Kirill Petrenko - Der König Midas unter den Dirigenten?

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    • Auch ich finde die Rotwein-Analogie sehr passend. Danke für Deinen Beitrag, lieber maticus! :cincinsekt:

      maticus schrieb:

      Und vielleicht auch gerade, weil sich eine große Erwartung aufgebaut hat.
      Das war wohl das Hauptproblem bei Mahler 6 mit Petrenko am letzten Donnerstag. Selbst The New York Times hat einen Rezensenten für dieses Donnerstag-Konzert nach Berlin geschickt:
      nytimes.com/2020/01/24/arts/mu…-berlin-philharmonic.html

      Dass Petrenko im Finale den dritten Hammerschlag ausließ, hat mich übrigens auch ein wenig gestört. Das ist natürlich eine künstlerische Entscheidung, die zu respektieren ist. Trotzdem hätte ich ihn rein subjektiv gern gehört.
    • Heute habe ich mein Vorhaben wahrgemacht und am Abend Petrenko mit Mahler VI nochmal in der DCH nachgehört, nachdem am Nachmittag schon Simon Rattle mit den BPh vom Juni 2018 (ebenfalls in der DCH) dran war.

      Dieser allerletzte Rest an Begeisterung, den ich ähnlich wie music lover beim Live-Erlebnis vermisst hatte, stellte sich nun bei der "Konserve" interessanterweise fast durchgehend ein.

      Ich erkläre mir das einerseits mit dem, was maticus schon ein paar Beiträge zuvor vermutet hatte, nämlich einer so sehr in die Höhe geschraubten Erwartungshaltung beim Live-Erlebnis, dass diese eigentlich nur enttäuscht werden konnte. Andererseits durch diese Gegenüberstellung mit der Rattle-Aufführung. Diese war nun ganz sicher alles andere als schlecht und doch habe ich bei Petrenko von Beginn an gespürt, wie dessen Sicht auf das Werk und ihre Umsetzung mich wesentlich mehr begeistern.

      Bei Ratlle herrscht ein kompakterer, weniger differenzierter Orchesterklang vor, der gepaart ist mit einer (mich auch früher bei Rattle schon störenden) etwas schematischen Tempogestaltung, dergestalt, dass lyrische Passagen immer mit deutlichen Ritardandi versehen werden, während bei bewegteren Passagen das Tempo deutlich angezogen wird. Tendenziell geschieht dies bei Petrenko auch, aber immer so, dass der Grundpuls weiter spürbar bleibt. Bestes Beispiel hierfür die Coda des 1. Satzes, bei der Rattle das Tempo so anzieht, dass Details auf der Strecke bleiben, zum "Götterdämmerungs-Akkord" (T. 473) aber so stark ritardiert, dass dessen Wirkung fast verpufft.

      Was den Klang der Petrenko-Aufführung betrifft, fühle ich mich beim Nachhören in meinem ersten Eindruck bestätigt (gerade auch im Vergleich zu Rattle), dass das Schroffe, Kantige, im ersten und dritten Satz auch Kriegerische, im Vordergrund steht, was im (gegenüber Rattle noch deutlich schärfer akzentuierten) Scherzo schon fast in Richtung von dem geht, was im Werk-Thread als "Schostakowierung" bezeichnet wurde (was der rbb-Kritiker hier wahrgenommen hat, bleibt mir ein Rätsel).Dabei wird die Mahler'sche Polyphonie durchhörbar wie selten (worauf Petrenko im Nachgespräch auch größten Wert legt) und die sich überlagernden Bläserstimmen gewinnen zeitweise fast dialogisierenden Charakter. Ein wohliges Baden im Streicherespressivo hingegen findet kaum statt - auch im (sehr fließend genommenen) Andante moderato ist der Klang lange zurückhaltend, fast zögernd, wodurch dann die große Schlussteigerung ihre Wirkung umso überzeugender entfalten kann. Nur beim Finale bleibt (ähnlich wie bei matico) ein letzter Rest Unbefriedigtheit, ohne dass ich wirklich festmachen kann, an was das liegt. Hier bleibt ein wenig das Gefühl, dass sich die Einzelteile des Satzes nicht vollkommen zu einem Ganzen zusammenschließen, auch wenn der Bläserchoral am Ende wunderbar klingt und das letzte Tutti markerschütternd ist. Nichtsdestotrotz: Ein Nachhören lohnt sich m.E. auf jeden Fall.