Britten - Peter Grimes. Theater Mönchengladbach, Premiere am 2. Mai 2015

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    • Britten - Peter Grimes. Theater Mönchengladbach, Premiere am 2. Mai 2015

      Auf einer Holzkiste, die sich bald als aufklappbares Kasperltheater erweisen wird, liegt grinsend ein weiß geschminkter, an den Conférencier aus "Cabaret" erinnernder Puppenspieler; es ist Doctor Crabbe, die stumme Figur der Oper "Peter Grimes", mit der Librettist Montagu Slater dem Dichter George Crabbe, der mit "The Borough" die Vorlage für die Oper geliefert hat, seine Referenz erweist. Vor der Kiste lehnt, in sich gekehrt, der Fischer Peter Grimes. Um die ansonsten leere Bühne hat Roy Spahn ein Karrée von glatten Holzwänden gebaut, es mag das Innere der Kasperlkiste sein, dient aber auch per Videosequenz als das Außen von Meer und Wind, die das abgeschiedene Leben der Dorfgemeinschaft an der englischen Ostküste von 1830 bestimmen (in etwa zeitgemäß passende Kostüme von Magali Gerberon).

      Mit den ersten Takten der Musik öffnet sich ringsum ein Spalt und der Holzwand, das Dorf blickt hinein in die Szene, der Coroner und der Gerichtsdiener kommen herein: der Tod von Grimes' Lehrling wird untersucht. Schnell sind die Fronten geklärt, das Dorf auf der einen, "sein" Außenseiter, Grimes, auf der anderen Seite. Und gleich geht es wie im englischen Kaspertheater bei "Punch and Judy" zu: Grimes bekommt die Kasperlmütze aufgesetzt, die Dorfbewohner schlagen mit Pritschen auf ihn ein, die befragten Zeugen machen klar, was sie von dem Verdächtigen halten, Boles, der Methodistenprediger, hängt ihm gleich das Schild "guilty" um. Ellen erscheint für ihre Aussage, der Tod des Lehrlings wird als Unglücksfall eingestuft, das voyeuristische Dorf zieht ab, Ellen und Peter bleiben allein, die Kasperlmütze verschwindet wieder.

      In dieser Weise erzählt Regisseur Roman Hovenbitzer die Geschichte von der Ausmerzung eines Außenseiters auf zwei wechselnden, ineinandergreifenden Ebenen, wobei das Puppenspiel mal von den Darstellern selbst, mal von den Kasperlpuppen aus der Holzkiste übernommen wird, immer angetrieben vom bösartig-zynischen Puppenspieler Dr. Crabbe. Das gerät manchmal sehr intensiv, etwa, wo Crabbe Grimes' neuem Lehrling die Puppen aufdrängt und der die Mißhandlungen durch den rohen Fischer im Puppentheater nachspielt, oder wenn die Dorfgemeinschaft zur Lynchjustiz wie ein Karnevalsumzug auszieht; gelegentlich wirkt es aber auch arg platt und plakativ, oder es gibt einfach zuviel davon wie im dritten Akt, wo alle Dorfbewohner außer Peter, Ellen und Balstrode sich in lebendige Kasperlpuppen verwandelt haben. Oder die Darstellung bleibt widersprüchlich, wie bei der Puffmutter "Auntie" und ihren "Nichten", die, als nuttige Schulmädchen gekleidet, andauernd nervig über die Bühne giggeln, dann aber mit Ellen ein berührend-mitleidendes Quartett ("When in storm they shelter here") singen.

      Einige Szenen sind choreographisch wohldurchdacht, stark die Zusammenkunft der Dörfler im "Boar's Inn" im 1. Akt, wo ein Holzpodest (der Boden der Kasperlbühne?) das Wirtshaus darstellt, in dem beim Sturm nach und nach immer mehr Menschen Zuflucht suchen und sie buchstäblich an allen Ecken und Enden aneinander geraten, bis der Außenseiter Grimes auftaucht und die aufgestaute Wut sich auf ihn richten kann, kulminierend im Trinklied "Old Joe has gone fishing", zu dem sich die Leiber der zusammengepferchten Dörfler mit der Musik bewegen, und nur Grimes an einer Art Schiffsmast, der vorher den Nichten zum table dance gedient hat, unbeweglich ausharrt. Leider gelingt es den Darstellern nicht immer ganz, diese Choreographien präzise umzusetzen; sehr musikalisch gedacht jedenfalls sind viele Szenen der Inszenierung.

      Nicht immer ganz präzise die Niederrheinischen Sinfoniker unter Mihkel Kütson, denen aber die klangliche Darstellung von Brittens Partitur gut gelingt; immer wieder aber ungenaue Einsätze der verschiedenen Instrumentengruppen. Auch der Chor (Chor und Extrachor des Theaters Krefeld und Mönchengladbach)bewältigt seine enorme Partie mit Verve und klangschön, aber nicht immer ganz perfekt. Vielleicht war es auch noch ein wenig Premierenfieber!

      Nichts davon zu bemerken bei den Solisten. Heiko Börner bewältigt die schwere Titelpartie nicht gänzlich ohne Mühe, ist aber spielerisch und sängerisch ein exzellenter Darsteller. Izabela Matula kann in der Partie der Ellen Orford alle ihre Trümpfe ausspielen, eine große, das Haus füllende voluminöse Stimme in allen Lagen und allen Dynamiken, eine grandiose Sängerleistung! (Sie wird voraussichtlich in der kommenden Saison die Ballo-Amelia singen!). Ausgezeichnet auch Johannes Schwärsky als Captain Balstrode; auch die kleineren Rollen durchweg gut bis sehr gut besetzt. Hervorzuheben, wegen des schon genannten, wunderbar gesungenen "Quartetts" Eva Maria Günschmann (Auntie), Sophie Witte und Gabriela Kuhn (Nichten).

      Das Mönchengladbacher Premierenpublikum ließ die Künstler lange nicht von der Bühne, Riesenbeifall für Izabela Matula, Blumen für Heiko Börner, auch mit der Regie war man offenbar durchweg zufrieden.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Lohnenswert war der Besuch für mich vor allem wegen des filigranen Dirigats von GMD Mikhel Kütson. Was der alleine in den Interludes an schriller, verzweifelter und trauriger Musik bot war umwerfend. Die stärkste Szene des Abends war daher auch der Tod des zweiten Lehrjungen, wenn Peter ihn zudeckt und sich daneben legt, Vorhang.

      Die Präsenz der Sänger - vor allem Izabela Matula - war groß. Die Textverständlichkeit der Hauptdarsteller fand ich leider nicht gut.
    • Quasimodo schrieb:

      Oder die Darstellung bleibt widersprüchlich, wie bei der Puffmutter "Auntie" und ihren "Nichten", die, als nuttige Schulmädchen gekleidet, andauernd nervig über die Bühne giggeln, dann aber mit Ellen ein berührend-mitleidendes Quartett ("When in storm they shelter here") singen.


      Ist dieser Widerspruch nicht schon in der Musik so angelegt? Das Quartett - neben Ellens beiden Arien "We planned that their lives" und "Embroidery in childhood" für mich die Gänsehautnummer der Oper! - fällt meiner Empfindung deutlich aus der sonstigen Musik der "Nichten" heraus.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.