Britten: "The Turn of the Screw" - Deutsche Staatsoper Berlin, 15.11.2014

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    • Britten: "The Turn of the Screw" - Deutsche Staatsoper Berlin, 15.11.2014

      Eine Frau wird als Gouvernante für zwei Waisenkinder, Miles und Flora, von deren Vormund engagiert und auf ein Landgut, wo die Kinder mit der Haushälterin zusammen leben, geschickt. Die Kinder erweisen sich als schwierig, die Atmosphäre im Haus ist bedrückend. Schon bald glaubt die Gouvernante Schatten zu sehen und erfährt, dass ihre Vorgängerin, Miss Jessel und der Diener Quint, die beide unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen sind, die Erscheinungen sein könnten. Die beiden früheren Angestellten üben besonders auf die Kinder einen unguten Einfluss aus. Die Gouvernante ist überzeugt davon, dass auch Miles und Flora, die Geister sehen und hören können. Immer weiter dreht sich die Schraube der Handlung bis zum vollständigen verschwimmen von Traum und Realität, bis am Ende die Haushälterin mit dem Mädchen Flora nach London flieht und Miles den Namen von Peter Quint mit dem Zusatz „du Teufel“ nennt, bevor er tot zusammenbricht.

      Henry James hat diese Geschichte 1898 verfasst und auch, wenn bekannt ist, dass sich James für Schauergeschichten interessierte, ist kaum auszublenden, dass es eine tiefere Ebene in der Erzählung gibt, die direkt auf die Erkenntnisse des Psychoanalytikers Sigmund Freud verweisen.

      Rund 50 Jahre später hatte die Oper „The Turn of the Screw“ des britischen Komponisten Benjamin Britten Premiere. Wie schon die Erzählung, vermeidet auch Britten eine eindeutige Interpretation der Handlung. Er liefert aber in der Musik einige Hinweise, die helfen, sich ein Bild über die Geschehnisse zu machen. Handelt es sich hier um die Geschichte einer neurotischen Gouvernante, die, aufgewachsen in einem Landpfarrerhaushalt, ihren verdrängten (sexuellen) Phantasien ausgeliefert wird oder ist es doch die Geschichte von durch sexuellen Missbrauch traumatisierten Kindern?

      Britten, der seine Oper für ein kleines Orchester, erweitert um Tasteninstrumente und Schlagwerk, geschrieben hat, erschafft oftmals eine Klangwelt von höchster Transparenz, die das alptraumhafte der Handlung perfekt unterstützt. Selbst da, wo quasi Alltagsklänge, wie Kirchenglocken oder Kinderlieder erklingen, ist das Düstere stehts anwesend.

      Diese Düsternis setzt sich in der Neuinszenierung von Claus Guth und seinem Ausstatter Christian Schmidt auch auf der Bühne des Schillertheaters in Berlin fort. Wände in dunkelrot, braune, hohe Türen und bestenfalls mal ein weissgedeckter Tisch, Kostüme, meist in schwarz-weiss, das Licht herunter gedimmt, so präsentiert sich „The Turn of the Screw“ in der Bundeshauptstadt.

      Durch ständiges Drehen der Bühnenräume werden zwar immer andere Zimmer oder Gänge imaginiert, aber eigentlich irren alle Mitwirkenden nur durch ein anscheinend auswegloses Labyrinth. Die Räume selbst sind fast leer, es gibt Fenster, die kaum ins Freie zu gehen scheinen, überall identische Lampen an den Wänden, mal eine Liege, wie sie auch in der Wiener Berggasse stehen könnte und neben dem Esstisch nur einen kleinen Schreibtisch für die Gouvernante. Grosse Potraits der Kinder an den Wänden, manchmal eine Sitzbank. Es ist diese faktische Leere der Räume, die das Bedrückende dieser Inszenierung unterstützen.

      Während der kurzen Zwischenspiele flackert das Licht wie in einem alten Film – und genau diese Assoziation, hier einem Film zu folgen, stellt sich den Abend über des Öfteren ein.

      Ganz in den Mittelpunkt seiner Inszenierung stellt Claus Guth die namenlose Gouvernante. Guth begreift „Turn of the Screw“ nicht als lineare Erzählung, sondern als bildgewordene Seelenzustände dieser Frau, die sich immer tiefer in ihre Neurosen verstrickt. Die Konnotation ist oftmals sexuell, ob inszestuös unter den Geschwistern oder auch zwischen der Gouvernante und Miles oder zwischen den Kindern und den Geistern Miss Jessel und Peter Quint, die bei Guth unsichtbar bleiben und nur als Stimmen Gestalt annehmen.

      Während sich Flora mehr zu Miss Jessel hingezogen fühlt, verbindet den Jungen irgendetwas stärker mit dem Diener. Und wenn man hört, wie der Tenor Quint in sehnsüchtigen Melismen nach Miles ruft, wie er lockt, schmeichelt und fordert („In mir treffen Geheimnisse auf schemenhafte Begierden (...) Ich bin das verborgene Leben, das sich regt, wenn die Kerze aus ist“), während der Junge in einem fallenden Glissando aus Tönen stöhnt, dann bleibt hier vielleicht doch keine Frage offen.

      Guths Alptraumbilder zeigen immer die Oberfläche und das dahinter Verborgene. So erlebt das Publikum die Haushälterin Mrs. Grose nicht nur in Wahrnehmung ihrer Aufgaben, sondern auch des nächtens als Schatten ihrer selbst, eine fasznierende Wandlung und die Kinder (die es bei Guth in einer wirklichen kindlichen Version und als eher Pubertierende gibt), die oberflächlich höflich sind und Manieren zeigen, können auch z. B. in einer Art pervertierten Messe ein Kanninchen opfern. Die psychologische Tiefenschärfe, die Claus Guth etwa zwei pausenlose Stunden zeigt, belegen seinen Rang als Opernregisseur nachdrücklich.

      Im letzten Bild wird es die Gouvernante sein, die mit Miles allein geblieben, diesen zwingt, den Namen Peter Quint zu nennen. Allerdings erreicht sie das kurz bevor sie den Jungen mit ihren blossen Händen erdrosselt. Als wäre nichts geschehen, setzt sie dann ihr Abendessen fort. Vielleicht hat sie sich durch ihre Tat von ihren Geistern befreit.

      Darstellerisch und sängerisch wird ausserordentliches geboten. Diese Inszenierung lebt von der Bereitschaft der Sängerinnen und den zwei Sängern, sich vollständig auf diese Talfahrt nach Innen einzulassen und alle bieten auch gesanglich sehr gute Leistungen.

      Emma Bell ist die intensive, ihren Sopran auch aufblühen lassen könnende Gouvernante, ausgezeichnet der junge Countertenor Thomas Lichtenecker als Miles, lyrischer in der Anlage die Sopranistin Sónia Grané als Flora und nachdrücklich die Sopranistin Marie McLaughlin als Mrs. Grose. In den besten Momenten vereinigen sich diese hohen Stimmen homogen mit dem Orchesterklang. Den Geisterstimmen verleihen Anna Samuil (Sopran) dramatisches Gewicht, wohingegen Tenor Richard Croft als Quint und Prolog meisterhaft versteht, die kleinen Nuancen seiner Partie mit Stimmung und Gefühl zu füllen.

      Ivor Bolton, mit kleineren Orchesterbesetzungen mindestens so vertraut, wie mit Inszenierungen von Claus Guth, bringt jedes Detail der Musik zum Klingen und scheut sich nicht davor, die wenigen Zuspitzungen dieser Klangwelt mit einer gewissen Unnachgiebigkeit zu formulieren. Meistens agiert Bolton mit ausgesprochen grosser Ruhe, was die Faszination, die diese Musik haben kann, vorteilhaft unterstreicht, besonders auch bei den weitausschwingenden Solostellen der einzelnen Instrumente.

      Der Beifall des Publikums, das die ganze Aufführungszeit über bemerkenswert ruhig und gespannt war, war einhellig, Ovationen für alle, inklusive des Regieteams.
      Der Kunst ihre Freiheit