Jephta szenisch in Hamburg

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    • Jephta szenisch in Hamburg

      Jephta von G.F. Händel in einer szenischen Einrichtung von
      Lydia Steier


      Hamburg, Kampnagelfabrik


      Ich war zunächst etwas skeptisch, ein Oratorium in szenischer Darstellung geboten zu bekommen, aber schon nach wenigen Minuten war ich begeistert. Die Idee der Regisseurin war nämlich, das Geschehen in ein englisches College zu verlegen, wo der Chor in einheitlichem Outfit die Schüler spielte, und ein Professor im Tweed Anzug über die Geschichte zu Jephta referierte. Das ganze fand an einem langen Tisch mit Bänken davor statt, auf denen die Schüler saßen und häufiger herumalberten (das war vielleicht mitunter eine Spur zu penetrant). Auf dem Tisch spielte sich dann das übrige Geschehen ab, immer wieder unterbrochen von den Kommentaren des Professors. Der war es auch, welcher durch seine Ansprache eine kritische Distanz zum Geschehen aufbaute, es ging ja immerhin um Krieg, und zwar in einer Region wo es gegenwärtig ja auch alles andere als friedlich ist. Der Nahost Konflikt wurde aber nicht direkt thematisiert, sondern es blieb der Vorstellungskraft der Zuhörer überlassen hier Verbindungen herzustellen. Ganz unmittelbar wurde uns das durch einblenden einer Geräuschkulisse mit ohrenbetäubendem Lärm von Jagdflugzeugen deutlich gemacht.

      Von den Sängern hat mich am meisten der Darsteller des Jephta (Lothar Odinius) überzeugt. Zunächst gab er den siegesgewissen stolzen Kriegsherrn, der sich von seinem Volk verabschiedet. Aber schon seine Rückkehr aus siegreicher Schlacht zeigt ihn als gebrochenen Menschen (der Professor nennt auch den Preis für den Sieg in der Anzahl der Toten, Verletzten und Obdachlosen). Als er jedoch dann als erstes von seiner Tochter begrüßt wird, begreift er die Tragweite seines Eides, nämlich den ersten Menschen zu opfern, der ihn nach einem Sieg treffen wird. Er muss also seine eigene Tochter Opfer. Das lässt ihn vollends zusammen brechen. Das wird so eindringlich gespielt, dass einem der Atem stillsteht. Das Volk mahnt ihn, das Opfer zu vollbringen, und zwar auf die gleiche Weise wie die besiegten Ammoniter ihrem Gott Moloch Kinderopfer dargebracht haben (durch einfüllen von glühendem Metall durch die Speiseröhre).
      In letzter Minute erscheint allerdings ein Engel und mahnt ihn einzuhalten. Nur durch gewaltsames Eingreifen seines Bruders Zebul wird er allerdings von seinem Vorhaben abgebracht. Dieses Happy End haben Händel und sein Librettist Thomas Morell wohl dem damaligen Publikum zu Liebe eingebaut, es stimmt jedenfalls nicht mit dem biblischen Text überein. Allerdings muss sich Iphis zu ewiger Jungfräulichkeit verpflichten, was angesichts der Tatsache, dass sie sich eigentlich mit Hamor vermählen wollte, auch ein Opfer ist.


      Alle übrigen Sänger waren ebenfalls großartig und überzeugend. Besonders vielleicht noch Heidi-Elisabeth Meier als Engel im Barbie-Outfit, mit einer wunderschönen hellen Sopranstimme. Die Duette von Katja Stuber (Iphis, Sopran) und Magid El-Bushra (Hamor, Countertenor) waren hinreissend.


      Aber mit das Beste war der Chor. Für gewöhnlich steht der ja in kompakter Formation hinter dem Orchester, den Dirigenten immer fest im Blick, und den Klavierauszug in den Händen. Diesmal mussten sie aber Theater spielen, und saßen in gemischten Stimmlagen auf ihren Bänken oder tollten herum. Sie haben ihre Aufgabe in bewunderungswürdiger Weise gemeistert. Ich halte ja die Chöre ohnehin für den musikalischen Kern der Oratorien, und kann mich immer wieder an ihnen begeistern. Das was ich gestern Abend zu hören bekam war grandios.


      Zum Schluss noch der Dirigent Konrad Junghänel und die Kammerakademie Potsdam. Das Orchester saß neben der „Bühne“, was mitunter dazu führte das sie nicht recht zur Geltung kamen. Das tat aber der musikalischen Umsetzung der Partitur keinen Abbruch. Sie begleiteten das Geschehen aufmerksam, stets präsent und durchhörbar.

      Eusebius
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)