hand.
      Mir scheint des Trostes Licht von weiten;
      Da lern ich erst, dass Gott allein
      Der Menschen bester Freund muss sein.


      Das letzte Rezitativ widmet sich wie die vierte Strophe dem Gottvertrauen angesichts eigener Schuld, die hier als „größter Feind“ bezeichnet wird. Ebenfalls neu ist die Bezugnahme auf den Evangeliumstext: „Ich gebe Gott, was Gottes ist, / das Innerste der Seelen“.

      5. Rezitativ
      Ja, trag ich gleich den größten Feind in mir,
      Die schwere Last der Sünden,
      Mein Heiland lässt mich Ruhe finden.
      Ich gebe Gott, was Gottes ist,
      Das Innerste der Seelen.
      Will er sie nun erwählen,
      So weicht der Sünden Schuld, so fällt des Satans List.


      Die letzte Strophe des Liedes blieb unverändert als Schlusschoral stehen.

      6. Choral
      Dahero Trotz der Höllen Heer!
      Trotz auch des Todes Rachen!
      Trotz aller Welt! mich kann nicht mehr
      Ihr Pochen traurig machen!
      Gott ist mein Schutz, mein Hilf und Rat;
      Wohl dem, der Gott zum Freunde hat!


      Hier die sechs Sätze von BWV 139 samt ihrer Besetzung im Überblick.

      Nr. 1 Choral „Wohl dem, der sich auf seinen Gott“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Oboe d’amore I/II, Violine I/II, Viola, B. c.
      Nr. 2 Arie „Gott ist mein Freund, was hilft das Toben” – Tenor, Violino concertato I/II, B. c.
      Nr. 3 Rezitativ „Der Heiland sendet ja die Seinen“ – Alt, B. c.
      Nr. 4 Arie „Das Unglück schlägt auf allen Seiten“ – Bass, Oboe d’amore I/II, Violone, B. c.
      Nr. 5 Rezitativ „Ja, trag ich gleich den größten Feind in mir“ – Sopran, Violine I/II, Viola, B. c.
      Nr. 6 Choral „Dahero Trotz der Höllen Heer!“ – Sopran, Alt, Tenor, Bass, Oboe d’amore I/II, Violine I/II, Viola, B. c.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Satz 1 – Choral „Wohl dem, der sich auf seinen Gott“ (E-Dur, c)

      Ein Choralchor von vertrautem Typ. Der Chor singt den Choral zeilenweise, die Zeilen sind durch instrumentale Abschnitte voneinander getrennt. Die Melodie liegt in langen Noten (Halbe) im Sopran. Die Unterstimmen singen jeweils eine Vorimitation zur dann folgenden Zeile im Sopran, ihr Vorimitationsthema ist der jeweiligen Zeilenmelodie abgelauscht.

      Besonders ist bei diesem Chor, dass die Motivik der Instrumente ebenfalls auf den Choral bezogen ist. Fast das gesamte Material lässt sich von den acht Tönen der ersten Melodiezeile ableiten (e‘-gis‘-a‘-h‘-h‘-a‘-gis‘-fis‘). Man achte bspw. gleich anfangs auf die ersten Violinen (je nach Aufnahme eventuell etwas von der ersten Oboe verdeckt), dann auf den B. c. Besonders ist auch, dass die Streicher bei jedem Choreinsatz schweigen und der Chor zunächst nur mit den Oboen und dem B. c. musiziert; erst gegen Ende der Choralzeilen kommen jeweils die Streicher als Steigerungselement hinzu.

      Bei diesem Eingangschor finde ich die Leichtigkeit des Satzes bezaubernd, die lichten Texturen, das völlig unbeschwert klingende Musizieren – Abbild des Gottvertrauens.

      Satz 2 – Arie „Gott ist mein Freund, was hilft das Toben” (A-Dur, 3/4)

      Da-capo-Arie. Die zweite Soloinstrumentalstimme (vermutlich Violino concertato II und nicht etwa eine der Oboen?) ist leider verschollen. Es gibt mehrere Rekonstruktionen. Suzuki lässt eine eigene Rekonstruktion einer zweiten Soloviolinstimme spielen. Ton Koopman hat gar zwei Instrumentalpartien hjnzukomponiert, eine für Traversflöte, eine für Oboe d’amore.

      Wieder einmal ist frappierend, mit welch einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln Bach den Text umsetzt: Zu „Gott ist mein Freund“ gehören wiederholte Töne, der letzte lang, Bild der Beständigkeit und Ausdauer, zu „was hilft das Toben“ gehören rasche Sechzehntelfigurationen. Bei „So wider mich ein Feind erhoben“ stehen ansteigende („erhebende“) Sequenzen, besonders auffällig am Ende des A-Teils. – Im B-Teil wird bei „seid immer falsch“ das bekannte Material mit Dissonanzen bis zum Neapolitaner auf köstliche Art verbogen. Dieselbe ansteigende Sequenz, die im A-Teil das „Erheben“ malte, unterstreicht nun den Triumph über die Spötter.

      Satz 3 – Rezitativ „Der Heiland sendet ja die Seinen“ (fis-moll, c)

      Schlichtes secco-Rezitativ.

      Satz 4 – Arie „Das Unglück schlägt auf allen Seiten“ (fis-moll, c – 6/8)

      Ein spannendes Quartett für Bass, Oboen im Unisono, Violine und B. c. Die Instrumente malen auf drei Ebenen („auf allen Seiten“) das Unglück: die Oboen mit einer scharf punktierten Verzierungsfigur, die Violine mit Sechzehntelfigurationen, der B. c. im durchgehend punktierten Rhythmus. Bei „Doch plötzlich erscheinet die helfende Hand“ ändert sich das Satzbild, der Takt wird zum 6/8, verbindlich klingende Akkordbrechungen in aufeinander abgestimmten (Komplementär-)Rhythmen bewirken einen jähen Stimmungswandel. Ein nachfolgendes Ritornell in A-Dur nimmt zwar die Muster des Anfangs wieder auf, hat jedoch nicht mehr den Grimm des Satzbeginns.

      Der B-Teil („Mir scheint des Trostes Licht von weitem …“) ist ein Arioso für Bass und B. c., das einmal von einem Ritornell unterbrochen wird.

      Ein herrliches Unikat unter den Bachschen Arien.

      Satz 5 – Rezitativ „Ja, trag ich gleich den größten Feind in mir“ (cis-moll -> E-Dur, c)

      Accompagnato-Rezitativ, die Streicher begleiten den Sopran mit ausgehaltenen Akkorden.

      Satz 6 – Choral „Dahero Trotz der Höllen Heer!“ (E-Dur, c)

      Schlichter vierstimmig-homophoner Choralsatz mit colla parte mitgehenden Instrumenten.

      Eine wohl viel zu wenig bekannte Kantate – die beiden Arien sind fantastisch, der Eingangschor ist ein Wunderwerk für sich.
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Eine wohl viel zu wenig bekannte Kantate – die beiden Arien sind fantastisch, der Eingangschor ist ein Wunderwerk für sich.

      Absoluteste Zustimmung! Ich war nach dem ersten Hören von BWV 139 überrascht, dass dieses herrliche Werk vollkommen unbekannt zu sein scheint. Keiner der alten Garde vor Rilling hat sie eingespielt, obwohl sie eine der eingängigsten Kantaten sein dürfte.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Das allwissende Internet meint, dass Eingangschor und Schlusschoral schon irgendwann zwischen den späten 1950ern und den späten 1960ern eingespielt wurden. Dummerweise also nicht die beiden Arien ...

      Verantwortlich zeichnete ein gewisser Hans Pflugbeil, Gründer der Greifswalder Bachwochen.

      http://www.bach-cantatas.com/BWV139-2.htm

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Agravain schrieb:

      Felix Meritis schrieb:

      Mauerblümchen schrieb:

      Eine wohl viel zu wenig bekannte Kantate – die beiden Arien sind fantastisch, der Eingangschor ist ein Wunderwerk für sich.

      Keiner der alten Garde vor Rilling hat sie eingespielt, obwohl sie eine der eingängigsten Kantaten sein dürfte.

      Doch, Richter hat. Ein Jahr zuvor.

      :wink: Agravain

      Aha, das hatte ich verpasst. Als ich mich vor 5 - 10 Jahren intensiv mit den Bachkantaten beschäftigt habe, gab es nur eine recht kleine Auswahl an Richters Kantatenaufnahmen zu kaufen. Jetzt gibt es ja diese Gesamtbox, wenn ich mich nicht irre. Jedenfalls: Werner, Mauersberger und Rotzsch haben BWV 139 nicht eingespielt.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.