Sergej Prokofjew: Der feurige Engel - Münchner Erstaufführung - Bayerische Staatsoper 29.11.2015

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    • Sergej Prokofjew: Der feurige Engel - Münchner Erstaufführung - Bayerische Staatsoper 29.11.2015

      Komponist Sergej Prokofjew · Libretto vom Komponisten nach dem gleichnamigen Roman von Waleri J. Brjussow
      In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

      Musikalische Leitung Vladimir Jurowski
      Inszenierung Barrie Kosky
      Bühne Rebecca Ringst
      Kostüme Klaus Bruns
      Licht Joachim Klein
      Choreographie Otto Pichler
      Dramaturgie Miron Hakenbeck, Bettina Auer
      Chor Stellario Fagone

      Ruprecht Evgeny Nikitin
      Schenkwirtin Heike Grötzinger
      Wahrsagerin Elena Manistina
      Agrippa von Nettesheim Vladimir Galouzine
      Mephistopheles Kevin Conners
      Äbtissin Okka von der Damerau
      Faust Igor Tsarkov
      Inquisitor Goran Jurić
      Jakob Glock Ulrich Reß
      Mathias Wissmann Tim Kuypers
      Doktor Matthew Grills
      Knecht Christian Rieger
      Junge Nonne 1 Iris van Wijnen
      Junge Nonne 2 Deniz Uzun
      Renata Svetlana Sozdateleva
      Schankwirt Andrea Borghini

      Bayerisches Staatsorchester
      Chor der Bayerischen Staatsoper

      Hallo zusammen,

      ich habe gestern etwas im Münchner Nationaltheater erlebt, was es nicht mehr so oft zu erleben gibt: Eine Münchner Erstaufführung einer Oper eines der großen Komponisten des 20. Jhs.

      Soweit ich erkennen kann, gibt es keinen Thread zu diesem Stück, obwohl es in den vergangenen Jahren doch eine Reihe an Inszenierungen gab.

      Über die Gründe, warum diese eigentlich furchtbar überzeugende Oper so wenig Rezeption findet, mögen berufenere als meine Wenigkeit referieren, mich hat diese Oper sehr mitgerissen. Und ich bin ja auch mit einem Teil der Musik schon vorher vertraut gewesen, weil ich ich Prokofjews 3. Symphonie kenne, in die er wichtige Passagen seines zu Lebzeiten des Komponisten nie vollständig aufgeführten op. 37 hat einfließen lassen. Ich bin wahrlich kein Prokofjew-Spezialist, habe die Oper auch noch nicht vorher gehört, insofern war es für mich eine Erstbegegnung, über die ich hier schreibe.

      Die Inszenierung hat bestimmte Grundkonstanten: da die beiden Hauptrollen Ruprecht und Renata in nahezu allen Szenen spielen und singen, sie in der Inszenierung als Paar begriffen werden, spielt sich alles in einem Hotelzimmer ab, dessen Äußeres gelegentlich durch aufwändige Umbauten verfremdet werden, die Szenerie ist heute. Damit werden schon bestimmte Entscheidungen getroffen, die eher in die Richtung der (hinter dem Ursprungsroman von Brjussow stehenden) realen aktuellen Liebesbeziehung zielen, denn in die (von Brjussow beschriebene) Szenerie im mittelalterlichen Deutschland.

      Im Stück tritt mit Agrippa von Nettesheim mindestens eine historische Gestalt auf, Faust mit Mephisto würde ich da eher als mythische Figuren interpretieren .... es gibt den Auftritt einer Wahrsagerin, eine Begegnung mit Klopfzeichen gebenden Geistern, eine Teufelsaustreibung im Kloster, also viele Szenen, die einem realistischen Zugriff auf die Geschichte eher im Wege stehen sollten. Mit Barrie Kosky hat man nun einen Regisseur gefunden, der sich traut, eine überzeugende Mischung aus Spuk(klamauk), Splatter- und überbordenden Tanzszenen für dieses Stück zu definieren, so dass diese Szenen einerseits überwältigen, andererseits aber in diese sehr ver-rückte Geschichte passen.

      Glücklicherweise versucht die Inszenierung gar nicht erst, die logischen Brüche im Stück zu kitten (Prokofjew hatte mit diesen im Rahmen der Fertigstellung in der zweiten Hälfte der 1920'er Jahre wohl auch seine Probleme), sondern lässt jede Menge schrille Figuren (z.B. im Gefolge des Agrippa von Nettesheim) auftreten. Hier sind sowohl Tänzer als auch Statisten in abenteuerlich bunten Tattoos und Bekleidungsstrecken unterwegs, der Frauenchor in der Klosterszene des 5. Akts steckt in blutverschmierten Kutten.

      Gesanglich und darstellerisch haben mich Nikitin und Sozdateleva in ihren ungemein schwierigen und physisch fordernden Partien sehr überzeugt, insbesondere die zumeist sehr hysterische Renata so überzeugend zu gestalten, verlangt eine großartige Einteilung der Kräfte. Von den vielen kleinen Rollen waren in meinen Ohren am überzeugendsten Vladimir Galouzine als Agrippa von Nettesheim und Kevin Conners als Mephistopheles. Der Chor hat hier deutlich weniger und vor allem in den ersten Akten sehr unbefriedigend kurze Passagen zu gestalten, hier war vor allem Präzision und Präsens gefragt, das wurde toll gelöst.

      Das Bayerische Staatsorchester unter Vladimir Jurowski hat mich nicht restlos überzeugt, viele Passagen wirkten außerordentlich präzise, aber leidenschaftslos gespielt, in einigen exaltierten Passagen (Nettesheim-Szene) fehlte mir nicht so sehr Lautstärke denn Biss in eigentlich allen Stimmen.

      Das sehr reservierte Premierenpublikum war nicht besonders großzügig mit Applaus, ich habe allerdings keinerlei Buh-Rufe für die Regie gehört, vielleicht war für Buhrufe aber auch niemand zu sehr interessiert an dem Stück.

      Die Aufführung am 12.12. ab 19 Uhr wird es im Staatsoper TV geben.

      Ich bin gespannt auf das feedback anderer Zuhörer/Zuschauer

      LG Benno
    • Wir haben auch einen Thread über die Produktion an der Komischen Oper Berlin vor knapp zwei Jahren (man sieht, diese Oper erlebt z.Zt. eine kleine Renaissance) - schon damals hatte Svetlana Sozdateleva die Renata gesungen. Ursprünglich sollte Evelyn Herlitzius als Renata in München auftreten, sie hatte aber schon vor mehreren Wochen abgesagt, offiziell krankheitshalber.

      Ich war auch gestern in der Münchner Premiere. Sozdateleva ist in jeder Hinsicht imponierend, man merkt, wie sehr sie diese extrem schwierige und textreiche Rolle inzwischen verinnerlicht hat, ganz mühelos die Differenzierung der Tonfälle schafft und sich dabei gleichzeitig darstellerisch total verausgabt. Ebenfalls auf hohem Niveau, wenn auch etwas farbloser, Evgeny Nikitin als Ruprecht.

      Neben Sozdateleva fand ich vor allem das Staatsorchester und Jurowskis Dirigat phänomenal. Die großen Gefahren sind hier m.E. Lautstärke und expressionistische Dauerekstase. Musterbeispiel: die lärmend-massive Interpretation in der CD-Aufnahme unter Neeme Järvi aus den 90ern (mit einer zudem deutlich überforderten Renata). Jurowski dagegen lotet die unteren Lautstärkegrade sehr differenziert und bis zum Extrem aus und setzt die obersten nur sehr gezielt und punktuell ein (bei einigen Zwischenspielen). Das Orchester spielt präzise, äußerst transparent (sehr präsente Harfen), gelegentlich fast entspannt, wobei die Sänger nie zugedeckt werden. Der Klang ist charakterisiert durch wenig Orchesterpedal, dabei farbig, mit herausmodellierten melodischen Linien, manchmal aber auch regelrecht skelettiert unter Betonung der geräuschhaften Elemente - großartig die Sirenenklänge der Geigen bei der Wahrsagerinnenszene (ab 36:55 im unten verlinkten Mitschnitt) oder das Zwischenspiel nach der Demütigung Ruprechts im zweiten Akt (ab 50:40) und die dann folgenden pfeifenden Streicherglissandi bei der Geisterbeschwörung (ab 54:30). Oder die erregten Zwischenspiele im zweiten und dritten Akt, in denen Prokofieff alle Register zieht (1:00:02 - 1:02:20 bzw. 1:22:50 - 1:26:50).

      Erfreulicherweise mal wieder eine Inszenierung mit ausgearbeiteter Personenregie an der Bayerischen Staatsoper. Kosky konzentriert sich stark auf die selbstzerstörerische Paarbeziehung, das Hotelzimmer als Raum und Metapher eignet sich dafür sehr gut. Natürlich wird, wie bei Kosky nicht anders zu erwarten, auch dem Affen Zucker gegeben, mit Tuntenballett, einer Kastration (Kevin Conners verdient als durchgeknallter Mephistopheles ein Sonderlob und wurde auch vom Publikum entsprechend honoriert) und dem Grand Guignol der Exorzismusszene. Zum Schluss wird das verzweifelte Paar aber wieder allein auf sich zurückgeworfen. Das transzendente und spiritistische Element bleibt hier bloße Imagination (weit eindeutiger als im Libretto), was meist sehr gut funktioniert. Nur die Szene rund um das Duell mit dem Grafen (dritter und vierter Akt) fand ich nicht überzeugend gelöst, die Projektion aller männlichen Figuren auf Ruprecht war nicht zwingend durchgeführt. Insgesamt eine spannende, konzentrierte und bilderreiche Regiearbeit mit einem Hauch Routine. Kosky und Jurowski scheinen als Team sehr gut zu funktionieren, wie man schon beim Berliner Moses und Aron im Frühling diesen Jahres gemerkt hat. Vielleicht sogar eine Möglichkeit, wenn in München für 2021ff. die Nachfolger für Bachler und Petrenko zu benennen sind...

      Für eine Woche kann man sich den Mitschnitt der Premiere bei BR Klassik anhören:

      "https://www.br-klassik.de/audio/2015-onzert-on-demand-oper-prokofjew-feuriger-engel100.html"


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Es ist jedenfalls eine ungeheuer starke Oper mit ungeheuer starker Musik.
      Vor 13 Jahren durfte ich das unter Will Humburg spielen.
      Auweia, ist das wirklich schon so lange her?

      "http://www.omm.de/veranstaltungen/musiktheater20012002/MS-der-feurige-engel.html"

      Die Zeit rast, und ich erinnere mich sehr gerne an diese tolle Oper.
      LG,
      Michael
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Das Bayerische Staatsorchester unter Vladimir Jurowski hat mich nicht restlos überzeugt, viele Passagen wirkten außerordentlich präzise, aber leidenschaftslos gespielt, in einigen exaltierten Passagen (Nettesheim-Szene) fehlte mir nicht so sehr Lautstärke denn Biss in eigentlich allen Stimmen.
      Ich habe mal in die Aufzeichnung reingehört, und bei dem, was ich gehört habe, kann ich diese Einschätzung nachvollziehen.
      Mir fehlt da auch der genannte "Biss" und vor allem die unterschwellige Bösartigkeit.
      Ich kenne dieses Werk nur aus dem Orchestergraben und erinnere mich genau, daß sehr aggressiv und pointiert gespielt wurde.
      Und es geht dabei, wie ganz richtig von Giovanni beobachtet wurde, nicht um die Lautstärke.

      Das, was ich eben gehört habe, ist allenfalls als "nett" einzuordnen.
      Das finde ich eigenartig und hätte es so nicht erwartet.
      Und ich bin jetzt kein Kenner oder Spezialist in Sachen dieser Oper, daher möchte ich mich nicht weiter herauslehnen.

      Aber das, was ich geschrieben habe, das ist mir genau so aufgefallen.
    • Zwielicht schrieb:

      Neben Sozdateleva fand ich vor allem das Staatsorchester und Jurowskis Dirigat phänomenal. Die großen Gefahren sind hier m.E. Lautstärke und expressionistische Dauerekstase. Musterbeispiel: die lärmend-massive Interpretation in der CD-Aufnahme unter Neeme Järvi aus den 90ern (mit einer zudem deutlich überforderten Renata). Jurowski dagegen lotet die unteren Lautstärkegrade sehr differenziert und bis zum Extrem aus und setzt die obersten nur sehr gezielt und punktuell ein (bei einigen Zwischenspielen). Das Orchester spielt präzise, äußerst transparent (sehr präsente Harfen), gelegentlich fast entspannt, wobei die Sänger nie zugedeckt werden. Der Klang ist charakterisiert durch wenig Orchesterpedal, dabei farbig, mit herausmodellierten melodischen Linien, manchmal aber auch regelrecht skelettiert unter Betonung der geräuschhaften Elemente - großartig die Sirenenklänge der Geigen bei der Wahrsagerinnenszene (ab 36:55 im unten verlinkten Mitschnitt) oder das Zwischenspiel nach der Demütigung Ruprechts im zweiten Akt (ab 50:40) und die dann folgenden pfeifenden Streicherglissandi bei der Geisterbeschwörung (ab 54:30). Oder die erregten Zwischenspiele im zweiten und dritten Akt, in denen Prokofieff alle Register zieht (1:00:02 - 1:02:20 bzw. 1:22:50 - 1:26:50).


      Hallo Bernd,

      interessant, dass wir mit (leicht) unterschiedlichen Wahrnehmungen aus der Aufführung herausgekommen sind.

      Die von Dir geschilderte Dämpfung der Lautstärke habe ich exakt so wahrgenommen wie Du, allerdings fand ich, dass den intensiven Szenen (z.B. die Agrippa von Nettesheim-Szene) dann doch sehr viel Biss und Bösartigkeit (nicht Lautstärke!) abgehen. Ich habe ja die Präzision und Durchhörbarkeit des Orchesterspiels auch wahrgenommen, aber das Bayerische Staatsochester kann noch mehr Farben als die am Sonntag gehörten. Ich fand dafür die (andere Musik, ich weiß, aber in vielen Punkten dann eben doch sehr gut vergleichbar) Lulu unter Kirill Petrenko oder auch die Mussorgsky-Interpretationen der vergangenen Jahre deutlich überzeugender. Kannst Du diesen Punkt nachvollziehen?

      Gruß Benno
    • Lieber Benno,

      gerade die Agrippa-Szene ist m.E. mörderisch für die beiden Sänger, die gegen ein entfesseltes Orchester ankämpfen müssen (Nikitin hatte da auch Probleme, Galouzines schneidendes Timbre war hier genau richtig).

      Davon abgesehen: In der Tendenz kann ich das, was Michael und Du sagen, durchaus nachvollziehen, ich werte es nur anders und bin der Meinung, dass bei Musik, die eh schon extrem entfesselt, scharf, dauererregt und manchmal fratzenhaft klingt, die Interpretation dies nicht noch extra ("tautologisch") betonen muss. So wie Strauss für die Elektra gefordert hat, sie müsse wie "Elfenmusik" klingen. Oder wie Abbado Mahlers Sechste in Berlin ganz nobel und "klassizistisch" dirigiert hat. (Klar, das ist ganz andere Musik, aber mir geht's ums Prinzip.) Das kann man natürlich auch anders sehen.

      Ich möchte aber noch auf einen anderen Aspekt hinweisen: In einem Gespräch mit Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung hat Jurowski anscheinend berichtet, dass er die Instrumentation bearbeitet hat. Auszug aus dem Artikel vom 28.11. (nur kostenpflichtig im Netz):

      Als Prokofjew die Überzeugung gewonnen hatte, seine "Engel"-Oper werde nie aufgeführt werden - eine geplante Premiere unter Bruno Walter scheiterte am Zeitdruck -, packte er Motive davon in eine Symphonie. Dafür änderte er auch die Instrumentation, wurde klarer. Ausgehend von Prokofjews eigener Selbstzensur nahm sich Jurowski selbst die Opernpartitur vor und überarbeitete diese analog, machte sie spielbar.

      Das müsste man jetzt im Detail überprüfen (ich habe keine Partitur, noch nicht einmal einen Klavierauszug), aber ich kann mir schon vorstellen, dass manches vom Klangeindruck auch auf diese Überarbeitung zurückzuführen ist (die man im ansonsten vorzüglichen Programmheft m.E. hätte erwähnen können). Dass es Jurowski vielleicht um eine eher "französisch-elegantere" Lesart der Partitur gegangen sein könnte, darauf weist auch folgende Passage des Artikels hin:

      Ist die Geschichte ein Paradox aus Motiven, wie man sie bei E.T.A. Hoffmann, Gogol, Dostojewski und Nabokov finden könnte, so zeige die musikalische Seite, sagt Jurowski, einerseits ein "absolut unabhängiges Werk", andererseits kann man einen wahren Zitatenschatz darin entdecken. Selbstzitate aus den "Drei Orangen", Mussorgski, Rachmaninow, Strawinski, russische Avantgarde, "merkwürdige, russisch-orthodoxe Klänge", jene vorchristliche, heidnisch-rituelle Zeit, der ja auch Strawinski im "Sacre" huldigt. Und: Lustigerweise erinnert der "Feurige Engel" Jurowski auch an Poulencs "Karmeliterinnen", die aber erst 1957 uraufgeführt wurden - vielleicht hat Poulenc ja das Werk des Kollegen damals in Paris gehört.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)