Bach, J. S.: Sechs Choräle von verschiedener Art („Schübler-Choräle“) BWV 645-650

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    • Bach, J. S.: Sechs Choräle von verschiedener Art („Schübler-Choräle“) BWV 645-650

      SECHS CHORÄLE
      von verschiedener Art
      auf einer
      Orgel
      mit 2 Clavieren und Pedal
      vorzuspielen,
      verfertiget von
      Johann Sebastian Bach
      Königl. Pohln. und Churf. Sächß. Hof-Compositeur,
      Capellm. und Direct. Chor. Mus. Lips.
      In Verlegung Joh. Georg Schüblers zu Zella am Thüringer Walde
      Sind zu haben in Leipzig bei Herrn Capellm. Bachen, bey dessen Herrn
      Söhnen in Berlin und Halle, u. bey dem Verleger zu Zella.


      So lautet es auf der Titelseite des 1748/49 erschienenen Drucks. Ihr kann man entnehmen, woher die berühmte Sammlung ihren Namen hat: „Schübler“ hieß der Verleger dieser sechs Choräle.

      Die Bezeichnung „Choräle“ ist vor dem Hintergrund heute üblicher Terminologie eventuell irreführend; es handelt sich um Choralbearbeitungen bzw. Choralvorspiele. Zur Gemeindebegleitung taugen die Stücke jedenfalls nicht.

      Mehrmals in seinem Leben hat Bach Choralvorspiele bzw. -bearbeitungen zu Sammlungen zusammengestellt. Die erste war das „Orgelbüchlein“ aus Weimarer Zeit (ca. 1708-1717, unvollendet, nur 46 von 164 ursprünglich geplanten Chorälen wurde tatsächlich notiert), dann der „Dritte Teil der Clavierübung“ (1739, enthält u. a. 21 Choralbearbeitungen) und schließlich zuletzt die „18 Choräle von verschiedener Art“ (ca. 1740-1750, auch „Leipziger Choräle“ genannt, teilweise Überarbeitungen von Arbeiten aus Weimarer Zeit).

      Nicht zu den von Bach erstellten Zyklen gehören die sogenannte „Neumeister-Sammlung“ (1984 entdeckt) und die sogenannte „Kirnberger-Sammlung“, die beide nach demjenigen benannt sind, der die jeweilige Zusammenstellung vorgenommen hat.

      Vor dem Hintergrund der „Leipziger Choräle“ und dem „Dritten Teil der Clavierübung“ fällt auf, wie zugänglich die Schübler-Choräle sind. Es gibt keine reich kolorierten cantus firmi, deren Melodie kaum noch erkennbar ist (wie in „Nun komm, der Heiden Heiland“ BWV 659), keine monumentalen Orgelmotetten (wie „Aus tiefer Not“ BWV 686), keine komplexen Kanons (wie in „Dies sind die heilgen zehn Gebot“ BWV 678). Vielmehr ist der c. f. stets bestens zu hören, kontrapunktische Kabinettstückchen gibt es nicht. Der mitvollziehende Hörer hat bei den Schübler-Chorälen deutlich weniger aktive Hörarbeit zu leisten als bei den anderen beiden späten Sammlungen.

      Tatsächlich finden sich in den Schübler-Chorälen mindestens zwei der populärsten Choralbearbeitungen Bachs. Vor allem natürlich „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (BWV 645) mit seinem ohrwurmtauglichen Ritornellthema. Aber auch das silbrig-virtuose „Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter“ gehört zu den Hits unter Bachs Choralvorspielen (BWV 650, dieselbe Melodie wie der Gemeindeschlager „Lobe den Herren, den mächtigen König“).

      Erstaunlich ist, dass mindestens fünf der sechs Choralvorspiele Arrangements sind. Bach nahm geringstimmige Sätze aus seinen Kirchenkantaten und bearbeitete sie für Orgel, wobei er kaum etwas an den Stimmführungen ändern musste. Nur für Nr. 2 ist keine Vorlage in einer Kantate bekannt: „Wo soll ich fliehen hin“ (BWV 646). Für dieses Stück kann man nun vermuten, dass sich dessen Urbild in einer verloren gegangenen Kantate befindet. Andererseits bemerkte schon Hermann Keller, dass gerade dieser Choral so orgelmäßig gesetzt ist, dass mindestens so viel für eine Originalkomposition wie für eine Bearbeitung spricht. Zudem gibt es ein sehr frühes Vorspiel von Bach auf denselben Choral (BWV 694), das in Motivik und Rhythmik dieser Nr. 2 verblüffend ähnlich ist.

      Erstaunen mag auch, dass Bach in einigen Sätzen konkrete Fußtonlagen für Manual und Pedal vorgab – mit derartigen Bezeichnungen war er sonst stets äußerst zurückhaltend. Hier waren sie allerdings dringend geboten, gerade dann, wenn die Choralmelodie mit 4‘ im Pedal zu spielen ist – eine übliche 16‘-Registrierung würde den Charakter der Musik entstellen.
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Nr. 1 „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ BWV 645 (Es-Dur, c)

      Die Vorlage ist Satz Nr. 4 aus der gleichnamigen Kantate BWV 140, „Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen … “. Dort ist die instrumentale Oberstimme mit allen Violinen und Bratschen besetzt, nur die Violino piccolo schweigt – die hatte in der vorangegangenen Arie ein großes Solo. Den Choral singt ein Tenor, dazu spielt der B. c.

      Die Streicherstimme wies Bach der rechten Hand, die Tenorstimme der linken Hand zu, die Bassstimme übernimmt das Pedal. Die reiche Aussetzung des B. c. durch ein akkordfähiges Instrument unterbleibt. Rechte und linke Hand spielen auf zwei verschiedenen Manualen, wie es ja schon das Titelblatt der Choräle sagt. Für beide schrieb Bach die 8‘-Lage vor. Eine allzu zurückhaltende Registrierung der Bearbeitung ist mit Blick auf die volle Streicherbesetzung wohl nicht angemessen, man berücksichtige auch den originalen Text.

      Das Ritornell besteht aus vier Phrasen, deren erste echoartig wiederholt wird: A-A-B-C-D (ok, C besteht aus zwei Hälften). Aus diesen vier Bausteinen gestaltete Bach die gesamte Oberstimme. Was soll man sagen: Dies ist die wohl bekannteste Choralbearbeitung Bachs, was dem Ohrwurmcharakter des Ritornellthemas geschuldet ist.

      Nr. 2 „Wo soll ich fliehen hin“ BWV 646 (e-moll, c)

      Auch dieser Satz ist ein Trio. Hier liegt der c. f. allerdings im Pedal. Durch die geforderte 4‘-Regstrierung erklingt er in Alt/Mezzo-Lage. Rechte und linke Hand besorgen die Begleitstimmen, und die benehmen sich wie in einer zweistimmige Invention: Rechts beginnt, links imitiert, gleich darauf erscheint das Anfangsmotiv in Umkehrung rechts, was die linke sofort imitiert, dann beginnt eine Sequenz – und so weiter. Die eng ineinander verwobenen Manualstimmen mit ihren andauernden Richtungswechseln und Synkopen mögen die Orientierungslosigkeit der bedrängten Seele nachzeichnen, die nicht weiß, wohin sie fliehen soll.

      Nr. 3 „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ BWV 647 (c-moll, c)

      Die Vorlage dieser Choralbearbeitung findet man in der gleichnamigen Kantate BWV 93, Satz 4, Duett „Er kennt die rechten Freudenstunden“. Es ist ein vierstimmiger Satz mit „verkehrten Rollen“, Sopran und Alt singen ein Duett mit eigener Motivik, der Choral erklingt hingegen rein instrumental von den Violinen und Bratschen.

      Die Parts der beiden Singstimmen nebst B. c. hat Bach ins Manual gelegt, den instrumentalen Choral jedoch mit 4‘ ins Pedal. Dass die deutsche Wikipedia zum Datum dieses Beitrags behauptet, dieser vierstimmige Satz sei schwieriger als die dreistimmigen Bearbeitungen der Sammlung, ist allerdings nicht nachzuvollziehen – Nr. 2, Nr. 5 und Nr. 6 sind m. E. wesentlich schwieriger, alleine aus Tempogründen, als dieser eher ruhige Satz.

      Das melodische Material ist durchaus der Choralmelodie abgelauscht. Ihre Gestaltung folgt einem bei Bach häufigen Muster: Die Einsätze sind stets einander imitierend angelegt und münden in Parallelbewegung. Der anfangs im B. c. zu hörende Rhythmus durchzieht das Duett fast ostinat und verleiht dem Satz seinen ruhigen Impetus.

      Nr. 4 „Meine Seele erhebt den Herren“ BWV 648 (d-moll, 6/8)

      Das Urbild dieses Satzes ist das Duett Nr. 5 aus der gleichnamigen Kantate BWV 10, „Er denket der Barmherzigkeit“. Auch hier liegt Vierstimmigkeit vor, auch hier erklingt der Choral in der Vorlage instrumental: Alt und Tenor duettieren mit freier, d. h. nicht choralgebundener Motivik, eine Trompete spielt den c. f. Der B. c. rahmt den Satz mit einem kurzen Ritornell, welches bereits das motivische Material für das Duett der Singstimmen bereitstellt.

      Nr. 5 „Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ“ BWV 649 (B-Dur, c)

      Die Vorlage dieses Choralvorspiels führt uns scheinbar in die Osterzeit, denn sie ist in der Kantate „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ BWV 6 zu finden, die für den Ostermontag 1725 entstand. Zudem ist die Textzeile des Titels („Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ, weil es nun Abend worden ist“) offensichtlich der Emmaus-Geschichte abgelauscht: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget“ (Lk 24, 29), dem klassischen Ostermontags-Text. Tatsächlich gehört dieses Lied von Nikolaus Selnecker aber zu den Endzeitliedern, „Abend“ steht metaphorisch für den Weltabend, für die Endzeit.

      Der dritte Satz der genannten Kantate ist ein Trio für Sopran, Violoncello piccolo und B. c. Die Situation ist ganz ähnlich wie in Nr. 1, „Wachet auf“: Violoncello piccolo und B. c. spielen recht ausführliche Ritornelle, der Sopran klinkt sich zeilenweise mit dem Choral ein und wird mit Fragmenten des Ritornells begleitet, so dass der ganze Satz tatsächlich mit sehr wenigen Bausteinen auskommt, die stets neu gruppiert werden. Das Ergebnis ist abermals eine sehr einheitlich wirkende Musik mit Ohrwurmcharakter.

      Nr. 6 „Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter“ BWV 650 (G-Dur, 9/8)

      Die zugrunde liegende Melodie ist der Hit „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. Warum Bach nicht diesen potenziell attraktivitätssteigernden Titel verwendete sondern den eines schon damals wenig bekannten Adventsliedes, ist unerfindlich. Jedenfalls kam hiermit ein virtuoser Satz ans Ende der Sammlung zu stehen, der zu Bachs beliebtesten Choralbearbeitungen für Orgel gehört. Die deutsche Wikipedia behauptet zum Datum dieses Beitrags: „ … durch die Unterlegung des unbekannten Textes lässt sich diese Sammlung durchgehend dem Ende des Kirchenjahres und dem Advent zuordnen“. Das ist stimmt so nicht – weder „Wo soll ich fliehen hin“ noch „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ noch „Meine Seele erhebt den Herren“ sind Lieder, die dem Advent oder dem Ende des Kirchenjahres zuzuordnen wären.

      Die Vorlage stammt aus der Kantate „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ BWV 137, ein Trio für Alt, Solovioline und B. c. Der Alt singt den Choral zeilenweise, Solovioline und B. c. umgeben die Zeilen mit Ritornellen. Wie in Nr. 1 und Nr. 5 ist auch die Begleitung der Choralzeilen mit Material aus dem Ritornell gestaltet, was wiederum den Eindruck großer Einheitlichkeit bewirkt, wie in Nr. 1 und Nr. 5 hat die Musik Ohrwurmqualitäten.

      Die Partie der Solovioline ist der rechten, die des B. c. der linken Hand des Organisten anvertraut. Die wegen der Triller und sonstigen Verzierungen nicht ganz leicht zu spielende Choralmelodie spielt das Orgelpedal mit 4‘-Registrierung. – Ein virtuoser Abschluss des Zyklus‘!
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    • Helmut Walcha
      Silbermann-Orgel der Kirche Saint-Pierre-le-Jeune zu Strasbourg, Mai 1971



      Walcha spielte die Choräle, wie das meiste von Bach, sehr neutral, sachlich, gleichförmig … langweilig. Fast wie buchstabiert. Das ist post-orgelbewegt – bloß keine Subjektivismen, bloß keine romantischen Attitüden, bloß keine Emotionen. – „Wachet auf“ glänzt mit hellem Klang in der Oberstimme, der c. f. erklingt von einer Trompete. Man höre auch auf die kaum differenziert gestaltete Pedalstimme im ersten Choral oder das (fast) Dauerlegato im zweiten – zum Einschlafen. In „Wo soll ich fliehen hin“ darf ein Prinzipalregister die Melodie übernehmen, ansonsten ist es stets eine Zunge. – „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ kommt mit vergleichsweise kräftiger Registrierung daher, im Pedal darf eine Trompete 4‘ ran. – Quintierende Oberstimmen (8‘ 4‘ 2 2/3‘?) begleiten in „Meine Seele“ eine Manualtrompete 8‘, hier mag die Artikulation schon eher zu gefallen. – Schön verspielt klingen die Register der Oberstimme (8‘ 2‘?) in „Ach bleib bei uns“, aber in den Sechzehntelfigurationen wird es wieder recht steif. Schade. Als Soloregister erklingt wohl die Voix humaine mit Tremulant (oder ist’s das Cromhorne?). Apart. – Auch im letzten Choral wird die Oberstimme langweilig gestaltet. Im Pedal gibt es nun ein schönes Clairon 4‘ zu hören.

      Wer die Schübler-Choräle quasi in Reinschrift hören will, ohne Eigenwilligkeiten des Interpreten, der ist hier genau richtig.


      Karl Richter
      Marcussen-Orgel der Jaegersborg-Kirche in Kopenhagen, November 1966



      Karl Richter, den ich als Interpreten der Orgelwerke Bachs wesentlich höher schätze denn als Interpreten der Chorwerke des Thomaskantors, hat leider nur die beiden bekanntesten der sechs Schübler-Choräle eingespielt, „Wachet auf“ und „Kommst du nun“. Trotz dieser Wertschätzung: Den ersten Choral hat Richter m. E. fehlinterpretiert. Sehr langsam gespielt, zurückhaltend registriert, den c. f. offenbar mit Rankett 16‘ eine Oktave höher gespielt (oder ist das das Krummhorn der Orgel?). Wo ist da das „ … das Herz tut ihr vor Freude springen, sie wachet und steht eilends auf“? Bei seiner Aufnahme von BWV 140 war Richter allerdings noch langsamer mit diesem Satz unterwegs. Hat da der Chorleiter den Organisten ausgebremst? Man höre nämlich hingegen, wie lebendig artikuliert de Nr. 6 „Kommst du nun“ daher kommt. So schön konnte man auch ohne die Segnungen der historischen Aufführungspraxis spielen! Im Pedal erklingt ein Regal 4‘.


      Hans Fagius
      Restaurierte Barockorgel der Kristine kyrka zu Falun (Schweden), 1983



      Bei Hans Fagius klingt das schon ganz anders. Man höre alleine auf die Artikulation im Ritornell zu „Wachet auf“, um die stilistische Weiterentwicklung zu erfassen. Oberstimme und Bass sind klanglich dicht beieinander (Prinzipal/Untersatz+Prinzipal?)und lassen so den c. f. völlig unaufdringlich hervortreten. Alle Stimmen, auch der c. f., werden sehr differenziert artikuliert. – Köstlich auch die Quintadena (?) in „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, der c. f. kommt hier mit einem Prinzipalregister wunderbar heraus – muss nicht immer eine Zunge sein! Bloß die Vox Humana (?) mit Tremulant in „Meine Seel erhebt“ ist vielleicht zu viel des Guten (vor allem mit Tremulant), aber Fagius wollte wohl auch die Orgelregister vorstellen. – Quicklebendig erklingt „Ach bleib bei uns“. – Sympathisch finde ich auch, dass er in „Kommst du nun“ auf jedes Mixturengeklingel verzichtet – eine Aliquotregistrierung rechts, die 4‘-Pedaltrompete, dazu ein 8‘-Fundamentregister links – mehr braucht es nicht. Auch überheizt er den Satz nicht zur Virtuosennummer.

      Insgesamt eine sehr differenziert artikulierte, klanglich kammermusikalisch-intime Aufnahme der Schübler-Choräle mit schönen Klangfarben. Gefällt mir gut.
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Simon Preston
      Metzler-Orgel des Trinity College zu Cambridge, Dezember 1999

      [IMG:http://ec2.images-amazon.com/images/P/B00004Y28Q.03._SS300_SCLZZZZZZZ_.jpg]

      Simon Preston setzt ebenfalls auf kammermusikalische Klänge. Die rechte Hand bei „Wachet auf“ spielt er alleine mit einem Prinzipal 8‘ – fein! Ungewohnt langsam „Auf meinen lieben Gott“ mit einer wunderbaren 4‘-Trompete im Pedal. – Bei „wer nur den lieben Gott lässt walten“ ist es eine Flöte 8‘ (oder ein Gedackt?) alleine, die einem diskreten Prinzipalregister im Pedal (aus dem Schwellwerk gekoppelt mit geschlossenem Schweller?) gegenüber steht. – Auch bei „Meine Seele erhebt den Herrn“ spielen nur Labiale: Gedackt 8‘ in den Begleitstimmen des Manuals, 16‘ + 8‘ im Pedal, ein Prinzipal für den c. f. – Recht lebendig klingt „Ach bleib bei uns“, weniger wegen der Registrierung als wegen der Artikulation. Könnte rechts Gedackt 8‘ + Prinzipal 4‘ sein, links ein Kornett. – „Kommst du nun, Jesu“ ist ebenfalls kammermusikalisch leicht, rechts 8‘+2‘, links 16‘+8‘, im Pedal wieder Trompete 4‘.

      Preston artikuliert eher recht gleichförmig, fast schon in Richtung Walcha. Die Klangfarben sind zwar schön, die Tempi sind fast durchweg gut, aber die Gestaltung ist mir etwas zu blass.


      Ton Koopman, Orgel (Schübler-Choräle)
      Christian-Müller-Orgel der Grote Kerk zu Leeuwarden (Niederlande), September 1994
      The Amsterdam Baroque Choir
      Ulrike Wild, Orgel (Begleitung des Chores)



      Koopman rahmt die Schübler-Choräle mit Strophen des jeweiligen Chorals, die vom Chor gesungen werden. – Schon beim ersten Choral hört man, was bei Preston (und erst recht bei Walcha fehlt): Da wird lebendig und fantasievoll artikuliert, die Musik swingt, atmet und jubelt: „Zion hört die Wächter singen, das Herz tut ihr vor Freude springen …“. – Ein Knaller ist die Registrierung von „Wo soll ich fliehen hin“ – links und rechts röhren Zungenregister um die Wette, kann eigentlich nur die 16‘-Trompete im Hauptwerk und die 8‘-Trompete im Rückpositiv sein, aber im Pedal? Trompete 4‘ mit Mixtur? Klingt klasse! – Bei „Wer nur den lieben Gott“ zieht auch Koopman nur eine Flöte 8‘ (ein Gedackt gibt es in allen drei Manualen der Orgel nicht!!). – Genauso diskret ist „Meine Seele erhebt“ registriert, der c. f. mit einer aliquothaltigen Labialmischung. – Auch bei „Ach bleib bei uns“ kommt Koopman ohne Zungen aus, zieht rechts offenbar sogar nur einen Prinzipal 8‘ und hebt den c. f. mit einer labialen Aliquotenmischung hervor. – Ziemlich virtuos dann der letzte Choral „Kommst du nun, Jesu“. Hier darf wieder eine Trompete für den c. f. ran.

      Die mir liebste Aufnahme der Sammlung. Das Konzept mit den rahmenden Choralstrophen ist zwar nicht neu, darum nicht weniger überzeugend. Zur Not kann man den Player ja programmieren, wenn man „nur“ Orgel möchte. Die Artikulation ist mitreißend fantasievoll, die Tempi eher straff, die Klangfarben individuell – ich finde die Einspielung rundum überzeugend.


      Gerhard Weinberger
      Zacharias Hildebrandt Orgel in St. Wenzel zu Naumburg



      „Wachet auf“ erklingt mit Mixturenklang rechts und Trompete links, in Tempo und Artikulation eher auf der moderaten Seite. – „Wo soll ich fliehen hin“ spielt Weinberger mit apart quintierenden Registern, bei denen die Obertöne allerdings den Grundton verdecken, vor allem links. Trotz des Reizes, zwei Quintadenen (?) im Duett zu hören – nee, geht nicht. – Auch in dieser Aufnahme gibt es einen 8‘-Weitchor in „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, der c. f. erklingt ebenfalls labial und diskret. Das Stück wird hier auf der meditativen Seite platziert. – „Meine Seele erhebt“ kommt etwas schwerfällig daher, was vor allem an der Artikulation liegt. – Weinbergers Vorliebe für leicht asthmatische Register ist auch in „Ach bleib bei uns“ zu hören. So bliebt der Satz trotz differenzierter Artikulation und eher flotten Tempo eher seltsam. – „Kommst du nun“ erklingt ungewohnt bedächtig, aber ein Geiger spielt das Original wohl kaum schneller. Der c. f. klingt auch hier merkwürdig, die Aliquoten darin mischen sich ungünstig mit der Oberstimme.

      Die Gesamtaufnahme der Orgelwerke Bachs gefällt mir gut, die überschwänglichen Lobeshymnen habe ich allerdings nie verstanden. Das gilt auch für die Schübler-Choräle – alles sehr ordentlich, aber meine Güte, das hört man beim „Kantor um die Ecke“ eigentlich auch nicht schlechter. Koopman ist da in meinen Ohren eine ganz andere Nummer.
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Vielen Dank lieber Mauerblümchen für die informative Threaderöffnung! Werde mir (ausgehend nun von Deiner Werkeinführung und Aufnahmenbeschreibung) demnächst wieder mal die mir zur Verfügung stehende Aufnahme mit Simon Preston (von Dir mit anderen Covers gepostet, hier die Erstveröffentlichung) anhören und auf die von Dir genannten Details achten.

      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Vielen Dank für diese Zusammenstellung! Ich habe mich bisher wenig mit diesen Werken beschäftigt und habe sie auch nur in der Einspielung von Walcha. Und ich gebe Dir recht: Walcha spielt die Choralsammlungen - nicht nur diese - langweilig und steif. Da ich ansonsten mit Walchas Bach sehr zufrieden bin, etwa bei den Triosonaten, hatte ich eher die Werke für die empfundene Langeweile verantwortlich gemacht. Jetzt sehe ich, dass ich da noch einmal ran muss.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      dass ich da noch einmal ran muss.

      "Ran" muss ich da auch noch einmal, zumal die Schüblerschen Choräle in meiner privaten Sammlung mehrfach prominent vertreten sind und ich dem Urteil hinsichtlich der Walchaschen "Langweiligkeit" oder besser "Buchstabentreue" nach meinem bisherigen Kenntnisstand, der aus einer Hörerfahrung resultiert, die etwa zwei Jahre zurückliegt, bezogen auf Walcha 2, nicht so ganz beipflichten kann, jedenfalls nach meiner Erinnerung. Ein neuerliches Hören wird sich also nicht vermeiden lassen.

      Ach ja, vielen Dank für die Threaderöffnung.
    • Mauerblümchen schrieb:

      Die deutsche Wikipedia behauptet zum Datum dieses Beitrags: „ … durch die Unterlegung des unbekannten Textes lässt sich diese Sammlung durchgehend dem Ende des Kirchenjahres und dem Advent zuordnen“. Das ist stimmt so nicht – weder „Wo soll ich fliehen hin“ noch „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ noch „Meine Seele erhebt den Herren“ sind Lieder, die dem Advent oder dem Ende des Kirchenjahres zuzuordnen wären.
      Das möchte ich nicht gerne so stehenlassen. Sicher sind die drei Lieder nicht einzig und allein dem Wechsel des Kirchenjahres zuzordnen, ihren Platz haben können sie hier aber sicherlich schon haben. Insofern find ich die These nicht so ganz abwegig.... und die Verwendung des Titels des auch damals schon eher wenig bekannten Adventslied könnte ja ebenfalls dafürsprechen...

      Viele Grüße! :)
    • figure humaine schrieb:

      Das möchte ich nicht gerne so stehenlassen. Sicher sind die drei Lieder nicht einzig und allein dem Wechsel des Kirchenjahres zuzordnen, ihren Platz haben können sie hier aber sicherlich schon haben.
      Lieber figure humaine,

      hmmm ... klar kann man "Lobet den Herrn" auch zur Osterzeit singen. Oder zur Weihnachtszeit. Aber ein ausgesprochenes Oster- oder Weihnachtslied wird es dadurch m. E. nicht. ;+)

      Wenn ich mir ansehe, welche Lieder Bach für sein nach dem Kirchenjahr gegliedertes "Orgelbüchlein" herausgesucht hat, so war er da durchaus etwas spezifischer. (Mit Ausnahme von "In dir ist Freude" zum Jahreswechsel)

      figure humaine schrieb:

      und die Verwendung des Titels des auch damals schon eher wenig bekannten Adventslied könnte ja ebenfalls dafürsprechen...
      Das bleibt in der Tat das beste Argument für die These von " ... für Ende des Kirchenjahres und Advent".

      Viele Grüße
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Zitat von »figure humaine«
      Das möchte ich nicht gerne so stehenlassen. Sicher sind die drei Lieder nicht einzig und allein dem Wechsel des Kirchenjahres zuzordnen, ihren Platz haben können sie hier aber sicherlich schon haben.

      Lieber figure humaine,

      hmmm ... klar kann man "Lobet den Herrn" auch zur Osterzeit singen. Oder zur Weihnachtszeit. Aber ein ausgesprochenes Oster- oder Weihnachtslied wird es dadurch m. E. nicht. ;+)

      Nein, liebes Mauerblümchen, so war das nicht gemeint.
      Dass Bach für diesen cantus firmus gerade den Titel des Adventsliedes verwendet und eben nicht 'Lobe den Herren' kann doch dafür sprechen, dass sich die Sammlung dem Kirchenjahreswechsel zuordnen lassen. Jedenfalls würde dieser Zuordnung nichts entgegen stehen.

      Viele Grüße!
    • Lieber figure humaine,

      Du hast ja so recht - "Lobet den Herren" war das dümmstmögliche Beispiel. :hide:

      Also nochmal: klar kann man "Nun danket alle Gott" auch zur Osterzeit singen. Oder zur Weihnachtszeit. Aber ein ausgesprochenes Oster- oder Weihnachtslied wird es dadurch m. E. nicht. ;+)

      Genauso wenig ist "Wer nun den lieben Gott lässt walten" ein Lied für das Ende des Kirchenjahres, genauso wenig ist "Meine Seele erhebt den Herrn" ein Adventslied. Natürlich kann man das erste am Ende des Kirchenjahres singen. Aber auch in der Passionszeit. Oder in der Trinitatiszeit. Oder in der Epiphaniaszeit. Dasselbe gilt für das andere Lied. Und auch für "Wo soll ich fliehen hin".

      Das Thema von "Wo soll ich fliehen hin" ist eher Rechtfertigung oder Gnade. Oder Buße.
      Das Thema von "Wer nur den lieben Gott lässt walten" ist Vertrauen und Zuversicht.
      Das Thema von "Meine Seel erhebt den Herren" ist das Magnificat - jeden Abend zur Vesper passend.

      figure humaine schrieb:

      Dass Bach für diesen cantus firmus gerade den Titel des Adventsliedes verwendet und eben nicht 'Lobe den Herren' kann doch dafür sprechen, dass sich die Sammlung dem Kirchenjahreswechsel zuordnen lassen. Jedenfalls würde dieser Zuordnung nichts entgegen stehen.
      Diese Umbenennung bleibt halt das einzige mögliche Argument. Und zunächst ist es eine Umwidmung des Liedes, nicht der Sammlung. Dass der Zuordnung nichts entgegen steht, ist kein Argument. Was soll damit gezeigt werden?

      Wie gesagt: Auch im Orgelbüchlein war Bach spezifischer mit den Zuordnung von Liedern zu Zeiten des Kirchenjahres.

      "Ende des Kirchenjahres und Advent" ist außerdem eine seltsame Zusammenstellung - meinst Du nicht? "Advent und Weihnachten", ok, "Weihnachten und Epiphanias", ok, "Passion und Ostern", ok, "Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten", ok, aber "Ende des Kirchenjahres und Advent"??

      Viele Grüße
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Walcha spielte die Choräle, wie das meiste von Bach, sehr neutral, sachlich, gleichförmig … langweilig. Fast wie buchstabiert. Das ist post-orgelbewegt – bloß keine Subjektivismen, bloß keine romantischen Attitüden, bloß keine Emotionen.
      Der Schüblerzyklus ist Anfang der 70er Jahre entstanden. Zu seinem 80. Geburtstag (1987) hat seine Plattenfirma die stereophone Zweiteinspielung der gesammelten Werke des Thomaskantors in einer digitalisierten CD-Version neu- und wiederveröffentlicht. Wie hat sich ein Helmut Walcha wohl gefühlt, als er erkennen musste, dass junge Kollegen und Kolleginnen (Rübsam 1, Isoir, Hurford, Alain 2 und 3, Fagius und andere) mit einer völlig neuen Sichtweise, eben entgegen der Beschreibung von Mauerblümchen, an ihm vorübergezogen sind. Die Ära des Objektivismus, deren getreuer Verfechter Walcha war, war nicht mehr up to date.