MUSSORGSKY: Boris Godunov - Staatstheater Darmstadt unter Will Humburg 13.5.2015

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    • MUSSORGSKY: Boris Godunov - Staatstheater Darmstadt unter Will Humburg 13.5.2015

      Wenn ein kleines oder je nach Perspektive mittelgroßes Haus, wie das Staatstheater Darmstadt eine aufwändigere Oper, wie Boris Godunov unter der musikalischen Leitung ihres neuen GMD Will Humburg stemmt, dann lohnt es sich hinzuschauen und hinzuhören.

      Grundlage der Inszenierung ist die zweite Fassung der Oper von 1872 unter Hinzufügung der Szene vor der Basilius Kathedrale von 1869, die Mussorgsky in der zweiten Fassung gestrichen hat. Insgesamt existieren von der Oper sieben Fassungen. Dazu noch Instrumentationen u.a. von Rimsky-Korsakov und Schostakowitsch. In Darmstadt wird auf die Originalinstrumentation von Mussorgsky zurückgegriffen und nicht auf die glättende Fassung von Rimsky- Korsakov, in der das Werk sehr häufig aufgeführt wurde. Eine Besonderheit dieser Originalfassung sind die unterschiedlichen Dynamiken, die teilweise in den Instrumenten gegenläufig angelegt sind. Während die eine Instrumentengruppe crescendiert spielt die andere Gruppe ein Decrescendo. Nach Einschätzung von Will Humburg ein zur Entstehungszeit sehr modernes Vorgehen, das sich erst später zum Beispiel bei Mahler wieder findet.

      Unter der musikalischen Leitung von Will Humburg klingt das Werk in der Originalfassung holzschnittartiger. Wie mit dem Zeichenstift wird jede Phrase detailliert gestaltet, wobei teilweise der große Bogen ein klein wenig verloren geht. Dagegen wirkt die Aufnahme der Fassung von Rimsky -Korsakov unter der Leitung von Karajan wie mit pastellfarben gemalt und alles fließt mehr ineinander.

      Der Regisseur Christian Sedelmayer hat den Chor zum Hauptprotagonisten der Oper erklärt. Um die Oper zu stemmen verstärkt der Opernchor aus Wiesbaden das Ensemble, so dass um die 80 Sänger die Bühne bevölkern. Um dem Hauptprotagonisten mehr Gewicht zu verleihen, hätte ich mir an vielen Stellen eine ausgefeiltere und differenziertere Personenregie gewünscht, wie sie beispielsweise Dietrich Hilsdorf in Massenszenen gelingt.

      Auf der Bühne dominiert alle Bilder eine große goldene Kuppel mit einem Baugerüst. Mit wenigen Veränderungen werden die einzelnen Szenerien angedeutet: Eine silbern kuppelförmige Lampe und ein Tisch, deutet die Klosterzelle an, aus den Podesten lässt sich ein Schanktisch aufklappen, ein mit russischen Motiven verziertes Podest deutet die privaten Gemächer an. Warum dieses Prinzip im vorletzten Bild mit einem Vorhang auf dem eine naturalistischen Landschaft abgebildet ist, durchbrochen wird, bleibt rätselhaft.

      Markant auch eine goldene erhöhte Platte, die zu Anfang aus der Kuppel herausgenommen wird, auf der Zar Boris Godunov gekrönt wird, stirbt (da wirkt die Platte fast wie ein Opferteller) und am Ende sich der neue Zar Dimitri mit erhobenen Armen präsentiert.

      Während die großen Szenen eher statisch wirken, sind viele kleinere Szenen sehr sorgsam gearbeitet. Grigorij (Mark Adler) sieht man förmlich an, wie er in der Klosterzelle von seinem Wunsch nach Macht und Einfluss mitgerissen wird. Stimmlich war Mark Adler aber besser bei den Partien wie Graf Almaviva oder Ramiro aus Cenerentola aufgehoben mit denen er in seiner Gelsenkirchener Zeit aufhören ließ.

      Da wird die Schankwirtin zur Animierdame, der ein Gast Geldscheine in den Ausschnitt steckt. Warum die Wirtin auf Rollschuhen unterwegs ist, erschloss sich mir nicht. Waarlam springt zu seinem Lied auf den Tisch und zieht alle Register es krachen zu lassen. Auch stimmlich wuchtet Thomas Mehnert die Partie überzeugend mit sonorer Stimme.

      Fjodor der Sohn von Boris Godunov wird als naives Kleinkind, der in der Todesszene, die Dramatik überhaupt nicht realisiert und seine Schießspiele weiterspielt. Auch wenn Ulrica Stroemstedt das sehr überzeugend verkörpert, verliert die Sterbeszene dadurch an Dramatik.
      Vadim Kravets gibt Pimen, den blinden Chronisten mit wohlklingender Stimme.

      Vladimir Baykov verkörperte einen würdigen Boris und blieb der Partie mit seinem wohlklingenden Bass auch stimmlich wenig schuldig. Den Wahnsinn eines Schaljapin vermochte er jedoch nicht auf die (Klang-) Bühne zu bringen.

      Insgesamt eine achtbare Produktion, die klanglich die holzschnittartige Instrumentation mit viel Liebe zum Detail zum Klingen bringt, sängerisch in den Schlüsselpartien für ein Haus dieser Größe sehr ordentlich besetzt ist, szenisch und darstellerisch Wünsche, aber auch Fragen offen lässt.


      Aufgrund der sehr trockenen Akustik des Darmstädter Opernhaus, ist es sicher spannend die Produktion nächstes Jahr bei den Maifestspielen in Wiesbaden unter möglicherweise besseren akustischen Voraussetzungen zu hören.

      Weitere Infos zur Produktion u.a. auch Interviews mit den Beteiligten und das Programmheft zum Download finden sich hier.

      "http://www.hr-online.de/website/radio/hr2/index.jsp?rubrik=51923&key=standard_document_55391067&xtmc=boris%20godunov&mtype=d&xtcr=1"
    • die Aufzeichnung der Premiere vom 25.04.d.J. sendet "D.RadioKultur" am ko. SA ab 19.05Uhr

      :wink:
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