Kirill Petrenko - Der König Midas unter den Dirigenten?

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    • Dieser Beitrag wurde aus thematischen Gründen gekürzt. Er wurde zusammen mit einer Replik in den Thread "Kritikberechtigung -..." kopiert. Hier geht es weiterhin um K. Petrenko. Braccio für die Moderation

      [...]

      Symbol schrieb:

      Sadko schrieb:

      Das ist keineswegs eine Neuigkeit; das weiß man schon, wenn man Petrenko in München gehört hat, und dazu gibt es ja schon jahrelang die Gelegenheit. Seine dortige Frau ohne Schatten ist mir noch in grauenhafter Erinnerung, als er wie gejagt durch die Partitur gehetzt hat, sodass viele kleine wunderbare Details auf der Strecke blieben. Aber manchen Leuten gefällt es, Hauptsache schnell und laut.
      Wir haben Berichte zu einigen dieser Aufführungen hier im Forum - sehr detailliert und noch dazu von zwei sehr kenntnisreichen Forianern, nämlich unserem früheren Opern-Experten Alviano (der leider nicht mehr dabei ist) und Zwielicht (Bernd). Beide haben Petrenkos Leistung geradezu hymnisch besprochen und diese Einschätzung auch sehr präzise begründet.
      Ich habe gerade diese Berichte überflogen, hier sind sie. Ganz ehrlich, die Berichte unterscheiden sich in zahlreichen Aspekten ganz massiv davon, wie ich diese Vorstellung erlebt habe (ich war 2014 und 2017 dort). So lobenswert ist, dass ungekürzt gespielt wurde, aber die Vorstellungen waren einfach nicht gut. Angefangen mit den in dem Thread nicht erwähnten, aber unbestritten vorhandenen zahlreichen falschen Tönen des 2017-Kaisers.

      [...]
    • Erwartungen der Musiker an ihren neuen Chefdirigenten:

      tagesspiegel.de/kultur/erwartu…-neuen-chef/24915278.html

      Raphael Haeger schrieb:

      Ich höre genau, was im Detail stattfindet, gleichzeitig aber ist dieser Klang auch energetisch, eruptiv oder auch explosiv, wenn es sein muss. Bei anderen Dirigenten schließt sich das oft gegenseitig aus. Normalerweise muss man die Klangwellen reduzieren, damit wir präziser spielen, weil wir uns dann gegenseitig besser hören können. Aber dass Petrenko beides hinbekommt, das ist fantastisch. Denn er hat ja keine einzige Probe mehr als andere Dirigenten.
      :jaja1:

      An dieser Stelle vielleicht nochmal der Hinweis auf das Antrittskonzert, am morgigen Freitag in der DCH sowie in ausgewählten Kinos und am Samstag unter anderem hier im Fernsehen:

      programm.ard.de/TV/rbbbrandenb…-air-/eid_282051967596192
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Ein paar kurze Eindrücke:

      Das war eine sehr, sehr zügige 9. 8o
      Und hier werden sich wahrscheinlich wieder viele Geister streiten. Aber man kann wirklich nicht behaupten, dass es nicht einige brillante Höhepunkte und Übergänge gegeben hätte. Es klang für mich tatsächlich oft neu und gewagt, Aufbruchsstimmung kommt in jedem Fall auf.

      Der Kopfsatz: Schneller Beginn, ohne Drama direkt zur Sache und rein in die Entwicklung. Was ich glaube noch nie so vernommen habe, war diese unglaubliche Kontrolle der Dynamik. Petrenko und das Orchester wirkten wie ein riesiger Muskel, der sich expanderartig zusammenzieht und wieder dehnt. Was auch oft mein Live-Eindruck von Petrenko ist, wie genau, wie absolut exakt seine Vorstellung von Höhepunkten ist. Jedes Crescendo hat gefühlt genau einen finalen Akkord, nur ein wirkliches Maximum. Und trotz des Tempos ganz tolle Details, besonders in den Holzbläsern. Der Höhepunkt der Durchführung...was für Paukenschläge! Gänsehaut während der ganzen Coda, dieser Kopfsatz war ein echter Kampf, zwischen leisester Resignation und berstender Dramatik.

      Zweiter Satz: So schnell wie Karajan 1978, mindestens. Hier haben mich die Temporückungen nicht überzeugt, klang das sogar gehetzt an manchen Stellen? Z.B. vor und nach dem Fugato bzw. der Wiederholung.

      Dritter Satz: Phänomenale Spielkultur der Berliner, das muss hier einfach gesagt werden! Auch wieder eher zügiger als die durchschnittliche Interpretation, mit sehr viel Gefühl, aber wundervoll unsentimental und mit warmer Leichtigkeit gespielt. Ganz ganz schön. Die Fanfare mit Ankündigungseffekt, nicht bloßer Theatralik.

      Direkter und wirkungsvoller Übertritt ins Finale. Das Rezitativ der Bässe fand ich einfach zum Niederknien :verbeugung1:
      Was für ein tolles Frage- Antwort-Spiel Petrenko hier gelungen ist, toll. Und dann die Ernüchterung beim Einsatz des Basses. Kwangchul Youn hatte ein breiteres Vibrato, als eine komplette Tastatur. Da waren die Unterschiede der Tonhöhen kaum noch wahrnehmbar. Absolut verwunderlich, diese Wahl :huh:
      Petersen ein klein wenig bemüht vielleicht, Kuhlman unauffällig schön, Benjamin Bruns dafür großartig. Ist halt schwierig, gegen ein Quartett wie z.B. Tomowa-Sintow, Kollo, Van Dam und Baltsa Vergleiche durchzuführen. Da wird jeder seine Favoriten haben, meines wird dieses jedenfalls sicher nicht werden. Insgesamt wieder extrem schnelles Finale, hier fehlten vielleicht ein paar Kontraste mehr, die den Kopfsatz noch so aufregend gemacht haben (zumindest in dynamischer Hinsicht).

      Standing Ovation, ziemlich schnell. Bin gespannt auf andere Meinungen!
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Lieber Tichy1988!

      Ich habe die Übertragung in RBB Kultur gehört und freue mich sehr, Deine Eindrücke zu lesen die sich großteils mit meinen decken.

      Ein Berg-Ranking wie andernorts gerade probiert (und toll inspirierend) schaffe ich schon allein deswegen nicht, weil seit eben jetzt diese gerade gehörte Symphonische "Lulu" Suite im Moment des Hörens "das Zentrum der Welt ist", zumal bei solcher Klangkultur und filigranem Zusammenspiel bei stets ungemein lebendiger Gestaltung. Im ARD Radiofestival kann man sich das noch einige Zeit anhören. Ich bin überwältigt von dieser Interpretation und liebe diese vielschichtig filigrane Musik jetzt in dieser Aufnahme über alles.

      Konnte dann auch Beethovens Neunte durchaus neu und frisch hören. Mir persönlich liegt Petrenkos Herangehensweise an Werke als Dirigent nach dem was ich bisher gehört habe ungleich mehr als die von Currenztis. Mit Petrenko kann ich in Musik total eintauchen, in der Musik versinken. Von Currentzis fühle ich mich hingegen zu subjektiv geführt. Dass der Mensch die Musik bewusst steuert steht für mich bei Currentzis stets im Mittelpunkt. Bei Petrenko vergesse ich es immer rasch und bin ganz in der Musik drin, hier in der Dramatik des 1. Satzes, im unerbittlichen Treiben des 2. Satzes, in der himmlischen Ruhe des 3. Satzes und in der erzählerischen Vielschichtigkeit des großen Finalsatzes.

      Die Kontrolle der Dynamik hat für mich bei Petrenko immer etwas aus der Musik Kommendes, ich fühle mich bei ihm nicht gewollt gesteuert. Und trotzdem ist das alles hörbar bis in kleinste Details geprobt und durchdacht. Man hört da so viel ganz neu und unverbraucht und ich meine auch durchzuhören die spielen das wirklich gerne. Der Druck, auf Knopfdruck Höchstleistung bringen zu müssen die erwartet wird wird von diesen Weltklasseorchestern (auch den Wienern bei den Neujahrskonzerten) für mich immer wieder verblüffend "in große Musik abgehoben".

      Deiner tollen Beschreibung der Interpretation der einzelnen Sätze stimme ich gerne und aus vollem Herzen fast vollinhaltlich zu. Mit den Temporückungen im 2. Satz hatte ich allerdings keine Probleme, das war für mich so lebendig, da bin ich gerne "mitgehetzt".

      Und ja leider, die Ernüchterung auch bei mir - das hat fast alles zusammengehaut: Kwangchul Youn und sein Vibrato. Ich bin ja einer der eh jedem immer alles "verzeiht" und sich noch denkt wer weiß welchen Grund etwas in der Kunst hat (incl. plötzliche Indispositionen), aber dieser undankbare große Bass-Einsatz ist nun mal ein Knackpunkt dieses Werks und mit der Vorgabe dieser Interpretation bis dahin war das leider, leider auch für mich ein Tiefschlag. Nicht die Leistung des Sängers, eher wohl die Besetzungsidee meine ich.

      Beim Finale das ich im Vorjahr in einigen Aufnahmen vergleichsgehört habe habe ich oft Probleme mit den Brüchen, sogar so frech denkend wenn Beethoven die noch gehört hätte er hätte je näher zum Ende hin nicht mehr diese plötzlichen Abbremsungen stehen gelassen, sondern den Jubel durchgezogen, zumindest - wenn schon Innehalten - dann "in Time". Bei dieser Radioübertragung hat mich das alles überhaupt nicht gestört, Beethoven (wie konnte ich je zweifeln!) hatte Recht, das gehört genau so - mit so einer organisch sich zusammenfügenden Interpretation bin ich jetzt für alle Zeiten geläutert.

      Gehe davon aus das wird auf CD kommen. Eine starke Vorgabe fürs Beethovenjahr finde ich, trotz des Bass-Wermutstropfens.

      Bin gespannt auf morgen, RBB Fernsehen.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • AlexanderK schrieb:

      Von Currentzis fühle ich mich hingegen zu subjektiv geführt. Dass der Mensch die Musik bewusst steuert steht für mich bei Currentzis stets im Mittelpunkt. Bei Petrenko vergesse ich es immer rasch und bin ganz in der Musik drin
      Es ist für mich immer wieder faszinierend, wie Du die Dinge auf den Punkt bringst, lieber Alexander.

      Ich bin jemand, der Currentzis und Petrenko gleichermaßen verehrt, möchte beide nicht gegeneinander ausgespielt wissen. Dieser Planet ist groß genug für zwei Dirigier-Charismatiker dieses ungeheuren Kalibers. Aber wenn man einen Unterschied zwischen Currentzis und Petrenko hervorheben möchte (außer dass Currentzis auch Barock nach HIP-Denken aufführt, somit eine größere Repertoire-Bandbreite hat als Petrenko, von dem mir Barock-Aufführungen bisher unbekannt sind), ist wahrscheinlich das, was Du schreibst, genau der wesentliche Unterschied zwischen beiden.

      Was bin ich froh, dass wir in unserer Gegenwart zwei solche Charismatiker am Pult haben.
      Er tut so gut.
      (Swjatoslaw Richter über Joseph Haydn)
    • hat einer von euch das gestrige Konzert (Lulu-Suite, Beethoven) mitgeschnitten ?
      Hab leider Programmierung völlig versemmelt :( :( :heul1:

      Meine Sammlung bietet Petrenko-Konzert mit Schönberg Violinkonzert (Kopatchinskaja) und Tschaikowsky 5 vom 07.03.19 (sowie Pierrot mit Kopatchinskaja und Berlinern vom 09.03.2019 )
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Die Beschreibungen von Tichy und Alexander kann ich voll unterschreiben (leider auch, was das wabernde Bass-Rezitativ von Youn betrifft). Die Tempo-Rückungen im zweiten Satz haben mich ebenfalls nicht gestört - großartig fand ich hier den Schluss mit dem wunderbar organisch klingenden kurzen nochmaligen Trio-Einschub. Auch der Beginn des Finales war grandios - das Reitativ der Kontrabässe wunderbar, aber vor allem auch das Aufscheinen der vorherigen Sätze, was überhaupt nichts Potpourrihaftes hatte (wie sonst oft), sondern als völlig logische Rekapitulation des bisherigen Verlaufs wirkte. Hier war die "theatralische Herkunft" Petrenkos, wie ich fand, besonders zu spüren, ebenso wie in der höchst differenzierten Ausgestaltung der Chorpassagen (und der Chor bekam zurecht besondere Ovationen). Höhepunkt war für mich aber der 3. Satz, bei dem einfach alles stimmte, insbesondere die unglaubliche Spielkultur der Holzbläser willl ich hier auch hervorheben.

      Schon die Lulu-Suite war höchst beeindruckend mit wunderbaren Klangschattierungen und eine ganz genau durchdachten Dramaturgie, beim Setzen der Höhepunkte schien hier nichts dem Zufall überlassen zu sein, alles machte absolut Sinn (dieses Denken in der Großarchitektur eines Stückes scheint mir ohnehin eine besondere Spezialität Petrenkos zu sein). Wunderbar (erwatungsgemäß) auch Marlis Peterson im Lied der Lulu - aber weiß jemand, warum sie die Schlussworte der Geschwitz nicht gesungen hat?
    • .Ich kann nun nur von der gestrigen Aufführung berichten, die ich mir in dwer DGC ansah - und die Interpretation hat mir weitgehend sehr gut gefallen, wenngleich ich auch nicht unbedingt eine Aufbruchstimmung verspürte. Auch gänzlich neu oder gewagt kam mir hier nichts vor :/

      Die zügigen Tempi empfand ich bis auf den 3. Satz als recht passend; diesen hätte ich mir schon einen Ticken langsamer und noch inniger gewünscht.

      Die Sinfonie empfand ich als sehr transparent und durchsichtig wie selten gehört :top: ; wodurch wirklich jede einzelne Stimme wunderbar herausgearbeitet wurde und ich so tatsächlich die eine oder andere Stelle neu gehört habe.

      Die Dynamik war in der Tat sehr vielschichtig und auch in den Solostimmen hervorragend abgestuft herausgearbeitet.

      Die Solisten in Holz und Blech waren wieder mal hervorragend und die Harmonie untereinander perfekt.
      Besonders Stefan Dohrs glasklare und brilliante Horn-Töne waren toll :verbeugung2:

      Petrenkos Dirigat hat mich, sofern es denn zu sehen war, ziemlich mitgerissen, stellenweise aber doch auch verblüfft, wenn er ausgerechnet an vorwärtsdrängenden Stellen fast nichts getan hat und die Musiker trotzdem weiter forsch vorwärtsdrängten .... und vor allem seine Mimik fand ich berührend; man sah ihm seine Begeisterung und sein Versinken in der Musik deutlich an.

      Auch manchen Musiker konnte man an der einen oder anderen Stelle mit verzücktem Blick dem Kollegen lauschen sehen....
      Viele Grüße - Allegro

      "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés
    • Stefan Dohr war natürlich gut, wie immer. Aber hier muss vor allem der 4. Hornist gelobt werden. Dessen Solo im 3. Satz war großartig, und das bei den warmen Temperaturen open air. Da war sie Leistung des Orchesters nochmal beeindruckender.

      Überhaupt fand ich gestern berührend, wie 35.000 Menschen sich heutzutage noch von Klassik so beseelen lassen können. Das Petrenko besonders scheu wäre, kann man nun wohl nicht mehr behaupten.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Hab's vorgestern live in der Philharmonie erlebt und mir gestern nochmal im Livestream vom Brandenburger Tor angesehen (mit nicht überragender, aber passabler Klangqualität und einigen Publikumsgeräuschen - den Anfang des Kopfsatzes hört man gar nicht richtig, aber das wird schnell besser). Der Stream des Open-Air-Konzerts steht auf der rbb-Seite seit gestern für 30 Tage zur Verfügung: rbb-online.de/fernsehen/beitra…oniker-open-air-2019.html

      Tichy1988 schrieb:

      Das war eine sehr, sehr zügige 9.
      Täuscht mich die Erinnerung, oder war vorgestern in der Philharmonie das Tempo des Kopfsatzes noch etwas schärfer als gestern beim Open Air? Wie auch immer: die Tempi sind durchgehend auf der eher schnellen Seite, aber im Kontext der neueren Aufführungstradition nicht ungewöhnlich zügig. Bemerkenwert fand ich (zumindest in den Sätzen 1, 2 und 4) eher die Kombination dieser Tempi nicht mit einem "schlanken" Klang, sondern mit einer heftigen, teils fast aggressiven Dramatik, z.B. bei den scharfen Trompetensignalen im Kondukt der Kopfsatzcoda. Die Pauken lassen beim Repriseneintritt viele Dirigenten knallen, aber diese schwarze Wand aus den aufsteigenden fis der Bässe und Celli, die sich gegen das Hauptthema aufbäumt, hört man nicht alle Tage so eindrucksvoll. Auch im Finale: schnelles, heftiges und doch bis ins Pianissimo abschattiertes Instrumentalrezitativ. Straightforward beim Freudenhymnus, aber dann doch mit furtwänglerisch (besser: wagnerisch) endloser Fermate nebst Paukendonner beim F-Dur-Akkord auf "Gott". Das Scherzo gleichzeitig heftig und tänzerisch, Temporückungen außer den vorgeschriebenen habe ich nicht bemerkt. Ganz anders der dritte Satz, bei dem der zarte Klang aus dem Rondo der Lulu-Suite wieder da war, wunderschön fließend und singend, mit quasi schwerelosen ersten Geigen bei den Melismen der letzten Hauptthemenvariation. Und, wie Tichy gerade sagt, mit einem tollen vierten Horn (wer war das eigentlich?), mit deutlichen, aber sanften tiefen Tönen und einem Solotakt, bei dem die Sechzehntel nicht heruntergespielt, sondern gestaltet werden. Der Rundfunkchor klasse, die Solisten mit Ausnahme von Youn fand ich ziemlich gut, Bruns' Tenorsolo sogar richtig gut.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Allegro schrieb:

      Petrenkos Dirigat hat mich, sofern es denn zu sehen war, ziemlich mitgerissen, stellenweise aber doch auch verblüfft, wenn er ausgerechnet an vorwärtsdrängenden Stellen fast nichts getan hat und die Musiker trotzdem weiter forsch vorwärtsdrängten ....
      Am Freitag war ich "auf den billigen Plätzen" in Block K, also mit Blick auf den Dirigenten, und gestern habe ich mir den Live-Steam angeschaut. Ich würde behaupten, dass Petrenko am Freitag noch wesentlich auslandener mit vollem Körpereinsatz dirigiert hatte, während die Gestik gestern wesentlich "klassischer" erschien (möglicherweise auf im Hinblick auf die Übertragung auf die Großleinwände, die ihn hier etwas gebremst haben haben könnte). Inwieweit das die Interpretation beeinflusst hat, ist für mich angesichts der unterschiedlichen Hörsituationen schwer zu beurteilen, aber ich hatte auch den Eindruck, dass besonders die beiden ersten Sätze am Freitag noch eine Spur zugespitzer, aggressiver klangen. Im ersten Satz waren das schon extreme Klangballungen, bei denen trotzdem (und das hat ja ein Orchestermitglied in dem Tagesspiegelartikel vor einigen Tagen als Besonderheit Petrenkos hervorgehoben) die Details fast immer noch sehr wahrnehmbar blieben. Dieses Zusammenlaufen der unterschliedlichen Linien zu einer plötzlichen, massiven, geschlossenen Klangwand (ich kann das leider nicht besser ausdrücken) ist etwas, was mich in den bisherigen Petrenko-Konzerten (auch bei Tschaikowsky z.B.) besonders beeindruckt hat.
    • Peter Jott schrieb:

      Ich würde behaupten, dass Petrenko am Freitag noch wesentlich auslandener mit vollem Körpereinsatz dirigiert hatte, während die Gestik gestern wesentlich "klassischer" erschien
      Absolut, das ist mir auch aufgefallen - gerade in den ersten beiden Sätzen.

      Peter Jott schrieb:

      aber ich hatte auch den Eindruck, dass besonders die beiden ersten Sätze am Freitag noch eine Spur zugespitzer, aggressiver klangen
      Vor allem der Kopfsatz.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Peter Jott schrieb:

      Wunderbar (erwatungsgemäß) auch Marlis Peterson im Lied der Lulu - aber weiß jemand, warum sie die Schlussworte der Geschwitz nicht gesungen hat?
      Zwielicht, da du ja am Freitag auch da warst: Kannst du (oder natürlich auch wer anderes) diese Frage beantworten? Ist das möglichweise eine Ossia-Angabe in der Partitur? Die Worte waren im Programmheft ja abgedruckt.
    • Peter Jott schrieb:

      Peter Jott schrieb:

      Wunderbar (erwatungsgemäß) auch Marlis Peterson im Lied der Lulu - aber weiß jemand, warum sie die Schlussworte der Geschwitz nicht gesungen hat?
      Zwielicht, da du ja am Freitag auch da warst: Kannst du (oder natürlich auch wer anderes) diese Frage beantworten? Ist das möglichweise eine Ossia-Angabe in der Partitur? Die Worte waren im Programmheft ja abgedruckt.
      Genau. In der Partitur wird die Gesangslinie der Geschwitz teils von den Flöten, teils von Klarinetten, Geigen und Altsaxophon übernommen. Im System der Flöten sind dann auch die Worte der Gräfin notiert, mit Asterisk und der dazugehörigen Bemerkung: "Diese Schlußworte sollen womöglich von der Sängerin des Liedes der Lulu auch gesungen werden." Die Entscheidung ist also fakultativ, wobei es mich auch überrascht hat, dass hier im Gegensatz zu allen (?) Aufführungen und Aufnahmen, die ich kenne, nicht gesungen wird. Verstärkt vielleicht ein bisschen die Achsensymmetrie des Werks. Die Abstimmung zwischen Programmheftautoren und Interpreten war hier in der Tat nicht ganz gegeben. ;)

      Die Partitur kann man hier online einsehen:
      imslp.eu/files/imglnks/euimg/9…._Rondo_-_Hymne_(etc).pdf

      Petrenkos Gestus bei der Interpretation der "Suite" war ganz auf Zartheit und Transparenz angelegt, auch die Ausbrüche im Ostinato und der Zwölfton-Todesschrei wirkten klanglich eingebunden. Sozusagen eine lyrische Interpretation der "dramatischen" Opernmusik, während bei Beethoven die Sinfonie dramatisch aufgeladen wurde...

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Danke dir, Zwielicht, für diese wirklich erschöpfende Antwort! Tatsächlich - ich habe auch noch nie eine Aufführung oder Aufnahme ohne diese Worte gehört. Deiner Charakterisierung der unterschiedlichen Interpretationsansätze bei den beiden Werken, stimme ich völlig zu.