PJ Harvey - Rid of Me (1993)

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    • PJ Harvey - Rid of Me (1993)



      Polly Jean (im Folgenden PJ) Harvey ist eine englische Singer-Songwriterin. Ihr erstes Album, Dry (1992), landete auf Kurt Cobains Liste seiner 50 Lieblingsalben. Mit Nirvana lassen sich PJs erste beide Alben denn auch am besten vergleichen: Grunge-Rock also. Kleine Besetzung (PJ singt und spielt Gitarre, es gibt einen Bassisten und einen Schlagzeuger, der auch die Background Vocals liefert, das musikalische Talent aller beteiligten ist ENORM), riesiger Sound. Leise, LAUT.

      Allerdings ist mir PJs Musik noch näher als die von Nirvana (die ebenfalls eine geile Band waren). Bei PJ kommen noch unregelmäßige Taktarten dazu (5/4, 7/4, manchmal 4/4 und 3/8 gleichzeitig, etc.) und Texte, die sich (nicht) gewaschen haben. Das lyrische Ich ihrer ersten beiden Alben ist feministisch, ungeschminkt und doch ganz Frau.

      Rid of Me, ihr zweites Album, wurde vom legendären Steve Albini abgemischt (der beispielsweise ein Jahr später, 1994, auch In Utero von Nirvana abmischte). Der Klang dieses Albums ist unbeschreiblich, man muss es gehört haben - und zwar LAUT! Die CD-Version stammt noch aus einer Ära, wo die Dynamik nicht totkomprimiert wurde. Man muss also im Vergleich zu heutigen CDs ordentlich aufdrehen, dafür klingt es aber immer lebendig und "echt".

      (Vorwarnung: Liedexte und -beschreibungen nicht für Minderjährige geeignet.)

      Rid of Me

      Der erste Song beginnt lauernd, spannt die Nerven aufs Äußerste an. Erst nach über zwei Minuten bricht der Refrain wie ein Tornado herein. Der Text ist eine Bearbeitung eines Briefes, den ein psychopathischer Fan PJ geschickt hatte: "I'll tie your legs, keep you against my chest, oh you're not rid of me." Der Schlagzeuger (nicht PJ, wie man vielleicht meinen könnte) kreischt im Falsett: "Lick my legs, I'm on fire, lick my legs of desire!"

      Missed

      Wechselt zwischen 6/4- und 5/4-Takt. "Mary lost her head and let it bleed. Came crying back to me: 'My son, where's he been? Don't deny it, and don't you hide him!'"

      Legs

      Das lyrische Ich foltert (und tötet?) einen früheren Liebhaber, der es enttäuscht hat: "You were going to be my life! [...] Got to ease my aching head, do you know? No other way, cut off your legs."

      Rub 'Til It Bleeds

      6/8-Takt oder 3/4-Takt? "Sweet babe, let me stroke it. [...] I'm calling you weak. And I'll make it better, I'll rub 'til it bleeds." Vielleicht mein Lieblingsstücke der Platte, pure rohe Energie.

      Hook

      5/4-Takt (ab und zu 3/4). Verwaschene, verzerrte Gitarre und Gesang. Wut, Sarkasmus. "I was nothing 'til you came. You [...] said, 'I'll take you, Kathleen, to your home and mine.' Good lord, he hooked me - fish hook and line." Ein abgefuckter Gitarrenteppich reißt die Seele auf.

      Man-Size Sextet

      Gitarre, Bass und Schlagzeug sind weg. Nur PJs durch geknirschte Zähne gepresster Gesang und (von ihr selbst gespielte) Streicher, die klingen, als hätte Arnold Schoenberg sie höchstpersönlich arrangiert. (Das meine ich nicht sarkastisch, ich fühle mich tatsächlich an den ersten Satz des vierten Streichquartetts (1936) erinnert!) Dem lyrischen Ich möchte man nicht bei Nacht begegnen.

      Highway '61 Revisited

      Ein unglaublich geiles Cover des gleichnamigen Bob-Dylan-Songs. "Well God said, 'Abraham - kill me a son.' Abe said, 'man, you must be putting me on!' God said 'no', Abe said 'what?!" God said, 'you do what you want to, Abe, but - next time you see me coming, you better run!' Abe said, 'where do you want this killing done?' God said: 'out on that Highway 61.'" Der erste von zwei Songs, die Szenen aus der Bibel nacherzählen. Wieder fragt man sich, ist das 6/8 oder 3/4?

      50ft Queenie

      "Tell you my name, FU, CK, fifty foot queenie, force ten hurricane! [...] Hey, I'm the king of the world, you oughta hear my song! You come and measure me, I'm twenty inches long!" Das lyrische Ich schneidet in einem Schwanzvergleich besser ab als alle Männer der Welt, wird im Verlauf des Stückes auch noch größer und größer (thirty, forty, zum Schluss fifty inches).

      Yuri-G

      Das lyrische Ich ist Yuri Gagarin, der Luna, dem Mond, ein Liebeslied singt. "I'd give it all, you see! I'd give my sorry eyes! I'd give just everything, she's got me so mesmerized..." Ein scheinbar harmlos gerade daherkommender 4/4-Takt über Tonika, Dominante und Subdominante entpuppt seine Eins erst später, sie kann beim ersten Hören nicht richtig verortet werden, man wird auf Glatteis geführt. Richtig "catchy" und das gutgelaunteste Stück des Albums, auch wenn die Tonika sich, ebenfalls erst im Verlauf des Stücks, als Moll-Akkord outet.

      Man-Size

      Gleicher Text wie das Sextett, jetzt aber mit konventioneller Gitarre/Bass/Schlagzeug-Besetzung. Auch hier prahlt das lyrische Ich mit seiner Schwanzlänge: "Good lord I'm big, I'm heading on; man-size, got my leather boots on. [...] I cast my iron knickers down - man-size, no need to shout."

      Dry

      Es geht um Sex, und zwar um enttäuschenden. "I caught it in the face, coming round again. I thought it was worth waiting, you're caught up in my hair. Wet sides from time, but mostly I'm just dry - you leave me dry." Die Musik klingt entsprechend gelangweilt, dabei aber kein bisschen langweilig sondern total witzig. "I'm sucking 'til I'm white, but you leave me dry."

      Me-Jane

      Jane versucht, sich Tarzan vom Leib zu halten: "Damn your chest-beating, just you stop your screaming! [...] Oh move it over, Tarzan, can't you see I'm bleeding? [...] All the time you're hunting, swimming, fishing, breathing!"

      Snake

      Die Schlange des Gartens Eden kriecht Eva zwischen die Beine. "You snake, you crawled between my legs! [...] 'No need for God, no need for him!' [...] Put rotten fruit inside of me, oh Adam please, you must believe, that snake put it in front of me!" Ein kurzer verzweifelter Aufschrei, Eva weist panisch die Sünde von sich, nach kaum anderthalb Minuten heftigen 6/8-Taktes vorbei.

      Ecstasy

      Ein langsamer, kreisender, kreischender, psychedelischer Blues im 12/8-Takt. Verschwitzt lässt einen eins der geilsten Alben aller Zeiten zurück. Jetzt erstmal duschen.
    • Sehr cool und irgendwie, hm, außerweltlich ist dieses Konzert aus dem Jahr 2012 in der Oper in Sydney. Hauptsächlich gibt's Songs aus dem 2011er-Album "Let England Shake" zu hören, zudem auch einige ältere Sachen (aber nix von Rid of Me):

      "https://www.youtube.com/watch?v=u75Qtit-lng"


      Eine seeeeeehr intensive Solo-Performance des Songs Rid of Me gibt's hier:

      "https://www.youtube.com/watch?v=RzwG3r9_L9o"

      Und hier eine alte Band-Performance des Songs (Chicago, Metro, 1993):

      "https://www.youtube.com/watch?v=1uK7Uny066M"

      Adieu,
      Algabal
      Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.