Franz Schreker: Der ferne Klang, Nationaltheater Mannheim, A-Premiere am 10.07.2015

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    • Franz Schreker: Der ferne Klang, Nationaltheater Mannheim, A-Premiere am 10.07.2015

      Franz Schrekers Erfolgsoper, uraufgeführt 1912, in den folgenden Jahren viel gefeiert, geriet dann wie das Schaffen des Komponisten insgesamt für Jahrzehnte fast in Vergessenheit und erlebt in den letzten Jahren erfreulicherweise steigende Beliebtheit (auch wenn "Erfolgsoper" eine übertriebene Zuschreibung wäre). Erfreulich auch: Das "Comeback" der Oper ist in Capriccio gut dokumentiert:

      Schreker: Der ferne Klang. Staatsoper Berlin
      Schreker: "Der ferne Klang" - Stadttheater Augsburg, 06.04.2010
      Schreker: "Der ferne Klang" - Opernhaus Zürich, 09.05.2010
      Schreker: "Der ferne Klang" - Staatstheater Nürnberg, 30.04.2011
      Schreker: "Der ferne Klang" - Oper Bonn, 11.12.2011

      Letzten Freitag eine neue Premiere, das Nationaltheater hat sich des Stücks angenommen. Zur Besetzung:

      Musikalische Leitung: Dan Ettinger
      Inszenierung: Tatjana Gürbaca
      Bühne: Marc Weeger
      Kostüme: Silke Willrett
      Licht Christian Wurmbach
      Video: Thilo David Heins
      Dramaturgie: Merle Fahrholz
      Chor: Anton Tremmel

      Grete Graumann: Cornelia Ptassek
      Fritz: Michael Baba
      Der alte Graumann / Der Baron: Sung Ha
      Die Frau des alten Graumann: Petra Welteroth
      Der Wirt / Rudolf: Sebastian Pilgrim
      Ein Schmierenkomödiant / Der Graf / Der Schauspieler: Raymond Ayers
      Dr. Vigelius: Bartosz Urbanowicz
      Ein altes Weib: Edna Prochnik
      Mizzi: Tamara Banješeviċ
      Milli: Dorottya Láng
      Mary: Estelle Kruger
      Eine Spanierin / Kellnerin: Evelyn Krahe
      Der Chevallier / Ein zweifelhaftes Individuum: Juhan Tralla
      Erster Chorist: Ziad Nehme
      Zweiter Chorist: Stephan Somburg
      Ein Mädchen: Eun Young Kim
      Eine Choristin: Juliane Herrmann
      Eine andere Choristin: Gerda Maria Sanders
      Ein junger Mann: Bertram Paul Kleiner
      Ein Polizist: Karl Adolf Appel
      Gäste: Giorgi Bekaia, Jun-Ho Lee, Bertram Paul Kleiner, Wolfram Heuser, Junchul Ye, John Dalke, Chi Kyung Kim

      Chor, Extrachor, Orchester und Statisterie des Nationaltheaters Mannheim

      Nach diesem langen Vorspann nur ein paar Anmerkungen (ich hoffe sehe auf Ergänzungen von mehreren Capricciosi, die den Fernen Klang in dieser Woche in Mannheim kennenlernen werden... ;+) :(

      Die Inszenierung war insgesamt schlicht gehalten: Ein sparsames Bühnenbild in den ersten beiden Akten, die unmittelbar ineinander übergingen, was - durchaus beabsichtigt - einen allmählichen Übergang von der derben Realität der Wirtshausleute im 1. Akt über Gretes Flucht aus der Realität in eine Traumwelt beschreibt, wobei die Handlung aus Gretes Perspektive erlebt werden kann - während der 3. Akt Fritz in den Mittelpunkt rückt. Hier wird auch viel mit Videoeinblendungen gearbeitet, besonders im Orchesterzwischenspiel des 3. Akts, die die Liebe und deren Scheitern recht passend zur Musik illustrieren: Mir hat das sehr gefallen!

      Cornelia Ptassek präsentierte eine recht souveräne, eher (stimmlich!) reife Grete, während Michael Baba als Fritz mir weniger gefiel: viel Belcanto-Kraft, etwas undifferenziert, weil die leisen Töne fehlten. Ansonsten sängerische Leistungen, die ich als passend und gut empfand.

      Mir am wichtigsten: Orchester und Dirigat. Dan Ettinger liebt ja kräftige Orchesterfarben und volles Spiel. Das zeigte sich auch hier, die lauten, mächtigen Stellen kamen glutvoll und expressiv, mit hochengagierten Musikern. Schrekers Klangzauber zeigte sich auch an Stellen, bei denen die Violinen in den hohen Lagen glänzten. Weniger befriedigend fand ich die leisen Stellen, schon im Vorspiel, wenn zum Eingangsthema ein filigranes Gewusel der Holzbläser etrönt: Das ging m. E. ziemlich daneben, zu verwaschen-unauffällig. Auch die bunten Wechsel mit Fernorchester und Chören im 2. Akt waren nicht sonderlich klar, da hätte ich mir mehr räumliche Auffächerung gewünscht (ich hatte einen auch akustisch sehr guten Platz). Im 3. Akt allerdings eine deutliche Steigerung: Ich hatte den Eindruck, daß Dirigent und Orchester sich hier gut eingeschwungen hatten, um sehr engagiert, farbig und auch klanglich differenziert zu einem beeindruckenden Spiel fanden.

      Insgesamt eine lohnenswerte Erfahrung: Ich bin froh, diese tolle Oper endlich einmal im Theater erlebt zu haben, und das in einer Aufführung, die ich insgesamt als gut und gelungen bezeichnen würde.

      Weitere Aufführungen: 15.07., 28.07, 3.10., 28.10, 11.11., 20.11.2015.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Hallo Gurnemanz, vielen Dank für den Bericht. Ich versuche nach Mittwoch auch etwas zu schreiben. Leider ist die Vorstellung sehr sehr schlecht verkauft, ich hoffe, dass sich das nicht auf die Stimmung der Mitwirkenden niederschlägt.

      Viele Grüße,
      boccanegra
      Je niedriger der Betroffenheitsgrad, desto höher der Unterhaltungswert!
    • boccanegra schrieb:

      Ich versuche nach Mittwoch auch etwas zu schreiben.
      Sehr schön!

      Auch bei der Premiere gab's noch viele freie Plätze. Vielleicht liegt's auch am Sommer, da sitzt es sich abends angenehmer draußen beim Weizenbier...

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Hier ein Link zum Deutschlandfunk ........

      "http://www.deutschlandfunk.de/weltklasse-oper-der-ferne-klang-rasender-stillstand-im.691.de.mhtml?dram:article_id=325196"

      sehr interessant ! Kann man auch über den Link anhören !

      LG palestrina
      „ Die einzige Instanz, die ich für mich gelten lasse, ist das Urteil meiner Ohren. "
      Oolong
    • palestrina schrieb:

      Hier ein Link zum Deutschlandfunk ........

      "http://www.deutschlandfunk.de/weltklasse-oper-der-ferne-klang-rasender-stillstand-im.691.de.mhtml?dram:article_id=325196"

      Da ist ja sogar von "Weltklasse" die Rede! Uih! Danke für den Link, lieber palestrina!

      Frage an weitere Mannheim-Schreker-Besucher: Wie fandet Ihr es denn so?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lieber Gurnemanz,

      etwas spät und schon mit leicht verblasster Erinnerung hier mein Eindruck:

      Cornelia Ptassek überragte das Ensemble in der wirklich gewaltigen Partie der Grete. Zuletzt hatte ich sie in Gluck´s Alceste in der Titelrolle in Mannheim gehört und bin absolut sprachlos, wie souverän sie sich in Stil und Gestaltung die Rollen aneignet. Eine große Sängerin!

      Michael Baba hatte ich zuletzt Mitte der 90er Jahre in Münster gehört (u.a. in Bergs Lulu); er benötigte den ersten Aufzug, um sich frei zu singen und lieferte insgesamt ein zufriedenstellendes Rollenporträt. Ich muss gestehen, dass ich mich auf Hr. Muehle gefreut hätte, aber vielleicht ergibt sich ab Oktober ja noch einmal die Gelegenheit.

      Der Rest des Ensembles, den ich ungerechterweise zeitbedingt zusammenfasse, war rollendeckend bis gut besetzt, es herrschte allgemein eine gute Darstellungslust. Die Regisseurin hatte wohl auch das Ensmble von ihrem Regiekonzept überzeugen können. Den Ansatz fand ich gültig, bei einem so selten gespielten Werk allerdings auch gewagt. Der Kern der Geschichte wurde besonders zum Schluß hin doch arg verfremdet bzw. interpretiert. Die überbordenden Videoprojektionen in der Schlußszene lenkten mich schnell von der Szene ab, manchmal ist weniger dann doch mehr.

      Zur Orchesterleistung würde ich sagen, dass die Mannheimer eine ihrer besseren Vorstellungen ablieferten, aber an die Wiedergabe in Bonn nicht herankamen. Das lag zum einen an den Fernorchesterpassagen, die sehr scheppernd aus der Konserve wiedergegeben wurden, zum anderen ist der Opernsaal des NTM kein optimaler Klangraum, was sich insbesondere bei groß besetzten Werken negativ niederschlägt. Andererseits konnte ich mich (vorbereitet durch die Aufführung in Bonn) besser auf die geniale Partitur konzentrieren. Letztendlich war ich einfach nur dankbar, dass ich trotz der Hitze doch noch nach Mannheim gefahren bin. Das Haus war ca. zu 60% verkauft, das Publikum feierte Aufführung und Beteiligte für Mannheimer Verhältnisse ausgiebig.

      Ein Besuch der WA in der nächsten Spielzeit kann ich ohne Vorbehalte empfehlen!

      Viele Grüße,
      boccanegra
      Je niedriger der Betroffenheitsgrad, desto höher der Unterhaltungswert!
    • boccanegra schrieb:

      Den Ansatz fand ich gültig, bei einem so selten gespielten Werk allerdings auch gewagt. Der Kern der Geschichte wurde besonders zum Schluß hin doch arg verfremdet bzw. interpretiert.

      Vielen Dank, lieber boccanegra, für Deinen Bericht! Bis auf die zitierte Passage - ich hatte nämlich den Eindruck, daß die Inszenierung insgesamt recht nah an der ursprünglichen Handlung blieb und nur insoweit besondere eigene Akzente setzte, indem die Figur der Gretel mehr ins Zentrum gerückt wurde - stimme ich Deinen Einschätzungen zu. Die Bonner Aufführung habe ich leider nicht miterleben können, kann mir aber durchaus vorstellen, Will Humburg, jetzt in Darmstadt und aus zwei Konzerten mir in erfreulicher Erinnerung, dort noch überzeugendere Orchesterarbeit geleistet hat.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • boccanegra schrieb:

      Cornelia Ptassek überragte das Ensemble

      Cornelia Ptassek sprang am 19. Juli 2015 als Eva in den Mainzer Meistersingern ein. Das war schon eine andere Liga als das übrige Ensemble!

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)