Methoden beim Erklimmen von unbekannten Tonbergen

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    • Methoden beim Erklimmen von unbekannten Tonbergen

      Liebe Capricci

      Ich habe einen Anfängerfehler gemacht, den man mir nachsehen möge:
      Ich habe erkannt, dass die Vermischung von zwei Themen in einem Thread die Antwort erschwert.

      Siehe: "Nichts Fettiges im Sommer - jahreszeitliche Genre-Vorlieben?"
      (Ob wohl ein Mod diesen Threadhinweis scharf machen könnte, bitte. Der Technikmuffel schafft das irgendwie noch nicht.)

      Ich möchte deshalb die Frage nach der Herangehensweise an unbekannte Werke lösen vom jahreszeitlichen Flair und wiederhole hier einige Bemerkungen aus dem erwähnten Faden.

      Also hier meine Frage: Habt ihr eine bestimmte Methode bei der Erarbeitung unbekannter Werke (falls dieses Bedürfnis überhaupt besteht)?

      Wie ich im erwähnten Faden bereits ausführlich beschrieben habe, hat sich bei mir - aus einem tiefen Bedürfnis, mir die komplexe Musik des 20.Jahrhunderts zu erschliessen, zu welcher ich bis vor Kurzem keinen Zugang hatte, bzw. deren Syntax mir völlig fremd war - folgende Methode ergeben:

      Ich wähle jedes Quartal ein halbes Dutzend mir wertvoll erscheinende Werke aus.
      Die Auswahl erfolgt nach dem Lustprinzip aus 20-30 Cd`s, die ich mir ein einziges Mal anhöre.

      Was mich auf irgendeine Weise berührt, oder reizt, oder aufregt, kommt dann auf die 6-er Liste. Diese 6 Werke - oder Ausschnitte davon - höre ich nun ein Quartal lang fast täglich. Manchmal lasse ich sie - oh Schande - auch nur einfach im Hintergrund mitlaufen.

      Ich halte mich nicht starr an diese Regel. Manchmal wird ein Werk auch ausgewechselt, insbesondere, wenn es mich zu langweilen beginnt oder wenn die Freude daran ausbleibt. Die Methode hat also nichts zu tun mit irgendwelchen masochistischen Quälereien, im Gegenteil.

      Mit dieser Methode komme ich dann jährlich auf ca. 24 Werke, zu denen ich eine starke Beziehung aufbauen konnte.
      Sie gehören dann zu meinem Standart-Hörrepertoire.

      Es ist mir einfach aufgefallen, dass mehr als 2 neue (meist freitonale/atonale/dodekaphonische) Werke pro Monat meine Rezeptionsfähigkeit überfordern.

      Welche Erfahrungen macht ihr beim Besteigen unbekannter Berge (sofern das Bergsteigen überhaupt zu euren bevorzugten Tätigkeiten gehört)?
      Welche Werkzeuge nehmt ihr mit auf die Tour?

      Gruss von Walter

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Walter Heggendorn ()

    • Ich komme auf mehr als 20 neue Werke pro Monat, was den Nachteil mit sich bringt, dass ich sehr vieles nur sehr flüchtig "mitnehme". Allerdings reizt es mich dann besonders, Stücke, die mir nicht viel gesagt haben, wieder anzuhören, und die Freude, mir einen Zugang zu etwas bislang Unverstandenem gewonnen zu haben, gibt mir mehr als das Sulen in "Lieblingswerken", weshalb ich meine "Lieblingswerke" fast nie anhöre und somit eigentlich keine mehr habe.

      Das bringt es mit sich, dass mir das abgeht, was Du beschreibst: Oftmaliges Anhören derselben Stücke, ein persönliches "Repertoire". Manchmal nehme ich mir vor, bestimmte Stücke immer mal wieder zu hören, damit sie mir vertrauter werden. Das betrifft vor allem Werke vom Mittelalter bis zum 17. Jahrhundert, da ich aus späteren Zeiten doch genug habe, was ich doch recht oft gehört habe. Allerdings ist das dann kein "Erklimmen" mehr, sondern nur mehr ein Einprägen und eventuell tieferes Eindringen in etwas ohnehin schon Gemochtes.

      Mit täglich habe ich das mal vor ein paar Jahren mit einem Werk von Charpentier gemacht, allerdings nur eine Woche. 6 Stücke monatelang täglich hören kann ich mir unter keinen Umständen vorstellen, selbst wenn ich etwas auf dem Instrument übe, dann tue ich das nicht täglich. Und 6 ausgewachsene Stücke ist ja sehr viel, selbst wenn Du offenbar keine Opern hörst.

      Ich erstelle mir schon Pläne, was ich noch ergänzen sollte, oder was ich in einem bestimmten musikgeschichtlichen Zusammenhang auffrischen möchte, da gehe ich nicht nach dem Prinzip Chaos vor, ich habe Phasen, da höre ich monatelang fast nur Musik, die im Laufe weniger Jahre entstanden ist und nur eine Generation. Oder ich gehe so einen Kartonwürfel durch wie die Werke Strawinskys oder die Opern von Strauss (allerdings sind diese Würfel unvollständig).
      :wink:
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • putto schrieb:

      Mit täglich habe ich das mal vor ein paar Jahren mit einem Werk von Charpentier gemacht, allerdings nur eine Woche. 6 Stücke monatelang täglich hören kann ich mir unter keinen Umständen vorstellen, selbst wenn ich etwas auf dem Instrument übe, dann tue ich das nicht täglich. Und 6 ausgewachsene Stücke ist ja sehr viel, selbst wenn Du offenbar keine Opern hörst.


      Danke für deine interessanten Ausführungen, lieber Putto.

      Na ja, ich neige zu Übertreibungen... bei den "sechs täglich erklingenden Werken" handelt es sich um ein Prinzip, das ich natürlich nicht stur einhalte. Oft sind es auch nur einzelne Sätze aus den jeweiligen Werken. Aber jeden Tag ist sicherlich einiges aus den holy six dabei. Und ja, Opern nicht ...

      Gruss von Walter
    • Walter Heggendorn schrieb:

      Na ja, ich neige zu Übertreibungen... bei den "sechs täglich erklingenden Werken" handelt es sich um ein Prinzip, das ich natürlich nicht stur einhalte. Oft sind es auch nur einzelne Sätze aus den jeweiligen Werken. Aber jeden Tag ist sicherlich einiges aus den holy six dabei.
      Jetzt bin ich aber beruhigt.
      ;+)
      Ich habe einfach viel zu viele Sachen, die ich (besser) kennenlernen möchte, deshalb kann ich mir so eine Fixierung quasi nicht leisten. Außerdem frage ich mich, wie meine Mitbewohnerin darauf reagieren würde, wenn dauernd dasselbe aus den Boxen tönt.
      8o
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    • Mich würde interessieren:
      Wieviel zu den Werken lest ihr, bzw. informiert euch zusätzlich?

      Leider erfasse ich Vieles doch erst, wenn ich mir dazu auch die Noten anschaue. Darüberhinaus lese ich auch gerne Betrachtungen verschiedenster Art zu den Werken, deren Entstehungsgeschichte oder allgemein deren Entstehungszeit und kulturhistorischen Hintergründe.
      Jedoch bleibt es - zugegebenermaßen - oftmals nur bei öffentlich zugänglichen Quellen im weltweiten Netz, was ich eigentlich schade finde.

      Wie arbeitet ihr euch so voran abseits vom Hören?
    • Liebe figure humaine

      Danke für deine Frage.

      Auf dem Portal IMSLP.org gibt es schon eine ganze Menge an Partituren anzuschauen.
      Zu meinen "sommerlichen" Streichquartett-Reisen lese ich begleitend: Friedhelm Krummacher: Die Geschichte des Streichquartetts, 3 Bde, Laaber 2005

      Gruss von Walter
    • Vielleicht muss ich zu meiner 6-er-Quartalsliste noch Folgendes ergänzen.

      Musik aus Klassik und Romantik könnte ich dieser exzessiven Hörerei niemals exponieren. Nach ein paar Tagen müsste ich wohl Ko....!

      Das geht wirklich nur mit Werken, deren Idiom mir anfänglich total fremd ist, wo ich aber aus irgend einem tieferen Beweggrund das Bedürfnis oder den Ehrgeiz verspüre, deren Geheimcode zu knacken.

      Werke, die diesen Test bei mir bestehen - (welch ein Auswurf von Überheblichkeit, diese Bemerkung ... hier gehören ein Dutzend Emoticons hin, die bei mir aber irgendwie noch nicht funzen) - anyway: wenn ich nach 3 Monaten nicht gelangweilt bin von der quasi rituell gehörten Musik, dann habe ich meisten einen grossen Schatz für mich entdeckt.

      Wenn das Graben zu mühsam wird, lasse ich aber die Schaufel gerne fallen, und das Werk wird seinem Schicksal überlassen.

      Und es gibt natürlich zahllose Werke, denen ich so oder so keineswegs gewachsen bin; z.B der spät Stravinsky will sich mir nicht erschliessen, Schnittke und Shchedrin noch weniger, Boulez und Stockhausen, Lachenmann und Holliger schon gar nicht, und sogar Pettersson sträubt sich beharrlich, obwohl ich spüre, dass da gute Musik zu erleben wäre. Hier spielen offenbar persönliche, gar genetische Nicht-Kompatibilitäten immer noch eine Rolle.

      Grundsätzlich bin ich natürlich sehr dankbar für die Zeit, die mir für meine Entdeckungsreisen zur Verfügung steht. Ich setzte sie aber auch gerne dafür ein.

      Gruss von Walter
    • Walter Heggendorn schrieb:

      Und es gibt natürlich zahllose Werke, denen ich so oder so keineswegs gewachsen bin; z.B der spät Stravinsky will sich mir nicht erschliessen, Schnittke und Shchedrin noch weniger, Boulez und Stockhausen, Lachenmann und Holliger schon gar nicht, und sogar Pettersson sträubt sich beharrlich, obwohl ich spüre, dass da gute Musik zu erleben wäre. Hier spielen offenbar persönliche, gar genetische Nicht-Kompatibilitäten immer noch eine Rolle.
      Nö, es gibt keine persönlichen oder gar genetischen Inkompatibilitäten. Ist nur eine Frage der Fähigkeit, die eigene Sturheit zu überwinden. Das kann schnell oder langsam gehen, oder, wenn man keine Lust dazu hat, macht man's gar nicht.
      ;+)
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    • Meine Methode, wenn etwas nicht zu mir kommen mag, ist, zu überlegen, was mich an dieser Musik stört. Dann versuche ich, gerade diesen "Mangel" als künstlerische Qualität wahrzunehmen, als etwas Besonderes. Funktioniert bei mir sehr gut. Innerhalb der "klassischen Musik" schwimme ich inzwischen recht ungehindert durch alle möglichen Gegenden, Probleme habe ich eher mit manchen Arten der Interpretation.

      Gestern habe ich zum ersten Mal Pizzettis Klavierkonzert gehört, und da ich etwas doch irgendwie moderneres erwartet hatte, war ich nicht sehr angetan. Nächstes Mal wird das funktionieren, vielleicht höre ich etwas Rachmaninow als Einstimmung. Aber das ist natürlich eine Art von Musik, die mir nicht fremd ist. Fremd ist mir immer noch der gregorianische Choral, da schalte ich relativ schnell innerlich ab. In ein paar Jahren werde ich das noch in Angriff nehmen ...
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    • putto schrieb:

      Meine Methode, wenn etwas nicht zu mir kommen mag, ist, zu überlegen, was mich an dieser Musik stört. Dann versuche ich, gerade diesen "Mangel" als künstlerische Qualität wahrzunehmen, als etwas Besonderes.
      Das finde ich ganz wunderbar, lieber Putto! Ein Ausdruck von bewegende Bescheidenheit und echter Neugier.

      Deine Anregung aufnehmend, höre ich mir gerade das erste Streichquartett von Ildebrando Pizzetti an (Lajtha Quartet, Naxos):

      Na ja, was soll ich sagen? Ich weiss noch, dass ich damals das Klavierkonzert nach einmaligem Anhören eben nicht in meine Hörliste aufgenommen habe.

      Gleich geht es mir wohl mit dieser an sich sehr gekonnt und eingänglich geschriebenen, hochromantischen Musik aus dem ersten Streichquartett.
      Ich könnte es aber niemals so obsessiv hören, wie einst etwa zum Beispiel ein spätes Streichquartett von Bridge oder von Klenau.

      .... soeben beginnt das zweite Quartett von Pizzetti zu klingen, das meine Aufmerksamkeit schon von Beginn an auffällig mehr fesselt. Ich bin nun sehr gespannt, wie das weitergeht...
      Nun ... nach der sehr interessanten Einleitung, gibt es eine sehr traditionelle Themeneinführung, die mich aber leider kaum packt... und so geht es dann eben weiter.
      Wunderbare Musik, ohne das gewisse Etwas, jedenfalls in meiner Wahrnehmung.

      Also bis zur Minute wohl auch kein Werk für meine nächste Sommerliste.

      Ha, ich mache ja jetzt quasi eine Live-Diskothek, angeregt durch deine schnellen Antworten und spritzigen Reaktionen, lieber Putto, die ich sehr schätze.

      Zudem möchte ich nach solchen Bemerkung unbedingt betonen, dass mein Respekt vor jeglicher kompositorischer Arbeit meine Vorlieben und Abneigungen meilenweit überstrahlt.
      Also mögen meine ersten Eindrücke um Himmels Willen kein Verdikt sein gegen die offenbar sehr musikantischen Quartette von Pizzetti! Ich kann deren Idiom einfach viel zu locker nachvollziehen, auf dass ich sie öfters hören müsste. Die Quartette scheinen mir jetzt aber doch interessanter zu sein das opulente Klavierkonzert.

      Soweit meine locker vom Hocker geäusserten Eindrücke. Danke für deinen Ball.

      Gruss von Walter
    • Walter Heggendorn schrieb:

      Ich kann deren Idiom einfach viel zu locker nachvollziehen, auf dass ich sie öfters hören müsste.
      Mit meiner Anregung wollte ich Dich eher in Richtung Boulez, Stockhausen, Lachenmann etc. locken, also dorthin, wo es wirklich größere Hindernisse zu geben scheint. Was stört dort? Das Fehlen von "Linien" oder "Rhythmen"? Gibt das nicht die Chance, auf eine ganz ungewohnte, erfrischende Weise an die Klänge ranzugehen, die Klänge schweben sozusagen im Raum, man kann um sie herumgehen, sie ganz fundamental erleben, und jederzeit kann etwas ganz anderes kommen, nichts ist in "Melodien" gebannt.
      Oder, die nächste Hürde, konzeptorientierte Kunst, Aleatorik usw.
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    • Lieber Walter,
      es freut mich, dass Du meine Antworten goutierst.
      Ich habe mir nochmal Deine Liste angeschaut, ein paar der Stücke habe ich in Erinnerung:

      Walter Heggendorn schrieb:

      Roger Sessions: Streichquartett Nr.1 e-moll (1936)
      Das ist ein Stück, das mich die ersten paar Male auch eher ermüdet, genervt zurückgelassen hat. Jetzt fühle ich mich schon recht zu Hause darin, aber Überblick über das, was passiert, habe ich keinen. Ich habe aber trotzdem Freude damit.
      György Ligeti: Klavierkonzert
      Arnold Schönberg: Klavierkonzert
      Das sind natürlich Komponisten, von denen ich einiges andere sehr sehr oft gehört habe, die Klavierkonzerte aber kaum, sollte ich mal nachholen!
      Henry Dutilleux: Cellokonzert „Tout un monde lointain“
      Dutilleux kommt überhaupt die nächsten Jahre mal etwas mehr dran!
      Ernst Krenek: Symphonie Nr 2 op.12 (1922)
      fand ich zwar unmittelbar großartig, habe ich aber nur ein paarmal angehört.
      Fartein Valen: Symphonie Nr.1 op.30 (1939)
      Der will nicht an mich heran, ist mir irgendwie zu "ungeformt"?
      Das ist aber eine gute Auswahl für Deine Ofthöraktion, da die Stücke sich wohl kaum "abnützen" können. Für den Valen werde ich wohl noch ein paar Durchgänge brauchen.
      :S
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    • Sessions: Streichquartett

      putto schrieb:

      Das ist ein Stück, das mich die ersten paar Male auch eher ermüdet, genervt zurückgelassen hat. Jetzt fühle ich mich schon recht zu Hause darin, aber Überblick über das, was passiert, habe ich keinen. Ich habe aber trotzdem Freude damit.
      Das ist nun wirklich ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie sich ein gewisses Durchhaltevermögen lohnt, jedenfalls für mich.

      Genau wie dich, hat mich diese Musik auch genervet beim ersten Anhören. Aber gleichsam intuitiv habe ich die meditative Tiefe (besonders im viertelstündigen Adagio) wahrnehmen können.
      Ich höre es nun seit einem Monat täglich! Es wird mir zu einem wahren Edelstein, wirklich. Ich empfehle dringend, sich an an diesem grossartigen Werk abzuarbeiten.
      Man sollte mit dem Adagio beginnen.

      Gruss von Walter