Kirill Petrenko - Der König Midas unter den Dirigenten?

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    • Was ich mich frage: Das Wetter hat ja offenbar perfekt mitgespielt. Wie hätte das ganze aber bei Regen ausgesehen? (Ist ja lange vorher nicht völlig abwegig.) Wenn ich da schon an die Aufbauarbeiten denke. Geschweige denn an die Zuschauer im Regen...

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • Allegro schrieb:

      Die Sinfonie empfand ich als sehr transparent und durchsichtig wie selten gehört ; wodurch wirklich jede einzelne Stimme wunderbar herausgearbeitet wurde und ich so tatsächlich die eine oder andere Stelle neu gehört habe.
      Finde ich auch. Großes Lob an die Tontechniker! :top:

      Zwielicht schrieb:

      gestern nochmal im Livestream vom Brandenburger Tor angesehen (mit nicht überragender, aber passabler Klangqualität und einigen Publikumsgeräuschen - den Anfang des Kopfsatzes hört man gar nicht richtig, aber das wird schnell besser).
      Na, komm... Ich höre gerade nochmal die rbb-Aufnahme über die Anlage. Ich finde die Tonqualität wirklich gut, und das unter Live- und Freiluftbedingungen! Bei so einer Veranstaltung kann ich es auch nicht als störend empfnden, wenn die Zuschaer zwischen den Sätzen klatschen. Ist doch toll, dass sich 35000 (!) Menschen dorthin begeben haben, um fast 200 Jahre alte Musik zu hören. Mich berührt das.

      maticus
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    • Ich habe das Openair-Konzert gestern in der DCH erst ab Mitte des Adagios gesehen, weil ich später nach Hause kam. Das am Freitag habe ich total verpasst, werde ich aber nachholen, wenn es in ein paar Tagen in der DCH erscheint. Das ganze Openair-Konzert habe ich mir heute nochmal beim rbb reingezogen.

      Insgesamt finde ich, dass das eine sehr gute Neunte ist. Relativ schnell, häufig die Streicher recht zackig. Besonders haben mir der vierte Satz inkl. Schlusschor gefallen. Ich fand auch den koreanischen Bass gut, obwohl das hier einige wohl ganz anders sehen. Besonders im ersten Satz hat mir an einigen Stellen allerdings ein wenig der letzte Druck. Im zweiten auch, aber bei der Durchführung im ersten fand ich es bedauerlicher. Da hier einige schreiben, dass dies am Vortag in der Philharmonie besser war, bin ich gespannt auf die Aufnahme. Vorstellbar wäre ja auch, dass diese Wucht Openair nicht so voll durchkam.

      maticus
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    • hr2.de/programm/radiofestival/…festival-konzert-212.html

      Hier (etwas runterscrollen) gibt´s die Aufzeichnung vom Freitag (Berg und Beethoven) zum Nachhören.

      PS: Das Bass-Solo fand ich in der Open Air Übertragung auch fokussierter, "besser abgestimmt auf den Gesamtzusammenhang". Kann mir gut vorstellen, dass da nach dem Konzert in der Berliner Philharmonie auch im Hinblick auf die Kurztournee noch "nachjustiert" wurde.

      Edit: Der Link zum Audio ist noch besser:
      hr2.de/programm/radiofestival/…festival-konzert-212.html
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Zwielicht schrieb:

      Und, wie Tichy gerade sagt, mit einem tollen vierten Horn (wer war das eigentlich?)
      Andrej Žust, Mitglied seit 2011. Üblicherweise spielt ja Sarah Willis den tiefen Part.
      „Jeder Mensch hat einen Instinkt dafür, ob etwas echt ist oder vorgetäuscht. Aber ich glaube, Musiker sind durch ihr Training besonders empfindlich in dieser Hinsicht. Das macht sie nicht zu besseren Menschen, aber sie registrieren mehr.“ - Herbert Blomstedt
    • Aktuell aus der Tube: Am Beginn einer neuen Ära

      Mir ist Kirill Petrenkos Verständnis zur Musik und zur Zusammenarbeit mit dem Orchester sehr sympathisch und ich bin überzeugt, dass es sehr viele spannende Musikerlebnisse mit ihm und den Berliner Philharmonikern geben wird.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Danke für die links zur Audio-Aufzeichnung von Freitag 8o ... bin gerade am hören ....
      Kann mir von denjenigen, die am Freitag dabei waren oder zugesehen haben, jemand verraten, ob die Orchesterbeseztung - speziell in den 1. Stimmen der Holzbläser ^^ - die gleiche war wie am Samstag ? Das wäre sehr nett :P
      Viele Grüße - Allegro

      "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés
    • Allegro schrieb:

      Kann mir von denjenigen, die am Freitag dabei waren oder zugesehen haben, jemand verraten, ob die Orchesterbeseztung - speziell in den 1. Stimmen der Holzbläser ^^ - die gleiche war wie am Samstag ? Das wäre sehr nett :P
      Ja, alles gleich ;)
      „Jeder Mensch hat einen Instinkt dafür, ob etwas echt ist oder vorgetäuscht. Aber ich glaube, Musiker sind durch ihr Training besonders empfindlich in dieser Hinsicht. Das macht sie nicht zu besseren Menschen, aber sie registrieren mehr.“ - Herbert Blomstedt
    • AlexanderK schrieb:

      Ein Berg-Ranking wie andernorts gerade probiert (und toll inspirierend) schaffe ich schon allein deswegen nicht, weil seit eben jetzt diese gerade gehörte Symphonische "Lulu" Suite im Moment des Hörens "das Zentrum der Welt ist", zumal bei solcher Klangkultur und filigranem Zusammenspiel bei stets ungemein lebendiger Gestaltung.
      Nach dem Hören kann ich mich dem nur total anschließen und bedaure, dass meine Berg-CD's gerade in irgendwelchen Umzugskartons stecken. Es ist natürlich auch die unglaubliche Spielkultur der Berliner, aber dies nuancenreiche Dirigat, bei dem ich jede musikalische Wendung und jedes Detail geradezu aufsauge, ist wirklich faszinierend.

      Zur 9. bin ich noch nicht vorgedrungen, aber dieser Berg von Petrenko macht wirklich Lust auf mehr.

      :wink: Wolfram
    • Ich habe mir jetzt noch einmal die ganze Aufzeichnung über den Link, den Alexander oben gespostet hatte, angehört und muss sagen, dass ich mehr denn je ziemlich hingerissen bin - vor allem von der Neunten.

      Auch die Lulu-Suite hat mich wieder begeistert. Das Rondo war mir (schon im Konzert) vielleicht noch etwas zu verhalten, aber ab dem zweiten Satz ist das wirklich ein herrlicher - oft, wie Zwielicht oben festgestellt hat, lyrisch grundierter - Klang , die Variationen mit viel "Schmackes" und das Adagio dann mit einem wunderbar vollen, tiefengrundierten Streicherklang, der Todesschrei in einem fast weichen fff, der Schluss dann mit sehr trockenen, (angemessen) trostlosen Streicherakkorden.

      Aber diese Neunte ist für mich in dieser sicher sehr zugespitzten Auffassung schon herausragend gut.
      Dieser Meinung von Allegro

      Allegro schrieb:

      Auch gänzlich neu oder gewagt kam mir hier nichts vor :/
      würde ich deshalb bis zu einem gewissen Grad vorsichtig widersprechen (nicht im Hinblick auf das "gänzlich neu", aber schon auf das "gewagt") - zumindest was den ersten Satz betrifft: In solch einer Weise als kriegerische Katastrophenmusik, mit derart fast schmerzhaft heftigen Akzenten, hab ich ihn, denke ich, noch nicht gehört. Teilweise trifft das auch auf das Scherzo und das Finale zu. Es ist diese extreme Ausdrucksbreite, die diese Aufführung schon sehr ungewöhnlich macht. Das muss einem nicht gefallen, aber seine eigene Auffassung des Stückes (wie er sagt: es beinhaltet alles vom Guten bis zum Bösen im Menschen usw.) hat Petrenko wohl schon ziemlich kongenial umgesetzt, auch wenn sicher nicht alles gleichermaßen gelungen ist. In jedem Fall hat mich das Spiel der Philharmoniker jetzt beim Anhören in wirklich allen Gruppen wieder sehr begeistert und im Finale sind besonders die Chorpassagen ein echter Genuss.

      Diese Mischung aus absoluter Präzision (gepaart mit ganz offensichtlich genauer Wahrnehmung der Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis) und einem kompromisslosen Ausdruckswillen, die oft (im Unterschied zu Dirigenten mit "HIP-Herkunft") zu einem teilweise ausgesprochen schweren, massiven und meiner Wahrnehmung nach sehr bassgrundierten Klangbild führt, scheint mir nach meinen bisherigen Konzerterlebnissen ein besonderes Charakteristikum Petrenkos zu sein.
    • Ich habe die Übertragung des Open-Air-Konzerts am Samstag gesehen, leider habe ich die Übertragung vom Freitag nicht gehört.

      Zu diesem Open-Air-Konzert: das ist natürlich ein Format mit Unwägbarkeiten - lautes und ggf. nur teilweise aufmerksames Publikum, problematische Akustik, schwieriges Zusammenspiel. Aus den letztgenannten Gründen mag Petrenko an diesem Abend teilweise einen Dirigierstil gewählt haben, der für seine Verhältnisse beinahe schon eher sachlich war - dafür hielt er den Laden zusammen. Diese uneitle Bereitschaft zum (angesichts der Umstände erforderlichen) Kapellmeistertum hat mir Respekt abgenötigt.

      Noch kurz zu den Umständen: ich finde es berührend, dass diese wunderbare Musik eine solch große Zahl von Menschen versammelt hat. Dafür nehme ich auch gerne in Kauf, dass zwischen den Sätzen geklatscht worden ist. Was mir aber wirklich übel aufstieß war der Zwischenapplaus mitten im Finale in der Generalpause nach der "vor Gott"-Stelle. Da haben wir die Pflege unserer Kultur also tatsächlich so schleifen lassen, dass viele Leute offensichtlich nicht wissen, dass das ein Moment der Stille ist - in einem der bekanntesten Musikstücke, die der deutschsprachige Kulturraum jemals hervorgebracht hat.

      Nun aber endlich zu der Interpretation: ich fand sie wunderbar! Petrenko ist m. E. eine sehr schlüssige Interpretation der Neunten mit eher zügigen HIP-artigen Tempi gelungen, die jedoch nicht in die Falle einiger HIPler gelaufen ist, das Stück seines Pathos zu berauben. Petrenko hat einen exzellenten Sinn für große Bögen, zugleich aber auch fürs Detail. Er hat die Klangkultur der Berliner hervorragend zur Geltung gebracht. An manchen Stellen ist mir das Stück noch nie so transparent vorgekommen, besonders im Scherzo. Den langsamen Satz hat Petrenko in einem wunderbaren semplice-Fluss hinbekommen. Das Finale war dramatisch exzellent gestaltet und der Chor wunderbar klingend. Beim Solistenquartett fiel das relativ starke Vibrato von Youn auf, dafür hat er ein schönes Volumen, das Tenorsolo war hervorragend, der Zusammenklang der Solisten einwandfrei. Einzige Einschränkung: im ersten Satz fehlte in der berühmten Dur-Wiederkehr des Themas der letzte Funken Dramatik und Unerbittlichkeit - aber da das ohnehin keiner hinbekommt wie der olle Furtwängler, ist es eigentlich auch egal. :D

      Insgesamt war das (gerade unter Berücksichtigung der Umstände) ein tolles Konzert, das gezeigt hat, was für ein großartiger Künstler zum neuen Chef der Berliner ernannt worden ist. Wir dürfen uns auf diese Zusammenarbeit freuen!

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Was mir aber wirklich übel aufstieß war der Zwischenapplaus mitten im Finale in der Generalpause nach der "vor Gott"-Stelle. Da haben wir die Pflege unserer Kultur also tatsächlich so schleifen lassen, dass viele Leute offensichtlich nicht wissen, dass das ein Moment der Stille ist - in einem der bekanntesten Musikstücke, die der deutschsprachige Kulturraum jemals hervorgebracht hat.
      Ich stimme ja Deiner gesamten Rezension fast überall zu, aber hier finde ich, dass man die Kirche im Dorf lassen muss. Von den 35.000 Zuschauern waren sicherlich einige Tausend nicht klassikaffin. Für die war diese Stelle vermutlich nicht wesentlich verschieden von einer Pause zwischen zwei Sätzen. Bzw. haben sie dies zu spät erkannt. In anderen Genres der Musik ist es vollkommen selbstverständlich, seine Begeisterung und Wertschätzung noch während der Musik kundzutun, wie zum Beispiel im Jazz. Aber ist doch gut, dass auch viele Leute gekommen sind, die nicht klassikaffin sind (oder besser gesagt: die die klassische Konzertkultur und deren Rituale nicht kennen).

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • maticus schrieb:

      Symbol schrieb:

      Was mir aber wirklich übel aufstieß war der Zwischenapplaus mitten im Finale in der Generalpause nach der "vor Gott"-Stelle. Da haben wir die Pflege unserer Kultur also tatsächlich so schleifen lassen, dass viele Leute offensichtlich nicht wissen, dass das ein Moment der Stille ist - in einem der bekanntesten Musikstücke, die der deutschsprachige Kulturraum jemals hervorgebracht hat.
      Ich stimme ja Deiner gesamten Rezension fast überall zu, aber hier finde ich, dass man die Kirche im Dorf lassen muss. Von den 35.000 Zuschauern waren sicherlich einige Tausend nicht klassikaffin. Für die war diese Stelle vermutlich nicht wesentlich verschieden von einer Pause zwischen zwei Sätzen. Bzw. haben sie dies zu spät erkannt. In anderen Genres der Musik ist es vollkommen selbstverständlich, seine Begeisterung und Wertschätzung noch während der Musik kundzutun, wie zum Beispiel im Jazz. Aber ist doch gut, dass auch viele Leute gekommen sind, die nicht klassikaffin sind (oder besser gesagt: die die klassische Konzertkultur und deren Rituale nicht kennen).

      Ich nehme Deine Reformande gerne an - meine Frau hat auch schon (aus den gleichen Gründen) mit mir geschimpft, als ich mich genervt ob dieser Klatscherei gezeigt habe. :D

      Ich freue mich ja auch, dass ein solches Ereignis nicht-klassikaffine Menschen angezogen hat, aber zugleich ging mir die Klatscherei gerade an dieser Stelle halt auf den Zeiger. In Zeiten, in denen man im Fussballstadion angeblich schief angeschaut wird, wenn man die aktuelle Ultra-Choreografie nicht einwandfrei beherrscht, möge man mir das bitte vergeben. ;) Außerdem frage ich mich angesichts solcher Episoden, was eigentlich im Musikunterricht in den Schulen gelehrt wird (wenn es den denn überhaupt noch gibt)...

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler