SAINT-SAENS: Samson et Dalila - Städtische Bühnen Köln, 09.05.2009

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    • SAINT-SAENS: Samson et Dalila - Städtische Bühnen Köln, 09.05.2009

      Von den über zehn Werken, die der Komponist Camille Saint-Saens für das Musiktheater geschrieben hat, konnte sich nur eines, nämlich die 1877 in Weimar uraufgeführte Oper „Samson et Dalila“ dauerhaft in den Spielplänen der Theater behaupten.

      Ursprünglich dachte Saint-Saens bei diesem biblischen Stoff an eine Ausarbeitung als Oratorium, entschied sich aber dann doch, das Stück als Oper zu konzipieren. Eine gewisse oratorische Strenge, die allerdings vor allem durch Ballettmusiken aufgelockert wird, lässt sich auch in der fertigen Oper noch ausmachen. Nicht nur die grossen Chorblöcke des ersten Aktes, auch das Duett zwischen Samson und Dalila im zweiten sind eher undramatische Momente einer Oper, die vom Krieg zwischen Religionen und von Sex und Gewalt in Zeiten dieses Krieges erzählt.

      Die Handlung, die in Gaza spielt, erzählt die Geschichte der Juden, die von den Philistern in Gefangenschaft gehalten werden und hoffen, dass der starke Samson sie in die Freiheit wird führen können. Ein hoher Geistlicher der Philister, der Oberpriester des Dagon, setzt auf die weiblichen Reize der schönen Priesterin Dalila, die Samson verführen und ihm das Geheimnis seiner Kraft entreissen soll. Der Coup gelingt, Samson verfällt Dalila und als er dieser anvertraut, dass seine Kraft in seinen Haaren liegt, schneidet ihm die Priesterin die Haare ab – kraftlos wird Samson nun von den Philistern gefangen genommen und geblendet. Bei einer Siegesfeier der Philister fleht Samson ein letztes Mal seinen Gott an, er möge ihm seine alte Kraft zurückgeben, um die Feinde bestrafen können. Seine Bitte wird erhört: Samson drückt die tragenden Säulen des Dagon-Tempels auseinander, der Tempel stürzt ein und begräbt alle Anwesenden unter sich.

      Ausgangspunkt für Tilman Knabes Inszenierung von „Samson et Dalila“ am Opernhaus in Köln ist der heutige Konflikt im Gaza-Streifen zwischen Israelis und Palästinensern. In drastischen und radikalen Bildern erzählt der Regisseur eine Geschichte, die durch ihre Gegenwärtigkeit bedrückend ist.

      Das Licht im Zuschauerraum ist noch nicht ganz heruntergefahren, da pfeift eine unsichtbar bleibende Bombe durch den Raum und schlägt dröhnend ein. Mit Einsetzen der Musik öffnet sich der Bühnenvorhang wie die Linse einer Kamera. Ein kleines Quadrat zoomt auseinander und gibt den Blick auf eine Trümmerlandschaft frei: geborstene Häuser sind zu sehen, einzelne Einrichtungsgegenstände, Koffer, der Hintergrund brennt und Rauch steigt auf. Auf dem Bühnenboden liegen die Menschen und leise ist der Eröffnungschor zu hören.

      Der Guerillero Samson spricht den Menschen Mut zu, Waffen werden ausgegeben – Rettungsmannschaften leisten die medizinische Erstversorgung der Verletzten, die sich schreiend auf dem Boden winden. Eine feindliche Soldateska in grünen Kampfuniformen, begleitet von zwei UNO-Blaumützen, stürmen die Bühne, die Maschinengewehre im Anschlag. Samson gelingt es, den Anführer der Soldaten in seine Gewalt zu bringen, die Juden nutzen die Gelegenheit und drehen die Verhältnisse um – die Philister werden entwaffnet, ihrem Anführer schneidet Samson die Kehle durch. Eine Sprengladung wird gezündet – die Philister fliehen durch die so entstandene Öffnung.

      Der geistliche (und wohl auch weltliche Führer, sein grauer Anzug deutet darauf hin) Führer der Philister wird von verwundeten Boten über die Situation informiert.

      In grosser Ruhe stimmen die Juden ein Gebet für ihre Toten an. Direkt danach beginnen die Kämpfe erneut. In einer sehr effektvollen Zeitlupenszene werden Morde und Vergewaltigungen gezeigt, grausam und grotesk zugleich. Unter den Opfern: Dalila, die nur knapp einer Vergewaltigung durch einen Freund von Samson entgeht. Dieser ist von Dalilas Erscheinung so beeindruckt, dass er seinen Freund am Vollzug der Gewalttat hindert. Eine grosse, schlanke Frau ist das, markante Gesichtszüge, grosse Augen, lange, blonde Haare eng sitzendes, knappes T-Shirt und enge Jeans, eine Frau von heute im zweifelhaften Dienst für ihr Vaterland.

      Zum zweiten Akt öffnet sich der Vorhang wieder wie eine Kameralinse. Man sieht ein schäbiges Zimmer, mehr Bordell, als Hotel – über dem grossen Bett ein Ventilator, der auf einem Spiegel montiert ist. Links ein Garderobenspiegel, ein kleiner Schrank, im Hintergrund eine Fensterfront, das wars. Dalila zieht sich für ihre Mission um: in schwarzer Reizwäsche und hohen Stilettos erwartet sie Samson, den Feind. Doch zuerst kommt der Oberpriester, um nochmals die Situation zu besprechen. Auch er bedient sich der Liebesdienste der Dalila, während die gemeinsame Rache beschworen wird.

      Nachdem der Oberpriester gegangen ist, tritt Samson auf – er wird von Selbstzweifeln gequält. Dalila gibt alles, was sie an Verführungskunst zu bieten hat, allein, die Mission droht zu scheitern – wütend donnert Dalila eine Champagnerflasche gegen die Wand. Samson hat den Griff der Zimmertür schon in der Hand, da ringt er sich dazu durch, zu bleiben. Über den sich Liebenden schliesst sich die Kameralinse des Vorhangs. Wenn diese sich wieder öffnet, ist das Bett von philistinischen Soldaten umstellt – triumphierend schneidet Dalila Samson die Geschlechtsteile ab.Der dritte spielt wieder auf dem Paltz des ersten Aktes. Links vorne liegt Samson in den Trümmern. Nach seiner Kastration sind ihm auch noch die Augen ausgestochen worden. Er klagt seinem Gott sein Leid.

      Die siegreichen Philister stürzen durch die Türen des Zuschauerraumes in Abendgarderobe herein. Der Sekt fliesst, die Laune steigt. In einem wüsten Bacchanal werden Juden gedemütigt, vergewaltigt und ermordet. Mit dem Blut der Toten beschmieren sich die Sieger ihre weissen Hemden.

      Die Leichen werden mit Benzin übergossen. An der Seite gibt der Freund von Samson diesem eine Spritze und Beruhigungsmittel – dann bindet er ihm den Sprengstoffgürtel um.

      Die Philister verlassen die Szene, der Oberpriester hindert Dalila gerade noch daran, sich eine Zigarette anzuzünden. Wenige Minuten später wird Samson in der Mitte der Bühne den Sprengstoffgürtel präsentieren – Blackout.

      Tilman Knabe hat eine bildstarke, oft berührende und nur selten übertreibende Inszenierung zu Stande gebracht, eine Regie, die im besten Sinne des Wortes zeitgemäss ist und die in der Ausgestaltung der Rolle der Dalila eine beachtliche Präzision erreicht. Die Regiearbeit Knabes ist stringent, folgerichtig und schonungslos – hier hat jemand mit den Mitteln des Theaters Stellung bezogen. Nicht für eine der beteiligten Parteien, sondern gegen den Irrsinn des Krieges, gegen den Wahnsinn der Fanatiker jeder Couleur, eine gelungene, eine sehenswerte Produktion.

      Mit Ursula Hesse von den Steinen hat Tilman Knabe eine Darstellerin für die Dalila gefunden, die in jeder Sekunde dieser Produktion voll präsent ist – eine Frau, die sich auch in der Reizwäsche des zweiten Aktes perfekt und natürlich zu bewegen versteht, die schauspielerisch zu grossem Format aufläuft. Aufgrund einer Erkrankung von Ursula Hesse von den Steinen sang die Partie die Sängerin Irina Mishura – eine sehr individuelle, dunkle Stimme, die man mögen muss – aber wenn man das tut, wird man an ihren ausladend-pastosen Altttönen viel Freude haben. Aber auch, wer es gerne etwas weniger slawisch und dafür eleganter mag, wird dieser Sängerin ob ihres Ausdrucksspektrums manche Unart nachsehen.

      Der schwergewichtige Tenor Ray M. Wade jr. hat seine Stärken sicher nicht im darstellerischen Bereich. In den ersten beiden Akten muss man froh sein, wenn der Sänger sich um ein Minimum an szenischer Aktion bemüht. Er steht gerne frontal zum Publikum und das dann recht unbeweglich. Erst im dritten Akt zeigt Wade, dass er auch im Rahmen seiner Möglichkeiten zu einer besseren Gestaltung seiner Partie in der Lage ist. Die Stimme ist nicht sonderlich gross, der Sänger gerät mehrfach an Grenzen, manches gelingt ihm achtbar, anderes bleibt dann doch arg im sängerisch Ungefären.

      Solide der Oberpriester von Egils Silins, schwächer dann der Rest der Besetzung.

      Der Chor bietet teilweise beachtlichen Wohlklang, reizt die dynamischen Möglichkeiten seines Parts sehr gut aus, ist auch in der Lage, in ungünstiger Position noch sauber zu singen und überzeugt auch darstellerisch in dieser Produktion.

      Das Orchester ist engagiert bei der Sache, da ist ordentlich geprobt worden, das Zuhören macht immer wieder Spass. Der Dirigent Enrico Delamboye könnte diese Partitur zugespitzter, pointierter und dramatischer zum Klingen bringen und der Zusammenhalt mit der Bühne ist nicht immer ideal gewesen.

      Die von mir besuchte zweite Vorstellung der Serie war nicht so gut besucht, wie es die Produktion verdient hätte. Die, die gekommen waren, spendeten herzlichen und einhelligen Beifall.
      Der Kunst ihre Freiheit

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    • RE: SAINT-SAENS: Samson et Dalila - Städtische Bühnen Köln, 09.05.2009

      Ein paar Anmerkungen dazu (ich hatte die Premiere besucht):

      Alviano schrieb:


      In grosser Ruhe stimmen die Juden ein Gebet für ihre Toten an. Direkt danach beginnen die Kämpfe erneut.
      Das habe ich so verstanden, als stimmten sie sich mittels Gebet auf die folgende Schlächterei ein. Überhaupt habe ich es so empfunden, als ob die Religion eine zentrale Rolle für die beiderseitig verübten Greuel spielt; auch der philistäische Oberpriester tritt ja zunächst eindeutig in einer Art geistlicher Robe auf.
      In einer sehr effektvollen Zeitlupenszene werden Morde und Vergewaltigungen gezeigt, grausam und grotesk zugleich.
      Diese stilisierte Szene begleitet einen Teil der (Ballett-)Musik beim Auftritt Dalilas und ihrer Gefährtinnen (die zugehörige Chorszene ist gestrichen), für mich die beklemmendste Szene der Aufführung.
      Tilman Knabe hat eine bildstarke, oft berührende und nur selten übertreibende Inszenierung zu Stande gebracht, eine Regie, die im besten Sinne des Wortes zeitgemäss ist und die in der Ausgestaltung der Rolle der Dalila eine beachtliche Präzision erreicht. Die Regiearbeit Knabes ist stringent, folgerichtig und schonungslos – hier hat jemand mit den Mitteln des Theaters Stellung bezogen. Nicht für eine der beteiligten Parteien, sondern gegen den Irrsinn des Krieges, gegen den Wahnsinn der Fanatiker jeder Couleur, eine gelungene, eine sehenswerte Produktion.
      Da möchte ich mich vorbehaltlos anschließen!
      Mit Ursula Hesse von den Steinen hat Tilman Knabe eine Darstellerin für die Dalila gefunden, die in jeder Sekunde dieser Produktion voll präsent ist – eine Frau, die sich auch in der Reizwäsche des zweiten Aktes perfekt und natürlich zu bewegen versteht, die schauspielerisch zu grossem Format aufläuft.
      Ich bin sehr gespannt, wie sie die Rolle spielen und singen wird. (Es gibt da möglicherweise Überschneidungen mit der nächsten Kölner Produktion, Straussens Capriccio, an der sie ebenfalls beteiligt sein wird; ich hoffe also, sie am 20.06. singend und spielend zu erleben.)
      Aufgrund einer Erkrankung von Ursula Hesse von den Steinen sang die Partie die Sängerin Irina Mishura – eine sehr individuelle, dunkle Stimme, die man mögen muss – aber wenn man das tut, wird man an ihren ausladend-pastosen Altttönen viel Freude haben. Aber auch, wer es gerne etwas weniger slawisch und dafür eleganter mag, wird dieser Sängerin ob ihres Ausdrucksspektrums manche Unart nachsehen.
      Erstaunlich gut gelang auch die Zusammenarbeit mit der spielenden Delila einerseits; zum anderen auch die unter diesen Umständen erschwerten Duette und Ensembles. Das gilt natürlich für beide Seiten.
      Der schwergewichtige Tenor Ray M. Wade jr. hat seine Stärken sicher nicht im darstellerischen Bereich. In den ersten beiden Akten muss man froh sein, wenn der Sänger sich um ein Minimum an szenischer Aktion bemüht. Er steht gerne frontal zum Publikum und das dann recht unbeweglich. Erst im dritten Akt zeigt Wade, dass er auch im Rahmen seiner Möglichkeiten zu einer besseren Gestaltung seiner Partie in der Lage ist. Die Stimme ist nicht sonderlich gross, der Sänger gerät mehrfach an Grenzen, manches gelingt ihm achtbar, anderes bleibt dann doch arg im sängerisch Ungefären.
      Ich fand seine sängerische Leistung in der Premiere recht beachtlich und finde, daß er ein gutes Rollenportrait abgeliefert hat. Eine schauspielerische Leistung findet bei ihm allerdings häufig nur bedingt statt; er ist sich da buchstäblich selbst im Wege.
      Der Chor bietet teilweise beachtlichen Wohlklang, reizt die dynamischen Möglichkeiten seines Parts sehr gut aus, ist auch in der Lage, in ungünstiger Position noch sauber zu singen und überzeugt auch darstellerisch in dieser Produktion.
      Vom Chor ging ja der ganze Vorab-Streit um diese Inszenierung aus. Da war ja auch eine 1a-Leistung fällig! Meine Frau hat mich nach der Aufführung darauf hingeweisen, daß sich in den beiden Massaker-Szenen die Choristen tatsächlich abgewandt haben; ich hatte das gar nicht wahrgenommen.
      Der Dirigent Enrico Delamboye könnte diese Partitur zugespitzter, pointierter und dramatischer zum Klingen bringen und der Zusammenhalt mit der Bühne ist nicht immer ideal gewesen.
      Es gab zu Anfang ein Auseinanderdriften von Chor und Orchester, das war's für die Premiere. Für Enrico Delamboye eine ziemlich gute Quote :evil: Aber das war eins seiner wenigen rundum guten Dirigate in Köln!
      Die von mir besuchte zweite Vorstellung der Serie war nicht so gut besucht, wie es die Produktion verdient hätte. Die, die gekommen waren, spendeten herzlichen und einhelligen Beifall.
      Die Premiere, die ja aufgrund der Verschiebung mit der ersten Repertoire-Vorstellung zusammenfiel, war ungewöhnlich schwach besucht; eine Folge der Vorab-Presse? Es gab natürlich heftige Buhs für das Regieteam samt der entsprechenden Gegenreaktion. Vom vierten Parkett aus betrachtet würde ich sagen, daß die Bravos am Ende sehr deutlich überwogen. Ich habe kaum jemals eine Opernaufführung erlebt, die mich von der ersten bis zur letzten Sekunde dermaßen atemlos in Bann geschlagen hat. Die vorab diskutierten Gewaltszenen waren sicher drastisch, aber das Stück handelt ja auch nicht gerade vom Blumenpflücken. Vom Sprechtheater wäre da u.U. anderes zu erwarten gewesen, vom Film ganz zu schweigen. Keine Übernahme in die nächste Spielzeit, also: bis Ende Juni noch unbedingt hingehen!

      Ein paar Schlaglichter von der (in Köln öffentlichen) Premierenfeier:
      Interimsintendant Peter F. Raddatz wünschte den erkrankten Chormitgliedern gute Besserung. Der leichte Sarkasmus schien aber niemanden mehr zu erbosen; es gab eher amüsierten Beifall. Tillman Knabe forderte lautstarken Beifall für den bei der Auflistung der Beteiligten vergessenen Bewegungschor ein. Mir dem Dramaturgen der Produktion, Oliver Binder, der sich gleichzeitig mit mir ein Bier am Buffet kaufte, hatte ich ein kurzes Gespräch. Er meinte, er sei schon einiges gewohnt vom Theater, aber sowas wie die letzte acht Wochen müsse er nicht öfters haben.
      Bernd

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    • Am 20.06.2009 habe ich mir die Produktion noch einmal angesehn. Die Besetzung war die der Premiere und der von Alviano besprochenen zweiten Aufführung mit der Ausnahme, daß Ursula Hesse von den Steinen die Dalila diesmal auch sang.

      Die musikalische Präzision der Aufführung hat in diesen sechs Wochen doch leider schon etwas nachgelassen; den guten Eindruck, den der Dirigent Enrico Delamboye in der Premiere hinterlassen hatte, konnte er nur bedingt bestätigen. Es gab so einiges an halbgaren Einsätzen, worunter natürlich die Chorszenen am meisten litten; der Chor konnte den hervorragenden Eindruck aus der ersten Aufführungen nicht ganz erreichen. Eine allgemeine Repertoire-Schludrigkeit konnte ich allerdings nicht feststellen; man fing sich immer wieder recht schnell. Ray Wade hatte mit dem Samson immer wieder einige Mühe, und es ist doch zu fragen, ob solche Rollen (zuletzt Riccardo im Ballo, davor Alvaro in Forza, wo er ebenfalls zu kämpfen hatten) auf Dauer das richtige für ihn sind. Vor allem in der Höhe hat die Stimme deutlich an Strahlkraft nachgelassen, da klingen die Töne schon mal recht fahl, oder aber eben: gestemmt. (Und sonderlich hoch liegt der Samson ja nicht). Zwiespältig stehe ich derDalila der Ursula Hesse von den Steinen gegenüber: ich hatte den Eindruck, daß ihr die Partie alles in allem zu tief liegt. In der mittleren und hohen Lage ist die Stimme angenehm und (nicht unwichtig bei der Rolle!) klangschön, und auch in den Spitzen kommen nur ganz gelegentlich leichte Schärfen hinzu; sie wird gut im Raum projiziert und kommt gut über das Orchester. Steigt sie ins tiefe Register hinab, muß die Sängerin zu rohen und brustigen Tönen greifen, um noch gehört zu werden; oft genug "versinkt" die Stimme dann auch einfach im Nichts. Die physischen Möglichkeiten Irina Mishuras hat sie nicht. (Wobei ein Vergleich natürlich unfair wäre: Mishura mußte die Rolle nicht spielen und hatte auch noch eine Wand hinter sich.) Als sängerische Darstellerin jedoch war Ursula Hesse von den Steinen der Mittelpunkt der Aufführung. Angst, Sehnen, Rachsucht, lockende Verführung, sadistischer Haß; all das stellt sie mit stimmlichen Mitteln dar, wobei sie maßvoll zu naturalistischen Mitteln greift, etwa, wenn sie bei Samsons Verführung (für den Schlußteil des Duetts; diesmal Höhepunkt der Aufführung) von zärtlichem Girren auf höhnische Wut umschaltet und dabei beim Abstieg vom Spitzenton die Stimme per heftiger Aspiration "abkippen" läßt. Was ihre szenisches Darstellung angeht, habe ich im Nachhinein den Einruck, daß sie bei den ersten Aufführungen durch das Markieren-müssen gehemmt war und jetzt erst zu voller Größe aufgelaufen ist. Eine wirklich beeindruckende Darstellerin, leider in dieser Rolle in ihren gesanglichen Mitteln eingeschränkt. Erwähnen sollte ich allerdings noch, daß wir diesmal in einer ziemlich hoch gelegenen Loge des zweiten Rangs saßen, wo die akustischen Probleme des Kölner Opernhauses weit deutlicher werden als im Parkett.

      Tilmann Knabes Inszenierung entfaltet ihre beklemmende und beängstigende Atmosphäre auch beim Wiedersehen. Daß Effekte, die man schon kennt, ihre Wirkung ein wenig verlieren, liegt nahe; das gilt insbesondere für die eher vordergründigen wie Raketeneinschlag oder MP-Salven. Störend noch mehr die akustischen Effekte, die in die Musik eingreifen (etwa Samsons lautes Stöhnen während der Choreinschübe in "Voi ma misère"). Verstörend aber wiederum die gezeigte Angst der Opfer im Bacchanal und die stilisiert dargestellten Grausamkeiten in der Zeitlupen-Szene. Weit besser die beiden Duette im zweiten Akt, wo Ursula Hesse von den Steinen ihre Partner regelrecht mitriß; das war in der Premiere stellenweise etwas fade gewesen.

      Letzte Aufführungen am 25. und 28. Juni, letztere zum halben Preis auf allen Plätzen. Wer noch nicht da war, hat also noch eine Chance. Keine Übernahme in die neue Saison.
      Bernd

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