Mozart: Figaros Hochzeit in der Hamburgischen Staatsoper November 2015

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    • Figaros Hochzeit in der Hamburgischen Staatsoper November 2015
      Eine unprofessionelle Kritik:

      Im Jahr 1953 hörte und sah ich als Schüler die erste Opernaufführung meines Lebens: den Figaro in der Hamburgischen Staatsoper – ein prägendes, bis heute erinnertes schönes Erlebnis. Jetzt, als Opa, wollte ich meinen beiden zwölfjährigen Enkelmädchen ein Gleiches zukommen lassen. Das war ein Fehler!

      Statt der Komödie, der von Ironie und Schalk sprühenden Bloßstellung einer spätfeudalen Gesellschaft, erlebten wir eine mit angedeuteten Obszönitäten „angereicherte“ Groteske, zu welcher selbst der optische Rahmen keinerlei der Handlung adäquate Atmosphäre schuf. Nur die Stimmen und das Orchester vermittelten Mozart in überzeugender Weise, die Musik hatte man nicht kaputtgekriegt.

      Man kann dem Regisseur nicht absprechen, dass er Einfälle hatte, sogar manche erheiternden. Z.B. während der Ouvertüre die Leinwand mit den zu Figuren und Symbolen sich wandelnden Noten. Doch wer setzt Grenzen, wenn, wie so oft, eine die Gesamtwirkung dominierende, überehrgeizige, von intellektueller Selbstbefriedigung strotzende Regie sich in den Vordergrund drängt und das Werk missachtet.

      Mancher „geniale“ Einfall entpuppte sich als fixe Idee, deren konsequentes Durchhalten zur Folge hatte, dass für die Handlung unerlässliche Komponenten sich nur in Form von Notlösungen realisieren ließen. So z.B. der den gesamten Bühnenraum ausfüllende, anfangs noch mit autographischen Notenblättern tapezierte Kasten in dem bis zum Ende alles ablief. (Sollte damit dem dummen Publikum verdeutlicht werden, dass Mozart etwas mit Musik zu tun hat?) Die Folgen waren u.a., dass Cherubino nicht durch ein Fenster entfleuchen konnte, sondern sich durch das matratzenlose Bett in einen imaginären Abgrund stürzen musste; und dass man den Sängern die Angst vorm Stolpern über das bis zum Finale auf dem Boden angehäufte Papier anmerkte.

      Natürlich konnte man unter diesen Bedingungen auch nicht das Versteckspiel im letzten Akt der Oper in einem von Büschen umgebenen dunklen Hain stattfinden lassen. Zuschauer, die den Figaro von früheren Opernbesuchen schon kennen, wissen das doch und sollten es sich diesmal eben selbst vorstellen! Für den Neuling mussten sechs Akteure mit nach oben gehaltenen Papierfidibussen genügen. (Shakespeare lässt grüßen.) Die intimen Zwiegespräche liefen folglich vor den Augen und Ohren der auf der Bühne agierenden kompletten Darstellerriege ab. Wozu denn wohl heimlich und dunkel? Auch hier blieb die den Handlungsablauf illustrierende Anschaulichkeit auf der Strecke. Dann doch lieber gleich eine konzertante Aufführung!

      Was die heutzutage in Mode gekommenen obszönen Einlagen betrifft: Mir geht es nicht um überholte Moralvorstellungen. Und – wer weiß es nicht? – Mozart war selbst kein Kind von Traurigkeit. Möglicherweise wäre ihm und da Ponte Ähnliches eingefallen (nur vielleicht etwas charmanter), hätten sie in unserer Zeit gelebt. Haben sie aber nicht. Und zu ihrer Zeit wären der Figaro so gar nicht erst auf der Bühne, sondern Mozart und sein Librettist im Gefängnis gelandet. Wer ein Werk in seinen historischen Kontext einordnen kann, braucht solches, für die Handlung überflüssige, ja, von ihr ablenkende Modernisierungsbeiwerk nicht. Und wer von Geschichte keine Ahnung hat, dem wurde ein unzutreffendes Bild von der Entstehungszeit dieser Oper vermittelt.

      Manches überstieg die Grenze zum Absurden: Welche Assoziationen sollte der abgeschlagene Männerkopf auslösen? Man denkt an Judith oder Salome. Oder wurde gar, ganz aktuell (und höchst geschmackvoll) ein Bezug zum IS angedeutet? Wieso ist es zum Verstehen der Oper notwendig, dass kopulierende Paare (zwar immerhin noch in Unterwäsche) gezeigt wurden? Und warum geschah das in voyeuristisch wirkender Weise umringt von den anderen Darstellern? Sicher lassen sich all diese Einfällen mit sehr subtilen rhetorischen Klimmzügen verteidigen. Mag ja sein, aber diese Art von „Intellektualität“ empfinde ich als widerlich. Ich kann auf solche und andere Bevormundungen und Verfälschungen bei der Rezeption eines Meisterwerks sehr gut verzichten und will mir von keinem Regisseur seine begrenzte Weltsicht und höchst skurrilen Uminterpretierungsversuche aufzwingen lassen.

      Meine beiden sonst ziemlich aufgeweckten Enkelinnen, die dank etlicher begeisternder Opernaufführungen des Hamburger Theaters für Kinder schon mit dem Metier etwas vertraut sind und von mir über den Handlungsablauf des Figaro vorab informiert worden waren, haben dem Bühnengeschehen in der Staatsoper nicht zu folgen vermocht. Ich befürchte, es war bis auf weiteres (wenn nicht sogar für immer) das letzte Mal, dass sie und ich erwartungsfroh in das Haus an der Dammtorstraße gekommen sind. Aber noch habe ich die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass die elitäre „Avantgarde“ der Regisseure irgendwann einmal auf die von einer sensationslüsternen Insiderclique goutierte Effekthascherei verzichtet und sich an dem orientiert, was sich in der Musik inzwischen bis zu höchster Virtuosität durchgesetzt hat: die historische Aufführungspraxis.

      Le Nozze di Figaro
      Regie: Stefan Herheim
      Bühnenbild: Christof Hetzer
      Kostüme: Gesine Völlm
      Licht: Phoenix (Andreas Hofer)
      Video: fettFilm
      Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach
      15. November 2015
      "http://www.staatsoper-hamburg.de/de/spielplan/stueck.php?AuffNr=132086"

      Aus dem Thread über Opern- und Konzertankündigungen auf Anregung von Quasimodo hierher verschoben, Daten ergänzt.
      AlexanderK für die Moderation