Wagner - Parsifal, Wiener Staatsoper, 8.4.2015

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    • Wagner - Parsifal, Wiener Staatsoper, 8.4.2015

      EIN PARSIFAL ZUM WEITERDENKEN

      Richard Wagners „Parsifal“ in der Wiener Staatsoper, 8.4.2015 (die persönliche Erinnerung hier mit etwas Verspätung nachgereicht)

      Zunächst bleibt der überwältigende Gesamteindruck des Opernerlebnisses, das Opernhaus selbst mit seiner eigenen Aura, das phantastische Orchester (Konzertmeister Rainer Honeck), das die Klangfarben Wagners opulent unter der Leitung des in dieser Osterserie für Peter Schneider eingesprungenen dem Orchester genauso vertrauten Adam Fischer eine nach der anderen hervorzaubert, das überdimensionale grandiose Erlösungswerk, das so viele rezitativische Passagen hat (weil allerhand erzählt werden muss), der erste Aufzug eine Stunde und vierzig Minuten lang, der zweite etwa eine Stunde, der dritte ca. 70 Minuten, und dann für den Schreiber das erstmalige Miterleben einer anderen Inszenierung an der Wiener Staatsoper nach der schon vertrauten von August Everding aus dem Jahr 1979.

      Der erste Aufzug von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel spielt in der Inszenierung von Christine Mielitz (Bühne: Stefan Mayer) aus dem Jahr 2004 in einem Gemeinschaftswaschraum. Gurnemanz wirkt wie ein Althippie, mit grauen langen Haaren und Stirnband. Es wird viel mit gruppenchoreografischen Elementen gearbeitet. Befremdlich die weiße Unterwäsche mit langen Unterhosen der Knappen. Der Übergang in die Gralswelt erfolgt mit umherschreitenden Rittern und Knappen, eine höher bzw. tiefer fahrbare Brücke ermöglicht von dort aus passende Auftritte. Amfortas trägt ein blutiges weißes Hemd und eine lederne Hose wie ein Rocker. Kundry, im ersten Aufzug schwarz gekleidet wie eine arabische Frau, trägt einen getöteten Knaben über die Bühne (vom Schreiber wegen eingeschränkter Sicht auf die Bühne nicht gesehen). Während der Gralsszene wird zwischendurch diese angehoben und verdunkelt und stattdessen ein Stockwerk tiefer gezeigt, Katakomben mit schwarz gekleideten Frauen und singenden Knaben davor.

      Bordellatmosphäre im zweiten Aufzug: Rotlicht, Ledersofas, Klingsor als Zuhälter am Rednerpult (er zeigt auch kurz seinen Bauch), hinten eine Landkarte. Kundry wird von Krankenschwestern für Klingsor gefügig gespritzt (vom Schreiber auch nicht gesehen). Die Blumenmädchen treten zunächst auch schwarz gekleidet auf, wie Kundry im ersten Akt, legen dann aber die Kleider zugunsten bordellgerecht knapperer roter Bekleidung ab. Kundry tritt aus dem weißen Vorhang im Hintergrund auf, wenn sie ihn bis auf ihr Gesicht sich verhüllend vor sich hält, wirkt sie wie ein Engel. Unter ihrem roten Kleid trägt sie auch ein weißes, das rote wird sie im Lauf der Szene ablegen. Der Kuss der Erkenntnis führt zum Ansatz eines Geschlechtsaktes, Kundry spreizt bereitwillig die Beine, Parsifal stößt ein paarmal zu. Der Speer am Ende dieses Aufzuges ist ein Leuchtspeer. Wie immer fängt Parsifal den von Klingsor geschleuderten Speer ab, die Wände drehen sich hier nun, und hinten wird per Projektion der Einsturz von Klingsors Reich gezeigt.

      Der dritte Aufzug beginnt vor einer Kraterlandschaft. Die Brücke ist wieder da. Parsifal tritt als blutender Ritter auf. Als er seine Reise schildert, leuchtet ein gleißendes Lichtquadrat dazu. Er tauft die nun blonde Kundry (das Morgenrot einer Alpenidylle als Projektion zum Karfreitagszauber dazu) auch mit Blut. Kundry stirbt nicht als Büßerin, sie geht stattdessen offenbar geheilt und gereinigt, also geradezu gestärkt, ab. Vor der erneuten Gralsweihe fällt der tote, in ein weißes Laken gehüllte Titurel vornüber aus dem Sarg. Da liegen plötzlich auch alle anderen bis auf die Singenden tot auf der Bühne. Der Gral zerbricht, als er aus einer Dose fällt (vom Schreiber auch nicht gesehen). Parsifal erlöst das Geschehen ins Mitmenschliche, indem er allen Rittern und Knappen die Hände schüttelt. Was bleibt, ist ein großes Gruppenbild, ein Standfoto mit allen fürs Publikum, einfache Menschen statt Ritter.

      Die Inszenierung von Christine Mielitz regt wie ich finde zum Nachdenken, zum Reflektieren, zur weiteren Beschäftigung mit Werk wie Inszenierung an, und das ist durchaus ein positiver Aspekt, den man mitnimmt.

      Eingebrannt haben sich mir noch viel positiver die künstlerischen Leistungen der Mitwirkenden des Abends. Allen voran (wie schon erwähnt) das Orchester unter Adam Fischers im besten Sinn routinierter Leitung, dazu Stephen Milling als stets wortdeutlicher Gurnemanz (Inszenierungsexperten meinten in der zweiten Pause, er hätte kriegerischer auftreten müssen, der Schreiber fand es aber stimmig so), Michael Volle als verkühlt angesagter aber tapfer und eigentlich ohne wirklich hörbare Einschränkung gekonnt leidender Amfortas, Johan Botha als an sich standfester, aber auch kniend und liegend sich bewährender Parsifal (dem Schreiber bleibt allerdings optisch immer auch die Erinnerung an Peter Hofmann als idealer Parsifal-Typ im Gedächtnis), Boaz Daniel als Zuhälter-Klingsor, Ryan Speedo Green als schon im ersten Aufzug hin zur Mumie tendierender Titurel und – besonders hervorzuheben – Angela Denoke, die Vielschichtigkeit Kundrys von der ruhelos Wandernden über die Verführerin bis zur Büßerin sensationell eindringlich, schauspielerisch wie sängerisch intensiv, auf die Bühne bringend.

      Nach dem ersten Aufzug versucht ein Einzelner, einen Applaus anzuheizen, es gelingt schließlich doch, ihm zischend klarzumachen, an dieser Stelle werde nicht applaudiert. Als der letzte Ton des Werks verklungen ist, herrscht ein paar Sekunden lang völlige Stille, bis der Applaus ansetzt. Auch und gerade so etwas ist ein großer Moment.
      Zur Info: Bis auf weiteres keine aktive Moderationstätigkeit meinerseits.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK