Albert Dietrich - Der Komponist des ersten Satzes der F-A-E Sonate

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    • Albert Dietrich - Der Komponist des ersten Satzes der F-A-E Sonate

      Wenn wir hier bereits Threads zu Goldmark und Volkmann haben, sehe ich keinen Grund, einen solchen nicht auch Albert Dietrich (1829 - 1909) zukommen lassen. Der Sachse Dietrich ist einer der vielen hervorragenden deutschen Komponisten des 19. Jahrhunderts, deren Andenken heute nicht mehr gepflegt wird. So wie bei Robert Volkmann, Friedrich Kiel oder Hermann Goetz will mir nicht so recht eingehen weshalb. Dietrich war ein Freund Johannes Brahms und Joseph Joachims, und so wie diese ein Schumannjünger. Als Fussnote der Musikgeschichte taucht Dietrich heutzutage meistens als Komponist des Kopfsatzes der F-A-E Violinsonate ("frei aber einsam"), einer Joachim gewidmete Gemeinschaftskomposition von Schumann Brahms und Dietrich, in diversen CD-Booklets auf. Das ist schade, da Dietrich vor allem ein glückliches Händchen für Orchestermusik gehabt zu haben scheint. Seine d-Moll Symphonie op. 20 (1869) sehe ich als ganz großen Wurf in der Interregnumszeit zwischen Schumanns und Brahmsens Symphonien an. Es ist nicht schwer herauszuhören, dass der erste Satz dieser Symphonie Brahms in den Ohren klang als er seine c-Moll Symphonie schrieb. Dietrich schrieb weiters ein sehr stimmungsvolles, großformatiges Violinkonzert (op. 30, 1874) , das ebenfalls mehr Aufmerksamkeit verdient hätte. Vor zwei Jahren schrieb ich andernorts über die Symphonie:

      Dieses Werk würde ich als sehr bedeutend einschätzen, deutlich bedeutender als die - an sich guten -Symphonien Gades oder Reineckes. Der erste Satz klingt wie eine Kreuzung aus Schumannscher d-Moll-Symphonie und Brahmsens Erster. Dietrich bedient sich einiger Elemente der Schumannschen Tonsprache, z.B. die für Schumann so typischen Aufwärtsskalen in den Streichern aus doppelt gespielten Noten, hat aber eine ganz eigene Art zu instrumentieren, nämlich eine sehr warme. Sehr wichtig scheint Dietrich das Horn gewesen zu sein, das während der ganzen Symphonie immer wieder an prominenter Stelle zu hören ist. Nicht nur ist das Thema des ersten Satzes sehr eingängig, nein, es wird auf sehr raffinierte Weise den ganzen Satz hindurch verabeitet. Tatsächlich gibt es kaum einen Takt, in welchem das Thema nicht irgendwo erklingt. Eine Meisterleistung, die sicher nicht völlig an Brahms verlorengegangen ist. Das relativ rasche Andante beeindruckt durch sehr dichten aber flüssigen Satz. Auch hier ist die Instrumentierung vorbildlich. Bedeutend ist auch das sehr lange - aber nicht langwierige - Scherzo, das nach Schumannscher Manier zwei verschiedene Trios hat. Einziger Wermutstropfen ist leider das Finale, das das Niveau der drei vorherigen Sätze nicht hält und nie wirklich in Schwung kommt. Trotzdem, diese Symphonie verdiente es regelmäßig gespielt zu werden. Ich kann hier eine ganz eindeutige Kaufempfehlung aussprechen.


      Dieser Asicht bin nach heutigem Hören weiterhin. Eine Doppel-CD mit Dietrichs Orchesterwerken ist günstig bei jpc zu erwerben und jedem Freund der Brahmsschen Symphonien wärmstens ans Herz gelegt:

      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Für die Erinnerung an Albert Dietrich danke ich dir, lieber Felix.

      Schumann muss ihn sehr geschätzt haben und vice versa ebenso.

      Ich muss gestehen, dass ich ausser dem Satz aus besagter Violinsonate, an der Clara - gemäss Weissweiler - gerne mitgearbeitet hätte ( S.297), nix aber auch gar nix kenne von Dietrich.

      Eva Weissweiler, die Biographin von Clara Schumann, weiss zu berichten, dass Dietrich ihren Robert während seiner schwierigen Zeit kurz vor dem Suizidversuch täglich besuchte!

      Zitat: "Einmal deutete Robert Dietrich an, er wolle sich umbringen" (ebd. S.301)

      Man kann also von einer engen Freundschaft der beiden ausgehen, wenn Dietrich das Bedürfnis hatte, Robert`s schwere Stunden zu teilen.

      Als leidenschaftlicher Schumannianer muss ich mich unbedingt näher mit dem albert`schen musikalischem Schlüssel zu Robert`s (mir verwandtem) Wesen beschäftigen!

      Dein Hinweis auf den Dietrich, ähm, auf die cpo-Scheiben, ist mir sehr wertvoll. Vielen Dank. Sie kommen auf meine Wunschliste.

      Gruss von Walter


    • Ich möchte dabei unbedingt auf diese hervorragende CD hinweisen, die vermutlich die drei wichtigsten Cello-Konzerte der deutschsprachigen Romantik vorstellt, noch dazu unter dem exzellenten Solisten Alban Gerhardt. Darunter eben auch das Cello-Konzert von Dietrich.

      Die CPO-Einspielungen kann man ebenfalls nur empfehlen.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Auch ich kenne von Dietrich nur den Satz aus der F-A-E-Sonate und muss gestehen, dass er mich - ich habe ihn aber auch nur zweimal flüchtig im Radio gehört - bislang nicht wirklich vom Sessel gerissen hat. Trotzdem habe ich mir jetzt mal die im Eröffnungsbeitrag abgebildete Doppel-CD bestellt, denn Musik aus dem Schumann-Brahms-Umfeld interessiert mich immer. Vielen Dank also für den Hinweis auf diese preiswerte Konserve und den Komponisten der in ihr enthaltenen Werke! Gegebenenfalls berichte ich hier demnächst über meine näheren Eindrücke.

      Herzliche Grüße

      Bernd
    • arundo donax schrieb:

      Auch ich kenne von Dietrich nur den Satz aus der F-A-E-Sonate und muss gestehen, dass er mich - ich habe ihn aber auch nur zweimal flüchtig im Radio gehört - bislang nicht wirklich vom Sessel gerissen hat.

      Ich muss ebenfalls gestehen, dass ich Dietrichs Beitrag in der F-A-E Sonate für den schwächsten halte. Auch sein frühes Klaviertrio op. 9 hat mch nicht beeindruckt. Deshalb habe ich auch das Augenmerk besonders auf die Orchestermusik gelegt, die ich viel besser finde.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Kopiert aus "Eben gehört":



      Albert Dietrich ist für den Tonträger leider noch nicht so richtig entdeckt worden, was angesichts dieser CPO-CD IMHO sehr schade ist. Seine Spätromnatik in Brahms-Nähe zeigt ihn als Schöpfer wundervoller Melodien (weniger "von der Struktur her" kommend, wie Brahms).
      Die Scheibe hat mir sehr viel Freude gemacht und ich hoffe auf weitere Produktionen! :)
      klassik-heute. de 01 / 2018: »Viel Schumann und vor allem Brahms kann man aus Dietrichs Werken heraushören, was kein Wunder ist, war der Komponist doch der Schöpfer des ersten Satzes der berühmten FAE-Sonate. Gleichwohl muss man konstatieren, dass Dietrichs Musik ebenso klangvoll wie gediegen ist, hochromantische Tonkunst vom Feinsten. Eine nicht nur wegen des Repertoirewerts sehr empfehlenswerte Einspielung.«
      Sächsische Zeitung 01 / 2018: »Das herausragende Werk auf der CD ist die Sonate op. 15 für Piano und Cello. In ihrer beeindruckenden Spannweite zwischen lyrischer Verspieltheit und dramatischer Wucht, leiser Sehnsucht und düsterer Verzweiflung ist sie tatsächlich nahe bei Brahms und würde sich gut im ambitionierten Programm des Moritzburg-Festivals machen.«


      Viele Grüße
      Frank
      :cincinbier:
      "it's hard to find your way through the darkness / and it's hard to know what to believe
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      - H. W. M.