Die barocke Violinsonate - Hintergründe, Beispiele, Empfehlungen

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    • Die barocke Violinsonate - Hintergründe, Beispiele, Empfehlungen

      Da der Thread zur barocken Triosonaten recht beliebt geworden ist, dachte ich, man müsste eigentlich auch einen analogen Thread zur barocken Violinsonate starten. Die Violinsonate ist ja in etwa genauso alt wie die Triosonate, d.h. sie kam so ab 1650 auf. Pioniere sind Komponisten wie Uccellini oder Stradella, erste Höhepunkte findet man bei Biber, Westhoff und anderen, bis schließlich Corelli die Violinsonate in ein klassisches Format überführte. Die Violine ist insofern besonders geeignet, da sie ein typisches Melodieinstrument darstellt, mit der die menschliche Stimme imitiert werden kann. Andererseits kann man auch mehrstimmig spielen, was reichlich genutzt wurde, ganz besonders natürlich in den unbegleiteten Violinsonaten des Barock, von denen Bachs "Sei Solo" nur die berühmtesten Vertreter sind.

      Dieser Thread soll dazu dienen, möglichst viele Violinsonaten aus dem Barock vorzustellen - egal ob schön oder "interessant" - und den musikhistorischen Hintergrund der Gattung zu diskutieren.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • J.S. Bach - Violinsonaten BWV 1021, 1023 und 1024

      Ich fange - natürlich - mit Bach an, allerdings nicht mit den sattsam bekannten Zyklen BWV 1000-1005 und BWV 1014-1019, sondern mit drei ziemlich unbekannten Werken, den Sonaten für Violine und Basso continuo BWV 1021 (G-Dur), 1023 (e-Moll) und 1024 (c-Moll). Die Urheberschaft Bachs ist zumindest in der c-Moll Sonate umstritten, die beiden anderen werden jedoch J.S. Bach mit ziemlicher Sicherheit zugeschrieben. Auschließliche Bc Begleitung ist bei Bach in der Instrumentalmusik sehr selten, denn das widersprach offensichtlich seinem musikalischen Denken. Bach bleibt sich aber treu, indem er eine extrem komplexe Schreibart beibehält. Die Komplexität ergibt sich natürlich nicht aus der Kontrapunktik, obwohl hier deutlich mehr Doppelgriffpassagen vorkommen als in den Sonaten BWV 1014-1019, sondern aus der geradezu abenteuerlichen Harmonik, vor allem in BWV 1021 und 1023. Ich kann mich erinnern, als ich die Noten vor vielen Jahren kaufte und anspielte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Aufnahme dieser Werke und kapierte schlichtweg gar nichts. Die Melodik ist im Vergleich zu den Werken der bekannten Zyklen extrem reduziert und die Melodielinie wird vor allem in den langsamen Sätzen jeden Takt mehrmals durch Tonartenwechsel oder exzessive Chromatik gebrochen. Extrem in diser Hinsicht ist der zweite Satz aus BWV 1023 (Adagio ma non tanto), der für mich einer der bizarrsten Sätze ist, die Bach geschrieben hat. Eigentlich ist das schwere Kost, aber mit jedem Mal hören, gefallen mir diese Werke besser. Natürlich gibt es auch gefälliges, wie der erste Satz aus BWV 1023, der eine ausgedehnte, wirkungsvolle Arpeggiostudie darstellt. Das Werk zweifelhafter Urheberschaft, BWV 1024, ist tasächlich sehr untypisch für Bach, vor allem der letzte Satz mit seinen unisono Fanfaren und den französischen Rhythmuswechseln (zumindest empfinde ich sie als typsich für den französischen Barock).

      Meine Aufnahmen:



      In beiden Fällen dienen die Violinsonaten mit Bc als Auffüllsel für die Sonaten 1014-1019, die nicht auf eine CD passen. Im Falle von Grumiauxs Einspielung ist sogar noch BWV 1022 beigegeben, die als Substrat für Bachs Triosonate BWV 1038 gilt. Beide Einspielungen schätze ich sehr.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Vor ein paar Jahren begeisterte ich mich sehr für Violinsonaten um 1600-1750, vor allem für Aufnahmen mit H. Schmitt. Einige Aufnahmen habe ich seinerzeit hier aufgelistet, allesamt in bester Erinnerung: Hélène Schmitt, französische Barockgeigerin.

      Zu einzelnen Werken bzw. Werkgruppen gibt es hier übrigens bereits eigene Fäden (die diesen natürlich keineswegs überflüssig machen!):

      J.S.Bach: Sechs Sonaten für Violine und Cembalo, BWV 1014-1019
      J.S.Bach - Sonaten und Partiten für Violine Solo, BWV 1001-1006
      BIBER, Heinrich Ignaz Franz: Die Rosenkranz-Sonaten
      BIBER, Heinrich Ignaz Franz: Sonatae, Violino Solo (1681)
      Arcangelo Corelli - Violinsonaten Op. 5
      FUX: Die Partiten und Sonaten à 3
      SCHMELZER, Johann Heinrich: Sonatae unarum fidium (1664)


      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ja, die Uccellini-CD finde auch ich hervorragend, ich habe sie in dieser Aufmachung:



      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Antonio Bertali - "Antonio Violino"

      Antonio Bertali (1605 - 1669) war sicher eine der bedeutendsten Pioniere des Violinspiels. Der international bekannte Violinvirtuose ging als Zwanzigjähriger an den Kaiserhof in Wien und blieb dort hochgeschätzt und verehrt bis zu seinem Tode in 1669. Als kleine Nebenbemerkung möchte ich mir erlauben, darauf zu verweisen, wie wichtig Wien für das musikalische Leben in Europa auch schon im 17. Jahrhundert war; eine Tatsache, die kurioserweise v.a. in Österreich kaum zur Kenntnis genommen wird. Bertali komponierte für alle Besetzungen, instrumental wie vokal, aber vor allem seine Instrumentalwerke sind erhalten geblieben. Diese umfassen auch Werke für Violine und Bc, welche ich für außergewöhnlich schön halte. Sein vielleicht überhaupt bekanntestes Werk ist die Ciacona, ein wahrlich magisches Stück, das einen ungeheuren Sog entwickelt. Für mich ist diese ausgebreitete Variationenfolge geradezu archetypisch für die Instrumentalmusik des 17.Jahrhunderts und vielleicht eine der "Landmarks", die man kennen sollte, wenn man sich mit der Musik aus dieser Zeit beschäftigt. Bertali schrieb aber auch "normale" Sonaten für die Violine und Bc. Zu hören sind diese Werke auf dieser CD, die ich (wieder einmal) jedem ans Herz legen möchte:

      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Francesco Geminiani - Sonaten op. 5 für Cell..., nein Violine

      Francesco Geminiani (1687 - 1762) war schon ein recht seltsamer Komponist. Die meiste Zeit als Komponist verbrachte er damit eigene Werke anderer oder die anderer umzuarbeiten. Besonders erfolgreich waren seine Umarbeitungen von Corellis Violinsonaten op. 5 in Concerti grossi (Geminanis op. 3). In England, Geminani verbrachte die meiste Zeit seines Lebens dort, war man Corellis Musik total verfallen. Geminani war sicher ein profunder Kenner dessen Kompositionen, war er doch in seiner Jugend Schüler des Meisters gewesen. Seine tatsächlichen Eigenkompositionen allerdings unterscheiden sich sehr stark von Corellis. Es sind eher harmonisch vertrackte, unberechenbare und oft ins Virtuose schweifende Kreationen, welche mir wesentlich besser gefallen als die meisten Werke Corellis. In England fanden sich hinsichtlich Geminanis Kompositionsweise sowohl Bewunderer als auch Kritiker. Ein Kritikpunkt war der der mangelnden Inspiration, welche auch die oftmaligen Umarbeitungen erklären sollte. Ich bezweifle das und denke, dass Geminani viel mehr Perfektionist war, der lieber das bereits Komponierte stetig verbessern und aktualisieren wollte, als etwas Neues zu schreiben nur der Neuigkeit willen. Relativ spät (1746) komponierte Geminani seine Cellosonaten op. 5, die er aber alsbald in Violinsonaten umarbeitete. Die Werke sind durchaus virtuos, aber nicht auf oberflächliche Weise. Ich mag diese Werke sehr, allerdings vor allem in der Violinversion. Erstens sind mir die Werke für das Cello etwas zu kleinteilig (auf Englisch würde ich "busy" sagen), und zweitens kontrastiert das Cello des Continuo nicht ausreichend mit dem Soloinstrument, was ich klanglich und vom Blickwinkel der Transparenz aus gesehen nicht ideal finde. Es gibt regelrechte Trillerketten am laufenden Band und häufiges Doppelgriffspiel. Technisch gehören diese Werke sicherlich für beide Instrumente zum Schwierigen, wenn nicht gar Schwierigsten aus der Barockzeit. Geminani konnte natürlich auf der Violine alle Hindernisse umschiffen, war er doch gefeierter Virtuose und Verfasser einer der ersten Violinschulen.

      Folgende Einspielungen besitze ich:




      Auf der Aufnahme von Anton Steck (Violine) und Christian Rieger (Cembalo) ist zudem noch eine sensationell gute Soloviolinsonate eingespielt.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Die Violinsonate ist ja in etwa genauso alt wie die Triosonate, d.h. sie kam so ab 1650 auf.
      Als frühe Vertreter gelten Castello, Farina, Biagio Marini und Montalbano. Statt 1650 solltest Du besser 1620 schreiben, da die Farina-Sammlungen bereits in den 20er-Jahren veröffentlicht wurden und damals ja auch nicht alles sofort gedruckt wurde.

      Die "Geburt" der Triosonate hätte ich gefühlsmäßig noch ein paar Jahrzehnte früher angesetzt (Gabrieli und Cima?)
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    • Castello hat tasächlich in seiner ersten Sammlung schon Werke für ein Instrument alleine und Bass inkludiert. Allerdings sind Castellos Sonaten nicht explizit für Violine geschrieben sondern können genauso gut auf einem Zink bzw. Cornetto gespielt werden. Deshalb sprach ich von 1650, da hier die Violinsonate als instrumentenspezifisches Format Verbreitung fand. Bezüglich der Triosonate hast Du allerdings recht. Hier wären 1615-1625 als Geburtsjahre treffender.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Farinas Sonaten (veröffentlicht in den 20ern - Farina starb bereits 1639) mit ihren Doppelgriffen und Pizzicati gehen auf dem Zink aber etwas schwer ...
      :D
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    • Felix Meritis schrieb:

      Bezüglich der Triosonate hast Du allerdings recht. Hier wären 1615-1625 als Geburtsjahre treffender.
      Mist, bei Gabrieli (gest. 1612) wär's eine Quartettsonate, bei der die Geigen im Titel fixiert sind: "Sonata XXI con tre violini".

      Andererseits: Wer sagt, dass die Triosonate nur dann eine ist, wenn sie für 2 Geigen ist? Cimas "Sonata a tre" in der 1610 veröffentlichten Sammlung ist auch eine Triosonate (sogar im Titel), auch wenn sie für Geige, Cornett und Continuo ist. Ich würde die Geburt der Triosonate also um die Jahrhundertwende sehen.
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    • Die früheste Triosonate, die ich in meiner Sammlung habe ist von Salomone Rossi, dürfte also auch so von 1610, 1615 oder 1620 sein. Aber ich schrieb ja auch "in etwa so alt wie die Triosonate". Die Violinsonate ist also mehr oder weniger eine Generation jünger als die Triosonate. Wenn man von 1650 ausgeht, also ab den Werken von Uccellini, sind es 1,5 Generationen. Auf eine Zeitspanne von 400 Jahren gerechnet scheint mir daher der Ausdruck "in etwa so alt" angemessen zu sein.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Wenn man von 1650 ausgeht, also ab den Werken von Uccellini
      Stellt sich nur die Frage, wieso man von den Werken von Uccellini ausgehen soll und die älteren Sonaten ausblenden?
      ?(
      Ich kann nicht nachvollziehen, was Dich davon abhält, die "Geburtsstunden" der Gattungen weiter in die Vergangenheit zu verschieben. Hörvorlieben? Gewohnheit?
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    • Felix Meritis schrieb:

      Farinas Werke kenne ich nicht.
      Vor ein paar Tagen ist eine neue CD mit Werken von Farina u.a. erschienen:



      Carlo Farina

      Sonate e Canzoni per Violino con il Basso per sonare


      und Werken vonSteffen Nau, Michelangelo Rossi, Pietro Paolo Malli
      d.h. 6 von Carlo Farina


      Leila Schayegh Violin
      Jörg Habulek Cembalo und Continuo Orgel
      Danile Caminite Erzlaute
      Jonathan Pesek Cello und Viola da Gamba

      Nach den ersten Eindrücken bin ich ganz angetan davon. Außerdem habe ich noch diese:



      Carlo Farina

      Capricio Stravagante

      Stephanie de Failly Violine
      Ensemble Clematis
      Leonardo Garcia Alarcón

      Farina ist aber auf vielen Sammel-CD enthalten. Aus diesen Frühzeiten der Violin-Sonaten gibt es oft nicht soviel von einem Komponisten, dass es für eine CD reicht. Außerdem waren die Soloinstrumente nicht immer genau bestimmt. Die Komponisten und Drucker hatten ein Interesse daran, viele Noten zu verkaufen, schon aus diesem Grund waren sie an Sonaten interessiert, die auch für Zinkenisten oder Flötisten interessant waren.


      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Dass ist ja wirklich ein witziger Zufall, dass diese CD gerade jetzt zum Zeitpunkt unser kleinen Diskussion erscheint! Die CD ist auf jeden Fall einmal vorgemerkt, da ich sowohl die Interpretin Shayegh sehr schätze als auch das Programm spannend finde.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Besonders erfolgreich waren seine Umarbeitungen von Corellis Violinsonaten op. 5 in Concerti grossi (Geminanis op. 3). In England, Geminani verbrachte die meiste Zeit seines Lebens dort, war man Corellis Musik total verfallen. Geminani war sicher ein profunder Kenner dessen Kompositionen, war er doch in seiner Jugend Schüler des Meisters gewesen. Seine tatsächlichen Eigenkompositionen allerdings unterscheiden sich sehr stark von Corellis. Es sind eher harmonisch vertrackte, unberechenbare und oft ins Virtuose schweifende Kreationen, welche mir wesentlich besser gefallen als die meisten Werke Corellis.
      Ich habe zwei CD mit Sonaten von op.4, die als "eher eher harmonisch vertrackte, unberechenbare und oft ins Virtuose schweifende Kreationen" nicht so populär waren, mir gefallen sie jedoch sehr gut, vor allem in dieser Interpretation:






      Francesco Geminiani (1687-1762)
      Sonatas Op. 4 Vol. 1.2.

      Liana Mosca violino
      Antonio Mosca violoncello
      Luca Pianca arciliuto
      Giorgio Paronuzzi clavicembalo


      lg vom eifelplatz, Chris.
    • Ich hab grad mal eine Liste von italienischen Komponisten früher Violinsonaten (vor Corelli) rausgeschrieben, z.T. nach einer Wikipedia-Liste., z. T. von meinen CDs:

      G. B. Cima, B. Marini, C. Farina, D. Castello, G. M. Grandi, G. B. Fontana, M. Uccellini, T. Merula, M. Cazzati, G. B. Vitali, Torelli, F. Turini, Frescobaldi, G. M. Trabacci, G. Rovetta, G.,Picci, G. Scarani, G. G. Arigoni, M. A. Ferro. M. Pesenti, M. Neri, P. degli Antoni


      lg vom eifelplatz, Chris.