WAGNER: Die Meistersinger von Nürnberg – Verachtet mir die Meister nicht!

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • WAGNER: Die Meistersinger von Nürnberg – Verachtet mir die Meister nicht!

      Über zwanzig Jahre arbeitete Richard Wagner an seiner – sieht man vom selten aufgeführten "Liebesverbot" ab – einzigen komischen Oper: Bereits 1845 fertigte Wagner erste Skizzen an, die er jedoch erst wieder 1861 aufgriff. Das Vorspiel zum 1. Aufzug wurde dann bereits 1862 vor dem späteren König Ludwig II. konzertant aufgeführt, doch vergingen dann noch sechs Jahre, ehe die gesamte, fast fünf Stunden lange Oper am 21. Juni 1868 in München zur Uraufführung gelangte.

      Zwar entpuppte sich diese als Erfolg, doch die Premieren in Wien und Berlin 1870 verliefen – anders als man vielleicht annehmen könnte – vielmehr desaströs. In Nürnberg selbst wurde das Werk übrigens 1874 uraufgeführt.

      Freilich erfreute sich die Oper, die im Zuge der Gründung des Deutschen Reiches von 1871 mehr und mehr als die deutsche Nationaloper schlechthin aufgefaßt wurde, immer größerer Beliebtheit. So wurden in der Folgezeit viele große Opernhäuser mit den "Meistersingern" eröffnet: Münchens Prinzregententheater 1901, das neue Nürnberger Opernhaus 1905, das wiederaufgebaute Münchner Nationaltheater 1963 sowie auch das Aalto-Theater in Essen 1988.

      Die von Wagner im Schlußmonolog Hans Sachsens so eindrucksvoll propagierte "heil’ge deutsche Kunst" wollte er als eine vom Volke ausgehende und getragene wissen, das nationale Element gleichsam lediglich als dekoratives Element verstanden haben wissen. Sachsens Schlußansprache besagt folglich auch nichts anderes, als daß die deutsche Kunst auch das Ende des Heiligen Römischen Reiches überleben würde, welches zu Wagners Lebzeiten ja auch bekanntlich schon untergegangen war. Insofern sind Wagners Kunst-Ideen vielmehr revolutionär zu nennen, worauf auch die anfänglich eher verhaltene Meinung seitens konservativer Kreise zurückzuführen ist.

      Nichtsdestotrotz sind "Die Meistersinger von Nürnberg" heute fester Bestandteil im Repertoire nahezu aller großen Opernhäuser. Entsprechend reichhaltig gestaltet sich auch die Diskographie.

      Einen Mangel an guten bis sehr guten Aufnahmen gibt es in der Tat mitnichten. Eine eindeutige Referenz-Aufnahme zu bestimmen ist daher auch mit einigen Schwierigkeiten verbunden und wohl faktisch unmöglich. Deswegen will ich im Folgenden eine chronologisch geordnete Auswahl an Einspielungen und Mitschnitten liefern.



      Abendroth 1943

      Dieser Mitschnitt von den "Kriegsfestspielen 1943" ist insgesamt eine sehr gelungene Aufnahme: Schöffler gilt vielen als "der" Sachs (mir übrigens nicht), mit Kunz als Beckmesser, Suthaus als Stolzing und Scheppan als Eva hat man eine erstklassige Besetzung der wichtigen Rollen, ideal auch Dalberg als Pogner und Kallab als Magdalene, mit Abstrichen auch Wittes David. Abendroths Dirigat darf als erstklassig gelten. Die Tonqualität ist für das Alter hervorragend, vielen Dank an Preiser!



      Furtwängler 1943

      Dieser Mitschnitt entstand genau einen Tag nach dem von Abendroth mit anderen Sängern. Furtwänglers Dirigat ist m. E. sogar noch besser als das schon sehr gelungene von Abendroth. Prohaska als Sachs ist sicherlich Geschmackssache und sehr zeittypisch interpretiert (wer einen "singenden Gauleiter" hören will, ist hier richtig), dasselbe gilt für den recht pathetischen Stolzing von Max Lorenz. Fuchs' Beckmesser gefällt mir ebenfalls gut, die Eva von Maria Müller braucht keine Vergleiche zu scheuen. Zimmermanns David fällt etwas ab.Der junge Greindl singt einen herausragenden Pogner, die Kallab wiederum die Magdalene. Was die Tonqualität betrifft, ist diese für das Alter gut, allerdings ist die Preiser-Bearbeitung vom Abendroth-Mitschnitt besser. Zudem fehlen leider einige Szenen.



      Karajan 1951

      Karajans frühe Live-Aufnahme besticht durch ein sehr gutes Dirigat. Otto Edelmann als Sachs ist vorbildlich, Kunz’ Beckmesser ebenso. Der Stolzing von Hans Hopf kann das hohe Niveau nicht ganz halten. Herausragend Ungers David, Geschmackssache die Schwarzkopf als Eva. Die Restbesetzung ist sehr gut.



      Knappertsbusch 1952

      Knappertsbuschs erstes Bayreuther Dirigat darf man als vorzüglich bezeichnen. Identisch mit der Besetzung des Vorjahres sind Edelmann als Sachs und Unger als David – und wiederum erstklassig. Auch Hopf singt wiederum den Stolzing, wieder etwas abfallend. Pflanzl gibt einen überragenden Beckmesser, della Casas Eva ist ebenfalls nicht von schlechten Eltern. Als Pogner ist übrigens Kurt Böhme zu hören, ebenfalls sehr gut bei Stimme. Insgesamt gesehen eine sehr gute Aufnahme, der ich aber den späteren Bayreuther Mitschnitt unter Knappertsbusch vorziehe.



      Kempe 1956

      In dieser berühmten Studio-Aufnahme singt Ferdinand Frantz einen sehr guten Sachs, ihm zur Seite stehen Kusche als toller Beckmesser, Schock als sehr guter Stolzing, Grümmer als überragende Eva, wiederum der herausragende Gerhard Unger als David und Gottlob Frick als genialer Pogner. Kempes Dirigat verdient ein sehr gut.



      Cluytens 1956

      Wer Hans Hotter in Bayreuth als Sachs erleben will, muß zu dieser Aufnahme greifen. Zwar bereits reichlich nasal, schafft er es dennoch, einen sehr gelungenen Sachs zustande zu bringen. An seiner Seite der m .E. beste Beckmesser überhaupt: Karl Schmitt-Walter. Auch über Windgassen (Stolzing), Brouwenstijn (Eva), Stolz (David), Greindl (Pogner) und Fischer-Dieskau (Kothner) braucht es nicht viele Worte: schlichtweg ideal. Cluytens' Dirigat ebenfalls auf diesem Niveau.



      Cluytens 1957

      Cluytens' zweites Bayreuth-Dirigat ist besonders wegen Gustav Neidlingers (!) Sachs interessant, der ihm auch sehr gut gelingt. Die restliche Besetzung ist weitestgehend wie im Vorjahr, daher siehe oben. Lediglich Walter Geisler als Stolzing kam neu hinzu, vermag auch zu überzeugen, ohne ganz Windgassen zu erreichen. Dirigat hier m. E. sogar besser als im 1956.



      Cluytens 1958

      Bei Cluytens' dritten Bayreuther "Meistersingern" gibt sich Otto Wiener als Sachs die Ehre. Relativ hell timbriert, darf auch er als mehr als solider Interpret gelten. Die restliche Besetzung auch hier beinahe gleich den Vorjahren. Ausnahmen sind der sehr gute Beckmesser von Blankenheim und der überragende Traxel als Stolzing. Cluytens auch hier wieder sehr gut.



      Knappertsbusch 1960

      Hans Knappertsbusch kann sich 1960 bei seinem zweiten (und letzten) Bayreuther "Meistersinger"-Dirigat auf die schon eingesungenen Bayreuth-Größen der Wieland-Wagner-Inszenierung, Schmitt-Walter (Beckmesser), Windgassen (Stolzing), Grümmer (Eva) und Stolze (David), stützen, die sich hier noch einmal selbst übertreffen und höchste Wertungen verdienen. Das besondere Highlight dieses Mitschnitts ist aber der Sachs von Josef Greindl, der mir absolut ans Herz gewachsen ist und bis dato mein liebster Interpret geblieben ist. Als Schmankerl ist der junge Theo Adam als Pogner mit von der Partie, ebenso das Bayreuth-Urgestein Ludwig Weber als Kothner. Knappertsbuschs Dirigat setzt Maßstäbe und ist m. M. n. bis heute unübertroffen. Für mich "die" Aufnahme.

      Meine Nr. 1.



      Kubelik 1967

      Die Kubelik-Aufnahme gilt nicht wenigen als heimliche Referenz-Einspielung, und das kann ich durchaus nachvollziehen: Stewarts Sachs stellt einen Meilenstein in der Interpretation des Nürnberger Schuster-Poeten dar. Hemsley als Beckmesser, Kónya als Stolzing, Janowitz als Eva und Unger als David bedienen höchste Ansprüche. Kubeliks Dirigat ist famos und darf zu den besten gerechnet werden.

      Meine Nr. 2.


      "http://operadepot.com/members/?page_id=300" "http://operadepot.com/members/wp-content/uploads/image/10298-4front.jpg"
      Klobucar 1969

      Berislav Klobucar dirigiert die Oper sehr unprätentiös und ohne jedes Pathos, doch weiß er auf seine Art durchaus zu überzeugen. Baileys Sachs ist um Welten besser als wenig später bei Solti im Studio, Hemsley als Beckmesser eine sichere Bank. Wirklich überragend ist Waldemar Kmentt in der Rolle des Walther von Stolzing. Der Rest ist mit Dernesch und Essen sehr gut besetzt.



      Karajan 1970

      Vor zwei Jahren galt sie mir schon als Referenz-Aufnahme, heute sehe ich es ein wenig anders. Die Rede ist von der berühmten Karajan-Studio-Aufnahme aus Dresden. Karajans Dirigat ist in der Tat vorzüglich und genügt höchsten Ansprüchen, die Staatskapelle der ideale Klangkörper für diese Oper. Adams Sachs ist für sich genommen sehr gelungen, allerdings kenne ich mittlerweile mindestens drei Rollenvertreter, die ihn noch überzeugender darstellen. Dasselbe gilt für den oft gescholtenen Sir Geraint Evans in der Rolle des Sixtus Beckmesser. Über Kollo (Stolzing), Donath (Eva), Schreier (David) und Ridderbusch (Pogner) braucht es dagegen nicht viele Worte, sind sind allesamt sehr, sehr gut. Summa summarum auf jeden Fall noch eine der Top-10-Aufnahmen.



      Varviso 1974

      Sehr feurig und impulsiv geht Silvio Varviso die Sache an in seinen "Meistersingern" von 1974 aus Bayreuth – ein sehr gelungenes Dirigat. Ridderbuschs Sachs würde ich ebenfalls ein "ausgezeichnet" zubilligen. Schwieriger wird es bei der Restbesetzung: Alle guter Durchschnitt, herausragend aber keiner (allenfalls noch Sotin als Pogner und Weikl als Nachtwächter).



      Solti 1975

      Das große Problem bei Soltis ersten "Meistersingern" ist Bailey als reichlich überforderter Sachs. Auch das Dirigat kommt grob herüber – keine der großen Leistungen von Sir Georg. Dagegen brillieren Weikl als Beckmesser und Kollo als Stolzing, der Rest ist guter Durchschnitt.



      Jochum 1976

      Ich habe mir diese Aufnahme wegen Fischer-Dieskau als Sachs gekauft – viele würden sie wohl gerade deswegen meiden. Festzuhalten bleibt, daß ihm eine m. E. sehr gute Darstellung des Poeten gelingt, weniger des Schusters. Die restliche Besetzung ist sehr gut (Ligendza) bis überragend (Laubenthal, Hermann). Wäre Domingos Deutsch nicht so furchtbar, er könnte als idealer Stolzing gelten. Jochums Tempi sind für meinen Geschmack zu schnell.


      "http://premiereopera.com/search.aspx?find=meistersinger+sawallisch"
      Sawallisch 1979

      Dieser Premieren-Mitschnitt aus dem Münchner Nationaltheater zeigt uns einen überragenden Fischer-Dieskau, der die Partie des Sachs bis zum Schluß überzeugend wiedergibt. Der Rest ist gut bis hervorragend, insbesondere Schreier als David und Kollo als Stolzing. Sawallischs Dirigat ist famos.



      Sawallisch 1993

      In Sawallischs Studio-Aufnahme, die wiederum überragend dirigiert ist, brillieren Weikl als sehr menschlicher Sachs, Lorenz als Beckmesser, Heppner als Stolzing, Studer als Eva sowie van der Watt als David. Der altersweise Kurt Moll stellt einen überragenden Pogner dar, der junge René Pape den Nachtwächter. Für mich die beste Aufnahme der letzten zwanzig Jahre.

      Meine Nr. 3.



      Solti 1995

      Soltis zweite "Meistersinger"-Aufnahme ist besser dirigiert als seine erste. Das Problem ist wiederum der Sachs, diesmal der ältliche van Dam. Die restlichen Sänger bewegen sich auf gutem Mittelmaß, lediglich Heppner als Stolzing sticht heraus.


      "http://premiereopera.com/search.aspx?find=meistersinger+thielemann&log=false&category=1
      Thielemann 2002

      In diesem Mitschnitt aus Bayreuth zeigt Christian Thielemann, daß er einer der besten lebenden Wagner-Dirigenten ist. Robert Holls Sachs ist insgesamt ziemlich gelungen, Schmidts Beckmesser, Magees Eva und Biebers David ebenso. Am besten ist der junge Smith als Stolzing.


      [Radio-Mitschnitt]
      Weigle 2009

      Das Problem dieses Bayreuther Mitschnitts ist der Dirigent: Selten hörte man die "Meistersinger" derart lieblos heruntergespielt. Weigles Dirigat ohne eigene Akzente läßt jede Größe vermissen. Sehr schade, wo doch mit Alan Titus einer der besten lebenden Sachs-Sänger dabei ist. Auch der Rest vermag zu überzeugen, insbesondere Vogt als Stolzing.
      "Kinder, schafft Neues!"
    • Lieber Wagnerianer,

      Danke für diesen wichtigen Thread. Die "Meistersinger" sind wohl vielen von uns sehr ans Herz gewachsen, so auch mir. Auf die Schnelle nur einige kurze Ergänzungen aus meiner Hörperspektive:



      Eugen Jochum, 1949 - ein beachtliches Dirigat, ein noch immer großartiger Hans Hotter als Sachs; Günter Treptow als Stolzing wirkt zu wenig jugendlich, Benno Kusche als Beckmesser noch nicht so profiliert wie später, Annelies Kupper ist nicht schlecht, aber keine Spitzen-Eva. Ganz ausgezeichnet jedoch Paul Kuen als David, der kann sich sogar mit Unger messen.



      Karajan 1951. Insgesamt eine ganz gute Einspielung, in welcher der überragende Gerhard Unger als David alles überstrahlt.



      Josef Keilberth, 1963. Die beste, mir geläufige Live-Aufnahme (Eröffnungsvorstellung des Münchner Nationaltheaters), die durchgehend sehr hohes Niveau aufweist. Otto Wiener als Sachs ist wohltuend unprätentiös, Jess Thomas ein strahlender Stolzing, Claire Watson ein wunderbares Evchen (auch wenn sie nicht so viel Metall in der Stimme hat), Kusche ein ausgereifter Beckmesser der karikierenden Art und Friedrich Lenz ein beachtlicher David.

      Im Radio hörte ich Anno dazumal einmal eine mich sehr ansprechende Bayreuth-Übertragung mit Norman Bailey und Janis Martin, aber soviel ich weiß, war es nicht die im Handel befindliche Aufnahme mit Kollo.

      Die neue Aufnahme mit Weigle kenne ich nur in Ausschnitten. Die schleppenden Tempi überzeugten mich nicht, und Vogt als Stolzing empfand ich nur als achtbare Schmalspurbesetzung.

      Liebe Grüße
      Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Vielen Dank für das Thema! "Die Meistersinger von Nürnberg" gehört zu meinen absoluten Lieblingsopern. Ich habe schon etliche Aufführungen besucht und entdecke jedes Mal immer noch neue Schönheiten in der an musikalischer Inspiration überreichen Partitur.

      Besonders fasziniert mich an diesem Werk die Rolle des Orchesters, und deshalb ist mir neben der Qualität der Sänger und des Dirigenten auch der Orchesterklang sehr wichtig. Das betrifft vor allem die Holzbläser, die mir in älteren Aufnahmen (vor 1960) leider sehr oft ziemliches Mißbehagen verursachen. Momentan besitze ich nur die Münchener Einspielung unter Keilberth (von 1963). Die gefällt mir summa summarum nur so lala, und daher liebäugele ich mit einer Neuanschaffung, obwohl ich mir gerade Opern ansonsten selten in mehreren Interpretationen zulege.
      Nach den oben zu lesenden Angaben könnte die Thielemann-Version von 2002 für mich das Richtige sein - ich liebe den Sound des Bayreuther Festsoielorchesters. Gibt es zu dieser Interpretation noch andere Meinungen? Oder weitere Tipps bezüglich neuerer Einspielungen mit einem deutschen Orchester?

      Viele Grüße

      Bernd
    • Lieber Waldi,

      vielen Dank für Deine Ergänzungen!
      (Auch wenn es einen anderen Anschein hatte, es fehlen in der Tat noch mindestens zwanzig Aufnahmen.)

      Den Keilberth-Mitschnitt überlegte ich mir auch schon mal zur Anschaffung. In dem Zusammenhang will ich noch auf einen weiteren Münchner Keilberth-Mitschnitt verweisen, und zwar aus seinem Todesjahr 1968, der kürzlich bei Opera Depot erschien:

      link funktionnierte nicht mehr; mto

      Nach erstem Vernehmen soll er vorzüglich sein und dem viel bekannteren Premieren-Mitschnitt mindestens ebenbürtig. Ein eigenes Bild konnte ich mir noch nicht machen.

      Ich habe soeben mal etwas recherchiert bzgl. eines vermeintlichen weiteren Mitschnitts mit Bailey und Martin ohne Kollo. Und in der Tat könnte es einen solchen gegeben haben:

      Norman Bailey sang den Sachs in Bayreuth 1969 und 1970, erst unter Klobucar, dann unter Wallat.

      Hier die '70er-Besetzung:

      Sachs: Adam, Bailey
      Stolzing: Kmentt, Kozub, Cox
      Eva: Martin
      Pogner: Ridderbusch
      Beckmesser: Hemsley
      Kothner: Nienstedt
      Vogelgesang: Laubenthal
      Magdalene: Andersson
      David: Esser
      Nachtwächter: Rundgren


      Statt Kollo sang Laubenthal den Vogelgesang.

      Es könnte also sein, daß es auch einen Radio-Mitschnitt von 1970 gibt.

      Liebe Grüße
      :wink:
      "Kinder, schafft Neues!"
    • Lieber Bernd,

      was die Bayreuther Thielemann-Mitschnitte angeht (es gibt welche von 2001 und 2002), so war in der Presse damals die Meinung relativ einhellig, daß es sich um großartige Dirigate handelt (freilich darf man gewisse Gegenstimmen nicht verschweigen). Jedenfalls, und soviel kann man objektiv m. M. n. durchaus behaupten, liegen Welten zwischen dem, was Thielemann 2002 dirigierte, und dem, was Weigle am Wochenende ablieferte.

      Wenn Du eine klanglich besonders gute neuere Bayreuther Aufnahme suchst, dann wäre noch diese offiziell bei Teldec erschienene von 1999 eine Option (auch als DVD erhältlich):



      Es dirigiert Barenboim, singen tun u. a. Holl und Seiffert. Ich muß dazu sagen: Ich selber kenne diese Aufnahme aber nicht, wäre daher auch über eine kurze Stellungnahme eines Berufenen erfreut.

      Daneben gibt es, was Bayreuth der letzten zwanzig Jahre anbelangt, nur noch eine offizielle DVD der neuen Katharina-Wagner-Inszenierung (Aufzeichnung 2008), ich will fast sagen: leider wieder unter Weigle. :wacko:



      Ansonsten ist man auf Radio-Mitschnitte angewiesen (bei Premiere Opera ('http://premiereopera.com/') und beim House of Opera ('http://store.operapassion.com/') wird man hier schnell fündig).

      Liebe Grüße
      :wink:
      "Kinder, schafft Neues!"
    • Lieber Wagnerianer,

      Sicher gibt es noch weit mehr als zwanzig weitere Aufnahmen. Ich weiß auch nicht auswendig, was daheim noch herumsteht. Warte nur, bis Edwin wieder Zeit findet! Der ist ein Meistersingerist von Graden und liebt die Oper ebenfalls heiß.

      Ja, 1970 könnte stimmen. Vermutlich sang damals Cox den Stolzing. Ich ließ beim Hören ein kleines Bandgerät mitlaufen, aber die Bänder sind vermutlich längst perdu. Sehr schön habe ich aber noch das Quintett "Selig, wie die Sonne" in Erinnerung.

      LG
      Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Wagnerianer schrieb:

      Sachsens Schlußansprache besagt folglich auch nichts anderes, als daß die deutsche Kunst auch das Ende des Heiligen Römischen Reiches überleben würde, welches zu Wagners Lebzeiten ja auch bekanntlich schon untergegangen war.
      Ähm, das ist schon eine ganz besonders verniedlichende Sichtweise. Indem man den Schlussmonolog auf diese Weise banalisiert, nimmt man ihm alle Problematik. Was natürlich bequem ist. Denn dann fallen keine dunklen Schatten mehr auf diese großartige Oper.

      Die Meistersinger sind doch kein Historienspiel! Wagner hat sich hier mit der Kunst an sich auseinandergesetzt. Unter "deutscher Kunst" verstand er auch nicht ein "von einem Deutschen angefertigtes Kunstwerk". Seine Auffassung geht eher in die Richtung "deutsch=allgemeingültig". Stark vereinfacht und etwas polemisierend gesagt lese ich den Schlussmonolog eher so: Das Echte, Gute, Wahre kann nur von aufrechten (deutschen) Künstlern gegen den "welschen Tand" eines Mendelssohn oder Meyerbeer verteidigt werden.

      Ich kann soeben keinen ausführlichen Beitrag hierzu schreiben. Vorerst nur noch zwei Sätze hierzu:

      Die Meistersinger halte ich für ein Kunstwerk alleroberster Güteklasse.
      Den Schlussmonolog finde ich grausig. Ganz gleich, ob man ihn nur aus dem Werk heraus betrachtet, oder vor dem Hintergrund von Wagners Kunstauffassung.

      Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Wagnerianer schrieb:

      Sachsens Schlußansprache besagt folglich auch nichts anderes, als daß die deutsche Kunst auch das Ende des Heiligen Römischen Reiches überleben würde, welches zu Wagners Lebzeiten ja auch bekanntlich schon untergegangen war.
      Ähm, das ist schon eine ganz besonders verniedlichende Sichtweise. Indem man den Schlussmonolog auf diese Weise banalisiert, nimmt man ihm alle Problematik. Was natürlich bequem ist. Denn dann fallen keine dunklen Schatten mehr auf diese großartige Oper.

      Die Meistersinger sind doch kein Historienspiel! Wagner hat sich hier mit der Kunst an sich auseinandergesetzt. Unter "deutscher Kunst" verstand er auch nicht ein "von einem Deutschen angefertigtes Kunstwerk". Seine Auffassung geht eher in die Richtung "deutsch=allgemeingültig". Stark vereinfacht und etwas polemisierend gesagt lese ich den Schlussmonolog eher so: Das Echte, Gute, Wahre kann nur von aufrechten (deutschen) Künstlern gegen den "welschen Tand" eines Mendelssohn oder Meyerbeer verteidigt werden.

      Ich kann soeben keinen ausführlichen Beitrag hierzu schreiben. Vorerst nur noch zwei Sätze hierzu:

      Die Meistersinger halte ich für ein Kunstwerk alleroberster Güteklasse.
      Den Schlussmonolog finde ich grausig. Ganz gleich, ob man ihn nur aus dem Werk heraus betrachtet, oder vor dem Hintergrund von Wagners Kunstauffassung.

      Falstaff

      Lieber Falstaff,

      die Frage ist m. E. schon mal, was Wagner genau mit "welschen Dunst mit welschem Tand" gemeint hat.
      Meinte er damit die Italiener (m. E. eher unwahrscheinlich)? Die Franzosen (halte ich für durchaus möglich, wenn man die angespannten dt.-frz. Beziehungen dieser Zeit sich betrachtet, die kurz darauf auch zum Kriege führten)? Oder meinte er, wie Du auch indirekt schon schreibst, die Juden?

      Man muß auch dazu sagen: Diese Oper entstand ja in einer Zeit, als es noch keinen deutschen Nationalstaat gab, also durchaus die Gefahr bestehen konnte, daß die ehemaligen deutschen Staaten im Heiligen Römischen Reich ihre sie miteinander verbindende Identität verlieren konnten. Es gab zwar den Deutschen Bund, aber der war ja eher eine künstliche Behelfskonstruktionen, die den zunehmenden nationalen Tendenzen immer weniger gerecht wurde. So standen ja auch 1866 deutsche Staaten gegen andere deutsche Staaten im Krieg sich gegenüber. Wagner sieht insofern die deutsche Kunst auch als Träger und Bewahrer der deutschen Kultur an sich in Zeiten, wo es eben kein "deutsches" Reich gibt (man bezeichnete zu Wagners Zeiten das Alte Reich, 1806 untergegangen, ja anachronistisch auch oft als "Deutsches Reich"). Jedenfalls sind die die scharf nationalistischen Töne m. E. aus ihrer Zeit heraus zu verstehen, wie auch die des Deutschland-Liedes ("Deutschland, Deutschland über alles").

      Liebe Grüße
      :wink:
      "Kinder, schafft Neues!"
    • Lieber Wagnerianer,

      Deinen letzten Ausführungen stimme ich zu. Du siehst die Meistersinger und vor allem die "Deutschtümelei" darin vor dem Hintergund ihrer Entstehungszeit.
      Die Stellen der Oper, in denen eine solche "Deutschtümelei" vorkommt, finde ich weitgehend unproblematisch, gerade aus den von Dir genannten Gründen. Natürlich haben sie auf uns, die wir die Rezeptionsgeschichte der Meistersinger kennen, eine befremdende Wirkung. Aber das will ich der Oper nicht zur Last legen.

      Neben dem Hochhalten der "deutschen Kunst", wie Du es in deinem letzten Beitrag beschrieben hast, gibt es im Schlussmonolog jedoch noch eine zweite Komponente: den "welschen Tand". Zum Wort "welsch" der Beginn des entsprechenden wikipedia-Artikels:

      Welsche oder Walsche ist vermutlich ursprünglich die germanische Bezeichnung für die Kelten. In der deutschen Sprache werden heute unter Welschen als Exonym jeweils die am nächsten wohnenden romanischen Völker bezeichnet, und in seinen Varianten ist diese Bezeichnung über ganz Europa zu finden.
      Entsprechend zu "Tand":

      Tand ist die sprachlich gehobene und ungebräuchlicher werdende Bezeichnung für ein hübsches Ding, das keinen Wert hat.
      "Welscher Tand" ist hier also wohl gefällige und leicht konsumierbare, und folglich beliebte Musik, jedoch mit geringem künstlerischem Wert, nicht-deutscher Herkunft.

      Zwischen "Deutscher Kunst" und "Welschem Tand" wird ein Gegensatz aufgebaut.
      Nur: Wann ist für Wagner ein Kunstwerg "deutsch"? Und wann ist es "welsch"?

      Hier ergibt sich eine grundlegende Frage, wie man an die Meistersinger herangehen will:

      1) Betrachtet man die Oper nur aus sichselbst heraus, sprich: nur anhand von Text und Musik? oder
      2) Betrachtet man die Oper auch in Bezug auf andere Äußerungen Wagners, insbesondere von Schriften wie "Oper und Drama", "Kunst und Religion", sowie "Das Judentum und die Musik".

      Im ersten Fall halte ich den Text des Schlussmonologes für so schwammig und nichtssagend, dass man in ihm sehen kann, was man will: Man kann ihn harmlos deuten, keine Problematik darin sehen. "Welscher Tand" ist dann eben z.B. die erfolgreiche italienische Oper, die Wagner wie auch Beethoven und Schubert als seicht ansah. Ich finde das jedoch, wie oben schon geschrieben, verniedlichend.

      Zumindest im zweiten Fall wird es problematisch. Wagner sah "das Deutsche" unter Anderem als "das Allgemeingültige" an. Zumindest wollte er durch seine Kunst das "Deutsche" zum "Allgemeingültigen" machen. Hier sah er sich vielleicht auch als eine Art Apostel. Und wenn dann im Gegensatz zum "Deutschen" das "Blendwerk" steht, dann ist das genau die Richtung von Wagners Hasspredigten gegen Mendelssohn. Natürlich gehe ich davon aus, dass Wagner im Schlussmonolog der Meistersinger nicht gezielt, und schon gar nicht ausschließlich, gegen Mendelssohn, Meyerbeer etc. schießen wollte. Aber das schwing schon allzu deutlich mit...
      Wenn man versucht herauszufinden, was Wagner mit dem Schlussmonolog "wirklich gemeint" hat und dabei über das Textbuch hinausgeht, so kann einem wahrlich übel werden...

      Die Meistersinger sind ein dermaßen überragendes Kunstwerk, dass sie den Schwierigkeiten, die der Inhalt sowie die Rezeptionsgeschichte ihnen aufbürden, bestens standhalten. Diesen Schwierigkeiten will ich nicht aus dem Weg gehen und ich will sie nicht ausblenden. Das macht den Umgang mit den Meistersingern natürlich kompliziert. Denn dann gibt es nicht nur Zurücklehnen und im Klangrausch baden, sondern auch mühevolle Auseinandersetzungen. Die Kunst darf solche Kontroversen bereithalten, sie wird dadurch weniger gefällig, dafür umso vielschichtiger. Und noch einmal: Dass die Meistersinger unter einer solchen Last nicht zusammenbrechen, zeigt vielleicht erst in letzter Konsequenz auf, wie großartig sie sind.

      Beste Grüße,
      Falstaff

      P.S.: Meine letzte Beschäftigung mit Wagner liegt schon einige Zeit zurück. Als Quelle für diesen Beitrag habe ich nur mein Gedächtnis benutzt.
    • Falstaff schrieb:

      Neben dem Hochhalten der "deutschen Kunst", wie Du es in deinem letzten Beitrag beschrieben hast, gibt es im Schlussmonolog jedoch noch eine zweite Komponente: den "welschen Tand".


      Der falschen welschen Majestät ist eine soziale Dimension eingeschrieben, wie sie für den Nationalismus des 19. Jahrhunderts typisch ist: nationalbewusstes Bürgertum vs. fremdländische Adels- und Fürstenherrschaft. Die Annahme, dass Chauvinismus dann entschuldbar ist, wenn er sich als revolutionär gebärdet, teile ich allerdings nicht (bereits 1848 trumpfte die Linke in der Paulskirche mit extremen Nationalismus auf). Zudem wird, wie auch schon von Falstaff erläutert, das "Welsche" ja noch weiter denunziert: "und welschen Dunst mit welschen Tand sie pflanzen uns in deutsches Land!" - eine Abwertung der romanischen Kulturen, wie sie sich Wagner des öfteren geleistet hat. Das muss man hier ausnahmsweise nicht mit dem Antisemitismus verknüpfen: gemeint sind generell große Teile der französischen und italienischen Kultur.

      Vgl. etwa diesen Tagebuch-Eintrag Cosima Wagners vom 12.2.1871: Abends bringt [Hans Richter] das Gespräch auf Gounod, welches uns denn eine fürchterliche Musikliteratur durchwandern lässt, "Faust", "Prophet", "Hugenotten", Bellini, Donizetti, Verdi, alles hintereinander, mir wird physisch übel, ich nehme einen Band Goethe und suche Rettung. Doch nichts hilft, ich leide und leide. Richard wird es auch zu arg und bittet Richter aufzuhören, nachdem dieser ihm zu beweisen gesucht, daß Verdi nicht schlechter als Donizetti war. (Respekt vor Hans Richter übrigens! Auch sollte man hier natürlich berücksichtigen, dass Cosima weitaus fanatischer reagiert als ihr Ehemann.)

      Der ließ sich nämlich ungern festlegen - ein Eintrag Cosimas am 3.8.1872: Richard singt eine Kantilene aus den "Puritanern", dabei bemerkend, daß Bellini solche Melodien gehabt, wie sie schöner nicht geträumt werden können. Dabei gedenkt er Rubinis, wie wundervoll er dies gesungen, und meint: 'Auf ganz andre Wege müssen unsre deutschen Sänger sich begeben, diese Begabung haben sie nicht'....


      Zurück zu Sachsens Schlussansprache in den Meistersingern:

      Es muss der Entstehungskontext dieser Szene berücksichtigt werden: Wagner wollte sie eigentlich nicht vertonen (weil er um ihre ästhetische Fragwürdigkeit wusste), wurde aber von der unseligen Cosima dazu überredet: der nochmals - auch bei den Wagners - anschwellende antifranzösische Chauvinismus in den späten 60er Jahren (im Vorfeld des 70/71er-Krieges) ließ auf mächtigen Applaus hoffen, der dann auch nicht ausblieb.

      Die dramaturgische Fragwürdigkeit dieser Szene offenbart sich in der Tatsache, dass sie wie ein Anhängsel erscheint, auf das in der subtil vernetzten Oper nichts, aber auch gar nichts vorausdeutet. Wie Ulrich Schreiber hier sinngemäß schreibt: Wagner begeht den Kardinalfehler, die imaginäre vierte Wand zwischen Bühne und Publikum einzureißen, an das sich der Appell unüberhörbar richtet.

      Schließlich die Musik: Nach stundenlangem, überaus kunstvollem Beziehungszauber ist die Schlusszene von frappierender Simplizität. Verräterisch die Stelle Habt acht! Uns dräuen üble Streich'!, an der Wagner schmerzlich primitiv genau in den musikalischen Tonfall zurückfällt, der die unzweifelhaft chauvinistischen Szenen im Lohengrin prägt (und das war vermutlich die plumpeste Musik, die Wagner je komponiert hat).


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Vielen Dank, Bernd, für Deine Erläuterungen. Bisher habe ich nicht gewusst, dass Wagner selbst den Schlussmonolog als problematisch empfunden hat. Auch wenn es für mich stets schwer vorstellbar war, dass er die Probleme mit diese Stelle nicht gesehen hat.


      Ganz kurz: OT-Modus an.

      Zwielicht schrieb:

      Der ließ sich nämlich ungern festlegen - ein Eintrag Cosimas am 3.8.1872: Richard singt eine Kantilene aus den "Puritanern", dabei bemerkend, daß Bellini solche Melodien gehabt, wie sie schöner nicht geträumt werden können. Dabei gedenkt er Rubinis, wie wundervoll er dies gesungen, und meint: 'Auf ganz andre Wege müssen unsre deutschen Sänger sich begeben, diese Begabung haben sie nicht'....
      Dass Wagner Bellini geschätzt hat: Kann das auch daran liegen, dass Bellini schon tot war und ihm keine Konkurrenz machen konnte? Mögliche Konkurrenten auf der Opernbühne hat Wagner meines Wissens immer sehr abwertend angegangen.

      OT-Modus aus.

      Beste Grüße,
      Falstaff
    • Falstaff schrieb:

      Dass Wagner Bellini geschätzt hat: Kann das auch daran liegen, dass Bellini schon tot war und ihm keine Konkurrenz machen konnte? Mögliche Konkurrenten auf der Opernbühne hat Wagner meines Wissens immer sehr abwertend angegangen.


      Das ist sicher richtig (insb. bei Verdi, den er konsequent ignoriert hat), aber bei Bellini scheint es sich anders zu verhalten: Bereits aus Wagners Zeit in Riga (also Ende der 30er Jahre) gibt es einen Artikel Wagners, in dem er Bellini geradezu als ein Modell zeitgenössischen Komponierens hinstellt (ist in den Gesammelten Werken enthalten). Wagner stand der italienischen Tradition ja anfangs gar nicht so fern, wie etwa das Liebesverbot zeigt. Später gibt es so manche verächtliche Äußerung über die ganze Belcanto-Tradition, insbesondere dann, wenn Wagner mal wieder Musikpolitik betrieb (und das tat er leider ziemlich oft). Aber dann bricht wieder eine fast schon sentimentale Zuneigung zu Bellini durch: ganz rührend-melodramatisch eine (auch bei Cosima geschilderte) Szene aus Wagners letzten Lebensjahren, als er in Neapel irgendeinen alten Doyen des Musiklebens trifft, der Bellini noch persönlich gekannt hat, und beide sich mit "Bellini, Bellini!"-Rufen heulend in den Armen liegen.

      Noch mehr OT: Neben dem vielen Grausigen und Zweifelhaften, das in Cosimas Tagebüchern steht, gibt es dort auch (wenige) Schilderungen privater Situationen, in denen Wagner abseits seiner ideologischen Vernebelung rein als Musiker andere Komponisten beurteilt: beachtlich z.B. die gelegentliche Begeisterung für den musikpolitisch für ihn sonst ganz uninteressanten Haydn. Selbst eine enthusiastische Äußerung über Mendelssohns Musik findet sich. Leider sehr rare Momente bei Herrn Wagner.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ich besitze nur die DVD mit Katharina Wagners Inszenierung, was nicht heisst, dass ich noch nie eine Otto Schenk-Inszenierung des Werks gesehen habe. Nun ja, ihr werdet mich jetzt umbringen, aber ich finde dass das eine der besten Meistersingerinszenierungen ist, die ich je gesehen habe. Mir war keine einzige Minute langweilig. Ich will hier aber keine lange Diskussion zu dieser Inszenierung starten, weil es hier ja um die Meistersinger im allgemeinen geht. Aber ich kann diese DVD nur bedingt empfehlen. Auf der Plusseite sind meines Erachtens Volle als Beckmesser (einfach GENIAL), Korn als Pogner, Ernst als David (mir gefällt nur Schreier besser), Vogt als Stolzing (hier geht dieses Knabenhafte sehr gut) und Eiche als Kothner.

      Auf der Minusseite dann aber unter dem Strich doch Hawlata: ein Schmiss im Schusterlied (den er aber sehr gut überspielt), zum Teil will die Stimme gar nicht anspringen. Gleichzeitig überrascht er aber auch mit sehr guten Momenten, wo die Stimme sehr gut fokussiert ist, einen schönen, warmen Kern hat. Doch leider überzeugen die eher schlechteren Stellen. Darstellerisch ist er aber ein absoluter Spitzensachs, obwohl ich denke, dass das nicht seine Partie ist... Ebenfalls nicht überzeugend (übrigens alles subjektiv) Kaune als Eva: Auch ihr gelingen grossartige Momente (Szene nach dem Fliedermonolog, wie sie da langsam beginnt zu kochen, dass macht sie wirklich gut) aber oft klingt sie mir zu schrill fürs Evchen, ich mag da halt Stimmen wie Gens, also rein lyrisch veranlagte Stimmen.

      Mir gefällt auch Weigles Dirigat (sorry...) aber es gibt da schon besseres.

      So, unter dem Strich würde ich die DVD dank den Inszenierung, Volle, Vogt, Ernst und Eiche empfehlen. dass heisst 3.5-4 Sterne von 5.
    • Zwielicht schrieb:

      Schließlich die Musik: Nach stundenlangem, überaus kunstvollem Beziehungszauber ist die Schlusszene von frappierender Simplizität. Verräterisch die Stelle Habt acht! Uns dräuen üble Streich'!, an der Wagner schmerzlich primitiv genau in den musikalischen Tonfall zurückfällt, der die unzweifelhaft chauvinistischen Szenen im Lohengrin prägt (und das war vermutlich die plumpeste Musik, die Wagner je komponiert hat).




      Dem kann ich leider nur zustimmen. Ich habe die Meistersinger lang nicht gehört, war aber früher wenn ich reinging wirklich hin- und hergerissen, ob ich in der Pause zum III. Aufzug gehen oder bleiben sollte; letzteres war mir durch das wunderbare Quintett nahegelegt, ersteres wegen des ganzen Festwiesen-Finales. Grauenvoll & langweilig. Ich habe es dann später so gemacht dass ich mir nen Logenplatz genommen habe, um nach dem Quintett dann still und leise gehen zu können ;)
      ________________________________________________________________________________________________________

      Musica est exercitium metaphysices occultum nescientis se philosophari animi
    • Recordatorio schrieb:

      ersteres wegen des ganzen Festwiesen-Finales. Grauenvoll & langweilig.


      Hm, jetzt fühle ich mich etwas missverstanden: meine allergische Reaktion bezog sich allein auf Sachsens Schlussansprache, nicht auf die ganze Festwiesenszene. Die finde ich über weite Strecken toll. Z.B. die leicht karikierenden Chöre der Zünfte, dann natürlich das Wacht auf als Synthese zwischen Alter Musik und Wagner'scher Chromatik (ein gewisses Unwohlsein aufgrund des fast bedrohlichen Unisonos der Anfangstakte kann ich verstehen, allerdings spricht auch das Wahnmotiv nach Ende des Chors eine deutliche Sprache). Das missglückte Beckmesser-Ständchen ist wie die ganze Figur natürlich problematisch, aber ansonsten ein Virtuosenstück. Und das "Weiterkomponieren" des Preislieds auf der Festwiese durch Stolzing (gegenüber der Schusterstuben-Fassung) steht eindrucksvoll für die Ästhetik der ständigen Erneuerung, des Nie-Stehenbleibens. Erst wenn ganz am Schluss Sachs in diesen König-Heinrich-Tonfall abkippt, hört`s bei mir auf. Da kann dann nur noch die Inszenierung retten.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • [Die folgende Frage wurde ursprünglich in Schon gehört? - Die Capriccio-Kaufberatung gestellt. Nach Rücksprache mit der Fragestellerin habe ich sie mitsamt der 13 Beiträge, die darauf folgten, hierhin überführt.
      :wink:
      Gurnemanz]



      Liebe Capricciosi!

      Ich höre gerade die jaulende und rauschende Meistersinger-Aufnahme von 1937 unter Toscanini. Das bestärkt mich in dem Vorhaben, dass diese nicht meine einzige Meistersinger-Aufnahme sein sollte.

      Wer kann mir welche warum empfehlen? Ich hoffe auf viele Vorschläge - meine letzten Wagner-Erwerbungen (Parsifal/Kegel, Ring/Neuhold) auf Eure Empfehlungen hin haben mein Wohlgefallen gefunden!

      Liebe Grüße
      :wink:
      Renate
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)
    • amelia grimaldi schrieb:


      Ich höre gerade die jaulende und rauschende Meistersinger-Aufnahme von 1937 unter Toscanini. Das bestärkt mich in dem Vorhaben, dass diese nicht meine einzige Meistersinger-Aufnahme sein sollte.


      meine derzeit liebsten sind



      Ich kenne allerdings Kubelik und Kempe noch nicht...

      :wink:
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • Liebe Amelia, liebe Renate,

      to whom it may concern... ;+)

      amelia grimaldi schrieb:

      [...] Wer kann mir welche warum empfehlen? [...]


      mein aktueller Favorit - und dies seit geraumer Zeit - ist die Aufnahme unter Kubelik:



      Erfahrene Bayreuth-Sänger (jedoch in anderen Partien :huh: ). Sehr ausgewogen insgesamt.

      Danach folgt:



      Auch hier ein starker Sachs: Bernd Weikl. Andere Partien (Studer) fallen relativ zur obigen Aufnahme etwas ab.

      :wink:
      Jean
      „Ich werde überhaupt nur noch ausschließlich mich selbst zitieren ...“ Algabal
    • Lieber TB, lieber Jean!

      Danke für Eure Vorschläge! Die Kubelik-Aufnahme spricht mich wegen der Sänger sehr an (Janowitz, Konya, Fassbaender), aber wie ich mich kenne, brauch ich wahrscheinlich nicht nur eine....


      Liebe Grüße
      :wink:
      Renate
      Unsre Freuden, unsre Leiden, alles eines Irrlichts Spiel... (Wilhelm Müller)