Giuseppe Verdi: Jérusalem Oper Bonn Vorstellung am 14. Februar 2016

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    • Verdi: Aufführung von Jérusalem in Bonn

      Auf Anregung von Quasimodo aus dem Operntelegramm 2015/16 ausgelagert und hier als neuer Thread eröffnet.
      AlexanderK, Moderation


      Giuseppe Verdi: Jérusalem Oper Bonn Vorstellung am 14. Februar 2016

      Jerusalem ist seit Jahrhunderten ein Sehnsuchtsort, ein Ort religiös so aufgeladen wie kein anderer. Was bis auf den heutigen Tag immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führt. Dieser Sehnsucht und den gewaltsamen Auseinandersetzungen hat Verdi eine ganze Oper gewidmet. Für die Pariser Oper (damals DER Sehnsuchtsort aller großen Komponisten) arbeitete er die Oper I Lombardi so um, dass Kommentatoren fast von einer Neuschöpfung sprechen. Es ist eine frühe Oper Verdis (1847 uraufgeführt), die aber schon kleine Verweise auf die späteren Meisterwerke enthält.

      Ganz besonders dann, wenn sie von einem so guten Ensemble musiziert wird, wie es die Oper Bonn für diese Wiederentdeckung aufgeboten hat.

      Die Handlung der Oper ist etwas verworren. Den Kern bildet, die von Verdi so oft gewählte Dreiecksgeschichte, angereichert mit Verwechslungen, einem Mordversuch, Kreuzfahrern, Pilgern und religiösen Elementen.

      Gaston, ein Adliger ist verliebt in Hélène, die Tochter des Grafen von Toulouse. Der Graf vermählt die beiden. Für Gaston ist es auch eine Versöhnungsgeste, denn der Graf hat seinen Vater umgebracht. Die Vermählung löst bei Roger, dem Bruder des Grafen Rachsucht aus, denn er ist in Hélène verliebt und möchte sie heiraten. Er gibt einen Mordanschlag auf Gaston in Auftrag. Der Mörder verwechselt Gaston mit dem Grafen und der Graf fällt dem Mordanschlag zum Opfer.
      Geschickt können Roger und der Mörder den Verdacht auf Gaston lenken. Gaston wird vom Legaten des Papstes verbannt.

      Jahre später treffen die Protagonisten in Palästina wieder aufeinander. Roger hat sich mit großen Schuldgefühlen als Einsiedler dorthin zurückgezogen und wird dort als Heiliger verehrt. Gaston hat in Palästina gekämpft ist jedoch in Gefangenschaft des Emirs geraten. Auch Hélène ist, auf der Suche nach Gaston, nach Palästina gereist und wird ebenfalls Gefangene des Emirs. Die beiden Liebenden können sich aus der Gefangenschaft teils selbst, teils durch die Hilfe des Grafen, der den Mordanschlag überlebt hat und nun die Kreuzfahrer im Auftrag des Papstes anführt, befreit werden.

      Als der Graf auf Gaston, seinen vermeintlichen Mörder trifft, lässt er ihn festnehmen und plant ihn hinzurichten. Roger kann Gaston aber davor bewahren, indem er ihn verkleidet und in die Schlacht um Jerusalem schickt. In dieser Schlacht tut sich der unerkannte Gaston besonders hervor und soll belohnt werden. Als er sich zu erkennen gibt und der Graf wieder Rache üben möchte, bringt sich Roger um. Sterbend bekennt er sich zu dem Mordanschlag, fleht um Gnade und äußert den letzten Wunsch, das heilige Jerusalem noch zu sehen.

      Francisco Negrin, der Regisseur erzählt die Geschichte als christliche Läuterungsgeschichte mit den Stationen Vorhölle, Fegefeuer, Hölle und himmlisches Jerusalem. Sein Bühnenbildner Paco Azorin taucht die Geschichte in düstere Grautöne. Ein bunkerähnlicher Schacht beherrscht in allen Akten das Szenenbild. Licht, Videotechnik, und die Bühnenmaschinerie geben dem Bunker immer wieder neue Perspektiven. Die etwas statische Bewegungsführung des Chores wird durch die immer wieder verschobenen Ebenen etwas wettgemacht, weil sich dadurch immer wieder neue Tableaus ergeben. Immer wieder werden religiöse Bilder zitiert, etwa wenn Gaston bedrängt vom Volk etwas erhöht stehend wie der Gekreuzigte die Arme ausstreckt. In der Hinrichtungsszene dürfen dann, in Höllenmanier, Teufel und andere dunkle Gestalten um den von einem Podest erhobenen Gaston tanzen. Die Videotechnik steuert einen Zeittunnel bei, der beim ersten Erscheinen noch magisch wirkt, der Effekt nutzt sich beim dritten Einsatz aber etwas ab, ist jedoch eine gute Idee um die Zeitsprünge der Oper zu verdeutlichen.

      Während der Chor etwas statisch agiert, (nimmt man Hilsdorf, der selbst in Massenszenen jedem Choristen ein individuelles Profil verleiht, zum Maßstab), verkörpern die Solisten ihre Rollen glaubhaft. Die Kostüme sind teilweise etwas schmucklos geraten, angesiedelt zwischen gehobenen Laientheater und Oberammergau. Aber sie fügen sich gut in die Bunkerlandschaft.

      Dem Regieteam gelingen viele eindrucksvolle Tableaus. Zum Beispiel, wenn Gaston wie der Gekreuzigte vom Volk bedroht und beschuldigt wird. Wenn Gaston, erhöht und mit Seilen gebunden, hingerichtet werden soll. Wie Lichtschwerter ragen Leuchten in die Bühne. Die Bühne erweist sich auch als enorm bewegungsfähig und bringt durch Verschiebung selbst den statischen Chor in Bewegung. Der Bunkertunnel eröffnet immer wieder neue Perspektiven.

      Sébastien Guèze, als Gaston, und Anna Princeva, als Hélène, sind auch optisch ein sehr ansprechendes Paar, die die Liebe der beiden sehr glaubhaft verkörpern. Sängerisch hat Sébastien Guèze einen klangschönen Tenor und er meistert die Partie gut. Bei ein paar Durchgangstönen, die eher eng und nasal geraten, sicher auch bedingt durch das Französische, bleiben ein paar Wünsche offen.

      Anna Princeva, die Sängerin der Hélène, singt die Partie mit warmen sehr klangschönen Sopran. Das Publikum, dass am Ende die Ensembleleistung feiert, bedenkt sie mit dem größten Beifall.

      Franz Hawlata, den ich vor über zehn Jahren als große Hoffnung am Bassistenhimmel gehört habe, sang den Roger. Die Hoffnungen haben sich größtenteils erfüllt, Hawlata sang an den großen Opernhäusern dieser Welt. Jetzt beim Wiederhören nach über zehn Jahren wurde ich das Gefühl nicht los, dass die Stimme eher nach Spätsommer klang. Viele Passagen gelangen sehr klangschön und eindrucksvoll, besonders die ariosen Passagen, aber besonders im ersten Akt brauchte die Stimme oft noch Zeit, um einzuschwingen, da geriet mancher Ton eher eng. Auch hier kann, wie bei Sébastien Guèze, das Französische diesen Effekt verstärkt haben. Trotz dieser Einwände ist er schauspielerisch und sängerisch immer noch ein beeindruckender Sänger.

      Die anderen Sänger boten ebenso wie der Chor, eine beeindruckende Ensembleleistung, die auch größeren Opernhäuser gerecht geworden wäre.

      Das größte Ereignis des Abends bot jedoch das Orchester unter der Leitung von Will Humburg.
      Schon in der Ouvertüre entlockte Will Humburg mit klarer Gestik (angesiedelt zwischen kapellmeisterlichen Handwerk und Tanz) dem Orchester Nuancen und Details, die man in dieser Partitur nie vermutet hätte. Eine einfache Begleitfigur wurde mit dynamischer Raffinesse aus dem bloßen Tamtata herausgerissen und bot den Solisten einen edlen Klangteppich, auf dem sie sich entfalten konnten. Kantilenen zum Dahinschmelzen beschwerten mir viele Gänsehautmomente. Wie ein Klangmagier hielt Will Humburg das große Orchester, Chor und Solisten zusammen und sorgte für eine sehr beeindruckende Ensembleleistung, die von den Zuschauern, aber auch allen Beteiligten mit großem Applaus bedacht wurde.
    • Schön, dass Du diese tolle Produktion hier beschrieben hast! Deinen Ausführungen kann ich mich weitgehend anschließen: vor allem Humburgs Dirigat kann ich nur in höchstne Tönen preisen! Bei Sébastien Guèze fiel mir auf, dass die von Dir beschriebenen Einschränkungen ausschließlich in seinen Soloszenen zu hören waren, in den Ensembles war er perfekt! Anna Princeva, die auch schon als Teresa in Benvenuto Cellini gefiel, war die ideale Sängerin für die Hélène; hoffentlich können die Bonner sie fürs Ensemble gewinnen! (Intendant Bernhard Helmich deutete bei der Premiere so etwas an). Die Ensembleszenen waren samt und sonders erste Sahne, der Chor schlicht phantastisch! Wenn man dem Compositore con il casco (sprich: dem frühen Verdi) was abgewinnen kann, sollte man sich das anhören! (Wenn nicht: diese Produktion könnte das vielleicht ändern!). Die Regie ist fade, aber das Bühnenbild reißt es 'raus!

      Wie zu hören war, muss Will Humburg bei den Proben ein ziemlich harter Hund gewesen (so was haben ja hier auch schon Berufenere über ihn berichtet), aber dennoch gut angenommen worden sein - das Ergebnis spricht für sich. Nächste Saison wird er in Bonn Verdis Attila (mit Hawlata in der Titelrolle) dirigieren; ich habe die leise Hoffnung, dass der Regisseur dann Dietrich Hilsdorf heissen wird (er war bei der Premiere von Jérusalem anwesend). Ob Princeva sich allerdings die Odabella antun sollte?



      Vorschlag an die Moderation: Florians doch umfassenden Beitrag aus dem Operntelegramm herauslösen und einen eigenen Faden draus machen (und diese Bitte dann löschen)!
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Diese Qualität erreicht man bestimmt nur mit sehr harten Proben. Aber was ich sehr schön fand, alle Beteiligten haben sich auch gegenseitig beklatscht und auch Will Humburg hat sichtbar nach allen Seiten viel Anerkennung gegeben. Das würde ich mich sehr freuen, wenn Hilsdorf inszenieren würde. Er hat in Bonn schon so einen schönen Händel- Zyklus inszeniert und auch die Aida mit Humburg fand ich sehr gelungen. Das sind ja schöne Aussichten für die nächste Saison...