Komische Oper Berlin: Tschaikowsky: "Jewgeni Onegin" - Premiere am 31.01.2016

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    • Komische Oper Berlin: Tschaikowsky: "Jewgeni Onegin" - Premiere am 31.01.2016

      Zwei Sänger prägen diesen außerordentlichen Abend in der Komischen Oper Berlin, und deshalb soll ausnahmsweise zuerst von ihnen die Rede sein: Günter Papendell, in immer wieder wechselnden Rollen an seinem Stammhaus zu sehen, gibt den des trägen Landlebens überdrüssigen Dandy Onegin, der die hingebungsvolle Zuneigung der Tatjana Larina nicht erwidern kann: Mit leicht rauh abgedunkelten Bariton, gleichwohl nobel wie immer, lotet er die Facetten vom lockeren Plauderton über die hämische Provokation bis hin zum unkontrolliert-leidenschaftlichen Ausbruch und schließlich zur von Selbstmitleid geprägten Verzweiflung intensiv und hochpräzise aus. Obwohl er russisch singt, meint man,fast jedes Wort zu verstehen, so plastisch stellt er diesen zwiespältigen Charakter hin, authentisch auch im Spiel bis zu den kleinen Gesten, wie er sich die Haarsträhne aus dem Gesicht streicht, wie er absichtsvoll an Tatjana vorbei, über sie hinwegschaut, wie er im dritten Akt sich selbst über die Wucht der ihn packenden Liebessehnsucht erschreckt – das ist schon große Spiel- und Gesangskunst. Es scheint so, dass er erst in dieser Rolle sein reiches Potential vollständig abruft – so brilliant in jeder Hinsicht habe ich ihn bislang eigentlich nur bei seinem Berlin-Debüt als Figaro-Graf erlebt.


      Ihm zur Seite, nicht minder beeindruckend, die junge lettische Sopranistin Asmik Grigorian, an diesem Haus zuvor als Rusalka und in Tschaikowskys „Mazeppa“ erfolgreich. Sie trifft den verspielt-verträumten Grundton des verliebten und zutiefst verunsicherten jungen Mädchens trotz iher etwas herben, schon ins jugendlich-dramatische Fach vorausweisenden Stimmfarbe perfekt. Ihre Einsamkeit inmitten der bäuerlich geprägten Gesellschaft, ihre Sehnsucht nach den großen Gefühlen bricht sich in der Briefszene Bahn, wenn sie – allein in einem schmalen Lichtkegel auf der im übrigen pechschwarzen Bühne – nervös in einem Liebesroman blättert, die passenden Stellen anstreicht, Seiten herausreißt und in ein Marmeladenglas steckt – der Brief an Eugen Onegin, in den sie sich unsterblich verliebt zu haben glaubt. Bei der zynischen Demütigung, mit der Onegin sie abstraft, sinkt sie in sich zusammen, gedemütigt und unverstanden. Und deshalb verstehen wir, warum ihre Tatjana in der Schlusszene Onegin so temperamentvoll und teilweise gar spöttisch gegenübertritt: Die Verletzung war viel zu tief, als dasss diese beiden Unglücklichen noch zueinanderfinden könnte. Auch hier beginnt der scheinbar unbegrenzt belastbare Sopran zu leuchten, wie schon zuvor in der Briefarie.


      Papendell und Grigorian stehen denn auch im Zentrum des Schlussapplauses, und dass ihnen dieser spektakuläre Erfolg gelingt – das hat ganz wesentlich mit den Qualitätten des Regisseurs Barrie Kosky zu tun. Ganz zahm gibt er sich hier: Als Rahmen wählt er eine aufwendig gestaltete Kunstwiese, von Bäumen umrahmt: Das Stück spielt fast vollständig im Freien. Auif dieser Wiese feiern die Bauern, hier durchwacht Tatjana die Nacht in der der Brief entsteht, hier treffen sich Onegin und sein von ihm tief verletzter, aufbrausender Freund Lenski zum tödlichen Duell. Dieses selbst findet allerdings im Schatten der Bäume der Hinterbühne statt. Kosky vermeidet es, den Tod irgendwie dekorativ auszustellen, das schreckliche Geschehen wird im aufgewühlten Gesicht Onegins, seinem blutverschmierten Hemd, seinem panischen Abgang deutlich genug.


      Kosky übt sich in der Kunst der Enthaltsamkeit: Ein zwar aufwändiges aber kaum verändertes Bühnenbild (Rebecca Ringst), wenige punktgnau eingesetzte Requisiten, dezent an eine vergangene Zeit erinnernde Kostüme (Klaus Bruns, Ende 19, Anfang 20. Jahrhundert?) und eine durchgängig präzise, sensible Personenführung mit vielen schönen Details. Das alles funktioniert prächtig, ergibt szenisch ein harmonisches Ganzes: Tschaikowskys Onegin eignet sich einfach nicht für szenische Abenteuer, was beispielsweise Koskys Vorgänger Homoki, der das Stück in einer Art Bahnhofs-Wartehalle ansiedelte, weil er in den Figuren Spiegelbilder heutiger Jugendkultur sah, schmerzhaft erfahren musste,


      Eine außerordentliche Produktion, die einen singulären Rang nur deshalb (knapp) verfehlt, weil musikalische Abstriche zu machen sind. Die übrigen Sänger reichen an Grigorian und Papendell nicht heran: Ales Briscein (Lenski) imponiert mit frischem,. kräftigem Tenor, der in allen Lagen gut anspricht, aber Mut zu mehr Piano haben sollte. Außerdem ist er erneut – wie auch als Ferrando in „Cosi fan tutte“ – unsicher in der Intonation, schade bei seinem Potential. Karolina Gumos schlägt aus der zugegeben undankbaren Rolle der Olga wenige Funken, überzeugt vor allem darstellerisch. Prägnanter Margarita Nekrasova als Amme, aber Alexey Antonov verschenkt die Wunschkonzertarie des Fürsten Gremin mehr oder minder, da ihm Differenzierungsvermögen und Tiefe fehlen. Zuverlässig und tadellos dagegen der Chor.


      Zwiespältig auch das, was aus dem Graben kommt: Für GMD Henrik Nanasi ist Tschaikowsky nach eigener Aussage eine besondere Herzensangelegenheit, aber davon ist so viel nicht zu merken: Sein Dirigat ist duirchdacht und präzise, rhythmisch einigermaßen pointiert, was den Tänzen zugutekommt, aber viele Zwischentöne gehen verloren, weil er auch hier wieder seine Liebe zu Blech und Schlagwerk kultiviert und dynamisch über die Stränge schlägt. Für ihn gilt leider immer: „Intensiv=Laut; Leise=Beiläufig“. Das führt dazu, dass die Sänger immer wieder ungut forcieren müssen, vor allem Lenski-Briscein. Orchestral ist das stellenweise virtuos und klangprächtig, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass ihm das Bühnengeschehen meistens eher egal ist. Ein besonderer Gleichklang in der Herangehensweise von Dirigent und Regisseur ist jedenfalls in dieser Produktion nicht zu spüren – vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass Nanasi das Haus nach fünf eher durchwachsenen Jahren verlässt.


      Trotzdem: Wegen der szenischen Extraklasse und wegen Grigorian/Papendell ist diese Produktion jedenfalls sehenswert.

      Weitere Aufführungen: 6., 26., 28. Februar, 3., 12. März
    • Lieber Pedrillo,

      ganz herzlichen Dank für Deinen guten und ausführlichen Bericht vom Eugen/Jewgeni Onegin. Da bekomme ich ja gleich wieder totale Sehnsucht nach der KOB, da mir gerade diese Oper von der Insz. her in München überhaupt nicht gefiel. Als ich noch etwas regemäßiger in Berlin war, stand fast immer Kirill Petrenko am Pult und das wäre bei diesem Werk wohl im Moment auch die bessere Option. Der ist aber gerade am Südpol unterwegs ;)
      Ganz besonders hat mich gefreut, dass Du Günter Papendell so positiv hervorgehoben hast. Leider kam er bei einigen Kritikern nicht ganz so gut weg. Ich kenne ihn noch aus seiner Münchner Zeit, habe ihn aber auch schon in Berlin erlebt und immer sehr gemocht. Die Premiere ist ja mit noch größerer Nervosität und Anspannung verbunden und deshalb hoffe ich, dass er sich von Mal zu Mal steigern kann und stimmlich fit bleibt oder es noch mehr wird.

      Nochmals danke und herzliche Grüße aus Bayern
      Ingrid
    • Tja, die Kritiker...in der FAZ stand immerhin sinngemäß, Papendell hätte hinreißend schön zum Niederknieen gesungen...das fand ich dann schon fast zu euphorisch. Wie auch immer: Ich fand ihn großartig, nur ein-, zweimal an der Leistungsgrenze, aber das hatte eher mit der fehlenden Balance zwischen Bühne und Graben zu tun - wer reingeht, sollte keinesfalls rechts sitzen, da hört man vermutlich außer viel Blech gar nichts mehr.

      An Petrenko darf man da wirklich nicht denken - aber bei der KO folgt auf eine Top- Besetzung meistens ein Flop und umgekeht: Petrenko - St.Clair - Lange - Nanasi. Der hört 2017 auf - dann wäre also wieder eine Spitzenbesetzung zu erwarten...Wir sind gespannt...
    • Hast Du schon einen Wunschkandidaten?

      Ich freute mich ja riesig, dass Petrenko nach München kommt, obwohl ich Nagano sehr mochte, aber dann hat es sich einfach nie ergeben, ihn hier live zu erleben. Evtl. klappt es endlich bei den Festspielen.

      :wink1:
    • Bonsoir,
      man kann sich den Onegin aus der KOB auf Arte "concert" anschauen und hören und ich kann mich Pedrillos wohlargumentiertem Urteil in weiten Teilen anschliessen. Danke, dass du mir Lust gemacht hast, meineAbneigung gegen die KOB und insbesondere Kosky zu hinterfragen, dessen Figaro ich vor Jahren live gesehen und überhaupt nicht genossen habe.
      Dieser Onegin ist tatsächlich grossartig und die beiden Hauptrollen könnten nicht besser besetzt sein, zumindest wenn es sich um eine Aufführung und nicht eine Einspielung handelt. Was mir ganz besonders imponiert hat, war das Schlussduett, in dem beide nochmal zu einer unglaublichen Intensität finden und ich zum ersten Mal seit ich diese Oper kenne und liebe, echtes Mitleid mit Onegin hatte- so gut hat Papendell seine existentielle Verzweiflung "verkauft" und so gut hat Asmik Gregorian ihn aller Liebe zum Trotz von sich gestossen. Irgendwie tritt bei dieser überwältigenden Darstellungskunst das Stimmliche in den Hintergrund und auch wenn Beide natürlich sehr gut singen, würden mir die Timbres an sich wahrscheinlich gar nicht mal so 100%ig gefallen, wenn ich sie nur auf CD hören würde aber das ist hier vollkommen egal.
      Wieder einmal wird deutlich, was für ein Meisterwerk diese Oper ist. Wenn ich das Libretto mit vielen populären italienischen oder deutschen Opern vergleiche, kann ich mich nur einmal mehr über die Darstellung einer Frauengestalt wundern, die wahrlich ihresgleichen sucht. Dei Inszenierung ist sehr angenehm und lässt allen notwendigen Platz für die inneren Dramen. Jede überfrachtung ist da fehl am Platz, siehe Pedrillo, oben.
      Obschon nicht sonderlich gut gesungen hat mich auch diese meines Wissen einmalige eheliche Liebeserklärung von Gremlin an Tatjana wieder sehr berührt. Wer das gehört hat, weiss sofort, dass Onegin keine Chance hat. Wie kann Frau solche Liebe wegwerfen? Und gar für einen lebensüberdrüssigen und freudlosen Dandy?
      Die übrigen Sänger verblassen vor diesem grandiosen Duo, was ich aber nicht weiter tragisch finde. Eine Frage an die Eingeweihten: seit wann wird an der KOB nicht mehr Alles deutsch gesungen???? Ich war total erstaunt und angenehm überrascht,, hatte es doch einstens hier um dieses Thema erbitterte Streitgespräche bzw-geschriebe gegeben, die leider auch sehr liebe und interessante Diskussionspartner vertrieben haben. Hat die KOB ihr Konzept geändert oder ist Onegin unübersetzbar? Oder gibt es keine Sänger , die das deutsch singen wollen???????
      Seit wann ist der Feensmilie verschwunden?????? :heul1:

      Salut et bonne nuit
      Fairy Queen
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      seit wann wird an der KOB nicht mehr Alles deutsch gesungen????
      Soweit ich weiß, seit Kosky die Intendanz innehat. Leider.

      FairyQueen schrieb:

      Wieder einmal wird deutlich, was für ein Meisterwerk diese Oper ist.
      :jaja1:

      FairyQueen schrieb:

      Danke, dass du mir Lust gemacht hast, meineAbneigung gegen die KOB und insbesondere Kosky zu hinterfragen, dessen Figaro ich vor Jahren live gesehen und überhaupt nicht genossen habe.
      War das der, wo der erste Akt in diesem extrem engen Zimmerchen stattfand, wo alle neben-, hinter-, und übereinander rumturnen und um jeden Kubikzentimeter Raum kämpfen mussten? Fand ich ziemlich witzig, höchstens etwas harmlos.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Ja, lieber Christian, das war genau Die. Leider erinnere ich keine Einzelheiten mehr, nur dass ich zum Einen durch die deutsche Übersetzung und zum Anderen durch eine Klamauk-Inszenierung ziemlich enttäuscht war. Es gab anschliessend ein Mini-Forums-Treffen u.A. mit dem ehemaligen Dramaturgen der KOB und ich wurde vehement von Allen überstimmt :alter1: , was aber nichts an meinem Missfallen geändert hat. :P
      Was den Onegin angeht: kann sich hier jemand vorstellen, diese Oper in deutscher Sprache zu geniessen? Ich will keine alten Kamellen auspacken, aber gerade im Onegin scheint mir die Sprache ein klangimmanenter Parameter zu sein und ein identitätsstiftendes Merkmal dieser Oper. Die Sprache hat auch einen enormen Einfluss auf die Gesangstechnik und obschon ich kein Russisch kann, hab ich mich mal mit Pauline Viardot-Liedern nach Pushkin und Turgenev versucht, das sind wirklich andere Welten. Ich stelle mir gerade Kuda Kuda in deutsch vor, immer noch besser als italienisch , aber selbst die deutsche Sprache hat nicht diese Klangwelten in den Konsonanten- wie soll das die gleiche Atmosphäre vermitteln? Ich habe mich beruflich schon viel mit der hier so genannten Psychophonie befasst, und es ist keinesfalls egal, welche Laute man singt oder spricht. Der Einfluss mag im Einzelnen subtil sein, aber wenn eine ganze Oper ihre Klangwelt verlässt, ist das nicht mehr subtil sondern eine Metamorphose. Bei für mich emblematischen Opern wie Onegin geht das nicht ohne schwere Verluste. Die Winterreise in Italienisch mag ich auch nicht hören, oder allenfalls als Kuriosität.

      Schönen Sonntag an Alle
      Fairy Queen
      Nochmal die traurige Frage
      Wer oder was hat den Feensmilie eliminiert????? Das ist ebenfalls ein echter Identitätsverlust.......... :heul1:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      Ja, lieber Christian, das war genau Die. Leider erinnere ich keine Einzelheiten mehr, nur dass ich zum Einen durch die deutsche Übersetzung und zum Anderen durch eine Klamauk-Inszenierung ziemlich enttäuscht war.
      Gerade die Übersetzung fand ich damals sehr gelungen, mit tollen Verbesserungen gegenüber der alten (z.B. "Will der Herr Graf den Tanz mit mir wagen" statt des harmlosen "ein Tänzchen wohl wagen"). Aber klamaukig war es schon etwas, das stimmt. Habe ich dennoch in deutlich besserer Erinnerung als die langweilige Cosi von Peter Konwitschny. Von der sind mir vor allem die beiden Elche zu Beginn in Erinnerung geblieben, über die wir uns massiv den Kopf zerbrochen haben, bis einige Tage später besagter Dramaturg (der mit der Inszenierung selbst alles andere als glücklich war) zugab, dass sie einfach gar nichts bedeuten sollten. Und diese komischen überdimensionalen Kochplatten auf der Bühne...

      FairyQueen schrieb:

      Was den Onegin angeht: kann sich hier jemand vorstellen, diese Oper in deutscher Sprache zu geniessen?
      Ja klar, warum denn nicht? Als ich sie beim letzten Mal in Hannover vermeintlich auf russisch gehört habe, saßen neben mir zwei Russinnen, die sich über die hilflosen Sprachversuche auf der Bühne zuerst amüsiert und dann zunehmend geärgert haben.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Wie wahr, Christian! Was für unsere Ohren halbwegs russisch klingen mag, ist meist für Muttersprachler eine Tortur. Und wer je Fritz Wunderlich mit der Lenskiarie in adäquater deutsche Übersetzung gehört hat, wird kaum den Eindruck gewinnen, dies sei nur der "halbe" Tschaikowsky : " Wohin, wohin, wohin seid ihr entschwunden, o Jugendzeit. O Liebesglück?" Tatjanas Briefszene beginnt mit "Und sei`s mein Untergang..". Gremin : " Ein jeder kennt die Lieb auf Erden". Meine deutschrussische Schülerin Olesja hält die Übersetzung von A. Bernhard für durchaus authentisch, was sie natürlich nicht daran hindern wird, die Briefszene beim 13. Pfingstworkshop ( Osteuropäische Vokalmusik ) in russsich zu singen. Ich bin jedoch sehr froh darüber, dass sie die Aussprache derer korrigieren kann, die sich in rein phonetischer Manier in einer ihnen total fremden Sprache tummeln wollen.

      Ciao. Gioachino :callas1:
      miniminiDIFIDI
    • Also, wenn ich das richtig verstehe, was Kosky + Co. bei der Amtsübernahme 2012 dazu gesagt haben, dann will man von Fall zu Fall entscheiden, ob im Original oder auf Deutsch gesungen wird. So gabs den Monteverdi zur Eröffnung auf Deutsch, ebenso wie in der vorigen Spielzeit Don Giovanni und Offenbachs schöne Helena, andererseits zB die russischen (Mazeppa, Der feurige Engel) oder Rameau im Original. Manchmal wird auch gemischt, so bei Cosi fan tutte (die verkleideten Liebhaber singen italienisch, die Frauen später auch) oder West Side Story (Dialoge deutsch, Songtexte englisch). Bei Hoffmanns Erzählungen wird das französische Original mit deutschen Originaltexten von ETA Hoffmann vermischt, die die Dialoge ersetzen. Das ist, wie das ganze Programm des Hauses, hübsch bunt...

      Als Grund dafür hatte Kosky gesagt, er wolle keinen Dogmatimus. Das kann man ihm abnehmen, angesichts der Vielfalt auch seiner Inszenierungen. Aber eigentlich dürfte auch der Markt diese Haltung fordern, genauer gesagt, das Angebot. Es gibt eben nicht so viele Sängerinnen und Sänger, die einen Haufen Partien in zwei (oder gar mehr) Sprachen lernen wollen. Vor Kosky hat man das dadurch auszugleichen versucht, dass man sich ein größeres Hausensemble leistete, das auf das SIngen in der Übersetzung "geeicht" war. Aber Ensemblepolitik interessiert Kosky nicht: Das Hausensemble besteht nicht mehr aus ca. 30 Sängern (wie bei Homokis Abgang 2012), sondern nur noch aus 21, die teiweise geradezu beleidigend unterbeschäftigt sind. Die laufende Spielzeit ist die erste seit langem, in der es nicht gelingt, wenigstens eine Produktion ausschließlich mit hauseigenen Kräften zu besetzen.

      Zurück zum Onegin: Hier hat mich die Originalsprache nicht gestört, obwohl ich auch grundsätzlich finde, dass gerade in Berlin, wo es drei Opernhäuser gibt, auch immer wieder mal Stücke in Übersetzung angeboten werden sollten. Beides hat ja seine Berechtigung. Aber schlussendlich würde ich Kosky recht geben, dass eine solche Entscheidung immer vom jeweiligen Produktionsteam getroffen werden sollte.

      Auf einem anderen Blatt steht, dass ich von der Personalpolitik dieses Hauses grundsätzlich nicht so viel halte, weil sie nicht nachhaltig ist - auch wenn es dadurch im Einzelfall besser gelingt, eine Produktion mit Gästen "punktgenau" zu besetzen wie hier: Papendell, Antonov und Gumos gehören zum Ensemble, Grigorian, Briscein und Nekrasova sind Gäste.
    • In der von FairyQueen genannten Aufführung von "Hochzeit des Figaro" war ich damals auch (nicht beim anschließenden kleinen Treffen; da kannte ich die Teilnehmer noch nicht und der Besuch der selben Vorstellung war zufällig) und auch ich habe den Abend nicht in wirklich guter Erinnerung. Weder die Inszenierung noch die Übersetzung waren mein Fall.
      Die Diskussion über Originalsprache ja oder nein hatten wir doch schon einmal an anderer Stelle und wir sollten sie eher dort weiterführen. Dennoch ein paar Gedanken - auch als Antwort auf vorangehende Beiträge. Die musikalische Umsetzung eines Librettos nimmt zweifellos auf die Sprachmelodie (der Wortteil "Melodie" macht hier jedenfalls Sinn) Rücksicht und eine Übersetzung verändert den Sprachfluss. Mangels entsprechender Sprachkenntnis kann ich diese unterschiedlichen Sprachmelodien bei Russisch und Deutsch nicht beurteilen, bei Italienisch oder Französisch und Deutsch sind die unterschiedlichen Betonungen und Wortlängen aber eklatant. Eine Übersetzung wird dann entweder wortgetreu (und nicht unbedingt rhytmisch passend) oder sehr frei. Beides empfinde ich als unbefriedigend. Dass nicht muttersprachliche SängerInnen bei originalsprachlichen Texten oft Schwierigkeiten haben, unterschreibe ich sofort. Aber das gilt für internationale Sängerinnen und deutschen Texten gleichermaßen.

      Michael
    • brunello schrieb:

      Die musikalische Umsetzung eines Librettos nimmt zweifellos auf die Sprachmelodie (der Wortteil "Melodie" macht hier jedenfalls Sinn) Rücksicht und eine Übersetzung verändert den Sprachfluss. Mangels entsprechender Sprachkenntnis kann ich diese unterschiedlichen Sprachmelodien bei Russisch und Deutsch nicht beurteilen, bei Italienisch oder Französisch und Deutsch sind die unterschiedlichen Betonungen und Wortlängen aber eklatant. Eine Übersetzung wird dann entweder wortgetreu (und nicht unbedingt rhytmisch passend) oder sehr frei. Beides empfinde ich als unbefriedigend.
      Unbefriedigend im Sinne von "nicht perfekt" ist das zweifellos. Die Frage ist nur: Was nützen einem Zuhörer die Feinheiten der Sprachmelodie, wenn er von der Sprache kein Wort versteht, weil er sie entweder nicht kennt oder sie auf der Bühne bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird?

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Also, die grundsätzliche Debatte "Original oder Übersetzung" wollte ich nicht neu entfachen, sie ist uferlos, und für beide Positionen gibt es gute Argumente. Auf die aufgekommene Frage wollte ich nur darstellen, wie das seit 2012 an der Komischen Oper gehandhabt wird - diese Herangehensweise finde ich - wie schon angedeutet - erstmal richtig.

      Der Kosky-Figaro, von dem hier schon verschiedentlich - und kontrovers - die Rede war, steht im übrigen noch immer im Spielplan, in deutscher Übersetzung. Wer sich selbst ein Bild machen will: Im Mai ist wieder Gelegenheit dazu. Ich hab die Inszenierung in wechselnden Besetzungen mehrfach gesehen und gehöre zu denen, die sie mögen.
    • ChKöhn schrieb:

      brunello schrieb:

      Die musikalische Umsetzung eines Librettos nimmt zweifellos auf die Sprachmelodie (der Wortteil "Melodie" macht hier jedenfalls Sinn) Rücksicht und eine Übersetzung verändert den Sprachfluss. Mangels entsprechender Sprachkenntnis kann ich diese unterschiedlichen Sprachmelodien bei Russisch und Deutsch nicht beurteilen, bei Italienisch oder Französisch und Deutsch sind die unterschiedlichen Betonungen und Wortlängen aber eklatant. Eine Übersetzung wird dann entweder wortgetreu (und nicht unbedingt rhytmisch passend) oder sehr frei. Beides empfinde ich als unbefriedigend.
      Unbefriedigend im Sinne von "nicht perfekt" ist das zweifellos. Die Frage ist nur: Was nützen einem Zuhörer die Feinheiten der Sprachmelodie, wenn er von der Sprache kein Wort versteht, weil er sie entweder nicht kennt oder sie auf der Bühne bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird?

      Christian
      In der Wiener Volksoper - eines der letzten Häuser, in denen auch Oper nahezu ausschließlich auf Deutsch gesungen wird - ist die Übertitelung selbst bei "Fledermaus" oder "Zauberflöte" mehr als sinnvoll, damit bei Sängerinnen aus aller Herren Ländern auch jene Menschen im Publikum, die den Text nicht mehr oder weniger auswendig kennen, verstehen, was auf der Bühne gesungen wird.
      Ein japanischer Tourist - um ein in Wien nicht wirklich konstruiertes Beispiel zu nehmen (gilt vermutlich für Berlin oder München oder Hamburg ähnlich) - versteht wahrscheinlich "La Traviata" oder "Don Giovanni" in der Originalsprache besser als in einer Übersetzung.
    • Wiederaufnahme - Aufführung am 14. Januar 2017

      Ob und wann es einen neuen Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin gibt, ist wohl nach wie vor unklar; erst recht weiß man nicht, wer das sein wird. Durch den Eklat um Antonello Manacorda - der Intendant wollte ihn, das Orchester nicht - ist die Suche gewiss nicht einfacher, vor allem, weil dieser DIsput öffentlich ausgetragen und von ein paar der üblichen Verdächtigen auf der Journalistenszene verantwortungslos angeheizt wurde....

      Kommen wir zu Erfreulicherem, denn einen neuen Kapellmeister gibt es schon: Er heißt Jordan de Souza, stammt aus Kanada und war bisher Studienleiter am Haus. Zur kommenden Saison tritt er sein Amt an und ein paar Kostproben gibts schon: So dirigiert er im Frühjahr die "Don Giovanni"-Serie, und die letzten beiden Aufführungen von Koskys "Onegin"-Inszenierung in dieser Spielzeit sind ihm ebenso anvertraut.

      Der Einstand scheint geglückt, de Souza hat die Aufführung am 14. Januar gut im Griff, die Balance zwischen Bühne und Graben stimmt, die Arbeit mit dem Chor wirkt souverän und auch die Solisten dürfen sich bei ihm gut aufgehoben fühlen. Ein paar eigene Akzente setzt er auch: Aus dem Graben dringt weniger russische Seele als vielmehr geradezu mediterran anmutendes Feuer: Selten hört man so genau, wie viel sich Tschaikowsky auch bei Verdi abgeguckt hat, zB beim großen concertato im vierten oder Onegins Arie im sechsten BIld. So entsteht eine spannungsvolle, "runde" Wiedergabe - dieser Start macht Hoffnung!

      Zwei Umbesetzungen gegenüber der Premierenserie: Önay Köse, neu im Ensemble, führt seinen klangvollen Bass etwas unausgeglichen, punktet aber mit echtem Gefühl und in der Gremin-Rolle ungewohnter Leidenschaft. Die Vermutung, dass es sich bei der Ehe Tatjana-Gremin um eine "platonische" Beziehung handeln könnte, scheint in dieser Aufführung widerlegt. Etwas enttäuschend die Tatjana von Evgenia Muraveva - die Aufführungen mit Nadja Mchantaf habe ich leider verpasst: Gesanglich ist Muraveva eindrucksvoll, aber sie wirkt ziemlich kühl, die Verletzlichkeit und Sensibilität im ersten Akt wirkt aufgesetzt. Insgesamt zu viel Diva und zu wenig Teenie. Konsequent, dass ihr die Schlussszene besser gelingt: Ist, packend im Zusammenspiel mit dem wieder sehr überzeugenden Günter Papendell, der nach der Premiere im Vorjahr stimmlich noch zugelegt hat. Das gilt erst recht für Ales Briscein, den ich seit einem Traviata-Alfredo 2007 in Prag nicht mehr so gut gehört habe: Von Intonationsschwächen ist nichts zu spüren, Leidenschaft und Präzision dominiert, und auch die leisen Passagen gelingen teilweise berückend schön. Offenbar profitiert gerade er von der Neubesetzung am Pult.

      INsgesamt wieder ein schöner Opernabend: Noch einmal am 22. Januar, danach wird die Inszenierung irgendwann in Zürich zu sehen sein.