Opernhaus Zürich Bellini "I Capuleti ed i Montecchi" Der Pate im Belcanto Rausch

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    • Opernhaus Zürich Bellini "I Capuleti ed i Montecchi" Der Pate im Belcanto Rausch

      Bonsoir, hier eine Empfehlung für alle anspruchsvollen Belcanto-Liebhaber, die offen für neue Blickwinkel sind : Christof Loy hat in Zürich eine der schönsten Belcanto-Opern inszeniert und diese Inszenierung, kann man im Moment noch auf Arte Concert ansehen- und hören.
      Als dezidierter Bellini Fan bin ich immer sehr neugierig und gespannt, ob und wie es dem Team gelingt, seine nicht allzu oft gespielten Opern lebendig werden zu lassen und die Rollen adäquat zu besetzen mit Sängern, die nicht nur die Stimmhochleistungen bewältigen sondern auch ein glaubhaftes Rollenporträt darstellen. Das ist Alles andere als selbstverständlich, selbst in Zeiten des Regietheaters.
      Besetzung :
      • Joyce DiDonato - Romeo
      • Alexei Botnarciuc - Capellio
      • Olga Kulchynska - Giulietta
      • Benjamin Bernheim - Tebaldo
      • Roberto Lorenzi - Lorenzo

      • Dirigent/-in :Fabio Luisi
      • Chorleitung :Jürg Hämmerli
      • Kostüme :Christian Schmidt
      • Chor :Chor der Oper Zürich
      • Choreographie :Thomas Wilhelm
      • Bühnenbild / Ausstattung / Bauten :Christian Schmidt
      • Dramaturgie :Kathrin Brunner
      • Libretto :Felice Romani
      • Licht :Franck Evin
      • Inszenierung :Christof Loy
      • Orchester :Philharmonia Zürich
      Zunächst einmal muss ich meine Begeisterung für die unglaubliche Leistung von Joyce di Donato als Romeo loswerden. Das ist sensationell :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: .Die Verbindung von wunderschönem Timbre, Pianokultur und dramatischer Kraft macht sie zur Idealbesetzung. Ihre Erscheinung erinnert laut eines Kritikers an Barbra Streisands Yentl, und die erstaunliche Besetzung einer männlichen Liebhaber-Hauptrolle mit einer Mezzosopranistin, die sich sonst in keiner Bellinioper findet, scheint mit einer so grossartigen Sängerin vollkommen normal und logisch zu sein. Partnerin von di Donato als Giulietta ist die erst 24jährige UkrainerinOlga Kulchynska, die ebenfalls grosse Bewunderung verdient, wobei ich sie darstellerisch und als Typusverkörperung fast noch besser als di Donato finde, sie stimmlich aber nicht ganz an die Extraklasse des Romeo heranreicht. Was aber nicht heisst, dass sie nicht ebenfalls sehr gut singt, mit einer weniger sensationellen Partnerin wäre sie Star des Abends. Die Sterbeszene mit dem unglaublichen Duett in dem irgendwann niemand mehr weiss, wer hier Sopran und wer Mezzo ist, ist der Höhepunkt der Gesangs- und Schauspielkunst der beiden Protagonisten- unbedingt ansehen (bei etwa 2 Stunden anklicken, wenn ihr keine Zeit und Lust habt, Alles zu sehen)
      Das Szenario des Regieteams ist überraschend und interessant: das Ganze fängt mit einem Rückblick auf Giuliettas Erstkommunion an und soll offenbar ein traumatisierendes Ereignis zeigen, dass Giuliettas zögerndes und für Romeo unbegreifliches Verhalten erklären kann. Sie weigert sich , ihren Vater und ihren Clan zu verlassen und mit Romeo zu fliehen. Kommunionkleid und Hochzeitskleid sind sich sehr ähnlich, was auf einen Missbrauch Giuliettas durch den als Marlon Brando maskierten- Vater hindeuten kann, aber nicht muss.Ich bin mir da nicht ganz so sicher wie andere Rezensenten. Die Handlung spielt im Mafia-Milieu mit eindeutigen Anspielungen an "Der Pate". Kostüme und vor allen Dingen die Marion Brando Maske des Vaters versetzen uns sofort in das einschlägige Milieu und den Film. m
      Die Montecchi e Capuleti sind rivalisierende Clans und gehören zudem zwei sehr unterschiedlichen sozialen Klassen an. Von Guelfen und Ghibellinen ist jedenfalls kein Rede mehr..... eher vom Proletariat und Grossbürgertums in den 30 iger oder 50iger Jahren.Ein sehr spezielles Element dieser Inszenierung ist eine stumme Rolle: ein androgynes, ausgesprochen schönes Wesen, das eigentlich nur ein Engel sein kann, wenngleich eher ein schwarzer Engel, spukt durch die gesamte Oper, mal Mann mal Frau, und gibt am Ende gar Romeo die Phiole mit dem tödlichen Gift zu trinken. Auch wenn die Funktion dieses Wesens mysteriös bleibt, ist diese rein fiktive Rolle für mich vor allen Dingen ein origineller Spiegel des schillernden Geschlechterspiels inclusive Stimmkreuzungen, das Bellini hier zur Meisterschaft bringt und für die es in keiner seiner anderen Opern eine Parallele gibt. Bravissimo allein für diese Idee! :verbeugung1:
      Am Ende sieht man Giulietta als einzige Überlebende herumirren, inmitten der ermordeten Clanmitglieder und der Engel ist weiterhin ihr stummer Begleiter.
      Mir hat diese ziemlich beklemmende Neu-Interpretation sehr gut gefallen und das Wunderbare: sie geht in keinster Weise zu Lasten des Schönklangs und Schöngesangs. Musikalisch kann ich noch wenig sagen, ich war dermaßen von Gesangskunst uns Spiel fasziniert, dass ich erst ein zweites Mal Alles hören müsste um die Leistung des Orchesters würdigen zu können. Vielleicht hat ja jemand anders auch diese Aufführung gesehen?

      Liebe belliniselige Grüsse :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fairy,

      schön, Deinen begeisterten Bericht zu lesen! Die "Capuleti" hat mir mal eine MET-Übertragung (damals noch im Radio) verleidet; ich sag' nicht, wer schuld war ;) , aber sicher nicht Bellini! Wie lange wird das noch im Netz zu sehen und zu hören sein?
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Lieber Quasimodo, Bellini können leider nur ganz Wenige und die Capuleti sind ein besonders schwieriger Fall. Entweder sind die Sänger Mittelmass (was bei dem Anspruch schon eine Leistung ist.....) oder sie sind gut aber man würde sie besser nur auf CD hören, weil der Anblick jede Imagination von Romeo e Giulietta ad absurdum führt oder die Regie ist komplett daneben (einfallslos, langweilig..... weil es ja angeblich eh nur um Gesang geht) oder der Dirigent hat diese Musik nicht so verstanden wie ich sie gerne hören möchte. Kurz und gut: es ist wirklich ein Glückstreffer und eine Sternstunde diese Oper in live wirklich geniessen zu können. Ich habe sie mal in Lüttich mit einer phantastischen Patricia Ciofi gesehen, sie war aber leider der einzige Lichtblick.......
      Zudem wird sie ja wahrlich nicht oft gegeben.
      Es lässt sich nicht ersehen, wie lange die Zürcher Aufführung noch im Netz ist, von daher nehme ich an, noch einige Zeit, das gehört bei Arte zu den "europäischen Operntagen 2016" Ich hoffe sehr auf eine DVD, das wäre m.E. ein exemplarische Einspielung für unsere Zeit. Je suis enchantée. Es gibt natürlich die ein oder andere Schwäche, zu den übrigen Solisten hab ich ja noch gar nichts gesagt, aber insgesamt ist das wahrlich grossartig. Der Opernchor ist mir z.B.. iauch sehr positiv aufgefallen, die Männer als Clanmitglieder haben ja sehr viel zu tun :sofa1: :sofa1: :sofa1: :fee: sonnige Grüsse in nah und fern
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    • Die Aufführung aus dem Züricher Opernhaus ist auf Arte noch bis zum 24.07.2016 (01:31 Uhr) verfügbar.

      Armin
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Danke Lionel, ich hab das leider nicht gefunden. So bleibt allen Belcanto-Fans und neugierigen Nicht-Fans, die eine Belcanto-Oper mal anders erleben wollen- at her best und total entstaubt- genug Zeit. Und mir hoffentlich auch, um das Ganze etwas genauer zu studieren. Die erste Begeisterung ist zwar entscheidend, aber würdigt lange nicht Alles.
      Ich denke gerade an die vielen sehr detaillierten und lebendigen Opernkritiken die manche User(innen) geschrieben haben oder noch schreiben und kann da leider aus vielen Gründen nicht mithalten. Severina war z.B. ganz grosser Fan der Oper Zürich und mehrfach in manchen epochalen Aufführungen, wovon ihre wunderbaren Berichte so sehr profitiert haben. :verbeugung1: Ich war noch nie in Zürich und schon gar nicht in der dortigen Oper, was, wie ich nun wieder sehe, ein grosser Verlust ist.
      Was den schönen schwarzen Engel angeht, frage ich mich, ob der nicht auch ein Teil von Bellini selbst sein könnte, der seine Protagonisten aus einer anderen Welt beobachtet . En Todesengel ist er sowieso, ein Spion ebenfalls, aber offensichtlich hat er viele Facetten. Kommunionkleid, Brautkleid und Leichenkleid der Giulietta scheinen Eins zu sein und die katholischen Zugehörigkeiten der Mafia, der Jungfrauenkult, die Rolle der Frauen im Hinblick auf Vater und(potentiellen) Bräutigam sind in Kostümen und Dekor stets dezent präsent. Das ist ja glücklicherweise keine plakative Inszenierung, die mit grobem Strich zeichnet, sondern sie lässt dem Zuschauer hinreichend Raum zur eigenen Imagination. Mir macht das grosse Lust ,Anderes von Christof Loy zu sehen. Eventuell hat ja jemand Empfehlungen.

      :fee:
      @ Quasimodo: der Met-Mensch der Dir die Capuleti verleidet hat, war das ein Dirigent? Wenn ja fängt er mit J an und hört mit e auf????? Der hat mich jedenfalls auch schon in die Flucht geschlagen und Bellini kann er mit Sicherheit noch weniger als Mozart :cursing: Oder war es eine Sängerin? Ein Regisseur scheidet im Radio ja aus...... ;)
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • OK, da werde ich hoffentlich Zeit finden, mir das anzusehen (bin ein ziemlicher TV-Muffel).

      Zu Christoph Loy: Seine Düsseldorfer Inszenierungen, die ich gesehen habe, waren ohne Ausnahme gut bis herausragend (u.a. auch ein ansprechende Lucia die Lammermoor und eine begeisternde Manon; letztere aber schon vor über 15 Jahren; und ein toller Monteverdi-Zyklus); die beiden Kölner Inszenierungen waren nicht gar so toll. Andere Inszenierungen von ihm kenne ich nicht.

      Das mit der misslungenen Produktion ziehe ich komplett zurück - memory error! (Es war zwar Romeo und Julia, aber von Gounod :versteck1: ).
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • FairyQueen schrieb:

      ich hab das leider nicht gefunden
      hier
      "http://concert.arte.tv/de"
      als Suchbegriff "bellini" eingeben, es ist der 3. Treffer.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).