Halleluja-Pumpe oder Heim-Orchester? - das Harmonium

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    • Hallo zusammen,

      neben der schon genannten Rossini'schen Messe solennelle, ein Stück, das ich auch sehr liebe und schon selber in der Originalfassung singen durfte, fallen mir vor allem die Bearbeitungen symphonischer Musik aus dem Schönbergkreis für den Verein musikalischer Privataufführungen (z.B. bei Wikipedia unter: Verein_für_musikalische_Privataufführungen) ein, die in sehr maßgeblicher Weise vom Harmonium geprägt sind. In Köln durfte ich einige Konzerte des Linos Ensembles seinerzeit miterleben, dort wurde nicht nur das auf CD gebannte Programm gespielt, sondern auch Zemlinsky, Reger, etc.:

      Die CD's dazu sind:



      Mir hatte der Charme, die Transparenz und vor allem die riesigen Spannungsbögen dieser Aufführungen unglaublich viel Spaß gemacht. Außerdem haben sie nur bewiesen, wie toll das Harmonium zu einer Bruckner-Symphonie passt ... eine Idee, auf die ich selber nie gekommen wäre ...

      LG Benno
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Mir hatte der Charme, die Transparenz und vor allem die riesigen Spannungsbögen dieser Aufführungen unglaublich viel Spaß gemacht.
      Mir auch! Nicht die Aufführungen, bei denen ich nicht dabei war, sondern die Einspielungen.

      Um 1920 war das Harmonium in der Kammermusik offensichtlich einigermaßen präsent. Zu erwähnen ist auch die Kammersinfonie für 23 Soloinstrumente von Franz Schreker (1916). Neben dem Harmonium sind noch u. a. Klavier, Celesta und Harfe beteiligt, was raffinierte Klangmischungen ergibt. Sehr fein herausgearbeitet von Michael Gielen mit dem RSO Berlin:



      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Mir hatte der Charme, die Transparenz und vor allem die riesigen Spannungsbögen dieser Aufführungen unglaublich viel Spaß gemacht. Außerdem haben sie nur bewiesen, wie toll das Harmonium zu einer Bruckner-Symphonie passt ... eine Idee, auf die ich selber nie gekommen wäre ...

      Karg-Elert hat dann 1929 tatsächlich ein Best-Of-Bruckner-Stellen für Harmonium solo arrangiert, das bei Peters in Leipzig erschienen ist. Angesichts unserer heute so hoch gehaltenen Werktreue mal ein völlig anderer Zugang. ("http://imslp.org/wiki/Episodes_from_Bruckner's_Symphonies_(Bruckner,_Anton)")
    • Kater Murr schrieb:

      Ich dachte, die Orgel sei von der Hl. Cäcilie erfunden worden... habe ich irgendwo mal gehört.

      das haben die Spielleute (deren Schutzheilige Cäcilia etwa ab dem frühen 15 Jh. war) und später die Orgelbauer behauptet.

      In der Bildenden Kunst bekommt sie die Orgel in der gleichen Zeit so ab etwa der Mitte des 15. Jhs. attributiv zugewiesen, und zwar als Portativ, also als ein Instrument der Spielleute, das nicht in der Kirche verwendet wurde (trotz der zahlreichen Abbildungen Portativ-spielender Engel). Erst gegen Mitte des 16. Jhs spielt sie die attributive Orgel auch selbst und erst im 17. Jh. spielt sie etwas in der Größe eines Positivs. Ikonographisch liegt hierbei wohl auch eine späte ikonographie Gleichsetzung der Hl. Cäcilia mit der allegorischen Figur der Musica vor. In ihrer Vita (Passio sanctae Caeciliae) im Martyriologium Hieronymianum aus dem 5. Jh. verhält sie sich in Übereinstimmung mit der Lehrmeinung der damaligen Kirchenväter absolut ablehnend gegenüber physisch wahrnehmbarer Musik, sie singt bei ihrer Hochzeit nur innerlich ("in ihrem Herzen"): "Venit dies in quo thalamus collocatus est et cantantibus organis illa in corde suo solo Domino decantabat dicens: Fiat cor meum et corpus meum immaculatum, ut non confundat" (organis: beliebige Instrumente, nicht "Orgel"!). Das Gemälde "Die Verzückung der Heiligen Cäcilia" von Raffael in der Pinacoteca Nazionale di Bologna drückt dies sehr treffend aus. Durch eine ungenaue Übersetzung im 8. Jh., die Bestandteil des Offizientestes des 22. Novembers ("Caecilia") wurde, entstand die Meinung, sie hätte bei ihrer Hochzeit selbst die Orgel gespielt: "Cantantibus organis Caecilia virgo in corde suo solo Domine decantabat dicens: Fiat Domine, cor meum et corpus meum immaculatum, ut non confundat". In der Volksfömmigkeit wandelte sich daher das Bild Cäcilias als der Musik ablehnend oder bestenfalls gleichgültig gegenüberstehend zu einen betont affirmativen Haltung, was in der Folge durch die Legende ergänzt wurde, sie hätte das Instrument auch noch selbst erfunden.

      El Duderino schrieb:

      Tatsächlich brauche ich sicher bald mal ein besseres Instrument

      Es gibt Werkstätten die darauf spezialisiert sind und auch Instrumente verleihen, handeln oder restaurieren -> google...
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • minuetto schrieb:

      bustopher schrieb:

      also als ein Instrument der Spielleute, das nicht in der Kirche verwendet wurde
      Lieber Bustohper, woraus schliesst Du, dass die Portativorgel in der Kirche nicht auch verwendet wurde ? Das Instrument wurde ja nicht nur von Spielleuten gespielt.
      Vielen Dank.
      Gruß, minuetto.

      Nein. War aber trotzdem kein Instrument für die Kirche. Haupteinsatz (höfische) Tanzmusik. Das ist mein Wissensstand und soviel ich weiß auch der Stand der Wissenschaft. Bezüglich Belege muß ich nachsehen. Wahrscheinlich steht darüber was in der Orgel-Enzyclopaedie von Bush und Kassel, oder in der Monographie von Hickmann von 1936 (ok: nicht gerade aktuell, aber immer noch zitiert) aber in beiden kann ich gerade nicht nachschlagen
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Ich hab mal ein bisschen bezüglich "Portativ" gelesen. Ist zwar hier eigentlich OT, aber Minuettos Frage stand hier und für einen eigenen Portativ-Faden, glaub ich, ist das Interesse zu dünn... Also hier.
      [OT]
      Meist findet man tatsächlich nur eine Pauschalaussage darüber, daß seine Verwendung in der Kirche eher die Ausnahme war, ohne weitere Quellenangaben. Es finden sich jedoch deutliche Hinweise, daß die Quellen aus MA und Renaissance kritisch zu lesen sind, da eine klare semantische Trennung zwischen "Portativ" und "Positiv" (das ja ebenfalls portabel war) offensichtlich nicht gegeben war. Das Instrument, das Sebastian Virdung in seiner "Musica getuscht und außgezogen" (1511) als "Portativ" abbildet, ist ein Phantasieinstrument, er hat offenbar nie eines im Original gesehen. Die Anlage der Windlade ist allerdings die eines größeren Instrumentes mit mehreren Registern, die nur nicht komplett mit Pfeifen bestückt wurde. Es gibt Autoren, die das als Tisch-Positiv zu erkennen glauben. Es ähnelt auch sehr der Abbildung eines Positivs in Praetorius' "Syntagma Musicum" (1615). Letzterer beschreibt das Portativ auch als kleines Positiv, das "im Tragen geschlagen" werden könne, ohne nähere Erläuterung, eine spezifische Abbildung liefert er nicht (mehr - das Instrument war Anfang des 16. Jhs. wohl schon außer Gebrauch). Das, was wir heute als Portativ bezeichnen, scheint in der Kirche hier und da als Prozessions-Orgel zur Unterstützung des Gesanges (und in der gleichen Anwendung als Pilgerinstrument) Verwendung gefunden zu haben, was auch irgendwie nahe liegt. Spanische und portugiesische Missionare sollen Portative in Südamerika benutzt haben, allerdings auch wieder mit unklarer Abgrenzung zum Positiv.
      Interessant finde ich die ikonographische Erklärung, warum Engel, wenn mit Orgel, dann mit Portativ abgebildet wurden: Fliegende Engel können schlecht zentnerschwere Instrumente transportieren, sondern nur "handgepäcktaugliche"...
      [/OT]
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • bustopher schrieb:


      Soviel ich weiß, gibt es schon länger auch keine Hersteller mehr dafür. Könnte also mit dem einschlägigen Repertoire irgendwann eng werden, mit geeigneten Instrumenten. Und der liebe Gott und die Organisten freuen sich...

      ...zu früh. Dann spielt's ein Akkordeon. Is klanglich näher dran als Truhenorgel... :D



      Wenns dann noch Interesse am einschlägigen Repertoire gibt, gibt's sicher eine HIP-Bewegung mit Nachbau von Originalinstrumenten...

      Ansonsten würde ich als Harmonium-Ersatz auch ganz klar das Akkordeon bevorzugen. "Petite Messe solennelle" mit Akkordeon und zwei Gitarren statt der 1,5 Klaviere, und Ramírez wäre arbeitslos gewesen! :P
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • In der Original Theatermusik Der Sturm opus 109 von Meister Sibelius aus dem Jahr 1925, welche ich gerade angehört habe, gehört in 5 Nummern ( von 35) ein Harmonium zum Orchester, bleibt artig im Hintergrund und fügt sich harmonisch in den Gesamtklang ein---na, geht doch! ^^




      Herzliche Grüße:
      KALEVALA :wink:
      Die Wahrheit ist hässlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. (Nietzsche)


      Es gibt nichts Überflüssigeres und Schädlicheres als wie Musik. Wenn ein Mensch eine gewisse Zeit lang Musik hört, wird sein Gehirn faul und unseriös. (Ayatollah Khomeini)
    • arundo donax schrieb:

      ThomasBernhard schrieb:

      Als Gott die Orgel erfunden hatte sprach der Teufel, dass er das auch könne und erschuf das Harmonium.


      Ich weiß nicht, ich weiß nicht....

      Interessant ist ein Vergleich von Karg-Elerts op. 39a (welches sich auf der von putto verlinkten CD befindet) mit der Orgelversion op. 39 b - mir ist da ausgesprochen deutlich geworden, dass das Harmonium gegenüber der Orgel durchaus auch Vorzüge besitzt, zum Beispiel im Hinblick auf die dynamische Gestaltung. Das angesprochene Werk gefällt mir auf dem Harmonium klar besser!

      Herzliche Grüße

      Bernd


      Interessant auch Karg-Elert in diesem Zusammenhang und damit zu den Vorzügen der Verwendung eines Harmoniums selbst zu Wort kommen zu lassen:

      Das Harmonium und die Hausmusik, in: Zeitschrift für Instrumentenbau, Bd. 27, 1906/1907, S. 929 - 931:

      http://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00004253/images/index.html?id=00004253&nativeno=929