Operntelegramm - Saison 2015/16

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    • Verdi - Un ballo in maschera. Theater Mönchengladbach, Premiere am 11.09. 2015

      Regisseur Andreas Baesler hat sich für die Zensurfassung entschieden, die das Stück in Amerika spielen läßt und verlegt die Handlung in die frühen 1960er Jahre. Wir befinden uns offenbar im Oval Office (Bühne: Hermann Feuchter), Oscar ist die hübsche Sekretärin des Präsidenten (wie ihn die Übertitel auch nennen; gesungen wird aber immer vom "Conte"), die Segregation ist noch voll im Gange, schwarze Dienerinnen servieren Sekt, Ulrica hat Gehilfinnen, die aus Onkel Toms Hütte entliehen sind und Amelia trägt Kostüm und Frisur von Jacky Kennedy. Im zweiten Akt sucht sie im Hinrichtungsraum neben dem Delinquentenstuhl zwischen den Giftfläschchen nach der von Ulrica verheißenen Tinktur - hier hat die Regie den Bogen überspannt, das Bild ist überwiegend nur noch lächerlich. Anderes gelingt besser, etwa Ulricas wirklich unheimlicher Santería-Zauber und der Einbruch von JFK's Spaßgesellschaft, die am Ende des Bildes die Flagge der Konföderierten von der Wand reißt; und vor allem der Maskenball selbst, in dem der Chor Kostüme der Landnahme-Zeit, dazu aber Mickey-Mouse-Masken trägt (z.T. großartige Kostüme, v.a. Ulrica: Caroline Dohmen).

      Durchwachsen wie die Inszenierung auch die musikalische Seite. GMD Mihkel Kütson (er bekam am Ende noch ein Geburtstagsständchen) dirigiert einen manchmal arg nordisch (oder nordöstlich) anmutenden Verdi, die Szene, in der Amelia das Los ziehen muß, klingt schon eher nach Schostakowitsch, vielfach fehlt es mir an der gerade beim Maskenball nötigen Leichtigkeit. Konsequent und gelungen ist das aber schon, zumal die Niederrheinischen Sinfoniker nach etwas wackligem Beginn sehr klangschön und sängerfreundlich spielen. Im ersten Akt auch kleinere Probleme in der Abstimmung zwischen Graben und Bühne, vor allem bezüglich des ansonsten prächtigen Chores.

      Schöne, wenn auch nicht perfekte Einzelleistungen,allen voran von Johannes Schwärsky als Renato, dessen "Eri tu" ordentlich donnerte; für andere Teile der Partie wäre ein wenig mehr Zurückhaltung angebrachter gewesen. Ähnlich Izabela Matula als Amelia, die zu großer Stimmausladung fähig ist, aber vielleicht ein bißchen zu sehr auf Sicherheit ging und das Risiko eines kompromißlosen piano (das sie ganz sicher auch drauf hat) wohl nicht eingehen mochte. Keine schlechte Figur machte auch Michael Siemon als Riccardo; trotzdem hatte ich den Eindruck, daß die Partie eine (kleine) Nummer zu groß für ihn war. Immerhin ein Tenor mit müheloser Höhe, der auch im Schlußakt noch voll mithalten kann, wenn man auch die Anstrengung, die ihn das kostete, merken konnte. Nicht genug tänzelnde Leichtigkeit bei "Di tu se fedel", aber wer hatte die schon je? Eva-Maria Günschmann singt eine dämonische und dennoch mitfühlende Ulrica; die tessitura ist zu tief für sie, aber das Problem haben fast alle Mezzos mit dieser Rolle, und sie kann das gut umschiffen. Ein bezaubernd gesungener und gespielter Oscar von Sophie Witte und dazu Comprimarii, die nichts zu wünschen übrig lassen. Alle Sänger komplett aus dem hauseigenen Ensemble, gelungenes traditionelles Stadttheater. Was will man mehr in der Provinz? Unterm Strich sind die anderen auch nur selten besser.
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Musiktheater im Revier "A Midsummer Night`s Dream" von Benjamin Britten

      Das Musiktheater im Revier hat gestern Brittens `Sommernachtstraumfantasie` auf die Bühne gestellt. Am Pult steht Julia Jones, Regie führt der Intendant Michael Schulz. Da stimmt alles, Musik, Sänger, Personenregie, Bühne. Eine Stimmung, die zwischen Melancholie, Tragik und Witz wechselt und in rauschenden Bildern neue Räume schafft, daß man sich t als Zuschauer zwischendurch fragt `alles nur geträumt?`. Und eine Musik, die über weite Strecken wie ein Kammperspiel anmutet. Wer die Chance hat, sich nach Gelsenkirchen aufzumachen, sollte die Produktion unbedingt erleben. Leider gab`s gestern fast freie Platzwahl. Man kann dem Haus - das immer eine Reise wert ist - nur ausverkaufte Vorstellungen für diese Produktion wünschen.
    • Prokofjew - Der Feurige Engel. Deutsche Oper am Rhein, Opernhaus Düsseldorf. Aufführung am 16.10.2015

      Ein grelles Stück aus Prokofjews "expressionistischer" Phase, kurz nach der "Liebe zu den drei Orangen" komponiert, Mitte der 20er Jahre umgearbeitet, aber erst 1954 in Paris uraufgeführt. Es erzählt von der Obsession des Ritters Ruprecht für Renata, die sich, seit sie ein Kind ist, einen feurigen Engel als Beschützer und Geliebten imaginiert, sich von Dämonen verfolgt fühlt, und die den Ritter immer mehr in ihren Bann zieht. Regisseur Immo Kamaran verlegt das Geschehen in ein Irrenhaus des frühen 20. Jh. (tatsächlich wurde der Speisesaal der Beelitzer Heilstätten, einem ehemaligen Lungensanatorium vor den Toren Berlins, nachgebaut), allerdings verändert sich die Bühne ständig, variiert von großer Leere zu beklemmender Enge - man weiß, wie in einem Horrorfilm, nie so recht, ob man wirklich gerade da ist, wo man zu sein glaubt. Und so landet auch Ruprecht am Ende genau da, wo er Renata wegholen wollte.

      Eine Inszenierung, die einen von Anfang an gefangen hält und kaum zu Atem kommen läßt, tolle Personenregie ohne jeden Leerlauf oder Stillstand, aber nie überdreht oder mit irgendwelchem overacting. Das Bühnenbild (Immo Kamaran und Aida Leonor Guardia) ist allein den Besuch wert: Verwandlungen auf offener Bühne in Sekundenschnelle, inklusive völlig unmerklichen Wechsels der Kostüme (Fabian Posca). Das haut einen von den Socken, vor allem, weil es kein Selbstzweck bleibt, sondern genau zur Handlung paßt.

      Auch musikalisch bleibt kein Wunsch offen, die Düsseldorfer Sinfoniker spielen unter Wen-Pin Chen sehr ausdrucksstark und klangsicher. Manchmal wird es etwas zu laut für die Sänger, aber ich glaube, das ist auch so gewollt und paßt zu den verzweifelten Ausbrüchen der Protagonisten: Svetlana Sozdateleva und Boris Statsenko singen und spielen sich die Seele aus dem Leib.

      Eine höchst beeindruckende Vorstellung!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Strauss – Elektra. Semperoper Dresden. Aufführungen am 16. und 22.10.2015

      Gestern und letzte Woche habe ich die aktuelle Dresdner Elektra besucht. Von einer Aufführung der Premierenserie im Januar 2014 hat, wie ich gerade gefunden habe, ein Mitglied im damaligen Operntelegramm 2013/14 schon berichtet ---> hier. Dort steht auch kurz und knapp, was man zur Inszenierung von Barbara Frey wissen muss, nämlich nicht besonders viel. Am 16.10. war ich darüber etwas enttäuscht, aber gestern hatte ich mich damit arrangiert. Musikalisch hat es mir jeweils sehr zugesagt. Die Besetzung der Hauptrollen war mit einer Ausnahme anders als im vergangenen Jahr, nämlich wie folgt

      Elektra ... Iréne Theorin
      Chrysothemis ... Camilla Nylund
      Klytämnestra ... Waltraud Meier
      Orest ... Markus Marquardt
      Aegisth ... Stig Andersen

      ... und dirigiert hat Axel Kober und zwar so, dass ich es fetzig nennen würde und so muss es auch sein, schließlich jagt in diesem Werk eine Schlüsselszene die nächste und die Stresshormonkonzentrationen der Figuren sind ständig auf Anschlag! Die drei Hauptdarstellerinnen fand ich szenisch und gesanglich sehr überzeugend (zumindest wenn man von Details, bei denen Luft nach oben war, z.B. der Textverständlichkeit von Frau Theorin, absieht), die typischen Gänsehaut- und Gruselmomente haben gut funktioniert. Waltraud Meier stach, nicht unerwartet, darstellerisch ihre Kolleginnen etwas aus.

      :wink: Amaryllis
    • Staatstheater Mainz

      Gounod: Faust

      Premiere am 23.10.15

      Nix von wegen Schnarchverein, war als Gesamtleistung ein weit besserer bzw. sehenswerterer Faust als der der Oper Frankfurt.
      Dirigat, Orchester, Margarete, Mephisto, Inszenierung, Bühnenbild, Siebel, Faust (mit kleinen Einschränkungen) : alles eine Reise nach Mainz wert!

      Bonne nuit
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • Amaryllis schrieb:

      Waltraud Meier stach, nicht unerwartet, darstellerisch ihre Kolleginnen etwas aus.
      Und stach sie ihre Kolleginnen auch sängerisch aus? Ich hörte sie ebenfalls als Klytämnestra an der DOB. Ihre Mittellage war ein Hauch, die Tiefe war nicht vorhanden und die Höhe war ziemlich unkontrolliert. So erlebte ich sie auch als Ortrud.
      Ich weiß aber, wenn die Stimme bei Sängerinnen und Sängern nicht mehr ganz intakt ist, wird gerne die Darstellung herausgehoben :hide: . So ähnlich ist es auch beim Film: Die Handlung ist doof, aber der Film hat schöne Bilder.
      Das hört sich jetzt so kratzbürstig an, ist aber so nicht gemeint :D .
      calisto
    • Liebe calisto,

      mein Eindruck bzgl. der Sangeskunst von Frau Meier war etwas unterschiedlich in den beiden Elektra-Aufführungen. Am 16.10.: sehr gut in Form, genug Volumen und auch schön timbriert, fast etwas zu hell und jugendlich (da war ich richtig überrascht...) für die Klytämnestra; am 22.10.: nicht ganz so durchschlagskräftig, da musste man genauer hinhören und tatsächlich im mittleren/tiefen Register problematisch, bisweilen brüchig. Die schauspielerische Leistung habe ich deshalb erwähnt, weil speziell in dieser Inszenierung die Personenregie alles andere als raffiniert ist und es wirklich sehr auf die Eigeninitiative der Sänger ankommt, den Figuren doch noch irgendwie Leben einzuhauchen.

      :wink: Amaryllis
    • Strauss – Arabella. Semperoper Dresden. Aufführung am 24.10.2015

      Der nächste Strauss, aber ein ganz anders gearteter... Zugegeben, so manche Textpassage aus Arabella, der letzten gemeinsamen Arbeit des Erfolgsduos Strauss/Hofmannsthal, tut frau ganz schön weh, aber musikalisch gibt es so einige Kostbarkeiten und, ja, im Grunde ist die Geschichte doch ziemlich witzig. Die aktuelle Dresdner Arabella wurde von Florentine Klepper in Szene gesetzt, zunächst 2014 bei den Salzburger Osterfestspielen gezeigt (m.E. wurde da auch gleich eine DVD produziert) und dann an die Semperoper transferiert, wo es im November 2014 zwei Aufführungen und jetzt im Oktober 2015 erneut zwei Aufführungen gab. Niemand muss sich von dieser Regiearbeit verstört fühlen, da konventionell mit einigen sehr vereinzelten "Regieideen", im Wesentlichen in der vom Libretto vorgesehenen Zeit angesiedelt, aber mit (abgesehen von der etwas altertümlichen Garderobe der Gräfin Adelaide) recht zeitlosen Kostümen. Die Personenführung erfolgte erfreulicherweise mit großer Sorgfalt mit Ausnahme der vorletzten Szene, in der sich sämtliche Verwirrungen lösen und plötzlich nur noch Stehtheater gegeben wird. Warum? Absicht? Da muss ich nochmal darüber nachdenken.
      Für die Titelpartie war Anne Schwanewilms vorgesehen, die auch die erste der beiden Vorstellungen gesungen hatte, aber für den 24.10. absagen musste, so dass es zu einer unerwarteten luxuriösen Umbesetzung kam: Anja Harteros übernahm die Rolle. Was für eine Freude! Schon rein optisch eine Arabella wie sie im Buche steht, da saß jeder Blick, jede Geste, nie entglitt die Figur ins Kitschige. Stimmlich schien ihr nichts Mühe zu bereiten, was für ein Ausdrucksspektrum! Und dennoch: ein klirrendes Vibrato in der Höhe war besorgniserregend und führte zu einem deutlichen Verlust an Wohlklang in den entsprechenden Passagen. Wobei ich die Sängerin noch nie live gehört habe und nicht vergleichen kann... Und so gehörte die schönste Stimme des Abends Genia Kühmeier, die eine wunderbare Zdenka sang, mit einer hellen, leichten, leuchtenden Stimme, die ganz ausgezeichnet in den Parlando-Teilen zur Geltung kam, einfach hinreißend! Dagegen hatten es die Herren schwer: Bo Skovhus gab den Mandryka, solide, würde ich sagen, so richtig warm geworden bin ich mit seiner Darstellung nicht – keine Ahnung, woran es lag. Benjamin Bernheim als Matteo – was soll man aus dieser faden Figur psychologisch herausholen ... sehr schwierig – sang mit viel Druck, als hätte er sich in eine Oper des anderen Richard verirrt, an sich ein schönes Timbre, aber weniger wäre evtl. mehr gewesen. Das gräfliche Paar war mit Janina Baechle und Kurt Rydl besetzt und die beiden gaben ganz ulkige Charakterstudien. Eindrucks- und wirkungsvoll: Íride Martínez als Fiakermilli. Da nun die Arabella nicht zu den Opern gehört, die ich mir tagelang rauf und runter anhöre, erlaube ich mir mal, über die kleineren Rollen zu schweigen... Dirigiert wurde die Aufführung von Christian Thielemann. Man mag zu ihm stehen wie man will, er arbeitete jedenfalls sehr sängerfreundlich, worüber ich mich gefreut habe, denn in ca. 80% meiner letzten Opernbesuche habe ich das orchestrale Überdecken der Stimmen als mittelschweres Ärgernis empfunden. Der Applaus dauerte neun Minuten. Alles in allem ein gelungener Abend.
    • Donizetti - L'elisir d'amore. Opéra National de Paris (Bastille). Aufführung am 11. November 2015

      Eine fade, todlangweilige Farce ist das, was Laurent Pelly aus dem Stück macht. Immer machen die Darsteller und reichlich Komparsen in dem (durchaus netten, wenn auch nicht gerade besonders ideenreichen) Bühnenbild von Chantal Thomas irgendwas, oder auch irgendwas anderes. Nur lustig soll's zugeh'n! Einigermaßen ernsthaft auf das Stück bezogene Personenregie ist mir hingegen entgangen. Von Pelly, dessen Offenbach-Produktionen ich auf DVD ausgesprochen gelungen fand, bin ich ziemlich enttäuscht. Roberto Alagna ist immer noch gut bei Stimme, hat allerdings nach wie vor die unschöne Angewohnheit, so ziemlich jeden etwas exponierteren Ton erstmal einen Leiterton tiefer anzuspringen und dann von da nach oben zu "hüpfen" (er muß nicht stemmen und hat auch keine Höhenprobleme, so daß das ziemlich maniriert klingt; er macht das aber schon immer so). Ansonsten sang er mit schöner, freier und höhensicherer Stimme, vergeigte aber (in meinen Ohren) Una furtiva lagrima, weil er ein halb weinerliches, halb machohaftes Showstück fürs Publikum draus machte. Aleksandra Kurzak war über drei Viertel der Vorstellung nur schwach zu hören, drehte aber für das Schlußduett ordentlich auf, wo sie dann in jeder Hinsicht ganz ausgezeichnet war. Über Bass und Bariton möchte ich lieber nichts sagen, den Dirigenten Donato Renzetti erwähne ich aber, weil ich es nicht für möglich gehalten hätte, daß man Donizettis anspruchslose, aber doch spritzige und witzige Partitur so dermaßen einschläfern kann. Die Ensembles gingen eigentlich alle mehr oder weniger daneben. Ordentliche Chorleistung, soweit der Dirigent das zuließ. Das Pariser Publikum ließ sich den Feiertag (Armistice) nicht verleiden und applaudierte bei jeder sich bietenden Gelegenheit frenetisch, verschwand am Ende aber ziemlich schnell.

      Ich halte die Opernhäuser in Köln, Bonn und Düsseldorf, die ich regelmäßig besuche, bestimmt nicht für den Nabel der (Opern-) Welt und habe dort auch schon so manche mediokre oder auch kaum noch mediokre Vorstellung gesehen. Ich habe aber noch für keine so viel Geld bezahlt. Die Flughafenatmosphäre in den Foyers der Opéra Bastille hat's auch nicht 'rausgerissen.

      :faint:
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Wir waren Anfang Oktober in der Opera Bastille zur Madame Butterfly.

      Was Du zum Opernhaus schreibst, hatten wir noch schlimmer empfunden... Da werden Chipstüten verkauft, und ein Restaurant oder ähnliches für die Pause haben wir auch nicht wirklich gefunden.

      Selten ein so misslungenes (von der Architektur um den Saal drum rum, und auch der Ausschilderung zu Eingängen und Plätzen) Opernhaus erlebt, wie dort. Wir werden da sicherlich auch nicht mehr freiwillig hingehen, für den Preis gibt es weitaus bessere Opernhäuser mit auch besseren (spannenderen) Inszenierungen...

      Unabhängig davon war Paris am Tag der deutschen Einheit vom Wetter her dieses Jahr ein absoluter Traum, und das Leben auf den Straßen war toll, so dass wir Paris dennoch sehr genossen haben...
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • pfuetz schrieb:

      Selten ein so misslungenes (von der Architektur um den Saal drum rum, und auch der Ausschilderung zu Eingängen und Plätzen) Opernhaus erlebt
      Sicht und Akustik sind aber ziemlich gut (jedenfalls in Reihe 31), und darauf kommt es ja denn doch mehr an. In ihrer Glaspalast-Architektur erinnert mich die Opéra Bastille übrigens ein wenig an das "Musiktheater im Revier", das ich allerdings in jeder Hinsicht, auch von außen, sehr gelungen finde. Allerdings muss es auch nicht mit umliegenden Gebäuden der vielleicht schönsten Stadt der Welt konkurrieren, ganz im Gegenteil!

      Beim nächsten Paris-Besuch versuchen wir's mal mit dem Palais Garnier :D. Und dass es einen nächsten Paris-Besuch geben werde, stand schon wenige Stunden nach unserer Ankunft fest. Nach den Geschehnissen kurz nach unserer Abreise: jetzt erst recht!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Zu allem ein ganz klares: Ja!
      "Bei Bachs Musik ist uns zumute, als ob wir dabei wären, wie Gott die Welt schuf." (Friedrich Nietzsche)
      "Heutzutage gilt es schon als Musik, wenn jemand über einem Rhythmus hustet." (Wynton Marsalis)
      "Kennen Sie lustige Musik? Ich nicht." (Franz Schubert)
      "Eine Theateraufführung sollte so intensiv und aufregend sein wie ein Stierkampf." (Calixto Bieito)
    • Mozart – Die Zauberflöte. Staatsoperette Dresden. Aufführung am 20.12.2015

      Mozarts Zauberflöte gehörte vor ca. 20 Jahren zu meinen ersten Opern-Live-Erlebnissen, aber seitdem ist das Werk irgendwie an mir vorbeigegangen. Das liegt u.a. auch daran, dass die Zauberflöten an der Semperoper immer ziemlich begehrt und ausverkauft sind oder gleich komplett an externe Veranstalter verkauft werden. Nun gibt es aber noch eine zweite Zauberflöten-Möglichkeit in der Stadt, an einem kleineren Haus, der Staatsoperette. Der Name ist irreführend, denn dieses Theater wird von der Stadt getragen und es kommen nicht nur Operetten zur Aufführung sondern auch Musicals und einige Opern, vor allem solche, die man als familientauglich einstufen kann. In dieser Spielzeit sind das neben der Zauberflöte auch Die verkaufte Braut und Das Märchen vom Zaren Saltan. Jedenfalls besuchte ich letzten Sonntag die Zauberflöte, die in einer Inszenierung von Axel Köhler aus dem Jahr 2008 gespielt wird. Das Publikum war altersmäßig stark durchmischt, Eltern mit Kindern, Senioren und alle Schattierungen dazwischen, Musiktheater für alle – im Programmheft wird diskutiert, dass gerade die Zauberflöte diesem Anspruch gerecht wird, da das Werk auf verschiedenen Ebenen verstanden werden kann. Dem folgt auch die Inszenierung, die nicht überintellektualisiert ist, durch gute Personenführung und einige schöne Gags überzeugt. Ausstattungsmäßig ist das Ganze zwischen Fantasy und Altägypten angesiedelt und außer dem armen Prinzen Tamino, der in einer Art Kleiner-Muck-Look keine so glückliche Figur macht, sind auch die Kostüme sehr ansprechend. Sehr gruselig gestaltet ist der Monostatos, der ist rabenschwarz mit weißen Haaren und Augenbrauen und erinnert an ein Fotonegativ (als Kind hätte mich das gefürchtet). Witzigerweise bekommt er am Ende eine passende Fotonegativ-Frau.

      Da ich in letzter Zeit doch fast ausschließlich an größeren Häusern Opern erlebt habe, war es ein interessantes akustisches Erlebnis. Die Stimmen der Sänger konnten sich voll entfalten, niemand musste brüllen, das Orchester unter Andreas Schüller war ein sensibler und fast dezenter Begleiter. Aus dem Ensemble hervor stachen Maria Perlt als Königin der Nacht, die ihrem Namen alle Ehre machte: die Koloraturen perlten glasklar aus ihrer Kehle, und Marcus Günzel als Papageno, ein viril timbrierter Bariton, der außerdem durch engagiertes aber nie übertriebenes Spiel überzeugte und den mit Abstand größten Zuspruch des Publikums erntete.

      Insgesamt ein erfreulicher Nachmittag, etwas anstrengend, da das Publikum eine nicht zu vernachlässigende Geräuschkulisse erzeugte (Husten, Niesen, Quatschen...).

      :wink1: Amaryllis
    • Händel – Orlando. Semperoper Dresden. Aufführung am 07.02.2016

      Im Januar war bei mir opernmäßig gar nicht viel los (beruflicher Stress, allg. Unlust, ...), auf Dauer geht das natürlich nicht ^^ , daher hab' ich mir für Februar drei Operntickets geleistet. Los ging's vergangenen Sonntag, da schlug mal wieder der vom Wahnsinn heimgesuchte Orlando mit Schwert und Sense um sich. Von der Produktion hatte ich vor knapp einem Jahr ein bisschen geschrieben:

      Händel: Orlando, Semperoper Dresden, 17.03.2015

      Personell war die aktuelle Aufführung recht ähnlich:

      ---------------------------------------------------------------------------------------

      Musikalische Leitung ... Gianluca Capuano Rinaldo Alessandrini
      [...]

      Orlando ... Sonia Prina
      Angelica ... Carolina Ullrich
      Medoro ... Gala El Hadidi
      Dorinda ... Barbara Senator
      Zoroastro ... Evan Hughes Nathan Berg

      Sächsische Staatskapelle Dresden
      ---------------------------------------------------------------------------------------

      Alles in allem eine solide Aufführung, engagierte Sängerdarsteller, vor allem eine Titelrollensängerin, die vokal und darstellerisch wieder volles Risiko ging, um ihre seltsame Figur beeindruckend zum Leben zu erwecken, eine gemischt hip/nonhip spielende Staatskapelle, die sich für meinen Geschmack zu sehr im eigenen Schönklang badete, statt die Fetzen fliegen zu lassen, was ich gerade bei einigen von Orlandos Arien sowie der Wahnsinnsszene schmerzlich vermisst habe. Mit anderen Worten, so richtig wollte der Funke nicht überspringen, was sich leider auch im äußerst lahmen Schlussapplaus von unterdurchschnittlichen fünf Minuten äußerte. Sehr schön war übrigens die Pause, in der die doppelte Viola-d'Amore-Begleitung für Orlandos späteres heilsames Einschlafen mehrmals durchgespielt wurde :thumbsup: , da gab es auch spontanen "Szenenapplaus", was die beiden Musiker erheiterte. Auf dem Heimweg in der Bahn konnte ich dann noch amüsiert dem Gespräch zweier Opernbesucher lauschen, die darüber schwatzten, dass die Handlung von La Bohème doch um so vieles einfacher zu verstehen sei ... nun ja, typischer Fall von Äpfeln und Birnen.


      :kaffee1: Amaryllis
    • Braunfels - Jeanne d'Arc. Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna. Oper Köln (Staatenhaus), Premiere am 14.02.2016

      Ich werde es nicht schaffen, von dieser Produktion ausführlich zu berichten. Deshalb ein Link zu einer Rezension, die ich Wort für Wort unterschreiben könnte:

      "http://www.omm.de/veranstaltungen/musiktheater20152016/K-jeanne-d-arc.html

      Eine bewegende, tolle Opernaufführung!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Gestern abend war ich bei der Jeanne d´Arc in Köln. Ein toller und intensiver Abend. Der Platz war in der 1.Reihe. Das hatte Vor- und Nachteile, da von der Bühne ein Steg durch die ersten Reihen ging. (Auf der Probe vor ca. 2 Wochen wurde erzählt, daß das Bühnenbild für die Oper am Offenbach geplant war und der Steg durch das komplette Parkett gezogen werden sollte.) Ganz nah an den Gesichtern der Darsteller, viele Einzelszenen. Der große Überblick über die szenische Aktion fehlte aber manchmal. Aufgrund einer Verletzung von Natalie Karl am Ende der Generalprobe (so wurde gestern von Herrn Kehren gesagt) wurde die Titelrolle umbesetzt. Mit Ausnahme der Premiere werden die restlichen Vorstellungen von Stephanie Weiss gesungen und von Tatjana Gürbaca gespielt. Ich fand es wider Erwarten nicht störend, daß die Stimme aus einer anderen Richtung kam, so wurde eher noch der epische Charakter des Stücks betont. Neben der Gestaltung der Titelrolle fand ich Matthias Klink als König Karl beeindruckend, vom Zweifler bis zum fast schon irrlächelnden Kinderkönig.

      In den Einführungsvorträgen (Probe und gestrige Aufführung) hat Herr Kehren auch viel zur Biographie von Walter Braunfels gesagt. Das Stück sei in der inneren Emigration geschrieben, nach Ende des 2. Weltkriegs konnte er sich musikalisch nicht mehr durchsetzen, seine Musik galt als veraltet, zu katholisch. Nach einmaligem Hören kann ich das nicht bestätigen, "alt" bzw. melodisch/bekannt wirkte auf mich vor allem der 2. Teil der Oper, so ca. ab der Krönungsszene. Sonst fand ich das Stück schon völlig ungewohnt und auch schwer singbar.

      Eine uneingeschränkte Empfehlung für den Besuch dieser Oper.
    • Die Oper Köln hat einen neuen Don Giovanni auf dem Spielplan. Die musikalische Leitung hat der GMD Francois Xavier Roth, Regie hat Emmanuelle Bastet.

      Mitten auf der Bühne thront ein großer schwarzer Schreibtisch, Schnee auf dem Boden und über die 3 Stunden Spieldauer schieben sich mobile Gerüste über die Bühne bis sie am Ende ein großes Drahtgeflecht ergeben. Auf den Gerüsten klettert Don Giovanni immer mal herum um das Geschehen zu beobachten. Beim Auftritt der Bauernhochzeit von Zerlina und Masetto gibt es eine Schneeballschlacht, auf dem Maskenfest treten die Frauen (Statisten) und Zerlina a` la Striptänzerin, mehr oder weniger verhüllt mit pinkfarbenen wallenen Umhängen. Überwiegend stehen die Sänger rum und wissen nicht richtig wohin mit sich. Ein Konzept war für mich nicht zu erkennen.

      Musikalisch war das ein großer Abend. Roth breitet einen Klangteppich mit vielen Einzelstimmen aus dem Orchester aus. Zupackend bei den Ausbrüchen, als Sängerbegleiter genial, nie zudeckend und immer präsent. Es macht einfach Spaß ihm zuzugucken. Genial auch die Begleitung der Rezitative, witzig, teilweise vorausschauend ironisch, als wenn die Figur nicht weiß wie beginnen. Eine junge Sängerriege, aus der im 1. Akt vor allem Regina Richter als Donna Elvira und Julien Behr als Don Ottavio herausragten. Die übrigen Sänger sehr leise, vor allem Luke Stocker als Masetto. Das änderte sich im 2. Akt parallel zum freien Spiel, herausragend das Ständchen von Jean-Sébastian Bou als Don Giovanni und die Arie der Donna Anna von Vannina Santoni.

      Ein Teil des Eindrucks ist sicher der schlechten Akustik im hinteren Teil der Publikumsreihen und der weit entfernten Sicht geschuldet.
    • Händel – Giulio Cesare in Egitto. Semperoper Dresden. Aufführung am 18.03.2016

      Ehe ich mich gar nicht mehr erinnern kann, sind hier, aus Zeitmangel etwas aus der Hüfte geschossen und nicht auf Vollständigkeit bedacht, meine Eindrücke zweier letztwöchiger Händel-Erlebnisse. Momentan sind an der Semperoper sog. Barocktage ausgerufen, was bedeutet, dass es jeweils mehrere Aufführungen des Giulio Cesare, des Orlando und der Alcina gibt. Im Orlando war ich ja schon im Februar, siehe weiter oben, jetzt waren noch der Giulio Cesare und die Alcina (dazu im nächsten Posting...) dran. Der Dresdner Giulio Cesare ist eine handwerklich sehr gekonnte, d.h. kurzweilige, tempo- und detailreiche Inszenierung von Jens-Daniel Herzog aus dem Jahr 2009, die allerdings an einigen Stellen Gewaltexzesse enthält (auch zusätzliche, die so nicht im Libretto vorkommen), die aufgrund der fatalen globalen Lage jedes Jahr schmerzlicher anzusehen sind. In dieser Serie waren viele Rollen neu besetzt, hier die Akteure:

      Musikalische Leitung ... Alessandro De Marchi
      Inszenierung ... Jens-Daniel Herzog
      Bühnenbild und Kostüme ... Mathis Neidhardt

      Giulio Cesare ... David Hansen
      Curio ... Allen Boxer
      Cornelia ... Tichina Vaughn
      Sesto Pompeo ... Jana Kurucová
      Cleopatra ... Elena Gorshunova
      Tolomeo ... Matthew Shaw
      Achilla ... Evan Hughes
      Nireno ... Yosemeh Adjei

      Bisher begab es sich, wohl eher zufällig, stets so, dass die Titelpartie von Sängerinnen als Hosenrolle gegeben wurde, letzte Saison z.B. von der phantastischen Sonia Prina (deswegen war ich auch dreimal dort). Nun also zum ersten Mal ein Countertenor. David Hansen war rein optisch ein sehr schnuckeliger Cesare, hatte sich raffinierte Kadenzen inkl. gepfiffener Passagen zurechtgelegt (vor allem beim Wettstreit mit Solohorn beim "Va tacito" bzw. später mit der Solovioline gab es einige Überraschungen) und beeindruckte mit tollen Höhen, u.a. auch dem einen oder anderen gewaltigen unerwarteten Crescendo. Allerdings war die gesamte Mittellage praktisch nicht zu hören, sehr bedauerlich. "Na hoffentlich ist er jetzt besser drauf", sagte die Dame neben mir vor dem 2. Akt, zum 3. Akt kam sie gar nicht mehr – das Problem hielt sich leider hartnäckig bis zum Schluss. Die beiden anderen Countertenöre, Matthew Shaw als Tolomeo und Yosemeh Adjei als Nireno hatten zwar deutlich weniger zu singen, waren aber viel besser zu hören. An dieser Stelle sei angemerkt – und da geht ein großes Lob an alle Beteiligten – dass den Akteuren darstellerisch viel abverlangt wird und in dieser Hinsicht niemand abfiel, alles war sehr sorgfältig einstudiert. Den größten Zuspruch während des sechsminütigen Applauses erhielten – nach meinem Eindruck berechtigt – die beiden Soprane*, Elena Gorshunova (Cleopatra) und Jana Kurucová (Sesto, muss in der ersten Arie in wahnwitzigem Tempo Koloraturen singen und dazu eine Art asiatische-Kampfsport-Choreografie umsetzten – genial), die mehr als alle anderen körperlich-sportlich herausgefordert waren und zudem mit scheinbarer Leichtigkeit barocke Sangeskunst zelebrierten, Chapeau! Alessandro de Marchi ist so etwas wie der Cesare-Dirigent vom Dienst in Dresden. In der letzten Saison hatte ich wenig Lobendes zu seinem Zugang geschrieben, diesmal war ich recht zufrieden, oder ich habe mich daran gewöhnt. Es ist alles recht leicht und tänzerisch (auch wenn man ihm beim Dirigieren zuschaut, wirklich sehr galant), aber ich persönlich hätte es manchmal gern richtig fetzig... aber das sollte ich noch bekommen, am nächsten Abend bei der Alcina unter Christopher Moulds! Alles in allem: Licht und Schatten in Ägypten. Die Inszenierung endet übrigens damit, dass das Happy End durch den Fund einer Kofferbombe getrübt wird. Bisher war es immer so – und das entspricht wohl auch den Absichten des Regisseurs – dass sich Cesare und Cleopatra daraufhin das erste Mal so richtig in den Haaren haben. Diesmal allerdings nicht, diesmal endete das Ganze mit Sex – 'ist halt doch etwas anderes, wenn der Cesare von einem Mann gegeben wird :D .

      *Korrektur: Der Sesto ist natürlich eine Mezzosopranrolle, was nichts an Frau Kurucovás toller Performance ändert. Fand auch dieser Opernblogger (die einzige Meinung, die ich in den Untiefen des Netzes zu dieser Aufführung finden konnte):

      https://lietofinelondon.wordpress.com/2016/03/24/fail-caesar/