Luigi Nono: Prometeo, Staatstheater Darmstadt, Premiere: 09.07.2015

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    • Luigi Nono: Prometeo, Staatstheater Darmstadt, Premiere: 09.07.2015

      Am Böllenfalltor in Darmstadt wird nicht nur Fußball gespielt (demnächst sogar wieder 1. Bundesliga), sondern auch die Neue Musik gepflegt. Daß in der Sporthalle am Böllenfalltor gestern abend Prometeo - Tragedia dell'ascolto von Luigi Nono Premiere hatte (weitere Aufführungen heute sowie am 17. und 19.7.), ist allerdings kein Zufall: Schließlich war der italienische Komponist regelmäßiger Gast bei den Darmstädter Ferienkursen in den 1950ern.

      Ich räume ein, daß ich das Werk bislang überhaupt nicht kannte und mich auch nicht sonderlich vorbereitet hatte. Der Entschluß hinzugehen war erst dieser Tage gefallen. Derart uninformiert war ich, daß ich eine Opernaufführung erwartete und ein veritables Oratorium erlebte: In der Sporthalle waren auf den Zuschauerrängen mehrere Vokal- und Instrumentalgruppen einschl. Solisten aufgestellt, zusätzlich Live-Elektronik. Für die Zuhörer gab es Sitzgruppen, mit jeweils sechs Stühlen in Kreisen, die Zuhörer jeweils nach außen gerichtet. Mehrfach wurde angezeigt, daß man in den Pausen zwischen den Stücken zwei Sitze weiterrücken sollte (Loriot läßt grüßen ;+) ), so daß man sich im Verlauf des Abends um etwas mehr als einen Kreis bewegte, akustischer Perspektivwechsel. Das Publikum wurde in Sechsergruppen hineingeführt und placiert, wobei Augenklappen verteilt wurden, die man schon beim Eintritt anlegen konnte.

      Prometeo dauert etwa 2 1/4 Stunden und ist in 12 Stücke unterteilt, beginnend mit einem ca. 20minütigem Prologo. Hier wurde dem Publikum empfohlen, die Augenklappen aufzubehalten, um sich ganz auf die Musik konzentrieren zu können (anfangs war es durch das hereinfallende Tageslicht noch recht hell, im Verlauf des Abends wurde es natürlich immer dunkler). Ich behielt meine fast die ganze Aufführung lang auf. Immerhin nennt Nono sein Werk "Tragedia dell'ascolto"!

      Zur Musik: Das Werk besteht fast durchgehend aus langsam fortschreitenden Klängen, mal massiven Blechbläsern, mal Chor a cappella bzw. mit leiser Begleitung, mal solistischen Instrumental- und Vokalpartien, durchwegs atonal dissonant (wenn ich richtig gehört habe, um zwei Töne im Quintabstand kreisend, schließlich in einer leeren Quint verklingend, so daß etwas wie eine rudimentäre Tonalität (Sub-)Dominante-Tonika assoziiert werden könnte), statisch und dabei höchst expressiv, sehr leise und sehr laut. Da ich es wie gesagt zum ersten Mal hörte: eine faszinierende Musik, die meinem Bedürfnis, gerade Werke der Neuen Musik sozusagen meditativ zu rezipieren, entgegenkam (wäre vielleicht ein eigenes Thema...).

      Zu den Texten: Eine eigentliche Handlung gibt es offensichtlich nicht. Die Texte verschiedener Autoren in unterschiedlichen Sprachen waren von Massimo Cacciari zusammengestellt worden. Ich habe mich auf die Musik konzentriert und den literarischen Gehalt weitgehend ignoriert. Vielleicht hole ich das noch nach. Der textliche Aufbau erscheint mir nach flüchtigem Eindruck ziemlich komplex.

      Zur Besetzung:
      Chor
      Der Opernchor des Staatstheaters Darmstadt
      Orchester
      Das Staatsorchester Darmstadt
      Sopran
      Aki Hashimoto
      Christina Daletska
      Alt
      Tara Venditti
      Annette Schönmüller
      Tenor
      Minseok Kim
      Sprecherin
      Yana Robin la Baume
      Sprecher
      Samuel Koch
      Flöte, Piccoloflöte, Bassflöte
      Delphine Roche
      Klarinette in B und in Es, Kontrabassklarinette in B
      Volker Hemken
      Tuba, Alt-Posaune und Euphonium
      Jack Adler-McKean
      Glas
      Christian Gutgesell, Jürgen Jäger
      Viola
      Klaus Jürgen Opitz
      Violoncello
      Michael Veit
      Kontrabass
      Stefan Kammer

      Zweiter Dirigent und Studienleitung
      Joachim Enders
      Musikalische Leitung
      Johannes Harneit
      Dritter Dirigent und Einstudierung Chor
      Thomas Eitler-de Lint
      Einrichtung
      Karsten Wiegand
      Konzeptionelle Mitarbeit
      Roman Schmitz
      Raumklangkonzept und Live-elektronische Realisation
      EXPERIMENTALSTUDIO des SWR , Reinhold Braig , Michael Acker , Joachim Haas

      Allen Beteiligten ein dickes Lob: Engagiert und eindrucksvoll musiziert! Schade, daß ich bei den noch ausstehenden Terminen keine Zeit habe, noch einmal nach Darmstadt zu fahren!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
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