SCHOSTAKOWITSCH, Dmitri: Streichquartett Nr. 3 F-Dur op. 73

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    • SCHOSTAKOWITSCH, Dmitri: Streichquartett Nr. 3 F-Dur op. 73

      Das Streichquartett Nr. 3 F-Dur op. 73 von Dmitri Schostakowitsch entstand 1946. Wie bei vielen anderen Werken dieses Komponisten inspiriert mich die Musik zu außermusikalischen Assoziationen, ausgehend vom Entstehungsjahr, von den gehörten Interpretationen und von meinem Hörprojekt, alle Symphonien und Streichquartette chronologisch durchzuhören, op. 73 also nach den zuletzt gehörten Symphonien 8 und 9 und dem Streichquartett Nr. 2. Die Satzfolge des fünfsätzigen, etwa halbstündigen Werks erinnert schon sehr an die 8. Symphonie.

      Hier meine persönlichen Höreindrücke beim Kennenlernen des Werks:

      Der erste Satz (Allegretto) ist überraschend heiter. Es ist ein Sonatensatz mit wiederholter Exposition. Ich lerne ihn mit dem Rasumowsky Quartett (aus der von Juni bis Dezember 2005 im Musikstudio 1 des Saarländischen Rundfunks in Saarbrücken aufgenommenen Gesamtaufnahme der Schostakowitsch Quartette, 5 CD Box Oehms Classics OC 562) kennen. Die außermusikalische Assoziation ist bei mir sofort ein spielendes Kind zwischen Hingabe, Enttäuschung und Euphorie, und in der Durchführung gesellen sich andere Kinder dazu.

      Der groteske Walzer des zweiten Satzes (Moderato con moto) hat etwas Maschinen- oder Puppenhaftes. Am Ende vernebelt, verschleiert er sich.

      Beim stampfenden Scherzo des dritten Satzes (Allegro non troppo) erinnere ich mich an den beklemmend hetzenden dritten Satz der 8. Symphonie. Indem Schostakowitsch hier so komponiert, dass man jüdische Tänze durchhören mag, fällt mir André Hellers Textpassage aus dem Lied „Mein Freund Schnuckenack“ ein, der im KZ Mauthausen zwischen Schüssen der SS tanzen muss – „Das ist Jazz!“ Beklemmende innere Bilder tun sich auf, „Tulios Lied“ von Heller, auch „Leon Wolke“.

      Der vierte Satz (Adagio) ist eine tragische Passacaglia, eine schmerzerfüllte Trauermusik.

      Direkter Übergang zum fünften Satz (Moderato) – eine Art verklärend-traumatisches „Tanzmedley“, erneut mit jüdischem Musikidiom, und am Ende letzte Floskeln über einer lang angehaltenen reinen F-Dur Harmonie, ein seltsam beklemmend wirkender Friede.

      Ein Streichquartett, das die Beklommenheit, die Fassungslosigkeit, die Hilflosigkeit nach dem Schrecken des Krieges einfängt?



      Die leidenschaftliche Aufnahme mit dem Rasumowsky Quartett (Spieldauer 29:21 Minuten) packt mich sofort, ein intensives Werk, eine intensive Interpretation.

      Habe aber auch die Aufnahme mit dem Hagen Quartett (CD DGG 00289 477 6146, aufgenommen in der Großen Universitätsaula Salzburg, November 2005, Spieldauer 30:57 Minuten). Das vibratolose Spiel erzeugt da zunächst eine Kälte, eine noch stärkere Unerbittlichkeit. Die Musik wird noch beängstigender. Das ist kein Kind mehr im ersten Satz, das ist eine gebrochene Seele von Anfang an. Unheimliche Präzision, unheimliche Kontraste – und doch, dank der immensen Innenspannung dieses Spiels bei aller Beklemmung ein außergewöhnlich faszinierendes Hörerlebnis.

      Hier ist der Platz für weitere Bemerkungen und Meinungen zum Werk und zu Aufnahmen und ev. Aufführungen des Werks. Herzlich willkommen!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK


    • Heute diese Aufnahme mit dem Quatuor Debussy gehört. Für mein Empfinden eher auf der strukturalistischen als auf der sentimentalen Schiene unterwegs und darin sehr, sehr überzeugend.

      Das Quartett kam mir heute wie eine Reise per astra ad asperam vor. Im einleitenden Kabinettstück halten sich die dissonant-polyphonen Irritationen ja noch einigermaßen in Grenzen (während es bspw. in der Durchführung des Kopfsatzes des zweiten Quartetts schon ganz schön aggressiv zur Sache geht). Wie schon oben von Alexander beschrieben wird es dann zunehmend grotesk, martialisch und im vierten Satz überwältigend traurig. Im Finale scheint sich der gestrauchelte Held etwas erholt zu haben, torkelt zumindest wieder benommen durch die Gegend, dann ein abrupter Absturz mit bohrender Erinnerung an die Trauer des vorangegangenen Satzes und danach ein resignativer Abschied. Starkes Stück, das!