Konzertwochenende unter dem Eindruck der Attentate in Paris am 13.11.2015

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  • Konzertwochenende unter dem Eindruck der Attentate in Paris am 13.11.2015

    Am Morgen des geplanten Operettenkonzerts (14.11) der Bel Voce gesangssolisten und des Projektchors Schondorf/Hofstetten erfuhr die Welt von den grauenhaten Attentaten. Kann unter solchen Umständen der "leichten Muse" gefrönt werden?

    Ja, denn mehr und mehr geriet der Abend zur besonderen Homage an unsere französischen Nachbarn und Gelegenheit, ihnen in dieser Weise spontan und ungeplant unsere Solidarität zu bekunden; als Zeichen gegen die Absichten der Täter, die Lebensart unserer Nachbarn und Freunde zu zerstören, die im Besonderen zur Entwicklung des Genres beigetragen haben. Alle, die sich beteiligt haben, spürten die besondere Bedrückung, an der die künstlerische Vorbereitung jedes/r Einzelnen nicht vorbeikam.

    In bewegenden Worten nahm die Moderatorin gleich zu Anfang darauf Bezug, dass fehlgeleitete Leute Tod und Schrecken über so viele Menschen gebracht haben und drückte unsere Verbundenheit mit den Opfern und Trauernden aus. Nach der Pause wurde das nachträglich und anlassbezogen ins Programm genommene Stück "La virgine de gli angeli" aus La forza del destino von G. Verdi den unter tiefes Leid Gekommenen gewidmet und ihnen mit einer Schweigeminute vor Beginn gedacht.

    Der Ausklang mit dem beschwingten Finale "im Feuerstrom der Reben" endete schließlich in sponatanen Bekundungen "Vive la France" und der Grundwerte Liberté, Egalité, Fraternité als Ermutigung und Gruß an die schwer geplagten Nachbarn, sich nicht unterkriegen zu lassen von Terror, Zerstörung und Barbarei.

    Auch das Konzert in der regional sehr bekannten Erzabtei St. Ottilien unter dem Motto "verleih uns Frieden" stand noch ganz unter dem Zeichen der traurigen Ereignisse und begann mit einem Gebet des Paters und endete, was auch nicht so geplant war, mit der Arie "Doch der Herr vergisst die Seinen nicht" aus Mendelsohn - Bartoldys "Paulus"

    Ich bin tief berührt von diesem reichhaltigen Wochenende und glaube daran, dass die gebündelte Kraft von Musik, Kunst und Glauben an das Leben und die schöpferischen Kräfte auch dann Trost spenden kann, wenn andere Hilfe nicht mehr greifen kann.

    Chers Francais, nous sommes unies.
    (ein Gruß, der auch weltweit die Leidtragenden solcher Anschläge umfassen soll)


    LG
    Ulrica

    :wink: :wink:
    Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)

    ACHTUNG, hier spricht Käpt´n Niveau: WIR SINKEN!! :murg: (Postkartenspruch)
  • Liebe Ulrica,

    du hast das sehr schön in Worte gefasst, es hat auch meine Seele tief berührt. Die Spontanität der Sänger ein Lied für die Opfer in Frankreich zu singen, ging allen Beteiligten ans Herz, zumal ein Sänger Franzose war.
    Wie heißt es doch immer....Musik geht an die Seele, sie ist Seele und das haben wir in den beiden Konzerten gespürt, die Verbundenheit mit Frankreich, den Opfern und ihren Angehörigen. Zwei bewegende Konzerte, die mich noch lange innerlich beschäftigen. Ich danke allen, die dabei waren, die die Idee hatten die mich zu Tränen rührten und nicht nur mich......

    Danke Ulrica...und Gabi
    viele Grüße von musica
  • Vor einem vergleichbaren Dilemma standen heute Nachmittag vier Gesangssolisten, die in einer benachbarten Kirche ein Programm mit britischer Vokalmusik von Dowland bis Elton John präsentiert haben, mit Norbert H. in Höchstform am Klavier.
    Das heiter - beschwingte Finale stieß auf breite Akzeptanz durch das zahlreich erschienene Publikum, denn das anspruchsvolle Programm zuvor, einschließlich einer Gedenkminute für die Opfer des Terrors in Paris, hatte die Zuhörerschaft so nachdenklich gestimmt, dass der Schluss des Konzerts einer willkommenen Ventilfunktion gleich kam. Eine grandiose Leistung aller Beteiligten!

    Ciao. Gioachino
    miniminiDIFIDI
  • Am Samstag wurde vor Beginn des Schumann-Konzertes in der Marktkirche den Terroropfern in einer Schweigeminute gedacht. Eine höchst angemessene Reaktion. Das Konzert war fast vollständig ausverkauft. Es drängte sich keinesfalls der Eindruck auf, dass diese schrecklichen Ereignisse die Qualität der Wiedergabe beeinträchtigten.


    Wenn ich mir Radio-Mitschnitte vergegenwärtige, so ist das Eingehen von Musikern auf Nachrichten grässlicher Mordanschläge vor Konzertbeginn generell nichts Ungewöhnliches.

    Der Thread wäre u.U. in dieser Hinsicht zu erweitern, weil in Zukunft weitere Terrorangriffe gegen die USA/Europa bzw. Übergriffe/Morde gegen Minderheiten in der BRD höchst wahrscheinlich sind.

    Am 27.08.2000 widmete Christoph Eschenbach in einer kurzen Ansprache die Wiedergabe von Mahlers Sinfonie Nr. 5 mit den NDR-Sinfonieorchester in Kiel den Opfern rassistisch-antisemitischer Übergriffe, als zu diesem Zeitraum in der BRD Übergriffe und Morde auf ethnische und religiöse Minderheiten anstiegen.

    Am 11.09.2001 führte Peter Serkin Schönbergs komplettes Klavierwerk in der Berliner Philharmonie auf (sowie Bachs Ricercar aus dem MO + Haydns F-Moll-Variationen).
    Peter Serkin wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, ob sich unter den Opfern in NYC auch eigene Familienmitglieder, Verwandte oder Freunde sich befanden. Das Konzert war – des scheußlichen Terrorangriffs wegen - gering besucht. Peter Serkin bat um Aussparung jedweden Beifalls und widmete sein Konzert den Opfern des Terrors der Al-Qaida Mordbanden.

    Am 16.09.01 gab es von der Berliner Staatskapelle zu diesem Anlass ein Gedenkkonzert u.a. mit Schuberts Unvollendeter unter Michael Gielen.
    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
  • "Leichte Muse" und ein "heiter-beschwingtes Finale" sind unter den aktuellen Umständen sicher eine sehr heikle und schwierige Sache. Aus Euren Berichten lese ich, daß Ihr damit recht sensibel und angemessen umgehen konntet. Dafür meinen Respekt!

    :wink:
    Es grüßt Gurnemanz
    ---
    Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
    Helmut Lachenmann
  • Gestern gab es Brahms' Deutsches Requiem. Eine Gedenkminute an die Opfer von Paris unter Glockengeläut schloss sich daran an. Etwas unerwartet, aber natürlich sehr angemessen war, dass sich das gesamte Publikum von seinen Plätzen erhob. Zusammen mit der zuvor erklungenen Musik war das ein sehr bewegender Abend gewesen.
  • Ich war am Sonntag in einem Konzert, da gab es keine wie auch immer ausgeprägten Reaktionen auf den Anschlag. Ist mir auch nicht abgegangen.
    This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    playing in good Taste doth not confit of frequent Passages, but in expressing with Strength and Delicacy the Intention of the Composer (F. Geminiani)
  • Übrigens, das Konzert am Sonntag in St. Ottilien stand unter dem Motto "Verleih uns Frieden".....nach der Begrüßung und Einführung für das Konzert wurde mit allen Besuchern der vollen Kirche das Vater unser gebetet, im Gedenken an die Terroropfer in Paris.

    Zum Inhalt des Konzertes gehörte u.a. ein Lied "Vater, behüt uns, gib uns den Frieden.....Herr Gott, wir bitten, schenk uns den Frieden" das von einer jungen Sängerin gesungen wurde, man hätte in dieser großen Kirche eine Stecknadel fallen hören können.
    viele Grüße von musica
  • Ich war gestern auch in einem Konzert mit Schweigeminute. Klar, kann man machen. Hat aber mit selektiver Wahrnehmung zu tun. Wenn es das nächste Mal in Moskau, Mumbai oder Mogadischu wieder hunderte Terroropfer gibt, ist es unwahrscheinlich, dass diese mit einer derartigen Reaktion gewürdigt werden.
    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
  • figure humaine schrieb:

    Gestern gab es Brahms' Deutsches Requiem. Eine Gedenkminute an die Opfer von Paris unter Glockengeläut schloss sich daran an. Etwas unerwartet, aber natürlich sehr angemessen war, dass sich das gesamte Publikum von seinen Plätzen erhob. Zusammen mit der zuvor erklungenen Musik war das ein sehr bewegender Abend gewesen.

    figure humaine schrieb:

    Der Titel dieses Fadens fragt ja ganz eindeutig nach Eindrücken von Konzerten an diesem Wochenende und weder nach Kommentierung der Ereignisse noch nach Bewertung der Reaktionen... weiter vertiefen wollte ich die Diskussion in diese Richtung nicht.

    ;+)
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  • ThomasBernhard schrieb:

    Ich war gestern auch in einem Konzert mit Schweigeminute. Klar, kann man machen. Hat aber mit selektiver Wahrnehmung zu tun. Wenn es das nächste Mal in Moskau, Mumbai oder Mogadischu wieder hunderte Terroropfer gibt, ist es unwahrscheinlich, dass diese mit einer derartigen Reaktion gewürdigt werden.
    Jeden Tag sterben Menschen durch IS/Hamas/Al-Shabaab/Hisbolla-Terror, was inzwischen nicht oder kaum wahrgenommen wird.
    Aber bloß weil die Gemordeten in Paris und deren trauernden Verwandte/Freunde/Hinterbliebenden selektiv wahrgenommen werden, ist das jedoch prinzipiell kein Einwand gegen deren Würdgung durch eine Schweigegedenkminute vor einem Konzert am letzten Samstag.
    „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
  • Könnten wir versuchen, diesen Thread frei von Polemik zu halten? Das wäre wirklich sehr schön - und der Sache (selektive Wahrnehmung hin, je subjektive politische Einstellung her) irgendwie angemessen.

    Danke!

    Algabal für die Moderation
    Keine Angst vor der Kultur - es ist nur noch ein Gramm da.
  • Amfortas09 schrieb:

    ThomasBernhard schrieb:

    Ich war gestern auch in einem Konzert mit Schweigeminute. Klar, kann man machen. Hat aber mit selektiver Wahrnehmung zu tun. Wenn es das nächste Mal in Moskau, Mumbai oder Mogadischu wieder hunderte Terroropfer gibt, ist es unwahrscheinlich, dass diese mit einer derartigen Reaktion gewürdigt werden.
    Jeden Tag sterben Menschen durch IS/Hamas/Al-Shabaab/Hisbolla-Terror, was inzwischen nicht oder kaum wahrgenommen wird.
    Aber bloß weil die Gemordeten in Paris und deren trauernden Verwandte/Freunde/Hinterbliebenden selektiv wahrgenommen werden, ist das jedoch prinzipiell kein Einwand gegen deren Würdgung durch eine Schweigegedenkminute vor einem Konzert am letzten Samstag.


    Zumal ja auch die Wahrnehmung und Würdigung von Opfern des Terrors in Ländern des Nahen Ostens bzw. Afrika auch nicht viel weniger selektiv ist, wenn man das ganze auf das vielfältigste Leid in der ganzen Welt hochrechnet, das sich die Menschen gegenseitig antun. Aber das wird dann ganz schnell zynisch und führt unweigerlich zu einem Nihilismus, der in Defätismus münden kann. Und der hilft bekanntlich niemandem.
    Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...
  • Harnoncourt-Fan schrieb:

    Aber das wird dann ganz schnell zynisch
    Es ist eigentlich frei wählbar, was man dann zynisch findet. Die Gedächtnis-Flut für die 130 kommt auch in Frage.
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  • Harnoncourt-Fan schrieb:

    Aber das wird dann ganz schnell zynisch und führt unweigerlich zu einem Nihilismus, der in Defätismus münden kann. Und der hilft bekanntlich niemandem.


    Sehe ich nicht so. Zynisch sind andere Sachen. Etwa, dass Katastrophen, bei denen irgendwo am Arsch der dritten Welt Deutsche zu Schaden gekommen sind, tausendmal interessanter für deutsche Medien werden, weil Deutsche zu Schaden gekommen sind.

    Zynisch ist auch, dass sich niemand an Amfortas´ Todesmaschinenavatarbild trotz unklarer Urheberrechtslage zu stören scheint.
    Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
  • ThomasBernhard schrieb:

    Zynisch ist auch, dass sich niemand an Amfortas´ Todesmaschinenavatarbild trotz unklarer Urheberrechtslage zu stören scheint.
    Ich kann's nicht ausstehen und habe auch von anderen kritische Bemerkungen dazu gelesen.
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  • putto schrieb:

    Zitat von »figure humaine«
    Gestern gab es Brahms' Deutsches Requiem. Eine Gedenkminute an die Opfer von Paris unter Glockengeläut schloss sich daran an. Etwas unerwartet, aber natürlich sehr angemessen war, dass sich das gesamte Publikum von seinen Plätzen erhob. Zusammen mit der zuvor erklungenen Musik war das ein sehr bewegender Abend gewesen.


    Zitat von »figure humaine«
    Der Titel dieses Fadens fragt ja ganz eindeutig nach Eindrücken von Konzerten an diesem Wochenende und weder nach Kommentierung der Ereignisse noch nach Bewertung der Reaktionen... weiter vertiefen wollte ich die Diskussion in diese Richtung nicht.


    ;+)
    Wollte auch nur zu verhindern versuchen, dass die Diskussion nicht wieder unnötig politisch und/oder polemisch wird. Sorry, falls ich meinem eigenen Ansprüchen im ersten Beitrag nicht völlig gerecht geworden sein sollte.
    Mal schauen, was hier so draus wird :).