Francis Poulenc – „Journal de mes Mélodies“

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    • pt_concours schrieb:

      ich habe heute durch Zufall eine weitere (allerdings noch im Enstehen befindliche) GA mit den Mélodies von Poulenc entdeckt (Vol.2 & 3 sind 2013 erschienen?!):
      Ich bin entzückt, dass diesen Werken offenbar mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenngleich es im Konzert noch arg unterrepräsentiert ist. Aber vielleicht werden ja auf Grund meiner Artikel hier demnächst alle Forumsmitglieder ausschwärmen und die Impressarios dieser Welt inständig bitten Lieder von Poulenc in die Programme zu nehmen :D
      Ich habe in die o.g. Aufnahmen gleich mal hineingehört. Nicht schlecht. Vielleicht etwas zu brav. Die Textverständlichkeit ist perfekt, und das alles von einem Bariton gesungen wird passt ja auch irgendwie, wenn wir an Pierre Bernac denken. Also als Alternative (aber nicht für Einsteiger, die sollten zu Johnson und Co. greifen) durchaus geeignet.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Da wir an anderer Stelle gerade mal wieder etwas über Poulenc schreiben, möchte ich hier auch mal nach längerer Pause etwas weitermachen, und zwar mit den

      Acht polnischen Liedern

      Die „Huit chansons polonaises“ entstanden in Kollaboration mit der polnischen Sängerin Maria Modrakowska (1896–1965), mit der Poulenc 1935 durch Marokko getourt ist. Er lobte ihren „göttlichen Gesang“ und bedauerte es zutiefst, dass Sie nach ihrer Zusammenarbeit von der Bildfläche verschwand. Frau Modrakowska hat die Texte ausgesucht und auch den Hinweis auf originale polnische Melodien geliefert, die Poulenc dann weiter verarbeitet hat. Die Lieder sind auch eine Hommage an Chopin, reflektieren sie doch die dunkle Zeit in Polen, als nach einem gescheiterten Aufstand das russische Zarenreich sich für viele Jahrzehnte als Besatzungsmacht in Polen etablierte. Chopin war kurz zuvor auf eine Reise gegangen und konnte nie mehr nach Polen zurückkehren, da er als Sympathisant der Aufständischen sofort inhaftiert worden wäre.

      Wer die Lieder selber singen oder einfach nur mitlesen möchte, dem sei der schöne Band ausgewählter Lieder, der bei Salabert erschienen ist empfohlen. Er enthält auch die originalen Kommentare von Maria Modrakowska zu den einzelnen Liedern.
      • Wianek (der Kranz)
      Das Lied beschreibt die Klage einer jungen Frau, deren Geliebter in den Krieg ziehen muss, und basiert auf dem Lied „Der Soldat von Krakau“. Anklänge an eine Mazurka schaffen hier das entsprechende Kolorit.
      • Odjazd (die Abreise)
      Das Lied stammt aus der Feder des seinerzeit recht bekannten Stefan Witwicki, der ein Freund von Chopin war, und dem dessen Mazurken op.41 gewidmet sind. Die Grundlage ist wieder eine Mazurek mit schnelleren und langsameren Abschnitten.
      • Polska młodziez (Polens Jugend)
      Das Original diente gewissermaßen zum „vorglühen“ der polnischen Nationalisten vor der ersten Schlacht mit den Russen.
      • Ostatni mazur (Letzte Mazurka)
      Die Melodie entstand ebenfalls während der Novemberaufstände 1830. Das Lied blieb lange populär, und wurde noch von den Ulanentruppen des Generals Pilsudski im ersten Weltkrieg gesungen. Die Musik hat etwas von der chopinschen „Tristesse“ und endet recht überraschend mit einer schnellen Wendung.
      • Pozegnanie (Der Abschied)
      Ein sehr trauriges Lied in c-Moll nach einem Text von Maurycy Goslawski, der von den Russen zur polnischen Armee desertierte und später im Gefängnis verschmachtete (er hatte leider keine Leonore als Frau). Das Lied besteht ursprünglich aus 20 Strophen, von denen Poulenc nur 2 vertonte. Im Gegensatz zu den anderen Liedern enthält dieses einen Abspann, in welchem die zuvor einfache Harmonik noch einmal farbiger gestaltet wird. Ein typisches Beispiel für den exzellenten Harmoniker, der Poulenc war.
      • Biała choragiewka (die weisse Fahne)
      Der Dichter dieses Liedes, Rajnold Suchodolski (1804–1831), war eines der vielen jungen und idealistischen Opfer des gescheiterten Novemberaufstandes. Der Duktus des Liedes ist forsch, und dem Krakowiak ähnlich.
      • Wisła (Die Weichsel)
      Nach 6 Liedern welche auf die Ereignisse um den Novemberaufstand 1830-31 bezogen sind, ist dies eine Huldigung an den größten polnischen Fluß, der sowohl durch Krakau als auch Warschau fließt. Möglicherweise soll die Bewegung in der Musik jene des Flusses widerspiegeln.
      • Jezioro (Der See)
      Die Melodie ist ein bäuerlicher Gesang aus dem polnischen Schlesien. Poulencs Bearbeitung benutzt im Gegensatz zu den stärker am Original orientierten Vorgängerliedern eine deutlich modernere Klangsprache. Der Einfluß Chopins ist hier nicht mehr präsent, eher schon der von Maurice Ravel, dessen „chansons grecques“ wohl auch für den Zyklus Pate gestanden haben könnten.

      Mein persönlicher Favorit bei den vorhandenen Aufnahmen der Lieder ist Nikolay Gedda, der diese Lieder etwa 1974 zusammen mit Dalton Baldwin am Klavier eingespielt hat. Er kommt mit der polnischen Sprache gut zurecht, und liefert einen ungekünstelten Vortrag, der perfekt zum Charakter der Lieder passt.

      Wer die Lieder lieber mit jemand hört dessen Muttersprache polnisch ist, dem kann ich die Aufnahme mit Agnieszka Adamczak und Graham Johnson empfehlen.

      Auch in der Gesamtaufnahme mit Malcolm Martineau werden die Lieder von einer Polin, nämlich Magdalena Molendowska gesungen.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)