Königin-Elisabeth-Wettstreit 2016

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    • Die Rachmaninoff Corelli-Variationen von Alberto Ferro sind wirklich umwerfend :ohnmacht1: Mich begeistert insbesondere sein sensibler Anschlag in Kombination mit grosser Virtuosität, die aber immer beseelt ist. Wenn man dazu ,wie ich, das Werk nicht kennt, ist es ja noch spannender. Mir gefällt auch die Wettbewerbskomposition "Tears of light" sehr gut. Und er spielt sie celestément
      Nach diesem Riesentalent hab ich erstmal gar keine Lust noch Anderes zu hören. Vondracek heb ich mir für morgen auf. Danke für die Tipps und bonne nuit
      :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Der 1. Preisträger des jetzigen Brüsseler Wettbewerbs - im Moment noch unbekannt - wird ja am 19. Juni nachmittags beim Pianofestival in Lille auftreten. Wir, liebe Fairy Queen, haben da vor ein paar Jahren mal zufällig zusammen im selben Konzert gesessen, ohne es voneinander zu wissen: das grossartige, unvergessene Bach - Busoni recital van Demidenko.
      herzliche Grüsse
      abendroth (Joachim)
    • Berenice schrieb:

      Ist ein solch hochkarätiges Live-Erlebnis nicht eine Alternative zu den jederzeit greifbaren "Konserven" im "personal archive" ?!
      Ich kann das nicht.
      Für mich sind das von den Aspiranten selber gewählte Hinrichtungen und ich empfinde keine Freude daran, derer Nervosität beizuwohnen.
      Lukas z.B. hat niemals bei uns vorher die Tasten saubergewischt, der hat mit Jetlag und völlig fertig Rach 3 gespielt, daß das Haus und auch wir tobten.

      Und auf einmal sehe ich da jemanden, der die Tasten abwischt....ne, ne , das ist nicht normal, das läßt tief blicken.
      Sowas macht mir keinen Spaß.

      Ich bevorzuge "normale" Konzertmitschnitte.
      Dazu muß ich natürlich sagen, daß mir die Situation selber mehr als bewußt ist, denn ich kenne diese selber.
      Außer an den Probespielen-welche schlimm genug sind- habe ich vor über 20 Jahren an vier schon recht größeren Wettbewerben teilgenommen ( natürlich nicht vom Kaliber dieses Wettbewerbes, es war schon eine bis drei Kategorien darunter) und bin viermal Vierter geworden.
      Danach hat es mir gereicht, denn die Vorbereitung für jeden Wettbewerb ist immens und nimmt wichtige Zeit in Anspruch.
      Lebenszeit.

      Und das dann für dieses Roulettespielchen?

      Sowas macht man mal, wenn man jung ist und denkt, man hat viel Zeit.
      Im Falle von Lukas Vondracek denke ich, er will und muß es nochmal wissen, um seinen Marktwert zu steigern.
      Er dürfte mittlerweile 30 Jahre alt sein und ist sehr gut im Geschäft.
      Sich einem solchen Wettbewerb als schon "älterer" zu stellen- der das doch gar nicht mehr nötig hat- finde ich nicht gesund, aber ich wünsche Ihm trotzdem das beste.

      LG,
      Michael
    • Michael Schlechtriem schrieb:

      Für mich sind das von den Aspiranten selber gewählte Hinrichtungen und ich empfinde keine Freude daran, derer Nervosität beizuwohnen.
      Kann ich verstehen. Aber immerhin sind es selbst gewählte Hinrichtungen. Ich bin am Wochenende bei Jugend Musiziert in Kassel, da gibt es sicher auch wieder Teilnehmer, die von ihren Eltern zum Richtplatz geschleift wurden...

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Michael Schlechtriem schrieb:

      Für mich sind das von den Aspiranten selber gewählte Hinrichtungen und ich empfinde keine Freude daran, derer Nervosität beizuwohnen.

      ... ja, ich verstehe diese Vorbehalte gegenüber Wettbewerben.
      Als Profi-Musiker hat man da doch einen ganz anderen Zugang.

      Auch wenn ich persönlich die Leiden der Teilnehmer sehr, sehr gut nachempfinden kann
      - schon ein schlichtes Vorspiel in der Schule hat mich "fix und fertig gemacht" -
      versuche ich doch das Positive und Schöne dieser Veranstaltung für mich "rüberzuholen",
      nämlich eine Vielzahl interessanter PianistINNen und ihre "Spielweise" kennenzulernen.

      Ganz besonders interessant finde ich z.B. den Vergleich der Interpretationen bei "Tears of Lights" von Fiorini,
      wohingegen ich bei den Mozart Klavierkonzerten selten so "gepackt" bin, dass ich (außer bei den Live-Übertragungen) bis zum Schluss "durchhalte". :schaem1:

      Zudem bekomme ich die "äußerlich sichtbaren Zeichen" der Nervosität bei den Übertragungen nicht so stark mit, denn ganz überwiegend höre ich nur zu.
      Kann mich da viel besser auf die Musik konzentrieren ...
      Liebe Grüße,
      Berenice

      Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.
    • Hier für alle Interessierten die acht Wettbewerbsbeiträge von gestern, Donnerstag den 12. Mai 2016:

      Vier mal Mozart:

      Su Yeon Kim (Korea)
      Klavierkonzert Nr. 20 d-moll KV 466
      => http://www.qeimc.be/cgi?lg=en&pag=2427&tab=146&rec=29998&frm=0&par=secorig2016

      Aljosa Jurinic (Kroatien)
      Klavierkonzert Nr. 26 D-Dur KV 537
      => http://www.qeimc.be/cgi?lg=en&pag=2427&tab=146&rec=29999&frm=0&par=secorig2016

      Chi Ho Han (Korea)
      Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467
      => http://www.qeimc.be/cgi?lg=en&pag=2427&tab=146&rec=30004&frm=0&par=secorig2016

      San Jittakarn (Thailand)
      Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467
      => http://www.qeimc.be/cgi?lg=en&pag=2427&tab=146&rec=30005&frm=0&par=secorig2016


      Vier Rezitals:

      Jun Hwi Cho (Korea)
      Fiorini: Tears of Lights - Bach: Franz. Suite Nr.2 c-moll BWV 813 - Messiaen: Prremière communion de la Vierge (Vingt regards sur l'Enfant Jésus Christ) - Liszt: Aprés une lecture du Dante (Année de Pèlerinage, 2e année, Italie)
      => http://www.qeimc.be/cgi?lg=en&pag=2427&tab=146&rec=30000&frm=0&par=secorig2016

      Leonardo Pierdomenico (Italien)
      Fiorini: Tears of Lights - Clementi: Sonate fis-moll op. 25.5 - Chopin: Ballade Nr.1 g-moll op.23 - Skryabin: Fantaisie h-moll op.28
      => http://www.qeimc.be/cgi?lg=en&pag=2427&tab=146&rec=30001&frm=0&par=secorig2016

      Yoonji Kim (Korea)
      Skryabin: Fantaisie h-moll op. 28 - Fiorini: Tears of Lights - Chopin: Sonate Nr. 3 h-moll op. 58
      => http://www.qeimc.be/cgi?lg=en&pag=2427&tab=146&rec=30015&frm=0&par=secorig2016

      Nadezda Pisareva (Russland)
      Fiorini: Tears of Lights - Ravel: Ondine (Gaspard de la nuit) - Schumann: Carnaval op.9
      => http://www.qeimc.be/cgi?lg=en&pag=2427&tab=146&rec=30016&frm=0&par=secorig2016


      Leider kann ich in der nächsten Zeit den Concours nicht aktiv weiterverfolgen,
      hoffe aber, hier im Forum ein wenig Interesse dafür geweckt zu haben ...
      Liebe Grüße,
      Berenice

      Colors are like music using a short cut to our senses to awake our emotions.
    • Danke der lieben Berenice für die Verführung zum Mitfiebern mit den grossartigen Musikerinnen und Musikern.

      Ich höre im Moment die Auslegung von Mozarts Klavierkonzert KV 467 durch den von Micha zu recht so emphatisch gepriesenen Lukas Vondracek: Ein Ereignis!!!
      Unbedingt noch reinhören! So spielt ein Sieger! Zu einem späteren Zeitpunkt folgt mehr zum Wettbewerb von meiner Seite.

      Herzlich grüsst aus Bern der
      Walter
    • Ein Zwischenbericht zum Concours (Teil 1)

      Mein Interesse hast du jedenfalls vehement geweckt, liebe Berenice, und fast möchte ich sagen "leider", bin ich doch vom Prinzip her wahrlich kein Freund dieser sportlich-competitiven Art des Musizierens. Aber dennoch lasse ich mir aus unerfindlichen Gründen immer wieder den Ärmel reinziehen in die Dynamik von Wettbewerbssituationen, zumal man via Livestream zeitkongruent dabeisein kann, was durchaus einen gewissen Reiz hat, der allerdings leider auch bei mir gelegentlich unwillentlich in Voyeurismus ausartet - ein Phänomen, das wohl unweigerlich der Form eines Wettstreits immanent ist.

      Dieser Umstand hinterlässt mir ambivalente Gefühle, und ich kann Michael Schlechtriem eigentlich nur zustimmen und fragen: warum tut man/frau sich das an, das Teilnehmen, aber auch das Mitfiebern? Und dann auch noch das Schreiben darüber, das nicht respektvoll genug geschehen kann! Es ist mir selbst ein Rätsel. In meinem Fall ist es wohl am ehesten das Bedürfnis, die herausragenden feingeistigen Leistungen wertzuschätzen und zu propagieren, gleichsam als Kontrapunkt zum zeitgeistigen Zerbröckeln von Werten und kulturellen Errungenschaften im postdemokratischen Zeitalter!

      Zudem ist es ein Geschenk sondergleichen, wenn einem krankheitsbedingt ans Haus Gebundenen gleichsam frei Hütte ein Anlass geliefert wird, der zumindest inhaltlich (weniger in der Form) sein Gemüth ergötzt. Jedem Tierchen sein Olympia-Pläsirchen. Ein fettes Dankeschön deshalb an die Adresse der "KlangsportlerInnen" und an die Kuturverantwortlichen. Eher selten kommt aus Brüssel so Erhebendes!
      (ein unverschämter Kalauer, den ich mir aber nicht verkneifen kann.)

      Meine Vorbehalte und Praeliminarien hiermit deklariert habend, möchte ich Berenice herzlich danken für die hervorragend präsentierte Auslegeordnung des Anlasses. Seit vorgestern verfolge ich alle Konzerte des Halbfinales mit grossem Interesse.

      Als ein weiteres Vorzeichen vor die anschliessende Schilderung meiner subjektiven Eindrücke möchte ich mit aller Emphase das Folgende betonen: alle diese jungen Menschen sind vollendete Musiker und verdienen den grösstmöglichen Respekt für den Umstand, dass sie sich mit Haut und Haaren und unter Einsatz ihres Lebens (ein Wettbewerb kostet die letzten Kräfte) der treuhänderischen Pflege der abendländischen Musiktradition widmen! Das ist das europäische Erbe schlechthin!

      Nun zur Musik: Das Halbfinale ist geprägt durch die perfide Challenge der Hörbarmachung der schrecklich wenigen, aber unendlich reinen und erhebenden Töne eines Mozart-Klavierkonzertes. Mozart in einem Wettbewerb erscheint mir wie Ballett im Rahmen eines Marathonlaufs...

      Die Exegese eines Mozart-Klavierkonzerts messe ich an Maria Joao Pires und an Friedrich Gulda, was natürlich total unfair ist.

      Ein Wort zum Dirigenten: Mit dem Begleiter Paul Meyer werde ich nicht so recht glücklich. Ich hoffe, die Kandidaten erleben das anders.
      Es enzog sich bisher meiner Kenntnis, dass der famose Klarinettist auch dirigiert. Ich vermisse eine empathische musikantische Interaktion mit den Solisten. Sein Gesten sind oft ziemlich pauschal und mE oft etwas zu ausladend, aber das Orchester Royal de Chambre de Wallonie folgt ihm willig, jedenfalls meistens. Da klingt doch Vieles sehr holzschnittartig. Ein Dutzend mal das gleiche Konzert zu begleiten ist ja nun auch kein besonderer Schleck. Meyer ist ein grandioser Kammermusiker, der sicherlich in der Vorbereitung eine zuverlässige Basis gelegt hat zu den Kandidaten. Ich empfinde sein Dirigat einfach als sonderbar. Weiss aber auch nicht warum. Vielleicht kann mich jemand aufklären.

      Die Ukrainerin Dinara Klinton - fast möchte ich sagen, eine vertraute alte Bekannte im Wettbewerbsbetrieb - wählt KV 503: die Realisierung
      hat Stil und Finesse. Eine reife Leistung, ziemlich perfekt dargeboten, mit Knack und Schmackes, ohne das fernöstlich-notorische pseudobrillante Dauerstaccato. Ich möchte sie gerne im Finale hören.

      Der US-Amerikaner Larry Weng (KV 467) spielt sehr robust (mit einem souverän korrigierten Verspieler in der Mitte des ersten Satzes, was man leider im Rahmen dieses Setting erwähnen muss). Er spielt mit viel Chuzpe eine etwas schnoddrige Kadenz, wohl zum Teil aus eigener Feder. Ich finde sie durchaus amüsant. Aber ob sie denn ins Konzertgefüge passt...?
      Sein langlängliches Dauersmiley beim Tastenspiel ist recht auffällig. Man mag es mögen. Der Mittelsatz bleibt mir nicht in Erinnerung. Das Allegro assai ist mE viel zu schnell und überhastet. Dennoch ist das Ganze durchaus hohe Schule des Klavierspiels. Der Thailänder San Jittakarn meisterte KV 467 durchaus unauffällig und gepflegt, aber es klingt bei mir nichts nach. Der Koreaner Chi Ho Han gefiel beim gleichen Konzert mit einer sehr prägnanten linken Hand.

      Ich habe noch in einige weitere Mozärter reingehört. Am Bemerkenswerten fand ich die Koreanerin EunAe Lee, die dann in ihrem Rezital gestern auch noch einen tiefgründigen und perfekten Beethoven (op.110) zelebrierte und einen phönomenalen Liszt (Ungar. Rhapsodie Nr.12) hinlegen konnte, wenn auch gegen Ende verziert mit Verhaspelungen, aber immerhin eben auch mit sympathischem Wagemut und persönlichem Engagement vollzogen. Respekt! Ich erwarte sie gerne im Finale.

      Und da war dann gestern nachmittag auch noch der US-Amerikaner Alexander Beyer "am Start":
      Er hat sich mit den spröden Eroica-Variationen des Bonner Meisters ein äusserst schwieriges Unterfangen eingehandelt, dem er leider (nervositätsbedingt?) technisch nicht durchwegs ganz gerecht wurde, wobei zu sagen ist, dass ich dieses pentrant affirmative Monster von Ludwig Van noch nie wirklich überzeugend dargeboten erlebt habe. Es ist einfach höllenschwer.

      Das Pflichtstück (Fabian Fiorini: Tears of Lights) war dann aber schwer in Ordnung (auswendig gespielt!) Und schliesslich gab es da auch noch Ravels "La Valse", technisch diesmal vorzüglich gemeistert, allerdings leider ohne die schwüle Erotik, die man beim fleischlichen Celebrieren dieses Werks unbedingt aus dem Klavierbody herauskitzeln müsste.

      Alles in allem war das eine sehr solide Leistung auf hohem Niveau. Mir fehlte allerdings das warme persönliche Engagement. Ich habe mir dann anschliessend aus der Mediathek noch sein Konzert KV 466 reingezogen: Was soll ich sagen: fast perfekt aber ziemlich unterkühlt. Er kann mich leider kaum berühren. Aber wer bin ich schon. Bei mir kann es eh nicht emotional genug sein und Beyer ist ein cooler boy, der seinen Weg sicherlich machen wird.
      Auch wenn ich es ihm von ganzem Herzen gönnen würde (wie natürlich allen 82 TeilnehmerInnen) würde es mich eher wundern, wenn er das Finale bestreiten dürfte, aber ich kann mich auch täuschen, denn es war durch ihn schon tolles Klavierspiel zu hören.
      Aber er hat ja noch alle Zeit der Welt, ist er doch erst 22 Jahre alt. Und weltweit wollen jedes Jahr weit über 200 Klavierwettbewerbe gefüllt und bestritten werden...

      Nun freute ich mich auf Vondrascheks Mozart. Er hatte es in der Tat kinderleicht nach dem Chinesen Ruoyiu Huang (mit dem gleichen Konzert KV 467), dessen linke Hand im Mittelsatz gleichsam inexistent war, und der sich ganz grundsätzlich mit dem wienerischen Idiom sehr schwer tat. Es tut mir echt leid für ihn, dass das Roulette ihn vor den famosen Vondracek plaziert hat. Das war brutal und ein solch schlechtes Los hatte der wunderbare Musiker nicht verdient!

      Und Vondracek? Nun er war wie gesagt sensationell. Dieser Mensch ist ein Wizard, der sich offenbar authentisch in die Psyche der Komponisten hineinzuversetzten vermag. Seine Version von KV 467 war (abgesehen von einer Auffühung durch Maria Joao Pires in der Tonhalle) das Highlight aller meiner vielen Konzerterlebnisse mit dem C-Dur Diamanten, ein Konzert, notabene, welches ich vor Aeonen während meiner Ausbildung selbst gespielt habe und deshalb auch in- und auswendig kenne, was mir die Legitimation für ein Urteil geben mag.
      Was Vondracek - notabene mit vollendeter Konzentration über der Tastatur - an Spielwitz in die Musik einfliessen lassen kann, ist schlicht ein Wunder. Micha hat recht: der Mann ist genial.
    • Teil 2
      Eindrücke vom Samstag, 14.5.2016:

      Dmitry Shishkin, sechster-erster Platz letztes Jahr in Warschau, legt ein perfektes KV 466 hin! Grosse Bewunderung! Aber leider ist der Mittelsatz (in seiner erratische perfekten Aufführung) relativ unflexibel und starr gestaltet. Der Romantiker in mir kommt einmal mehr zu kurz.
      Sein Rezital will ich mir noch anhören. Er ist immer wieder gut für herausragende Gestaltungen. Mozart muss ja nicht sein Favorit sein. Sicherlich ist auch er ein Finale-Kandidat.

      Alberto Ferro hat - wie viele andere MitstreiterInnen - heute auch das KV 467 gewählt. Er macht das sicherlich fein und geschliffen, eigentlich perfekt. Aber dennoch kann er nicht annähernd die gleiche Atmosphäre generieren wie ein Vondracek.

      Ich habe mehrmals das Wort "perfekt" verwendet. Ich möchte es abgegrenzt wissen von „vollendet“.
      In der Tat vollendet - und meines Erachtens konkurrenzlos - fand ich sämtliche Exegesen von Lukas Vondracek! Seine Brahms-Sonate ... meine Güte, sie war, als ob der in Clara Schumann verliebte Johannes himself die Tasten bedienen würde: noch nie habe ich dieses paradoxe spröd-intime Werk so hamburgisch-sanktpaulisch gespielt bekommen! Sein Bach in der Vorrunde hätte Gould gefallen. Gegen seinen Liszt
      (Ricordanza) hätte der Franz aus Raiding nicht das Geringste einwenden können!

      Das Klavierspiel von Lukas Vondracek stelle ich ohne Zögern auf die gleiche Ebene wie die Exegesen meines Klaviergottes Grigory Sokolov. Ich wäre sehr verwundert, ja erschüttert, wenn er es nicht in die vordersten Ränge schaffen würde.

      Noch ein Wort zum Flügel: Das von allen KombatantInnen zu verwendende Instrument ist ein Maene-Steinway.
      Chris Maene hat kürzlich für Maestro Barenboim einen Steinway-Rohling zu einem Parallelsaiter abgeändert. Ein interessantes Experiment.
      Was er wohl an diesem durchaus sehr wohlklingenden, allerdings äusserst hell und brillant intonierten Instrument gewerkelt hat? Es klingt schon toll (vor allem im Bassbereich) und anders als die üblichen D-274er. Kann mich jemand aufklären, was die Maenes, Fabbrinis und co jeweils so an den ollen Steinways herumbasteln?

      Soweit meine ersten Eindrücke. Weitere werden vielleicht folgen, ausdrücklich animiert durch dich, liebe Berenice!

      In diesem Moment spielt übrigens der Chinese Ning Zhou eine phänomenale Dante-Sonate, die mich aufhorchen lässt: die Jury ist nicht zu beneiden.

      Herzlich grüsst aus Bern der Walter
    • Vondracek hat bei uns, wie schon erwähnt, das 3.Rachmaninoff sowie das 1.Tschaikowsky gespielt.
      Besonders sein Rachmaninoff ist mir unvergeßlich.
      Vondracek wirkt leicht autistisch im positivem Sinne, er lebt augenscheinlich völlig in seiner eigenen Welt.
      Dies ermöglicht es Ihm, so mein Eindruck, mit dem jeweiligem Werk völlig eins zu werden.

      Sein Rachmaninoff war über weite Strecken unerhört "neu" , die Kadenz im ersten Satz-er spielte die längere Version- schien wie improvisiert und in diesem Moment erschaffen.
      Er machte stellenweise völlig andere Rubati als gewohnt, aber alles war völlig natürlich und ohne jedwede Effekthascherei dargeboten.
      Mich hat das ziemlich umgehauen und ich würde mir sehr wünschen, daß er die Möglichkeit bekommt, dieses Konzert aufzunehmen.
    • Ja, ich erinnere mich, dass du schon vor Jahren von Vondracek geschwärmt hast, lieber Michael.
      Danke für deine ergänzenden Bemerkungen.

      Das mit den ungewöhnlichen Rubati ist mir auch aufgefallen, und ich stellte mir bisweilen die Frage: warum wagen das immer weniger Musiker?
      Die Rubati sind nämlich eigentlich nicht ungewöhnlich (an den entsprechenden sich anbietenden Stellen) nur eben unerhört!

      Lukas Vondracek klingt alles andere als mainstreamig und dennoch nicht extravagant. Er ist einfach von A bis Z hoch konzentriert - quasi meditativ - bei der Sache, die bei ihm eben zu jedem aufklingenden Zeitpunkt eine ganz besondere und spezifische ist: es gibt bei ihm keine Beiläufigkeiten. Das bewundere ich ungemein.

      Völlig unabhängig davon, was er in Brüssel "abräumt", ist er ein vollendeter Künstler. Er kann also völlig locker ans Werk gehen.
      Das verleiht ihm - immerhin schon dreissig Jahre alt - seine reife Souveränität.

      Gruss von Walter
    • Walter Heggendorn schrieb:

      Völlig unabhängig davon, was er in Brüssel "abräumt", ist er ein vollendeter Künstler. Er kann also völlig locker ans Werk gehen.
      Das verleiht ihm - immerhin schon dreissig Jahre alt - seine reife Souveränität.
      Wie schon gesagt, vor ein paar Jahren war er ebenso souverän und reif, kam gerade vom Cliburn- Wettbewerb, den er NICHT gewonnen hatte, zurück und war ebenso in sich versunken.
      Ich befürchte, daß er auch diesen Wettbewerb nicht gewinnen wird, denn dazu ist er viel zu individuell.
      Individualisten gewinnen selten Wettbewerbe, der Gewinner ist oft eine Kompromissentscheidung der Jury und ich verstehe ehrlich gesagt überhaupt nicht, warum er nicht längst ein
      Star ist.
      Er hat eine wirklich unfehlbare Technik- das sage ich jetzt nicht nur so, er hat sie einfach und sowas alleine ist schon irre- , eine ungemein persönliche Art und Weise, welche trotzdem immer ganz nah am Notentext und dabei sehr spannend ist, und er hat auf seine Art und Weise eine äußerst sympathische Bühnenpräsenz.

      Er ist ein angenehmer leiser und bescheidener Mensch und man kann mit Ihm wunderbar zusammenarbeiten.

      Ich halte Ihm die Daumen!
      Liebe Grüße an Dich, lieber Walter!

      Dein
      Micha
    • Walter Heggendorn schrieb:

      Das mit den ungewöhnlichen Rubati ist mir auch aufgefallen, und ich stellte mir bisweilen die Frage: warum wagen das immer weniger Musiker?
      Ganz platt gesagt: Weil sie Angst haben. Nicht verstanden oder sogar kritisiert zu werden, auszuscheiden, allein zu sein. Ich habe schon hunderte Stunden damit verbracht, Studenten Mut zuzusprechen, das zu tun, wovon sie selbst überzeugt sind. Sehr oft nur mit mäßigem Erfolg.

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Ganz platt gesagt: Weil sie Angst haben. Nicht verstanden oder sogar kritisiert zu werden, auszuscheiden, allein zu sein.
      Natürlich, danke Dir, Christian!

      Man ist nämlich ganz schnell alleine-ist man beim Üben und auf der Bühne sowieso- , das sind sehr einsame Arbeitsplätze.
      Voll von Selbstzweifeln und Selbstvorwürfen.
      Bezeichnenderweise hatte Vondracek vor ein paar Jahren eine eigene FB-Seite.

      Und auf der stand als Beschreibung nur:

      "Ich spiele Ihnen eine schöne Musik" oder so ähnlich.
      Das war alles.
      Und das zieht er durch, dafür meinen allergrößten Respekt!
    • Gestern habe ich mir den jetzt hier schon wiederholt gerühmten Vondracek angehört/gesehen, sein Halbfinale mit der 3. Brahmssonate. Ja, da sitzt man schon vorne auf der Stuhlkante und hört und sieht gebannt zu. Geradezu elektrisierend. Irgendwie fühlt man schon in den ersten Sekunden die Sonderklasse. Wie er die ganze Zeit geradezu beschwörend wie ein kurzsichtiger auf seine Finger schaut! Ein meditativer Exzentriker!
      Haben Individualisten bei solchen Wettbewerben eine Chance? Manchmal wohl ja. Afanassiev gewann 1972 und 1983 war es der geradezu verstörend psychopathisch wirkende Pierre Alain Volondat.
      Jetzt ist erst mal eine Woche Ruhe (für die Zuhörer), da die 12 Finalisten ihr für den Wettbewerb komponiertes Pflichtwerk einstudieren, das sie erst jetzt kennenlernen.
      freundliche Grüsse aus dem Land, das den Wettbewerb beherbergt
      abendroth
    • Die 12 Finalisten

      Die 12 Finaliste. Vondracek tritt am Donnerstag, den 26. Mai, als zweiter Kandidat auf. Marin Alsop leitet 12 mal das belgische Nationalorchester.

      Alexander Beyer
      Alberto Ferro
      Chi Ho Han
      Atsushi Imada
      Aljosa Jurinic
      Yoonji Kim
      Henry Kramer
      Kana Okada
      Dmitry Shishkin
      Hans H. Suh
      Lukas Vondracek
      Larry Weng
    • Ich danke dem Lokalmatador, dem werten Abendroth, für den Hinweis auf den Wettbewerb, wie auch für seine Auflistung der 12 Finalisten.

      Was soll man sagen?
      Erstens wünsche ich allseits angenehme und erholsame Pfingsttage.

      Im besten Fall erholsam, wenn auch alles andere als angenehm, werden sich diese Festtage für die 12 unbekränzten Laureati des unerbittlichen Halbfinalroulettes präsentieren, denen meine tiefe Empathie gehört und mein Dank für die gewährten musikalischen Offenbarungen.

      Am Scheideweg zwischen Halbfinale und Finale schlägt die Brutalität des Auswahlverfahrens wohl am Heftigsten zu.
      Einige Traumata werden sich wohl unvermeidlich etablieren. Damit muss jeder Wettbewerbsteilnehmer rechnen, und gleichwohl wird niemand, der/die es in die Halbfinale geschafft hat, damit gerechnet haben. Mögen sich die Abstürze ins Saiten-Nirvana in Grenzen halten.

      Zweitens bin ich hocherfreut, dass mein Favorit Lukas Vondracek das Finale erreicht hat. Gerade weil er imo kein Eroberer ist, sondern ein Hingegebener und ein Gewährer, ist das alles andere als selbstverständlich (wie die Profis Micha und Christian verdankenswerterweise plausibel ausgeführt haben). Allerdings war der Publikumszuspruch nach allen seinen Darbietungen jeweils so offensichtlich, ja obsessiv, dass eine Nichtberücksichtigung wohl eine Publikumsrevolte ausgelöst hätte. Der Publikumsgeschmack an solchen Veranstaltungen ist eben doch meist recht objektiv. Wer einen solchen Anlass verfolgt, lässt sich nicht so leicht blenden von vordergründigem Tastengedonner.

      Vondracek wird am kommenden Donnerstag in der Tat Rach 3 zelebrieren: nach den Ausführungen von Micha darf man gespannt sein auf eine individuelle Exegese - die ich mir von diesem inzwischen leider reichlich abgenudelten Werk so sehnlichst erwünsche - und hoffen, dass der sensible Zeitgenosse einen guten Tag erwischt. Auch ich werde ihm die Daumen drücken.

      Ich verkneife mir im Moment meine Beurteilung der restlichen Auswahl. Vieles ist nachvollziehbar. Einiges verwundert mich aber schon. Aber ich muss noch intensiver in die Vorrunden hineinhören.

      Herzlich grüsst aus Bern der Walter
    • Abendroth schrieb:


      Manchmal wohl ja. Afanassiev gewann 1972 und 1983 war es der geradezu verstörend psychopathisch wirkende Pierre Alain Volondat.
      Meinst du wirklich psychpathisch? Ist ja nicht gerade ein Kompliment......
      :wink: :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)

      ACHTUNG, hier spricht Käpt´n Niveau: WIR SINKEN!! :murg: (Postkartenspruch)
    • Ich meine mit psychopathisch "psychisch krank", ohne das genauer spezifizieren zu wollen/können. Diesem Eindruck konnte sich 1983 niemand entziehen. Ich habe gerade auf einer frz. website gelesen. "wie ein Zombie der einen Regenschirm verschluckt hat" oder "völlig regungslos/wie bewusstlos". Es gibt auf youtube ein paar Dokumente, die einen ungefähren Eindruck vermitteln. Wenn ich mich recht erinnere, hat er seinen Sieg völlig emotionslos registriert, und was weniger freundlich klingt, im Interview behauptet, er habe von Anfang an gewusst, dass nur er der Gewinner sein konnte, da es keine anderen ernsthaften Kandidaten gab. Wenn ich mich recht erinnere, hat er diese Siegesgewissheit damit begründet, dass sein Klavierspiel in einer direkten Linie von Liszt abstammte. Seine pianistischen Qualitäten waren unbestritten und trotz seines merkwürdigen Verhaltens (oder vielleicht auch deswegen) gewann er den Publikumspreis. Ich kann eventuell ein paar französischsprachige links mit Interviews und Zeitungsberichten schicken. Aber die youtube Dokumente von 1983 geben auch schon einen Eindruck.
    • "http://www.sonuma.be/archive/cmireb-1983-l-ann%C3%A9e-volondat"
      Hier der Augenblick in dem Volondat aus dem Munde des Juryvorsitzenden von seinem Gewinn erfährt und die nächsten Minuten. Ein recht ungewöhnliches Dokument. Doch man urteile selbst.