Daniil Trifonov - eine "singuläre Erscheinung am musikalischen Sternenhimmel"?

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    • Daniil Trifonov - eine "singuläre Erscheinung am musikalischen Sternenhimmel"?

      Vorletzte Woche stieß ich in der ZEIT auf eine Anzeige der Deutschen Grammophon, in welcher auf der linken Seite die "Complete Recordings" von Martha Argerich beworben wurden mit dem Satz "Keiner kann ihr das Wasser reichen!". Rechts davon stand in dieser Anzeige allerdings: "Oder vielleicht doch?". Neben diesem Satz erschien das Cover der jüngsten Rachmaninow-CD von Daniil Trifonov. Ist das nur Marketing-Lobhudelei, oder ist da vielleicht was dran?

      Helmut Maurò von der Süddeutschen Zeitung hat sich festgelegt. Er bescheinigte in mehreren Jubelkritiken diesem jungen Pianisten "unerhörte Fähigkeiten" und "atemberaubende Fingerfertigkeit ", nennt ihn "Magier", "Klaviergenie" und "singuläre Erscheinung am musikalischen Sternenhimmel". Er scheute sich auch nicht, Trifonov in Beziehung zu setzen mit anderen Größen dieses Fachs, indem er z.B. in der Süddeutschen Zeitung vom 13. Mai 2013 behauptete, Trifonov habe "Altmeister Alfred Brendel das Staunen gelehrt", und das Ganze kulminiert dann in folgendem Satz in der Süddeutschen Zeitung vom 4. August 2012:
      Er ist der unglaublichste Pianist, den man hören kann. Vergesst Horowitz, möchte man rufen, vergesst Pollini, Brendel, selbst Kissin und alle anderen erst recht

      Wer ist dieser junge Pianist, der offenbar hausintern bei der Deutschen Grammophon Yuja Wang mächtig Konkurrenz macht? Ist er so gut, wie getan wird, und ist er womöglich gar besser als Vladimir Horowitz, Maurizio Pollini, Alfred Brendel und Jewgenij Kissin, was ja nun wahrlich eine ziemlich steile These ist?

      Daniil Trifonov wurde am 5. März 1991 in Nischni Nowgorod geboren, ist also 24 Jahre alt. Seine Eltern sind beide Berufsmusiker, sodass er bereits früh im Elternhaus mit klassischer Musik in Kontakt kam. Er durchlief eine klassische Pianistenausbildung, studierte dann an der Gnessin-Musikakademie in Moskau bei Tatjana Zelikman (2000-2009) und anschließend (ab 2009) bei Sergej Babayan am Cleveland Institute of Music. Im Alter von 8 Jahren (!) gewann er den Ersten Preis beim Moskauer Artobolevskaya Wettbewerb für junge Pianisten (1999). Im Jahre 2003 errang er den Großen Preis beim Moskauer Internationalen Fernsehwettbewerb für junge Musiker. Es folgten Preise beim Kammerensemblefestival in Moskau (2005 und 2007), beim Festival der Romantischen Musik für junge Musiker in Moskau (2006) und beim 5. Internationalen Chopin-Wettbewerb für junge Musiker in Peking (2006). 2007 gewann Trifonov den Fünften Preis beim 4. Internationalen Scriabin-Wettbewerb in Moskau und den Dritten Preis beim Internationalen Klavierwettbewerb in San Marino, wo er auch den Spezialpreis für die beste Wiedergabe einer Komposition von Chick Corea errang. Es schloss sich eine rege Konzerttätigkeit an, u.a. spielte er beim Eröffnungskonzert des Internationalen Klavierfestivals in Triest sowie beim Eröffnungskonzert der Wiener Festwochen (übertragen von der Eurovision). 2009 folgten Tourneen durch Italien und durch die USA. Im Mai 2009 debütierte er bereits - gerade mal 18-jährig - in der Carnegie Hall. 2010 gewann Trifonov den Dritten Preis sowie den Spezialpreis des Polnischen Rundfunks für die beste Wiedergabe einer Chopin-Mazurka beim XVI. Internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau. Im Dezember desselben Jahres nahm er in Danzig sein erstes Album auf, nämlich mit dem Chopin-Klavierkonzert Nr. 1 in einer Bearbeitung des Dirigenten Wojciech Rajski, der auch am Pult dieser Einspielung stand, für Klavier und Streichorchester. Auf dem Programm stehen ferner vier Chopin-Werke für Klavier solo, nämlich die Barcarolle, die Tarantella und zwei Impromptus:


      2011 erfolgte dann endgültig der Durchbruch dieses Pianisten. Innerhalb weniger Wochen gewann er zunächst den Ersten Preis beim Artur Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv (dort errang er gleichzeitig den Publikumspreis und den Pnina Salzman Preis für die beste Wiedergabe eines Chopin-Stücks) und dann schlussendlich den Ersten Preis sowie den Publikumspreis beim XIV. Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Ein Tschaikowsky-Wettbewerbsgewinner muss natürlich das Klavierkonzert Nr. 1 aufnehmen, und dies tat Trifonov auf diesem Album:


      Weitere Alben mit Trifonov sind diese:

      (beim Carnegie Hall-Recital auf DG handelt es sich um einen Mitschnitt vom 5. Februar 2013 und damit nicht - wie fälschlicherweise im Booklet dieser CD sowie auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite behauptet - um Trifonovs Carnegie Hall-Debüt. Dieses fand bereits im Mai 2009 statt, s.o.). Jüngst erschien außerdem ein DG-Album, das außer drei Rachmaninow-Variationszyklen zudem eine eigene Komposition von Trifonov enthält:


      Es existiert auch ein Film von Christopher Nupen über Trifonov, erhältlich auf dieser DVD:


      Eigene Eindrücke über Trifonov aus dem Konzertsaal kann ich noch nicht schildern, da ich ihn erstmals am 4. Februar 2016 in der Hamburger Laeiszhalle erleben werde. Was ich jedoch mehrfach gesehen habe, ist der Mitschnitt eines Klavierabends aus dem Maurice Ravel-Auditorium in Lyon aus dem Jahr 2014, der auf 3Sat ausgestrahlt wurde. Trifonov spielte nach einer Liszt-Transkription von Bachs BWV 542 und Beethovens letzter Sonate op. 111 (beides mit Jackett) die kompletten Douze Etudes d' exécution transcendantes von Franz Liszt (ohne Jackett) - und das war pianistisch der Hammer schlechthin. Eine der besten Klavieraufführungen, die ich in den letzten Jahren gesehen bzw. gehört habe. Einfach begeisternd!

      Die Diskussion über Daniil Trifonov ist eröffnet. Ich freue mich auf Eure Beiträge!
      I remember when I was 13 or 14 I wanted to become a conductor. But I thought: How can this be? I don't look like a conductor. Conductors look very old, come from Germany and have white hair. But I come from Mexico, am a kid and I'm a woman.
      (Alondra de la Parra)
    • Lieber music lover,

      besten Dank für die schöne Einführung. Na, da kann man ja sehr gespannt sein, wie sich sein extremes Talent noch weiter entwickeln wird.

      Hier ein Video mit Schost-1.

      "https://www.youtube.com/watch?v=WyADlfFSFC0

      Finale in halsbrecherischem Tempo. Und weil es so schön war, wird es gleich nochmal gespielt.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • Ich habe mich im Eröffnungsbeitrag, lieber maticus, bewusst der Hinweise auf die vielen Trifonov-Konzertmitschnitte enthalten, die auf YouTube abrufbar sind. Aber da Du Schostakowitsch Nr. 1 in einem YT-Mitschnitt anführst, kann ich nicht umhin, folgende Aufführung von Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 zu erwähnen, die mit den Moskauer Philharmonikern entstand. Ein Kommentator behauptet, der Dirigent sei Barry Douglas (stimmt das?). Jedenfalls beeindruckt mich Trifonov auch in diesem Mitschnitt ziemlich:

      "https://www.youtube.com/watch?v=Y90H4KA_Yjg"

      Bemerkenswert auch die Zugaben in diesem Video!
      I remember when I was 13 or 14 I wanted to become a conductor. But I thought: How can this be? I don't look like a conductor. Conductors look very old, come from Germany and have white hair. But I come from Mexico, am a kid and I'm a woman.
      (Alondra de la Parra)
    • Also ich habe ein grundsätzliches Problem damit, wenn ein Musiker von Kritikern oder seiner Plattenfirma derart gehypt wird. Bei letzteren muss man das ja nicht so genau nehmen, denn sie wollen ja verkaufen, und der Künstler ist deren Produkt, und wird entsprechend vermarktet.
      Ich hatte mich schon diverse Male mit Trifonov beschäftigt, da er ja bei You Tube sehr ausführlich vertreten ist. Bislang hat sich bei mir noch keine uneingeschränkte Begeisterung gezeigt. Gerade habe ich mir mal den 1. Satz von Rach3 angehört (mit V. Gergiev aus dem Marinskij Theater). Ich kann nicht erkennen was diese Aufnahme gegenüber anderen wie z.B. von Berezovsky oder Olga Kern (ebenfalls auf YT) an Vorzügen aufweist. Positiv finde ich, dass er die ursprüngliche Kadenz spielt. Aber ansonsten bietet er mir nichts was ich nicht schon kenne. Seine Tempowahl empfinde ich als maniriert und teilweise unangemessen. Immerhin gibt es gerade von diesem Werk zahlreiche Aufnahmen, die kaum Wünsche offen lassen. Zuschauen sollte man indes lieber nicht. Der Mann hat einen Blick, den wenn man es nicht besser wüsste, man als irre bezeichen könnte. Aber das Grimassieren ist ja Nebensache. Übrigens: Schaut Euch mal den putzigen Dirigierstab von Gergiev an, echt süß ..

      Ein anderes Mal habe angelegentlich eines Vergleiches der sinfonischen Variationen von Schumann eine Betrachtung seiner Version vorgenommen. Auch hier war mein Eindruck sehr zwiespältig.
      Allerdings hatte ich vor einiger Zeit per Zufall auf Arte in ein Konzert gezappt, wo er zusammen mit Leonidas Kavakos die Sonate von Strauss gespielt hat. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen. Er hat sich hier sehr zurückgenommen, und die beiden haben eine überzeugende Ensemble-Leistung geboten.

      Mit schierem Virtuosentum kan man mich nicht überzeugen, denn schnell spielen können andere auch. Das Trifonov ein großartiger Musiker ist, steht für mich ausser Frage, aber davon gibt es mehr als genug. Daher bin ich bei dem Gebrauch von Superlativen eher vorsichtig.

      Eusebius

      NB: Lieber music lover, die rührige Frau Parsons von Pro Piano hatte Trifonov bereits 2013 in der kleinen Musikhalle präsentiert. Ich war leider nicht da, denn zu der Zeit bekam ich von ihr noch keine Veranstaltungshinweise.
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Im Konzert habe ich ihn noch nicht gehört, aber ich kenne den Mitschnitt des Carnegie-Hall-Konzerts und habe gerade noch einmal die Chopin-Préludes daraus gehört. Das gefällt mir schon außerordentlich gut: Pianistisch ohnehin jenseits aller Kritik, aber vor allem enorm farbig und fantasievoll, mit transparenter Stimmführung und klarer Phrasierung. Sein Gestaltungswille ist in jedem Takt unüberhörbar, gelegentlich für meinen Geschmack bei den besonders motorischen Stücken (gis-moll, b-moll) sogar eine Spur zu viel. Beim b-moll-Prélude finde ich außerdem die synkopische Linke im Kontrast zu den rasenden Läufen rechts zu unterbelichtet, aber das sind Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck kaum trüben können. Die Liszt-Sonate von derselben CD habe ich vor einiger Zeit gehört und fand sie ebenfalls sehr bemerkenswert, aber das müsste ich noch mal hören, um da Genaueres sagen zu können. Insgesamt halte ich ihn nach den ersten Eindrücken für einen außerordentlichen Pianisten und Musiker, auch im Vergleich zu vielen Alters- und Wettbewerbsgenossen. Wie man sich allerdings erblöden kann, so etwas zu schreiben:
      Vergesst Horowitz, möchte man rufen, vergesst Pollini, Brendel, selbst Kissin und alle anderen erst recht
      ... wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. So was kann man ja meinetwegen mal in erster Begeisterung und in trauter Runde ausrufen (oder auch in Capriccio schreiben ;+) ), aber im Feuilleton der Süddeutschen? Der Mann ist Garant für Peinlichkeiten.


      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Deinen Worten kann ich mich nur anschließen, lieber Eusebius. Mir geht es mit überschwänglicher Kritik und Emporheben von Künstlern ähnlich - und vor allem mit dem gleichzeitigen Herabwürdigen von Leistungen anderer Künstler, die das nicht verdient haben und sich gegen die Vergleiche auch nicht mehr verteidigen können.

      Daniil Trifonov habe ich dieses Jahr bei einem Konzert mit den beiden Klavierkonzerten von Chopin in der Alten Oper Frankfurt gehört. Mir hat es sehr gut gefallen, allerdings muss ich dazu sagen, dass ich sowohl die beiden Konzerte als auch Daniil Trifonov nicht gut genug kenne und auch Klavierkonzerte zu selten besuche, um darüber eine fundierte Meinung abgeben zu können.
      Die Hörschnipsel aus der Rachmaninov-CD haben mich jedenfalls derart angesprochen, dass ich sie mir auch gleich zugelegt habe... bisher konnte ich allerdings nur auszugsweise reinhören. Die Tempi sind teilweise atemberaubend und die Musik ist hochvirtuos. Jemand, der in der Lage ist, so etwas allein schon technisch hinzubekommen, verdient meinen Respekt. Nach dem was ich bisher hören konnte, steckt allerdings auch viel Musik dahinter.
      In die Eigenkompositionen habe ich leider bisher noch nicht genug reinhören können.

      Das war nur kurz mein unmaßgeblicher Eindruck ;).

      Viele Grüße!
    • Eusebius schrieb:

      Also ich habe ein grundsätzliches Problem damit, wenn ein Musiker von Kritikern oder seiner Plattenfirma derart gehypt wird. Bei letzteren muss man das ja nicht so genau nehmen, denn sie wollen ja verkaufen, und der Künstler ist deren Produkt, und wird entsprechend vermarktet.
      Immerhin trägt eine solche Vermarktungsstrategie wie die der DG offenbar Früchte, denn ich sehe bei Amazon, dass die neue Rachmaninow-CD von Trifonov im Bereich "Klassische Konzerte" Bestseller Nr. 1 und im Bereich "Klassik insgesamt" (dort muss man natürlich Editionen von Ludovico Einaudi oder David Garrett, die fälschlicherweise unter "Klassik" rubrizieren, den Vortritt lassen) immerhin Bestseller Nr. 9 ist. Trifonov verkauft sich also derzeit wie geschnitten Brot, und das bei einem seriösen Künstler, der keinerlei Crossover-Produkte abliefert, sondern Qualität.

      ChKöhn schrieb:

      Wie man sich allerdings erblöden kann, so etwas zu schreiben:
      Vergesst Horowitz, möchte man rufen, vergesst Pollini, Brendel, selbst Kissin und alle anderen erst recht
      ... wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. So was kann man ja meinetwegen mal in erster Begeisterung und in trauter Runde ausrufen (oder auch in Capriccio schreiben ;+) ), aber im Feuilleton der Süddeutschen?
      Die Aussage, Trifonov übertreffe Pianistenlegenden wie Vladimir Horowitz, Maurizio Pollini, Alfred Brendel oder Jewgenij Kissin, halte ich natürlich ebenso für völlig überzogen wie die Behauptung Helmut Maurós in der Süddeutschen Zeitung vom 7. Dezember 2014 ("http://www.sueddeutsche.de/kultur/klavierabend-von-daniil-trifonov-im-prinzregententheater-ein-abend-voll-kosmischer-entruecktheit-1.2255618")
      Derzeit gibt es keinen Pianisten, der dem Russen Daniil Trifonov spieltechnisch das Wasser reichen könnte.
      Die vier Jahre ältere Yuja Wang kann es nun allemal spieltechnisch wie auch interpretatorisch mit ihm aufnehmen. Und auch ein Boris Berezowsky, ein Arcadi Volodos oder ein Yundi Li werden in ihrer Virtuosität sicherlich nicht von Trifonov in den Schatten gestellt. Von einem Marc-André Hamelin mal ganz zu schweigen. Solchen Unsinn muss man auch gar nicht in die Welt hinausposaunen, um einen 24-jährigen Jungstar zu fördern, denn es ist genug Platz in den Konzertsälen und CD-Schächten bzw. Streamingdiensten dieser Erde für ein oder vielleicht sogar zwei Dutzend herausragend guter Pianisten. Dass Trifonov aber zu diesen gehört, meine ich schon nach seiner fulminanten Interpretation der Douze Etudes d' exécution transcendantes von Franz Liszt, die im Konzertmitschnitt aus Lyon auf 3Sat ausgestrahlt wurde und auch bei You Tube verfügbar ist ("https://www.youtube.com/watch?v=Q-PGLFNQ4v0").
      I remember when I was 13 or 14 I wanted to become a conductor. But I thought: How can this be? I don't look like a conductor. Conductors look very old, come from Germany and have white hair. But I come from Mexico, am a kid and I'm a woman.
      (Alondra de la Parra)
    • Eusebius schrieb:

      Lieber music lover, die rührige Frau Parsons von Pro Piano hatte Trifonov bereits 2013 in der kleinen Musikhalle präsentiert. Ich war leider nicht da, denn zu der Zeit bekam ich von ihr noch keine Veranstaltungshinweise.
      Dass man den aktuellen Tschaikowsky-Wettbewerbsgewinner nur im Kleinen Saal der Laeiszhalle auftreten lässt und dann sowenig Werbung für die Veranstaltung macht, dass weder Du noch ich etwas davon mitbekommen haben, ist natürlich ein bisschen blöd. Ich wäre sehr gern hingegangen! Aber am 4. Februar 2016 ist er ja wieder da, und nun im Großen Saal. Das Programm lautet:

      Bach/Brahms: Chaconne aus der Partita für Violine solo Nr. 2 d-moll BWV 1004 (für die linke Hand allein)
      Chopin: Zwölf Etüden op. 10
      Rachmaninow: Sonate Nr. 1 d-moll op. 28
      I remember when I was 13 or 14 I wanted to become a conductor. But I thought: How can this be? I don't look like a conductor. Conductors look very old, come from Germany and have white hair. But I come from Mexico, am a kid and I'm a woman.
      (Alondra de la Parra)
    • music lover schrieb:

      halte ich natürlich ebenso für völlig überzogen wie die Behauptung Helmut Maurós in der Süddeutschen Zeitung vom 7. Dezember 2014
      Man könnte Herrn Mauros zu Gute halten, dass er einfach keinen Überblick hat. Derartige undifferenzierte Lobhudelei liest man leider viel zu oft. Ich lese Kritiken daher meist ungern, allenfalls um etwas über das Programm zu erfahren. Das die 12 Etuden von Liszt keiner außer Trifonov spielen kann halte ich indes für einen ausgemachten Schmarrn. Auch wenn ich da jetzt einigen Widerspruch erzeuge, aber die Version von Alice Sara Ott (entstanden bevor sie mit diesem "Tristano-Jüngling" auf Tour ging) war eine sehr spannende Hörerfahrung.

      Aber um mich gerne mal zu wiederholen: Repertoiremäßig haben weder Trifonov noch all die anderen Wunderknaben/Mädels mir wirklich etwas anzubieten. Warum spielt denn der Russe Trifonov nicht mal die 12 Etuden des Russen Liapounov? Da kann er ebenfalls zeigen was er pianistisch drauf hat. Und auf Tonträger hätte er da sogar fast ein Alleinstellungsmerkmal (neben Sherbakov, Kentner und Binns die nur noch auf dem Gebrauchtmarkt zu haben sind).

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • music lover schrieb:

      Aber am 4. Februar 2016 ist er ja wieder da, und nun im Großen Saal. Das Programm lautet:

      Bach/Brahms: Chaconne aus der Partita für Violine solo Nr. 2 d-moll BWV 1004 (für die linke Hand allein)
      Chopin: Zwölf Etüden op. 10
      Rachmaninow: Sonate Nr. 1 d-moll op. 28
      Ist ja schon gut verkauft. Die Bearbeitung der Chaconne von Bach durch Brahms ist ein Studienwerk, und bestimmt nicht für den Konzertsaal gedacht. Ich spiele das sehr gern, aber mit 2 Händen :D .
      Ich überlege mal ob ich für dieses Programm 60 € ausgeben möchte. Vielleicht um mit Dir in der Pause zu plauschen?

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Warum spielt denn der Russe Trifonov nicht mal die 12 Etuden des Russen Liapounov? Da kann er ebenfalls zeigen was er pianistisch drauf hat. Und auf Tonträger hätte er da sogar fast ein Alleinstellungsmerkmal (neben Sherbakov, Kentner und Binns die nur noch auf dem Gebrauchtmarkt zu haben sind).
      Und er hätte sofort das Etikett "Spezialist für selten gespielte russische Kleinmeister" an der Backe. Oder Helmut Mauró würde unterstellen, dass er sich wohl an die "richtigen" Stücke noch nicht rantraut (ich weiß in dem Fall leider sehr genau, wovon ich rede...). Nein, so sehr ich Deinen Wunsch nach Repertoire abseits der bekannten Mitte verstehe: Mit dem Blick auf die Karriere ist es leider richtig, dass Trifonov zunächst Standardstücke wie die Liszt-Sonate oder die Chopin-Préludes spielt. Später kann er dann eher auch mal "Randrepertoire" erkunden (was er mit der ersten Rachmaninow-Sonate ja fast schon tut), aber wenn er nicht sofort und ohne Rückfahrschein auf das Spezialisten-Gleis wechseln will, muss er zunächst gerade auf "Alleinstellungsmerkmale" beim Repertoire verzichten. Man kann das bedauern, aber man sollte es ihm meines Erachtens nicht vorwerfen, denn er hat den Markt nicht so gemacht, wie er nun mal ist.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Lieber Christian

      Ich verlange ja gar nicht dass er komplett vernachlässigtes Repertoire spielt. Es wäre ja schon ein Fortschritt, wenn mal eines dieser Werke dazwischengeschoben würde. Wenn sich immer alle den Gesetzen des Veranstaltungsmarktes unterordnen bleibt alles wie es ist. Und ich halte das in vielen Fällen für Mutlosigkeit und Risikoscheu, den Wünschen der Veranstalter oder der Plattenfirmen zu widersprechen. Trifonov hat doch bereits einen Namen, mit dem er allein die meisten Plätze füllen dürfte. Jüngst hörten wir den belgischen Pianisten Florian Noack (auch Anfang 20), der sich vorgenommen hat sämtliche Klavierwerke von S. Liapunov einzuspielen, und die erste CD bereits veröffentlicht hat. Ob das seiner Karriere schaden wird bleibt abzuwarten. Ich glaube das eher nicht, denn er wirkte durchaus überzeugend.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Lieber Eusebius,

      ich verstehe Dich ja :troest:. Und ich glaube auch nicht, dass es Florian Noacks Karriere "schaden" wird, wenn er sich spezialisiert, aber er wird von dieser Schiene nur sehr schwer oder gar nicht mehr runter kommen. Wenn ich das mal kurz aus eigener Erfahrung berichten darf: Ich hatte nie den Plan, Brahms-Spezialist oder gar Spezialist für Brahms-Arrangements zu werden... Aber gefühlte 90 Prozent aller Konzertanfragen gehen ausschließlich in diese Richtung. Und zu Helmut Mauró: Als ich mit Silke-Thora Matthies vor vielen Jahren im Herkulessaal gespielt habe, dachten wir uns, dass da ja nun alle Nase lang Klavierduos vorbeikommen und haben uns deshalb ein besonderes und vermeintlich interessantes Programm ausgedacht, mit einer Mozart-Sonate mit hinzugefügtem 2. Klavier von Grieg, drei Stücken von Messiaen, einer Uraufführung von Martin Christoph Redel und den Beethoven-Variationen von Saint-Saens. Unsere Belohnung war, dass Mauró in der Süddeutschen mutmaßte, wir würden wohl den Anforderungen einer "echten" Mozart-Sonate einstweilen aus dem Weg gehen, und auch zu Schubert hätten wir wohl keine Beziehung. (Zu Mozart/Grieg meinte er übrigens, dass man "derart schmierige Halbschlüsse nur selten" höre. Ich habe mich dann einige Zeit gerächt, in dem ich bei den nächsten Konzerten immer zur Gaudi des Publikums aus seiner Rezension vorgelesen habe :D .)


      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Übrigens finde ich gar nicht, dass Trifonov sich nur am Mainstream-Repertoire orientiert. Er spielt ja immerhin auch z.B. eigene Kompositionen, das 4. Rachmaninow-Konzert, die 1. Rachmaninow-Sonate, die Brahms/Bach-Chaconne und ein paar andere seltenere Stücke mehr. Zwar alles kein Liapounov, aber immerhin auch nicht "Für Elise" ;+) .

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Mit der freundlichen Erlaubnis von b-major kopiere ich seinen Beitrag in "Eben gehört" von vorgestern über das neueste Trifonov-Album in diesen Thread hinein. Einfach weil es hier so schön passt und nicht in "Eben gehört" verkümmern sollte.

      b-major schrieb:

      Ich höre die neue Trifonov . Im Gegensatz zum Carnegie Hall Concert bin ich aber nicht voll überzeugt . Da sind die Paganini Variationen , die zumindest mit meinen vorhandenen - Rubinstein , Moiseiwitsch und Wild als Pianisten - mithalten sollten . Sollten .
      Und die Corelli-Variationen . Da steht bei mir Ashkenazy , der von Beginn an Rachmaninov-Spieler war , ganz oben . Erst war es die 73er Aufnahme , dann die 85er , dann wieder die 73er , die mich begeisterten . Und seit bald 20 Jahren ist es seine 57er Einspielung, der meine Vorliebe gilt . Und daran ändert sich bislang nichts . Bleiben die Chopin-Variationen und - quasi außer Konkurrrenz - die Eigenkomposition . Da werde ich wohl noch öfter hinhören müssen , ob diese unbestritten hochwertige Produktion mich doch noch überzeugt .

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      (Alondra de la Parra)
    • ChKöhn schrieb:

      Als ich mit Silke-Thora Matthies vor vielen Jahren im Herkulessaal gespielt habe, dachten wir uns, dass da ja nun alle Nase lang Klavierduos vorbeikommen und haben uns deshalb ein besonderes und vermeintlich interessantes Programm ausgedacht, mit einer Mozart-Sonate mit hinzugefügtem 2. Klavier von Grieg, drei Stücken von Messiaen, einer Uraufführung von Martin Christoph Redel und den Beethoven-Variationen von Saint-Saens.
      Wow, bei diesem Programm wäre ich ja gern dabeigewesen! l-l

      Zur Frage, wie "mainstream" Trifonovs Programme sind: Immerhin hat er auf seiner allerersten CD (zugegeben nicht auf einem major label wie DG, sondern auf dem kleinen Label Dux) gleich eine Rarität vorgelegt: Nämlich die Streichorchester-Bearbeitung des Chopin-Klavierkonzerts Nr. 1 von Wojciech Rajski. Gepaart mit eher selten gespielten Chopin-Stücken wie der Tarantella As-Dur op. 43, was ihm in einer der drei Amazon-Kundenrezensionen dieses Albums auch gleich Kritik einbrachte (Warum spielt er solch "fragwürdige" Chopin-Werke?). Das DG-Album mit dem Carnegie Hall-Recital endet mit der Nr. 2 Es-Dur aus den "Märchen" op. 26 von Medtner. Auch nicht gerade Standardrepertoire. Und das aktuelle Rachmaninow-Album bereichert er mit einer Eigenkomposition, die ihre Erstaufnahme erhält. Es ist also nicht so, dass er sich ausschließlich auf Kompositionen stürzt, die schon hundertfach abgenudelt sind. Dass er sich allerdings noch ein wenig mehr in Richtung unterrepräsentiertes Repertoire orientieren sollte, darin stimme ich Eusebius zu. Yuja Wang hat immerhin beim selben Label schon auf ihrer Debüt-CD Ligeti-Etüden eingespielt.

      Eusebius schrieb:

      Ich überlege mal ob ich für dieses Programm 60 € ausgeben möchte. Vielleicht um mit Dir in der Pause zu plauschen?
      Der Pausenplausch mit mir sollte Dich nicht 60 € kosten, wenn Dich das gebotene Programm nicht voll überzeugt. Da finden wir schon eine andere Gelegenheit :prost:
      I remember when I was 13 or 14 I wanted to become a conductor. But I thought: How can this be? I don't look like a conductor. Conductors look very old, come from Germany and have white hair. But I come from Mexico, am a kid and I'm a woman.
      (Alondra de la Parra)
    • ChKöhn schrieb:

      Ich habe mich dann einige Zeit gerächt, in dem ich bei den nächsten Konzerten immer zur Gaudi des Publikums aus seiner Rezension vorgelesen habe :D .)

      Großartig! So kommt man solchen Schwätzern am besten bei, indem man sie lächerlich macht, bzw. sie als das zeigt was sie sind, nämlich lächerlich.

      Eusebius
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    • "https://www.youtube.com/watch?v=c7XZ8ohV67c&feature=youtu.be&t=13m"

      Was für ein Werk, was für eine Darbietung!... diese Tiefe... mit 24... :juhu: :juhu: :juhu:

      Und nochmal in der Carnegie Hall:

      "https://www.youtube.com/watch?v=x4fQawk_wn8

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
    • Das ist sicher famos gespielt aber keine Konkurrenz zu den vorhandenen Spitzenaufnahmen. Der erste Satz ist sogar in seiner Stringenz und dem vorwärtsstürmenden Charakter sehr gut getroffen. In der Arietta erlaubt er sich hingegen einige Freiheiten, die ich eher bedenklich finde. Die Variation ab Takt 65 spielt er mir zu schnell und vordergründig. Dann so etwa ab Takt 90 bremst er plötzlich das Tempo ab, wo doch eigentlich die gesamte Variation vollkommen gleichmässig gespielt werden muß. Die Trillerkette ab Takt 111 wird viel zu laut gespielt (pp bis p ist notiert) und reichlich gedehnt. In der Variation ab Takt 130 ignoriert er vollkommen die sf und p Gegensätze, und spielt überwiegend ff. Ab Takt 154 gibt es dann eine langgedehnte crescendo Passage von p bis f in Takt 158. Da er aber vorher schon viel zu laut spielt, kann er hier keine Steigerung mehr bringen.
      Insgesamt vermittelt mir diese Interpretation keinen weiteren Zugewinn, wie das bei der epochalen Aufnahme mit Michael Korstick z.B. der Fall war.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)